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Christoph Wulf (Hg.)

Handbook on Intangible Cultural Practices as Global Strategies for the Future. Twenty Years of the UNESCO Convention on Safeguarding Intangible Cultural Heritage

(Heritage Studies), Cham 2025, Springer Nature Switzerland, XI, 579 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-031-72122-9


Rezensiert von Jonas Leineweber
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 23.09.2026

Mit dem 2025 von Christoph Wulf herausgegebenen „Handbook on Intangible Cultural Practices as Global Strategies for the Future“ liegt eine breit angelegte, interdisziplinäre und internationale Bestandsaufnahme der Entwicklungen von Living Heritage seit der Verabschiedung des UNESCO-Übereinkommens zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes von 2003 vor. Das Handbuch versammelt Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen mit Fallstudien aus mehr als 15 Ländern und trägt damit der inhärenten Vielfalt des Immateriellen Kulturerbes Rechnung. Gerade Multiperspektivität und Interdisziplinarität ermöglichen facettenreiche Einblicke in das breite Themenspektrum des Immateriellen Kulturerbes und der sich aus verschiedenen Fächern speisenden Kulturerbeforschung. Der Band orientiert sich dabei nicht nur an einem erweiterten Kulturbegriff, wie er von der UNESCO seit den 1980er Jahren definiert wird, sondern versteht Immaterielles Kulturerbe als dynamisches und fluides Feld, das komplexen Aushandlungsprozessen unterliegt: „What is heritage for a community emerges as a consequence of a complex dynamic of determination and selection as well as of proving, updating, transforming and appropriating through practice and interpretative approaches.“ (4) Konzeptionell wird dies mit dem Verzicht auf eine geografische Gliederung berücksichtigt. Stattdessen ist das Handbuch thematisch nach folgenden Kategorien gegliedert:„Living Heritage as Initiator of Transition“ (Part I), „Colonialism, Minorities, Inequalities and the Struggle for Human Rights“ (Part II), „Identity Building, Participation, and Conflicts“ (Part III), „Living Culture in Aesthetic Encounters“ (Part IV) sowie „Challenging Issues, Future Developments and New Areas of Research“ (Part V).

Die Auseinandersetzung mit der Frage, welchen Beitrag und welche Potenziale Praktiken des Immateriellen Kulturerbes zukünftig als globale Strategien zu den im Anthropozän erforderlichen Transformationen im Bereich der nachhaltigen Entwicklung leisten können (32), wird von Wulf als zentrales Ziel des Handbuchs benannt. Diese Zielsetzung und die damit einhergehenden Implikationen erfordern das Zusammenspiel lokaler, nationaler, regionaler und globaler Perspektiven und Annäherungen – ein Anspruch, dem die Publikation mit den vielfältigen Beiträgen zahlreicher im Forschungsfeld ausgewiesener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie kulturpolitischer Akteurinnen und Akteure gerecht wird (25, 32).

Durch die konzeptionelle Weite des Bandes und die heterogenen Ausgangslagen der einzelnen Studien wird die von Wulf ebenfalls angestrebte Bilanzierung der Entwicklungen im Bereich des Immateriellen Kulturerbes seit der Verabschiedung des UNESCO-Übereinkommens von 2003 ebenso wie der Handbuchcharakter im engeren Sinn nur bedingt eingelöst. Eine stärkere analytische Rahmung und Klammerung der Beiträge hätten hier hilfreich sein können, da die Untersuchungsfelder und Zugänge hinsichtlich einer vergleichenden beziehungsweise bilanzierenden Perspektive teils stark voneinander abweichen. Der Band ist somit weniger ein Nachschlagewerk; er bietet keinen systematischen und niedrigschwelligen Überblick, dafür jedoch einen gewinnbringenden Einblick in zentrale Themenfelder. Dass die primäre Zielsetzung des Bandes vom Herausgeber selbst weniger in diesen Bereichen als vielmehr in der oben genannten Fragestellung verortet wird, macht Wulf durch seinen geschickt gewählten Titel deutlich, der im Hinblick auf den gesetzten Fokus der Publikation wohl bewusst nicht „Handbook of Intangible Cultural Heritage“, sondern „Handbook on Intangible Cultural Practices as Global Strategies for the Future“ lautet. Bezogen auf dieses Hauptanliegen ist die Verschiedenartigkeit der Beiträge zweckvoll und bereichernd, könnte zudem aber auch dem Umstand geschuldet sein, dass einige der versammelten Beiträge bereits in ähnlicher Form an anderer Stelle veröffentlicht wurden.

