Aktuelle Rezensionen
Olga Reznikova
Wut der Fernfahrer. Ethnografie eines sozialen Protests in Russland
Frankfurt am Main 2023, Campus, 445 Seiten, ISBN 978-3-593-51606-6
Rezensiert von Maximilian Jablonowski
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 22.09.2026
Dass zwischen dem Abschluss einer Dissertation und deren Publikation ein gewisser zeitlicher Abstand besteht, ist normal und in der Regel unproblematisch. In den gut zwei Jahren, die zwischen dem Einreichen von Olga Reznikovas Dissertation im Jahr 2020 an der Universität Göttingen und ihrem Erscheinen Ende 2022 im Campus-Verlag vergangen sind, veränderte sich jedoch die Welt fundamental – und mit ihr die politische Bedeutung von Reznikovas Forschung. Mit der Ausweitung von Russlands Krieg gegen die Ukraine im Februar 2022 wurde aus ihrer beeindruckend dichten Ethnografie eines Fernfahrerprotests in Russland ein Zeitdokument, das wichtige Einblicke in eine sich faschisierende Gesellschaft bietet. Auch wenn das Buch in den Worten seiner Autorin „eine verspätete Warnung vor dem russischen Faschismus“ (12) ist, stellt es als „eine Dokumentation der Vorkriegszeit in Russland mit ihren Widersprüchen und Gleichzeitigkeiten“ (ebd.) einen bedeutsamen Beitrag zum Verständnis der politischen Herausforderungen und Widersprüche der Gegenwart dar. Nicht zuletzt wegen dieser zeitdiagnostischen Aktualität und analytischen Präzision wurde Reznikovas Forschung 2022 mit dem Georg R. Schroubek Dissertationspreis ausgezeichnet.
Im November 2015 führte die russische Regierung ein landesweites Mautsystem für LKW über 12 t namens „Platon“ ein, was großen Widerspruch unter den betroffenen Fernfahrern auslöste. Nur wenige Tage danach entschieden sich Fahrer aus verschiedenen Regionen zu einer Protestfahrt nach Moskau aufzubrechen. Sie forderten die Rücknahme des Mautsystems, das als eine sozial ungerechte „Privatisierung der Straßen zugunsten von Oligarchen“ (107) wahrgenommen wurde. Da die Fernfahrer nicht nach Moskau hineinfahren konnten, bildeten sich Ende November, Anfang Dezember 2015 um Moskau herum mehrere Protestcamps, in denen sich zunächst die Fernfahrer versammelten, sowie schnell auch Unterstützerinnen und Unterstützer sowie Journalistinnen und Journalisten. Das langlebigste und wichtigste Camp war in Chimki, unmittelbar nördlich von Moskau. Es diente als Raum des politischen Austauschs, „in dem Prozesse der Selbstverständigung stattfanden, kollektive Selbstbilder geschaffen und Gegner_innen bestimmt wurden“ (168).
Olga Reznikova befand sich zu dieser Zeit auf Feldforschung über einen lokalen Protest im Moskauer Torfjanka-Park. Sie besuchte das Camp in Chimki und entschied sich, Protest und Streik der Fernfahrer zum Thema ihrer Forschung zu machen. Sie blieb bis zur Auflösung des Camps am 1. Mai 2016 dort, übernachtete in den LKW von protestierenden Fahrern, übernahm teilweise unterstützende Aufgaben im Camp. Auch danach blieben Kontakte bestehen und sie führte die Forschung bis 2018 weiter. Mit über 100 Interviews mit fast 100 Personen, sowohl aus dem Kreis der jeweiligen Proteste als auch von denen, die über die jeweiligen Proteste sprachen (363), die oftmals über mehrere Seiten abgedruckt und kommentiert sind, erarbeitet Reznikova eine anschauliche und vielschichtige „ethnografische Nahaufnahme“ (29). Als Leser kommen einem die Protagonistinnen und Protagonisten von Reznikovas Studie als Personen mit ihren persönlichen Motivationen, aber auch den Veränderungen, die sie im Laufe der Proteste durchmachen, sehr nahe.
