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Aktuelle Rezensionen


Felix Gaillinger/Anna Klaß (Hg.)

Ethnografisch Forschen mit Klasse. Diskussionsbeiträge zur Produktion und Erfahrung einer vernachlässigten Strukturkategorie

(Kulturanthropologie Notizen 86), Frankfurt am Main 2024, Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Goethe-Universität Frankfurt, 101 Seiten, ISSN 2748-4912, DOI 10.21248/ka-notizen.86


Rezensiert von Karoline Köster
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 22.09.2026

In den Diskussionen der letzten Jahre schien es lange, als habe der Klassenbegriff wissenschaftlich ausgedient. Ein heute vielfach nostalgisch romantisierter, fordistischer Konsens überdeckte Gegensätze, der Soziologe Ulrich Beck (1986) sprach folgenreich vom Fahrstuhleffekt, der die Gesellschaft als Ganzes nach oben katapultiere und Perspektivierungen der Individualisierung standen im Mittelpunkt der Auseinandersetzung.

 Unter dem Einfluss multipler Krisen ist zuletzt jedoch vermehrt von einer „Abstiegsgesellschaft“ (Nachtwey 2016) die Rede. Sich intensivierende Prekarisierungsprozesse und kontinuierlich wachsende Ungleichheit machen Differenzen wieder sichtbarer und verdeutlichen: Anders als der Klassenbegriff in der Wissenschaft hatte die Klassengesellschaft fortwährend Bestand. Höchste Zeit also, „([w]ieder) über Klasse [zu] sprechen“ (2).

Wenngleich in der Kulturwissenschaft Fragen sozialer Ungleichheit schon seit geraumer Zeit eine wachsende Rolle spielen und in den letzten Jahren im Zuge dessen auch vermehrt eine inhaltlich-analytische Beschäftigung mit dem Klassenbegriff festzustellen ist, so betreten Felix Gaillinger und Anna Klaß mit dem von ihnen herausgegebenen Sammelband ein wenig bearbeitetes Terrain, indem sie dem Desiderat nachgehen, den Klassenbegriff nicht nur theoretisch, sondern auch methodologisch für die ethnografische Forschung nutzbar zu machen. Im Zuge ihrer Gastherausgebendenschaft des 86. Bands der „Kulturanthropologie Notizen“ versammeln sie in dieser Absicht neben ihrem einführenden Beitrag fünf Aufsätze auf insgesamt rund 100 Seiten, die das Thema in von persönlichen Reflektionen geprägten, methodologischen Explorationen bearbeiten.

In ihrer Einführung formulieren Gaillinger und Klaß die übergeordnete Zielsetzung ihres Bandes. Sie fragen, „welche Rolle die Strukturkategorie und Erfahrungsgröße ‚Klasse‘“ (2) in der ethnografischen Forschungspraxis spielen könne und eröffnen anhand eigener Erfahrungen und Feldvignetten durch bemerkenswert ehrliche Selbstreflektionen einen Möglichkeitsraum für differenzierte sowie ungewöhnlich offene Thematisierungen subjektiver Forschendenrollen in den Folgebeiträgen. Zugleich verweisen sie dabei – ausführlich bezugnehmend auf Eric Olin Wright – darauf, dass sich bisweilen als konträr begriffene Verständnisse des Klassenbegriffs zwischen marxistischer Verortung und Klassismusdiskurs „klug miteinander verbunden ergänzen“ (6) könnten.

„‚But where do I belong‘“ (26), fragt sich Lydia Arantes folglich in ihrem biografisch angelegten Beitrag, in dem sie eine personale Erzählperspektive aus der dritten Person mit autoethnografischem Schreiben aus der „Ich-Perspektive“ kombiniert und dadurch in einer anregenden Oszillation zwischen Nähe und Distanz ihr eigenes Aufwachsen mit einem akademisch ausgebildeten Lehrer als Vater und einer Hausfrau ohne akademischen Hintergrund als Mutter nachzeichnet. Ihre soziale Prägung finde in einem „conflicted class and cleft gender habitus“ (32) Ausdruck, der ihre beruflichen Entscheidungen beeinflusse, jedoch „not only […] a feeling of not fitting in“ (35) erzeuge, sondern ebenso „new possibilities for the discipline as much as for [her] ethnographer self“ (35) eröffne.

Die stark ambiguitätsgeprägte, biografisch orientierte Thematisierung von „Klasse“ findet im Aufsatz von Marion Hamm und Janine Schemmer eine Fortsetzung. Anhand des Bildes der „Klassenreise“ (Aumair u. Theißl 2020) beschreiben sie ihre eigenen Erfahrungen des Bildungsaufstiegs. Das Potenzial eines daraus resultierenden, als prozessual, dynamisch und relational verstandenen Klassenbegriffs verdeutlichen sie anschließend in der Anwendung an empirischen Beispielen aus Forschungen im Kontext des Hamburger Hafens sowie der Euro Mayday-Bewegung. Klasse – so ihr Fazit – passiere „überall und jederzeit“ (50) und sei zugleich stets „situativ, […] inkorporiert, und […] oft unausgesprochen“ (50).

