Aktuelle Rezensionen
Arnika Peselmann (Hg.)
Vegetal Turn. Neue Perspektiven auf Menschen-Pflanzen-Beziehungen
(Alltag – Kultur – Wissenschaft. Beiträge zur Europäischen Ethnologie/Volkskunde 12), Würzburg 2025, Königshausen u. Neumann, 192 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-8260-9390-6
Rezensiert von Lisa-Marie Herbert
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 22.09.2026
Der hier vorzustellende Band ist einem in den Kulturwissenschaften lange randständigen Forschungsgegenstand gewidmet: Pflanzen als Akteurinnen und Akteure in sozialen, kulturellen und ökonomischen Prozessen. Der Band ist als Themenheft der Reihe „Alltag – Kultur – Wissenschaft“ veröffentlicht worden und versammelt insgesamt acht Beiträge aus Europäischer Ethnologie, Umwelt- und Kulturanthropologie, Literatur-, Design- und Bildungswissenschaft sowie der Kritischen Gesundheitsforschung. Während Human-Animal Studies seit längerem in den Kulturwissenschaften etabliert sind, wurden Pflanzen noch bis vor kurzem eher geringgeschätzt oder überwiegend symbolisch oder funktional betrachtet. Die Zielsetzung des von Arnika Peselmann herausgegebenen Bandes besteht darin, diesen Fokus zu verschieben, indem Pflanzen nicht mehr als Hintergrundfolie menschlichen Handelns betrachtet werden, sondern als relationale Mitproduzierende sozialer Wirklichkeit. Insofern ist er dem multispezies-theoretischen Ansatz zuzuordnen. Bei der Lektüre begeben sich die Lesenden allerdings nicht in wildwachsende Naturräume, sondern treffen auf politische Bananenstauden (41–60) und andere Gewächse in botanischen Gärten (61–80), flanieren zu Streuobstwiesen (143–172), generieren Wissen, das aus der Interaktion mit Äpfeln entsteht (95–126), nehmen gezüchtetes Obst und Gemüse als Biofakte wahr (81–94) und betreiben Landwirtschaft im Wissen um Ungewissheit (127–142), kurz: wenden sich Kulturformationen der Menschen-Pflanzen-Beziehung zu. Die Herausgeberin beschreibt in der umfangreichen Einleitung die Entstehung des Vegetal Turn und positioniert ihn im Kontext von Posthumanismus, Neuem Materialismus, Multispezies-Ethnografie und Environmental Humanities. Im Zentrum steht die Annahme, dass Agency nicht als bewusst-intentionale Handlungsmacht verstanden werden sollte, sondern als etwas, das sich in Relationen entfaltet. Pflanzen werden nicht vermenschlicht, sondern als wirkmächtige Entitäten innerhalb komplexer Beziehungsgeflechte verstanden.
Literatur- und kulturwissenschaftliche Zugänge, etwa im Beitrag von Urte Stobbe, die die Lyrik von Sarah Kirsch als frühe Gegenbewegung zur „Plant Blindness“ liest, erweitern den Band um eine Reflexion kultureller Imaginationen von Pflanzen. „Plant Blindness“ ist die in westlich geprägten Wahrnehmungsordnungen verankerte Tendenz, Pflanzen aus dem Fokus gesellschaftlicher Aufmerksamkeit auszublenden und ihre zentrale Rolle für globale Ökosysteme zu marginalisieren. Stobbe demonstriert mit Hilfe literarischer und kultureller Beispiele, dass Pflanzen entweder romantisierend glorifiziert oder funktionalisiert dargestellt werden, was dazu führt, dass ihre eigene Wirkmacht unsichtbar bleibt. Die Untersuchung zeigt, dass kulturelle Repräsentationen einen entscheidenden Einfluss darauf haben, wie pflanzliches Leben in der Gesellschaft bewertet wird. Darüber hinaus argumentiert Stobbe, dass diese Formen des Unsichtbarmachens eng mit anthropozentrischen Wahrnehmungs- und Erzählstrukturen zusammenhängen, die pflanzliche Lebensweisen nur unzureichend erfassen können. Pflanzen folgen anderen Zeitlichkeiten und Wachstumsrhythmen als menschliche Handlungsträger und entziehen sich damit klassischen, ereignisorientierten Narrativen. Gerade diese Differenz erschwert ihre Darstellung in kulturellen Texten und trägt zur kulturellen Marginalisierung pflanzlichen Lebens bei. Zugleich zeigt Stobbe, dass literarische und kulturelle Darstellungen nicht nur zur Reproduktion dieser Wahrnehmungsmuster beitragen, sondern auch das Potenzial besitzen, alternative Perspektiven auf Pflanzen zu eröffnen und deren Eigenlogiken sichtbar zu machen. Literatur erscheint damit als ein Raum, in dem dominante anthropozentrische Blickregime irritiert und neue Formen der Aufmerksamkeit für pflanzliches Leben erprobt werden können.