Trotz der Plastizität der Figurenschilderung bleibt Reznikova nicht bei einem Ethnografie-Verständnis stehen, das sich damit zufrieden gibt, die Selbstwahrnehmungen von Akteurinnen und Akteuren und deren situativen Beziehungen zueinander wiederzugeben. Ihr Interesse zielt auf „die kulturelle Verarbeitung der gesellschaftlichen Widersprüche“ (49; i.O. kursiv hervorgehoben), die sich in diesem Protest spiegeln, ohne dass sie „die partikulare Sichtweise der Protestierenden als einen direkten Ausdruck der relevantesten gesellschaftlichen Widersprüche“ begreift, die der Einordnung in gesellschaftliche Kräfteverhältnisse, deren kulturelle Verarbeitungen und Vermittlung bedürfen (24). Es geht Reznikova somit um die Verbindung einer ethnologisch-verstehenden und einer gesellschaftskritischen Perspektive. Sie formuliert, obwohl sie unterstützend im Camp tätig war, eine kritische Perspektive zu naiven Vorstellungen kollaborativer Forschung (378) und hat eine konfrontative Erhebung angewandt, die nach Konflikten im Feld und mit dem Feld gesucht hat (50) – insbesondere dort, wo sie als jüdische Forscherin mit dem Antisemitismus des Felds konfrontiert wurde (267–269), den sie im Anschluss an die kritische Theorie als „eine methodologische Grenze der Ethnografie“ (377) versteht. Diese Verbindung von ethnografischer Nähe und analytischer Distanz, von Empathie und politischem Widerspruch, von empirischem Detail und zeitdiagnostischer Draufsicht ist Reznikova auf beeindruckende Weise gelungen. Ihre Arbeit stellt zugleich einen gewichtigen Beitrag zur Methodendiskussion des Faches dar.
Reznikovas Ethnografie interessiert sich insbesondere für die Formierung eines politischen Subjekts, nämlich wie sich aus der Vielstimmigkeit und den Uneindeutigkeiten in der Frühphase des Protests die Suche nach einer gemeinsamen, kollektiven Erzählung entfaltete (198). Sie arbeitet dabei ethnografisch sensibel und politisch klug die ambivalenten Gefühle von Solidarität, Gerechtigkeit und Gemeinschaft, aber auch Antisemitismus, Rassismus, Chauvinismus und Populismus heraus. Die Fernfahrer suchten zunächst einen verständnisvollen Dialog mit der Regierung und den Behörden – eine Haltung, die Reznikova schlüssig als eine moralische Ökonomie deutet (74). Während sie ihre Kritik gegen Oligarchen und eine korrupte Regierung richteten (163), suchten die Fahrer zugleich um Hilfe beim Präsidenten nach, der die Ungerechtigkeit auflösen sollte (164) und als „Patron“ oder „Schutzinstanz“ (165) adressiert wurde. Den Protesten der Fahrer lag die normative Vorstellung zugrunde, dass sich der Staat um sie zu kümmern habe (195), die teilweise noch aus der sowjetischen Zeit stammte, aber auch Putins sozialem Vertrag mit der Bevölkerung („ökonomische Stabilität gegen politische Freiheit“) entsprach (205). Erst als Putin nicht reagierte, führte die Enttäuschung dieser „Reziprozitätserwartung“ (165) zu einer kritischeren Position gegenüber dem Präsidenten, der Ruf nach Dialog blieb aber bestehen. Eine solche moralökonomische Argumentation sei durchaus typisch für die sozialen Proteste dieser Zeit (167) und sei eng mit einer „nostalgischen Erinnerung an die UdSSR“ (74) verknüpft, in welcher der Staat als eine fürsorgende Instanz imaginiert wurde (205). Die titelgebende „Wut der Fernfahrer“ ist insofern keineswegs impulsiv oder instinktiv, sondern entstand aus einer enttäuschten moralischen Ordnung heraus (205).