Der Aufgabe, diese oft unausgesprochene Dimension der privilegierten klassenbezogenen Zugehörigkeit sichtbar zu machen, nimmt sich Carolin Loysa aus einer verstärkt intersektional-herrschaftskritischen Perspektive an. Die empirisch im Fokus ihrer Überlegungen und zugleich in einem neokolonialen Kontext stehende Shoppingmall in einer mexikanischen Stadt begreift sie – angelehnt an Audre Lorde – als „Master’s Tool“ und „Master’s House“ für die „upper middle class“. Eindrücklich warnt sie davor, dass mit einer auf diese Weise gelagerten Forschung methodologische Risiken einhergingen, denn „as ethnographers we ourselves are at risk of becoming that same tool if we are unaware of our place“ (58). Indem sie herausarbeitet, wie die Möglichkeit, in diesem von Ausschlussmechanismen entlang der Kategorien von ‚class‘ und ‚race‘ geprägten Feld zu forschen, wesentlich von ihrer Position als weiß gelesene cis-Frau beeinflusst wird, bietet sie in enger Verknüpfung von empirischem Material und Reflektion ein anschauliches Beispiel für die „methodological reflection on doing ethnography from a privileged position“ (56).

Daran knüpft Natalia Picaroni-Sobrado im Folgenden an, indem sie anhand von Beispielen ihrer Forschungen in Uruguay und Chile ebenso aus einer intersektional-herrschaftskritischen und zugleich betont relationalen Perspektive auf „Situationen, in denen die Klassenunterschiede zwischen [ihr] und anderen Personen in den Vordergrund getreten sind“ (73), blickt. Sie geht dabei über ein spätestens im Zuge der writing-culture Debatte thematisiertes Reflektieren der Textualisierung hinaus und folgt der Frage, „wie die Beziehungen zwischen Ethnograf:innen und anderen Personen im Feld stattfinden und welche Auswirkungen diese Beziehungen in der Forschungspraxis und im Leben aller Betroffenen haben“ (70). Unter Bezugnahme auf die „Multidimensionalität sowie die koloniale Konstitution […] [von] Differenzen“ (73) demonstriert sie anschaulich, wie soziale Hierarchien im Feld reproduziert sowie hinterfragt werden und zeigt instruktiv, wie es gelingen kann, entsprechende Erfahrungen erkenntnisgewinnend nutzbar zu machen.

Stefan Wellgraf votiert abschließend – anknüpfend an das einleitende Plädoyer von Gaillinger und Klaß – für Verbindungslinien zwischen marxistischen und identitätstheoretischen Klassenverständnissen und verdeutlicht am Beispiel seiner Feldforschung an Berliner Hauptschulen auch empirisch das Potenzial der Vereinbarkeit von Materiellem und Anerkennungsfragen. In der Empirischen Kulturwissenschaft gebe es „keine fachbezogene Notwendigkeit, sich zwischen diesen Begriffen zu entscheiden“ (97) – vielmehr bestehe „eine wichtige Herausforderung für die europäisch-ethnologische Auseinandersetzung mit Klassenfragen […] darin, gesellschaftstheoretische und (auto-)biografische Ansätze miteinander zu verbinden“ (98).

Zu dem von Wellgraf thematisierten Forschungsdesiderat trägt der Band – so kann abschließend resümiert werden – mit neuen Ansätzen wesentlich bei. Er leistet dadurch, dass die Beiträge inhaltlich produktiv aufeinander Bezug nehmen und zugleich unterschiedliche Positionen und Wirkungen der Dimension „Klasse“ im Forschungsprozess sichtbar machen, eine bisher in dieser Tiefe wenig beachtete Auseinandersetzung mit der klassenspezifischen Reflektion der eigenen Rolle im Forschungsprozess. Dass alle Beitragenden immer wieder auf ihre eigene Position zurückkommen und vor allem aus erfahrungsorientierter Perspektive beleuchten, „wie sich die Klassendimension vielfach in einen Erkenntnisprozess einschreibt und welche praktischen Konsequenzen ethnografisch Forschende daraus ziehen“ (5), markiert dabei die Relevanz ebenjener für die Ethnografie und damit auch für die Empirische Kulturwissenschaft und unterstreicht ebenso die Wichtigkeit des vorliegenden Bandes. Zugleich führt der starke Schwerpunkt auf der Erfahrungsdimension dazu, dass der Klassenbegriff in seiner theoretisch-analytischen Dimension bisweilen an Schärfe verliert, was den Beitrag zur fachlichen Debatte in der Auseinandersetzung mit „Klasse“ auf methodologischer Ebene jedoch keineswegs schmälert. Vielmehr erscheint der Sammelband durch die persönlichen und kreativen Zugänge als inspirierende Lektüre, die ethnografisch Forschenden aller Erfahrungsstufen wertvolle Anregungen zum Nachdenken über die eigene Rolle bietet und zugleich dessen Produktivität betont: In der methodologischen Reflektion, aber auch der daraus hervorgehenden Möglichkeit, neue Erkenntnisse in der analytischen Suchbewegung nach einer neuen Pointierung des Klassenbegriffs zu erschließen. Ein Ansinnen, dessen Wichtigkeit der Blick auf die Gegenwartsgesellschaft unterstreicht.