Aktuelle Rezensionen
Michael Eggers (Hg.)
Literaturpop. Zur pop- und rockmusikalischen Rezeption literarischer Texte
(Pop: Kultur, Medien, Ästhetik 2), Baden-Baden 2024, Rombach, 257 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-96821-949-3
Rezensiert von Burkhart Lauterbach
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 22.09.2026
Wer je ein Konzert eines der wohl wildesten und kreativsten Rockgitarristen der 1960er Jahre, Jimi Hendrix (1942–1970), live erlebt oder medial vermittelt bekommen hat, mag erstaunt sein, auf dem vorderen Buchdeckel des hier anzuzeigenden Sammelbandes ein Schwarz-Weiß-Foto just dieses Künstlers zu finden, ein Brustbild, das ihn in dunklem Jackett und ebensolchem Hemd zeigt, wie er konzentriert nicht etwa sein Instrument bedient, sondern in ein offenes Buch schaut. Bei diesem handelt es sich, unschwer zu erkennen, um ein Taschenbuch des britischen Penguin-Verlags, konkret um die Anthologie „Penguin Science Fiction“, welche der SF-Autor Brian Wilson Aldiss (1925–2017) im Jahr 1961 in erster und 1965 in zweiter Auflage veröffentlicht hat. Die dazugehörige Bildbeschriftung auf Seite 4 lautet: „Jimi Hendrix, lesend“. Abgesehen davon, dass der Musiker, vorausgesetzt, der Aldiss’sche Band enthält auch Abbildungen, durchaus lediglich just diese betrachten könnte, ist noch lange nicht geklärt, ob im gegebenen Fall tatsächlich eine substantielle Rezeption eines literarischen Textes im Hinblick auf das Ziel einer einschlägigen pop- beziehungsweise rockmusikalischen Aus- und Verwertung stattfindet, also eine Form von Wirkungsgeschehen, welche zum Medienwechsel und dadurch veranlasstem potentiellen Funktionswechsel führen kann. Doch gleich, ob dies der Fall ist oder nicht, eines sei gewiss: Die von Band-Herausgeber Michael Eggers versammelten zehn Texte, die den Federn von 14 Kulturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus unterschiedlichen universitären Disziplinen und Standorten entstammen, liefern ein breites Spektrum an Aspekten des übergeordneten Themas.
Im Einführungstext des Herausgebers wird geklärt und festgelegt, dass sich jener musikalische Sektor, welchen man selbst erkundet, als „literarisch informierte Popmusik“ (14) bezeichnen lassen sollte, wobei es im gesamten Band darum geht, Fallstudien zu erstellen, welche damit zu tun haben, wie „Popmusik den Umweg über die Literatur nutzt, um sich sozial, kulturell oder politisch zu verorten“ (14). Von zentraler Bedeutung ist dabei der Aspekt, „dass Popmusik, die sich auf Literatur bezieht, bislang so gut wie gar nicht wissenschaftlich untersucht worden ist“ (15), was auch für die für derartige Forschungsprojekte potentiell in Frage kommende Adaptationsforschung gilt, welche sich jedoch bisher anderen thematischen Schwerpunkten zugewandt hat (Literaturverfilmungen, Graphic Novels, Computerspielen etwa).
Die einzelnen Beiträge setzen ein mit einer monografischen Studie zum Schaffen des, man möchte formulieren, Lehrmeisters der literarischen und quasi-literarischen (zunächst Folk- dann mehr und mehr) Rockmusik, des (mittlerweile gar) Nobelpreisträgers für Literatur (2016), Robert Zimmermann, bekannt unter dem Namen Bob Dylan. Es folgen vergleichende Studien, in denen, um die Themen einiger weniger der Beiträge anzudeuten, Bezüge zwischen Leopold von Sacher-Masochs Novelle „Venus im Pelz“ (1870) und dem Song „Venus in Furs“ (1967) der Gruppe Velvet Underground erörtert werden; zwischen verschiedenen Musikstücken von Laurie Anderson; zwischen Formen surrealistischer Songtexte und deren Funktionen; zwischen den Strukturen von traditionellem Entwicklungsroman sowie Bildungsroman und den in den 1960er Jahren aufkommenden „Rockopern“ (zum Beispiel „Tommy“ von The Who); zwischen zeitgenössischer Literatur und den Textprodukten verschiedener deutschsprachiger sogenannter „Liedermacher“ (Franz Josef Degenhardt, Wolf Biermann); schließlich zwischen dem, was man als literarischen Kanon unserer Gegenwartsgesellschaft verstehen kann, und dessen Berücksichtigung in der deutschsprachigen Popmusik.
Michael Eggers Sammelband ist verdienstvoll, kein Zweifel, dies dank der exemplarischen und vertiefenden Ansätze der einzelnen Beiträge, die uns in die internationale, aber auch in die deutschsprachige Kulturszene führen. Was allerdings – im Einführungstext – der dringenden Bearbeitung bedarf, das ist eine etwas gründlichere Auseinandersetzung mit der allgemeinen Begrifflichkeit. Wenn da die Rede ist von der „Popmusik, die mindestens von den 60er Jahren bis in die 80er hinein als eine Protestkultur und -bewegung aufgetreten ist“ (18), dann liegt die Gefahr nah, dass man Entwicklungen vermischt – und bestimmten kultur- oder bewusstseinsindustriellen Praktiken auf den Leim geht. „The eve of destruction“ von Barry McGuire (1965) stellt textlich und perspektivisch etwas ganz anderes dar als etwa der Song „My Baby Baby Balla Balla“ von den Rainbows aus demselben Jahr. Zudem sollte geklärt werden, ob die Begriffe „Popmusik“ und „Rockmusik“ sich nicht deutlicher differenzieren lassen.