Am Beispiel des Botanischen Gartens Berlin demonstriert Cornelia Ertl, dass gärtnerische Expertise auf einem verkörperten, intersensorisch-relationalen impliziten Erfahrungswissen basiert, das im „Gefühl für die Pflanze“ seinen Höhepunkt erreicht und Pflanzen als aktiv antwortende Mitglieder im Pflegeprozess betrachtet. Ihre zentrale Beobachtung besteht darin, dass Pflegeentscheidungen nicht primär auf standardisierten Routinen beruhen, sondern auf situativen Wahrnehmungsakten: Gärtnernde prüfen das Gewicht eines Tropfes, ertasten die Feuchtigkeit der Erde oder deuten minimale Blattveränderungen. Pflanzen reagieren durch Wachstum, Verfärbung oder Welken und strukturieren damit das weitere Handeln. Ertl deutet gärtnerische Praxis als konkrete Ausformung multispezies-theoretischer Konzepte wie „response-ability“ und sieht in diesem Wissen einen Impuls für ein verantwortungsvolles mehr-als-menschliches Zusammenleben im Kontext ökologischer Krisen.
Die Beiträge von Arnika Peselmann sowie von Léo Mariani und Tania Roser machen deutlich, dass landwirtschaftliche Praktiken als Multispezies-Prozesse zu begreifen sind, das heißt als Gefüge, in denen Wissen, Körper und Umwelt gemeinsam hervorgebracht werden. Sie demonstrieren, wie agrarische Entscheidungen auf fortlaufenden Beobachtungen von Boden, Wetter und Pflanzenzuständen basieren und wie Praktiken des Säens, Schneidens oder Erntens situativ an pflanzliche Wachstumsprozesse angepasst werden. Dabei wird deutlich, wie Anbauentscheidungen nicht allein ökonomischen Strategien folgen, sondern von Bodenbeschaffenheit, Witterungsbedingungen und pflanzlicher Widerständigkeit mitbestimmt werden. Landwirtschaftliche Planung erscheint damit weniger als lineare Umsetzung eines Plans, sondern als permanenter kommunikativer Anpassungsprozess an die ungewissen Dynamiken lebender Organismen. Landwirtschaft wird folglich nicht als einseitige Kontrolle über Natur beschrieben, sondern als ko-produktiver Prozess, in dem menschliche Praktiken auf pflanzliche Reaktionen antworten und sich Arbeitsabläufe entsprechend anpassen. Diese Perspektive verschiebt den Blick von anthropozentrischer Steuerung hin zu relationaler Mitgestaltung.
Abgerundet wird der Band durch den Abdruck eines Online-Interviews mit Sarah Elton, die als Assistenzprofessorin für Sozial- und Verhaltenswissenschaften im Gesundheitswesen und Eakin-Lehrstuhlinhaberin für kritische qualitative Forschungsmethodik im Gesundheitswesen an der Dalla Lana School of Public Health der Universität Toronto tätig ist. Das Interview spielt nicht nur eine stärkere internationale Perspektive ein, sondern schafft zugleich Raum für gesellschaftspolitische Fragen nach „vegetal politics“, Ernährungsgerechtigkeit und Machtverhältnissen, in die Pflanzen eingebunden sind. Elton hebt hervor, dass der Begriff „vegetal politics“ Pflanzen als Entitäten ernstnimmt, die auf vielfältige Weise an sozialen, politischen und ökonomischen Prozessen beteiligt sind (178). Die Wissenschaftlerin argumentiert dabei, dass Pflanzen nicht nur als ökologische Organismen, sondern auch als Teil globaler ökonomischer und politischer Strukturen zu begreifen sind. Sie demonstriert anhand zeitgenössischer Agrar- und Ernährungssysteme, in welchem Maße Entscheidungen über den Anbau, die Verwendung und die Verbreitung von Pflanzen von ökonomischen Interessen, globalen Handelsstrukturen und Fragen des Zugangs zu Nahrung beeinflusst werden. Durch diese Sichtweise werden Pflanzen nicht nur als Objekte wissenschaftlicher Analyse sichtbar, sondern auch als Akteurinnen und Akteure inmitten komplexer Machtstrukturen, die mit sozialer Ungleichheit und Ernährungsgerechtigkeit verknüpft sind. Durch die Positionierung am Ende des Bandes, erweitert sich die Diskussion über Mensch-Pflanze-Beziehungen um eine explizit gesellschaftspolitische Dimension und öffnet sie für globale Diskussionen zu nachhaltigen Ernährungssystemen und ökologischer Verantwortung. Es erfolgt jedoch keine explizite Auseinandersetzung mit kontrastierenden theoretischen Ansätzen, wie etwa aus marxistischer oder systemtheoretischer Perspektive. Dies führt zu einer gewissen theoretischen Homogenität, die den Band zwar konsistent, aber auch in manchen Aspekten erwartbar erscheinen lässt. Zudem beruhen die Beiträge überwiegend auf europäischen Fallstudien. Globale Perspektiven bleiben daher häufig außen vor, auch wenn koloniale und postkoloniale Verflechtungen gelegentlich angerissen werden. Laut Emily Schweitzer-Martin beispielsweise „führte die koloniale Expansion europäischer Staaten zu zahlreichen Gründungen Botanischer Gärten in europäischen und außereuropäischen Gebieten“ (43).
Alle Beiträge sind gut lesbar und eignen sich sehr gut als Einstieg in die europäisch-ethnologische Perspektive auf den Vegetal Turn und die neue kulturwissenschaftliche Pflanzenforschung. Dem Band gelingt, was man nicht von jeder Publikation behaupten kann: Er schafft es, Theorie und praxisnahe kulturwissenschaftliche Beobachtung so zu verbinden, dass Lesende einen neuen Blick auf Pflanzen zu entwickeln lernen.