Aktuelle Rezensionen
Alexandra Rau
Das Affektregime weiblicher Altersarmut. Zur subjektiven Verarbeitung von Prekarität
(Arbeit und Alltag 25), Frankfurt am Main/New York 2025, Campus, 375 Seiten, ISBN 978-3-593-51751-3
Rezensiert von Valerie Keller
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 22.09.2026
Der wohlverdiente Ruhestand ist ein Konzept, das in meinen Ohren zunächst verlockend klingt, bis die meritokratische Bedeutung dieses „Verdiensts“ in den Vordergrund tritt. In dem soeben erschienenen Buch „Das Affektregime weiblicher Altersarmut. Zur subjektiven Verarbeitung von Prekarität“ porträtiert Alexandra Rau Personen, die ihren Ruhestand scheinbar „nicht verdient“ haben: altersarme Frauen in München. Die Rentenhöhe, ein im Sinne eines „Lebenslohn[s] für geleistete Erwerbsarbeit“ (23) legitimierter Betrag, liegt bei den meisten der von Rau befragten Frauen unter der lokalen Armutsgefährdungsschwelle und überführt soziale Ungleichheit aus dem Erwerbsleben ins Alter.
Zu Beginn ihrer Studie beleuchtet die Autorin strukturelle Hintergründe von Altersarmut, die sie erstens als Folge eines geschlechtsspezifischen Wohlfahrts- und Arbeitsmarktregimes versteht und zweitens aus flächendeckenden gesellschaftlichen Prekarisierungsprozessen in den letzten Jahrzehnten herleitet. Die Altersarmut versteht Rau demnach als ein weibliches Phänomen, dem in einer von Prekarität geprägten Zeit eine neue Relevanz zugeschrieben wird. Allerdings sei die prekäre soziale Absicherung von Frauen alles andere als neu. Frauen, so beschreibt Rau in nachvollziehbarer Weise, waren auch vor einer Neoliberalisierung des deutschen Staats (gemeint ist damit u.a. der Abbau sozialstaatlicher Leistungen und die Betonung der Eigenverantwortung in der Vorsorge) immer schon nur abhängig abgesichert. Doch verweilt Rau nicht auf der Herleitung struktureller Prekarisierungen und vergeschlechtlichter Benachteiligungen, die, so die Autorin, ohnehin bereits eingehend herausgearbeitet worden seien. Ziel der Studie ist vielmehr die Sichtbarmachung von affizierten Subjektivierungen und damit verbundenen Handlungsräumen in weiblicher Altersarmut. Gefühle werden demnach zum Ausgangspunkt, um den Umgang mit alltäglichen Erfahrungen in weiblicher Altersarmut zu untersuchen. Forschungsleitende Fragen sind dabei: Wie bearbeiten Frauen Armut im Alter und welche Rolle spielen Affekte dabei? Wie werden soziale Ungleichheitsverhältnisse durch Affekte verstetigt, und wie können sie durchbrochen werden? Welche Gefühle können ermächtigen und politisch mobilisieren, welche die Handlungsmacht untergraben?
Narrative, biografische Interviews und Teilnehmende Beobachtung bilden die methodische Grundlage der Datenerhebung. Ihre Gesprächspartnerinnen versteht Rau als Kollaborateurinnen im Forschungsprozess, was unter anderem zu Nachinterviews und mehrfachen Begegnungen mit den Akteurinnen führte und deren Einbezug in die Finalisierung ihrer schriftlichen Porträts bedeutete. In ihrer Datenanalyse begreift Rau die biografischen Erzählungen als subjektive Verhandlungen und Reflexionen erlebter Ereignisse, die zwar keine Wahrheiten abbilden, aber immer schon gesellschaftliche Bedingtheiten und damit verbundene gender-, milieu- und generationenspezifische Handlungsspielräume miteinschließen. In Ergänzung zu den tiefenanalytisch bearbeiteten biografischen Erzählungen macht sich Rau schließlich auch die Methode der Selbstreflexion zu eigen: Die schriftliche Selbsterkenntnis ihrer eigenen Affizierung, die sich im Forschungsfeld aufdrängte beziehungsweise sich durch das Auftauchen eigener starker Gefühle bemerkbar machte, wurde zu einer wichtigen Datenquelle, um die interpretativen Argumentationen ihrer Analyse herzuleiten.
Theoretisch bauen Raus Überlegungen auf dem Konzept der Prekarität auf, das sie zunächst mit Pierre Bourdieu als eine Zukunftsangst und Planungsunsicherheit aufgrund sozial entsicherter Arbeitsverhältnisse umschreibt, für ihre Studie aber ausweitet und nicht nur innerhalb von Arbeitsverhältnissen, sondern ganz allgemein im Kontext von alltäglichen Lebenszusammenhängen untersucht. Prekarität versteht sie Judith Butler folgend zudem als einen „politisch zu verantwortenden Zustand“ (Butler 2005), der sich abgrenzt von der menschlichen Grundbedingung der ‚precariousness‘ und der sich, so führt Rau die Überlegungen Butlers weiter, auch affektiv in die Handlungsspielräume betroffener Personen einschreibt. Vor diesem Hintergrund führt Rau die ‚Affektregime‘ als eine heuristische Linse in ihre Arbeit ein und erweitert damit die kapitaltheoretische Perspektive Bourdieus um eine affektive Dimension: Rau verortet Affekte auf der gleichen Ebene wie den Habitus und beschreibt sie mit Bezug auf Sarah Ahmed (2010) als ein Repertoire an möglichen Empfindungen, die als Folge von Sozialisierungsprozessen „unter die Haut“ gehen. Affekte sind nach Rau demnach keine individuellen Empfindungen, sondern historisch gewachsene, relationale, dynamische und sozial eingebettete Phänomene. Affektregime – „Mechanismen, die festlegen welche Gefühle das tägliche Leben von Menschen in welcher Weise regieren“ (341) – bilden damit einen konstitutiven Bestandteil sozialer Ordnungs- und Bedeutungssysteme. Vor diesem theoretischen Hintergrund untersucht Rau die weibliche Altersarmut vor allem auch als gefühlte Prekarität.