Aufgrund des paternalistischen Begehrens der Fernfahrer, ihr Anliegen von Putin anerkannt zu sehen (162), wurde ihr Protest von liberalen Medien und der Opposition als sozialer oder ökonomischer Protest der ‚einfachen Leute‘ wahrgenommen (25). Die Kategorisierung als „sozialer Protest“ bedeutete aus der Perspektive der liberalen Opposition tatsächlich eine Abwertung (30–31). Die Fernfahrer erschienen ihr als wenig gebildete und politische Menschen (168), denen aber trotz der bei ihnen vermuteten patriotisch-chauvinistischen Einstellung eine revolutionäre Kraft zugeschrieben wurde. Insofern hoffte die liberale Opposition auf eine Politisierung des Fernfahrerprotest (32); sie hatten, wie Reznikova pointiert schreibt, gleichzeitig „Angst“ vor der revolutionären Wut des ‚einfachen Volks‘, aber auch „Pläne“ für diese Wut (171). Die Fernfahrer nahmen die politische Opposition hingegen zunächst als privilegierte Moskauerinnen und Moskauer wahr, als Teil der „korrupten Elite“ (168). Reznikova beobachtet hier die Aktualisierung eines Dreiecks, das bereits in der Sowjetunion für politische Konstellationen kennzeichnend gewesen ist: Intelligenzija – (prostoj) Narod – Vlast’ (171), die gebildete urbane Mittelschicht – das einfache Volk – die Regierung/der Staat. Das Verhältnis zwischen liberaler Opposition und den protestierenden Fernfahrern ist also zentral durch die spezifischen Klassenverhältnisse der russländischen Gesellschaft geprägt.
Ob ein Protest ‚politisch‘ oder ‚sozial‘ ist, also ob sich ein Protest auf eine moralische Ökonomie oder auf ethisch-universalistisch verstandene Werte stützt (173), war eine der zentralen „Bruchlinien“ (52) für Fragen des Protests in Russland, die auch für Reznikovas Forschung von großer Bedeutung gewesen ist. Sie argumentiert, dass „diese Aufteilung der Proteste in ‚politisch‘ und ‚sozial‘ sowie deren verschiedene Artikulationsregister ‚symptomatisch‘ für die gesellschaftlichen Umstände der Zeit zwischen 2014 und 2019“ (33) gewesen sei. Erst später wandten sich die Fahrer aus Enttäuschung regierungskritischen Positionen zu, was zu einer Annäherung an die „politischen“ Proteste führte und deren Agenda in der Folge auch „sozialen“ Fragen gegenüber öffnete (32). Im Zuge dieses Politisierungsprozesses der Fernfahrer-Proteste wurde die moralökonomische Argumentation zunehmend weniger prägend, doch teilweise durch verschwörungsmythische und antisemitische Narrative ersetzt (32), da der Protest sich nun gegen die (häufig als jüdisch imaginierten) Oligarchen wendete (277). Während der eigene Rassismus (etwa gegen Fahrer aus dem Kaukasus) im Camp von den Akteuren selbst reflektiert und problematisiert wurde, hatte der Antisemitismus eine andere Funktionsweise: Er weise „in die Zukunft“ (277), da er mit der Vorstellung verbunden sei, eine von Medien und Oligarchen manipulierte, abhängige Weltsicht hinter sich zu lassen (280) beziehungsweise aus ihr „aufzuwachen“ (280). Die liberale Opposition – selbst nicht frei von Antisemitismus – deute dies dann als Mangel an politischer Bildung und verkenne dabei den Vernichtungsdrang des Antisemitismus (288). Reznikova betont aber, dass der Antisemitismus nicht aus fehlender Bildung entstehe, sondern gerade im Zuge eines Politisierungsprozesses an Bedeutung gewinne (289). Die Vorstellung der Einheit des Volkes, die durch eine mächtige Elite bedroht werde, gewinnt dadurch Kontur (299), gleichzeitig ist es, so argumentiert Reznikova, „nicht zwingend antisemitisch, gegen die Oligarchen mit der Denkfigur ‚Narod‘ zu argumentieren“ (300). Es spiele eine Rolle, ob von einem popularen oder einem völkischen Volksbegriff aus argumentiert werde.
