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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Timo Heimerdinger/Hannah Kanz (Hg.)

Verzicht. Umstrittene Kulturtechnik und ethisch-spirituelle Ressource

(Freiburger Studien zur Kulturanalyse 12), Münster 2025, Waxmann, 280 Seiten, ISBN 978-3-8188-0028-4


Rezensiert von Burkhart Lauterbach
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 22.09.2026

Den Ausgangspunkt für die hier anzuzeigende Publikation stellt die sechste Arbeitstagung der Kommission für Religiosität und Spiritualität in der Deutschen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft dar, welche vom 2. bis 4. November 2023 in Freiburg unter dem Titel „Tun und Lassen – Verzicht zwischen Nachhaltigkeitspolitik und spiritueller Sinnsuche“ stattfand. Nicht sämtliche Tagungsbeiträge sind in dem Band versammelt, stattdessen hat man zusätzliche Texte beschafft und in denselben integriert.

In der übergreifenden Einleitung durch das Herausgeberduo Timo Heimerdinger und Hannah Kanz wird zunächst der Ausgangspunkt der Tagung geklärt: „Verzicht wurde in den letzten Jahren vor allem mit negativen Schlagzeilen in Verbindung gebracht. Er ist sprichwörtlich in aller Munde und zugleich erstaunlich abwesend. Mehrfach wurde bereits auf die Beobachtung hingewiesen, dass Verzicht in den öffentlich ausgetragenen politischen Debatten geradezu zum Tabu und zur Reizvokabel avancierte, obwohl er gleichzeitig im Zentrum der Debatten um die Klimakrise steht […].“ (7) Just diese Ambivalenz bildet gewissermaßen die inhaltliche und theoretische Basis für die dann folgenden 13 Texte, welche sich, in fünf Sektionen präsentiert, in interdisziplinärer Art und Weise, unter besonderer Berücksichtigung insbesondere empirisch-kulturwissenschaftlicher sowie religionsbezogener Forschungsansätze, auf die Problematisierung folgender thematischer Schwerpunkte konzentrieren: Begriffe, Ideengeschichten, Praktiken, Positionierungen sowie Spannungsfelder.

Da geht es etwa um die moralphilosophischen Grundlagen des Verzichtens unter Bezug auf medizinethische Anwendungen; auch um theologisch-ethische Einschätzungen der im Bandtitel genannten „umstrittenen“ Handlungsoptionen. Es wird die Geschichte christlicher Spiritualität (Stichworte: Weltverzicht, Weltverantwortung) ebenso angesprochen wie, konkretisierend, das christliche Armutsideal. Das sogenannte „Schauhungern“ britischer Frauen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird ebenso herangezogen wie das Verhältnis von Kapitalismuskritik und „Gottgefälligkeit“. Auch geht es um nachhaltigen Konsum in Relation zu Verzichtspraktiken, schließlich um Asketizismus sowie, nicht zuletzt, um die Frage, ob Verzicht sich möglicherweise als „subversive Praxis“ (273) einschätzen lässt, dies vor dem folgenden Hintergrund: „Die deutliche Ablehnung von Verzicht zeigt, welche Zumutungen mit diesem Konzept verbunden sind. Der Wachstums- bzw. Steigerungsimperativ ist in unser Wirtschafts- wie auch Gesellschaftssystem eingeschrieben, und dabei ist es gleichgültig, ob es sich um die Ablehnung von Verzicht oder Verbot handelt: Was mit Reduktion zu tun hat, ist grundsätzlich nicht kompatibel mit diesem System.“ (274)

Insgesamt ist zu resümieren: Die verschiedenen Aufsatztexte kommen durchgängig routiniert, problemorientiert und wohl formuliert daher, dabei stets anschaulich unterstützt durch egodokumentarische Zitate. Und sie laden in deutlicher Weise zu weiteren, vertiefenden wie auch ausgedehnteren, Erkundungen der verschiedenen alltagsbezogenen Handlungsfelder ein. In diesem Zusammenhang ist es durchaus zu bedauern, dass, wenn man einmal den instruktiven Beitrag der Ko-Herausgeberin Hannah Kanz über „Das moralische Gewicht des Tastenhandys“ (235–250) beiseitelässt, sich keiner der Texte mit dem stets mächtiger und dynamischer werdenden Freizeitsektor, insbesondere unter Berücksichtigung kommunikationskultureller Zusammenhänge, auseinandersetzt. Partys am Wochenende, Club- und Kinobesuche, Vergnügungsreisen und dergleichen mehr haben in durchaus zentraler Art und Weise mit dem Phänomen des Verzichts zu tun, anders formuliert, mit jener von Harald Welzer in seinem 2021 erschienenen Buch „Nachruf auf mich selbst“ ansatzweise entworfenen, letztlich übergreifenden, „Kultur des Aufhörens“.