Die qualitative Analyse ihres empirischen Datenmaterials unterteilt sie schließlich in drei größere thematische Kapitel: Differenzen, Schweigsamkeiten und Verkörperungen. Im ersten Analysekapitel erkennt Rau negativ affizierende Differenzen sowohl in der sozialen Entwürdigung durch den verfrühten Ausschluss aus der angestammten Arbeit als auch in dem Zwang zur Weiterarbeit im Ruhestand. Beide Formen entsprächen nicht einer Normalarbeitsbiografie und würden deshalb gesellschaftlich abgewertet. Eine weitere Differenz mit starker emotionaler Wirkungsmacht verortet die Autorin zwischen dem gelebten, gesellschaftlich gestützten Arbeitsethos sowie den damit verbundenen Vorstellungen eines zukünftigen Ruhestands und dem Nicht-Eintreffen dessen. Der Umgang mit negativen Affizierungen, etwa mit dem Gefühl des Betrogen-Worden-Seins, der Enttäuschung oder Minderwertigkeit, werde deshalb zur täglichen Zusatzaufgabe altersarmer Frauen. Vor diesem Hintergrund arbeitet Rau Differenzierungspraktiken heraus, mithilfe derer die porträtierten Frauen versuchen ihre gesellschaftliche Positionierung aufzuwerten und sich von den „eigentlich Anderen“ abzuheben. Damit beleuchtet Rau einen Mechanismus von hoher politischer Relevanz: In der Abgrenzung und Abwertung von anderen altersarmen Frauen werde die Bildung einer Gruppenidentität unterbunden und eine politische Mobilisierung unmöglich gemacht.
In einem zweiten thematischen Analyseteil zu „Schweigsamkeiten“ fokussiert Rau auf Formen weiblicher Sozialisierung und damit verbundene Affizierungen, die erneut gegen eine Kollektivierung arbeiten. Die historisch gewachsene Idee einer Frau, die sich überhaupt erst in der Sorge um andere konstituiert, birgt die Gefahr, Frauen in eine existenzielle Krise zu bringen, werden sie selbst plötzlich von anderen abhängig. Schweigsamkeit gegenüber der eigenen Bedürftigkeit versteht Rau demnach als eine Art Schutzhandlung in Bezug auf den gefühlten Selbstwert. Doch wie die Autorin in erhellender Weise herausarbeitet, hilft auch ein feministisches Selbstbild unter Umständen nicht, um aus dieser Verstummung auszubrechen. Auch das feministische Ideal einer unabhängigen Frau, die ihre Situation ohne die Hilfe von anderen (seien dies Männer oder der Sozialstaat) meistert, werde durch Verschweigen der eigenen finanziellen Notlage aufrechterhalten.
Schließlich konzentriert sich Rau auf den Körper altersarmer Frauen, den sie als Ressource und Risiko gleichermaßen beschreibt. Die Angst und die damit verbundene existenzielle Verunsicherung, dass der Körper irgendwann nicht mehr mitmachen könnte, wird hier zum zentralen affektiven Moment weiblicher Altersarmut. Einerseits, so Rau, führe die meist Körper-orientierte Care-Arbeit, die Frauen traditionell verrichten, zu einem körperlichen Verschleiß, der im Alter wiederum zu Diskriminierungserfahrungen führe. Irgendwann seien nur noch diejenigen Berufe zugänglich, in denen die Arbeiterinnen unsichtbar blieben. Resilienz werde in solch einer Situation durch ein Gefühl der Hoffnung darauf, dass der Körper noch so lange wie möglich mitmache, sowie mithilfe affektiver Disziplinierung gegenüber negativen Gefühlen hergestellt.
Alexandra Raus Studie zu Affektregimen weiblicher Altersarmut gibt in flüssiger, gut verständlicher Sprache einen theoretisch fundierten, in den Sozialwissenschaften bisher fehlenden Einblick in die subjektiven Empfindungen und damit verbundenen Handlungslogiken im Umgang mit weiblicher Altersarmut. Über die Heuristik der Affektregime gelingt es ihr aufzuzeigen, wie Gefühle der Minderwertigkeit, Einsamkeit, Kränkung, Hoffnung, Melancholie, Scham, Schuld, Angst, Ohnmacht, Verlust und Verdrängung durch vergeschlechtlichte Ungleichheiten sowohl hervorgebracht werden als auch diese stabilisieren. In einem abschließenden Fazit breitet sie diese im Material vorgefundenen Affekte noch einmal aus und diskutiert sie kritisch. Sie kommt zum Schluss, dass „das Affektregime weibliche Altersarmut entwertet“ (321) und dass altersarme Subjekte deshalb permanent Arbeit leisten müssten, um den negativen Affizierungen entgegenzuarbeiten. Durch abmildern, verdrängen, dekonstruieren, umdeuten, überlagern, aushalten, sich arrangieren, versöhnen und zufriedengeben werde jedoch immer und immer wieder Handlungsfähigkeit hergestellt. Die Wut, ein Affekt, der politische Mobilmachung begünstigen könnte, weist Rau jedoch als Leerstelle innerhalb der erhobenen Daten aus.