Da der Streik nicht gewerkschaftlich gedeckt war, bedeutete er für die sozial wenig abgesicherten Fahrer und ihre Familien „eine Krise der sozialen Reproduktion“ (238). Es ist eine weitere besondere Stärke von Reznikovas Arbeit, die Frage nach den Kräfteverhältnissen des Protestes in der russländischen Gesellschaft auch auf eine „immanente Krise der Reproduktions- und Sorgearbeit zu erweitern“ (251). Trotz der Schwierigkeiten – die Fahrer hatten Angst vor einer „feministischen Indoktrination“ ihrer Frauen – führte Reznikova fünf Interviews mit Partnerinnen der Fahrer (234). Die Frauen machten in ihrer schwierigen Lage eine ähnliche Enttäuschungserfahrung wie ihre streikenden Männer, denn der Staat sorgte sich nicht um seine Bürgerinnen und Bürger (245–246). Daraus entwickelt Reznikova drei Dimension der „Zabota“ (Fürsorge, Care), die Teil der politischen Konstellation des Protests sind: 1. Die Reproduktionsarbeit der Frauen zuhause, 2. die Formen der Solidarität durch Besuchende und Unterstützende und 3. der politische Einsatz der Fahrer, sich um die Anliegen der ‚Schwachen‘ zu ‚kümmern‘, was man eigentlich von der Regierung erwarten würde, die das aber nicht einlöste (220).
Die Proteste haben ihre Ziele nicht erreicht, aber sie führten zur Gründung der OPR (Obʼedinenie perevozčikov Rossii – Verband russländischer Spediteure), einer Vereinigung zur Interessenvertretung von Fernfahrern (117), die im Jahr 2016 auch die Proteste anderer Gruppen (etwa den Traktormarsch kleiner Bauern) unterstützt hat (119) und – trotz Streit und Abspaltungen – bis heute besteht. Viele der selbstständigen Fahrer verkauften jedoch ihre LKW und wurden angestellte Fahrer. Einige Teile der OPR rückten nach rechts und arbeiteten mit Corona-Leugner-Gruppen und patriotischen Pro-Kriegs-Gruppen zusammen. In den Kanälen der Fernfahrer herrschte zum Zeitpunkt von Reznikovas Redaktionsschluss eine patriotische und antiukrainische Position vor, auch wenn es eine kleine Gruppe von Kriegsgegnern gibt (388).
Reznikova argumentiert, dass diese Entwicklung nicht zwangsläufig gewesen sei: „Es war ein prinzipiell offener Moment, als die Fahrer in den Streik traten. Es hätten viele Szenarien eintreten können, die wegen der strukturellen gesellschaftlichen Umstände oder auch wegen einer Reihe von Zufällen nicht eingetreten sind.“ (385) Und doch zeigt ihre Studie eindrücklich, dass die Oligarchen- und Eliten-kritische sowie antiurbane Figuration des ‚prostoi narod‘, der „einfachen Leute‘, und die „damit assoziierte Gefühlsstruktur“ in der russländischen Gesellschaft eng mit der „imperialen und völkischen Ideologie“ verbunden sind (391). Insofern ist Reznikovas Forschung ein „substanzieller Beleg“ dafür, wie sie in einem eindrücklichen Nachwort zum russischen Krieg gegen die Ukraine argumentiert, dass die von Meinungsumfragen beobachtete massenhafte, passive Unterstützung des Angriffskriegs durch die russländische Bevölkerung als plausibel anzunehmen ist (390). Die Tatsache, dass der Krieg nun schon für mehr als vier Jahre anhält und die russländische Gesellschaft sich weiter brutalisiert und militarisiert hat, unterstreicht die bleibende Aussagekraft von Reznikovas Beobachtungen auch drei Jahre nach Veröffentlichung des Buches.
Olga Reznikova hat eine der dichtesten und relevantesten politischen Ethnografien der letzten Jahre vorgelegt, die gleichzeitig ein einschätzungsstarkes und erkenntnisreiches politisches Buch zum Verständnis der Widersprüche der Gegenwart ist. Es ist ein beeindruckender und wegweisender Beitrag zum theoretischen und methodologischen Diskurs des Fachs und darüber hinaus.