Der Herausgeber Christoph Wulf zählt aufgrund seines facettenreichen Wirkens im Bereich des Immateriellen Kulturerbes zu den prägenden Akteuren in Deutschland. In seinen Aufsätzen führt er Forschungsinteressen und -erkenntnisse zusammen, die er über mehrere Jahrzehnte hinweg unter anderem in den Bereichen historisch-kulturelle und pädagogische Anthropologie, ästhetische und interkulturelle Bildung, Performativitäts-, Ritual- und Anthropozänforschung entwickelt hat. Seine Ausführungen lesen sich dadurch nicht nur als Einführung in den Band, sondern zugleich als eine Zusammenführung seiner zentralen theoretischen Positionen (8–25).

Prägend ist Wulfs Wirken im Feld des Immateriellen Kulturerbes jedoch auch deshalb, weil er nicht allein als Wissenschaftler, sondern zugleich als Akteur im kulturpolitischen Bereich maßgeblich an dessen institutioneller Ausgestaltung in Deutschland beteiligt war. Unter anderem war er als Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission sowie mehr als zehn Jahre als Vorsitzender des Fachkomitees Immaterielles Kulturerbe aktiv in das deutsche Umsetzungsverfahren seit dessen Anfängen eingebunden und hat dieses richtungsweisend mitgestaltet. Damit nimmt er – wie viele Expertinnen und Experten in diesem Feld – eine komplexe und ambivalente Doppelrolle ein (Kirshenblatt-Gimblett 2004: Intangible Heritage as Metacultural Production, 52; Groschwitz 2022: Kulturerbe vermitteln, 34): Er war nicht nur an Entscheidungen über Eintragungen in die Verzeichnisse des Immateriellen Kulturerbes beteiligt, sondern wirkte zugleich an der inhaltlichen und formalen Rahmung des Verfahrens durch die Entwicklung von Formularen, Merkblättern, Kriterienkatalogen und Bewerbungshilfen mit und trug damit zur Setzung eines „reflexiven Referenzrahmens“ (Tauschek 2021: Authentizität und kulturelles Erbe, 63; Kirshenblatt-Gimblett 1995: Theorizing Heritage, 369) in Deutschland bei.

Die naheliegende Möglichkeit, dieses komplexe Rollenbild im Spannungsfeld von Wissenschaft, Begutachtung, kulturpolitischer Praxis und institutioneller Verankerung selbstreflexiv zu thematisieren, bleibt in dem Band ungenutzt. In den Herausgeber- und Autorenangaben findet Wulfs langjährige Funktion als Vorsitzender des Fachkomitees keine Erwähnung. Gerade diese Erfahrungen und Einblicke in ein mit Wechselwirkungen und Rückkopplungen verbundenes, „kaum auflösbares Spannungsfeld“ (Tauschek 2018: Kulturerbe. Kulturanthropologische Überlegungen, 163; Kuutma 2007: The Politics of Contested Representation, 178) hätten jedoch gut zu den im Band genannten Zielen einer Bilanzierung der Umsetzung des UNESCO-Übereinkommens gepasst und zur weiteren analytischen Schärfung – und Problematisierung – der Kulturerbeforschung beitragen können. Dies gilt umso mehr, als nicht nur Wulf, sondern zahlreiche andere im Band versammelte Autorinnen und Autoren aktiv an den nationalen und internationalen Verfahren beteiligt waren oder sind, allein in Deutschland beispielsweise Sophie Elpers, Benjamin Hanke, Benjamin Jörissen, Gertraud Koch, Marlen Meissner, Thomas Schmitt, Manuel Trummer und Mirko Uhlig, die entweder als Mitglieder im Fachkomitee Immaterielles Kulturerbe vertreten oder als Referenten und Referentinnen bei der Deutschen UNESCO-Kommission tätig waren oder sind. In der Betrachtung dieser Erfahrungen mit den Akteurs- und Rollenverflechtungen liegt zugleich ein zentrales Erkenntnisinteresse für zukünftige Forschung, insbesondere im Hinblick auf eine international vergleichende Evaluation unterschiedlicher Umsetzungsverfahren.

Insgesamt stellt das „Handbook on Intangible Cultural Practices as Global Strategies for the Future“ einen wichtigen Beitrag zur internationalen und interdisziplinären Analyse immaterieller kultureller Praktiken dar, insbesondere im Hinblick auf deren Bedeutung für nachhaltige Entwicklung und globale Verständigung. Der Band bietet eine breite Bestandsaufnahme und damit zahlreiche Anknüpfungspunkte, vor allem für interdisziplinäre und vergleichende Ansätze. Als systematisches Handbuch im engeren Sinn ist die Publikation jedoch weniger angelegt; sie ist vielmehr eine vielstimmige Sammlung aktueller Perspektiven und Themen, die das Immaterielle Kulturerbe als offenes, dynamisches sowie von unterschiedlichen Einflüssen und Interessen geprägtes Feld sichtbar macht, das mit Blick auf zukünftige Transformationen komplexen Aushandlungsprozessen unterliegt. Gerade darin liegt die besondere Stärke des Bandes, dem es kaleidoskopisch gelingt, mit ‚einer‘ Publikation eine Vielzahl differenzierter Einblicke zu eröffnen.