Aktuelle Rezensionen
Sarah May/Stefan Groth/Johannes Müske (Hg.)
Morality as Organizational Practice. Negotiating, Performing, and Navigating Moral Standards in Contexts of Work
(Freiburger Studien zur Kulturanthropologie 6), Münster 2023, Waxmann, 214 Seiten, ISBN 978-3-8309-4787-5
Rezensiert von Konstantin Mack
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 23.09.2026
Moralische Positionierungen betreffen zunehmend Organisationen: von Fragen nach „guter Arbeit“ über die Erwartung an moralisch einwandfreie Produktionsprozesse bis zum sozialen Engagement von Unternehmen. Diesen aktuellen Debatten widmete sich die 19. Tagung der dgekw-Kommission Arbeitskulturen im November 2021. Der von Sarah May, Stefan Groth und Johannes Müske herausgegebene Sammelband dokumentiert die vielfältigen, interdisziplinären Beiträge der Tagung.
Einleitend umreißen Stefan Groth und Sarah May, wie Organisationen zunehmend hinsichtlich ihres moralischen Handelns beurteilt werden. Aktuelle Beispiele wie das deutsche Lieferkettengesetz, Label-Kennzeichnungen oder Proteste gegen prekäre Arbeitsbedingungen illustrieren diese Entwicklung. Obwohl sich die Empirische Kulturwissenschaft lange schon mit Organisationskultur beschäftigt, identifizieren Groth und May Leerstellen: Es fehle an Forschungen, die organisatorische Praktiken im Kontext von Moral und gesellschaftlicher Verantwortung beleuchten. Die zwölf folgenden Aufsätze widmen sich aus unterschiedlichen fachlichen Hintergründen ebendiesem „somewhat murky space“ (8) entlang von drei Themensträngen. In den Blick genommen werden Handelnde und ihre Praktiken, Debatten und Diskurse sowie deren Auswirkungen und Folgen, wobei sich diese Kategorien eher als Orientierung denn scharfe Trennung erweisen.
Barbara Wittmann betrachtet, wie Beschäftigte von Massentierhaltungsbetrieben mit der Stigmatisierung ihres Berufs umgehen. Anhand des Fallbeispiels eines bayerischen Geflügelmastbetriebs arbeitet sie die moralischen Aushandlungsprozesse heraus: Der Inhaber befinde sich in einem fortlaufenden Prozess der Positionierung und Selbstlegitimation. Um die intensive Haltung von 300.000 Hühnern zu rechtfertigen, verweist er auf angelegte Biotope auf seinem Grundstück, die seine ökologische Verantwortung unterstreichen sollen. Auch adressiert er moralische Vorwürfe an gesellschaftliche Konsummuster. Damit zeigt Wittmann, wie Landwirtinnen und Landwirte ihre Position im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Kritik und eigenen moralischen Ansprüchen finden und legitimieren.
Anhand von zwei Fallbeispielen arbeiten Lea Breitsprecher und Sarah May in ihrem Beitrag heraus, wie unter dem Begriff der Bioökonomie wirtschaftliches Wachstum und ökologische Nachhaltigkeit verknüpft werden. Dabei sind moralische Vorstellungen von einer „guten“ oder „besseren“ Zukunft Teil der unternehmerischen Praxis. Das von Sarah May beforschte Familienunternehmen ist im Holzverarbeitungssektor angesiedelt und versteht den Rohstoff Holz als Material der Zukunft, um den ökologischen Herausforderungen des Klimawandels begegnen zu können. Lea Breitsprecher stellt anhand eines Start-Ups aus der Verpackungsindustrie dar, wie ethische Ideale und marktwirtschaftliche Zwänge miteinander kollidieren. Deutlich wird, dass moralisch-normative Vorstellungen als handlungsleitende Kategorien fungieren – auch ohne explizite Nutzung des Begriffs der Bioökonomie durch die Akteurinnen und Akteure.
Betriebliche Audit-Verfahren haben sich als zentrales Instrument etabliert, um „gute“ und „schlechte“ Prozesse in Organisationen zu identifizieren. Die ambivalente Position derjenigen, die im Qualitätsmanagement (QM) für die Vorbereitung solcher Audits verantwortlich sind, stellt Ruzana Liburkina heraus. Während die QM-Angestellten eine hohe emotionale Verbundenheit mit dem Erfolg beziehungsweise Misserfolg der Evaluierungen aufweisen, kann eine gute Leistungsbilanz jedoch paradoxerweise dazu führen, dass sie zunehmend als verzichtbar erscheinen.
Auch Mohammad Tareq Hasans Beitrag thematisiert Audit-Verfahren als Instrument, Arbeitsbedingungen zu verbessern und -abläufe zu standardisieren. Anhand seiner ethnografischen Forschung in Textilfabriken in Bangladesch betrachtet Hasan Regulierungsmaßnahmen, die unter anderem in Folge des Einsturzes der Rana-Plaza-Fabrik 2013 mit vielen Todesopfern implementiert wurden. Er argumentiert, dass neue Kontrollinstrumente weniger zu nachhaltiger Verbesserung, sondern zur Vertiefung sozialer Ungleichheit führen. Diese Regulierungen erweisen sich somit selbst als Teil neoliberaler Gouvernementalität.
Welchen Stellenwert moralische Überlegungen und soziale Verantwortung in der Ausbildung und im Selbstverständnis von Design-Studierenden einnehmen, untersucht Isabella Kölz. Sie zeigt, dass der Anspruch, mit „gutem Design“ gesellschaftliche Verbesserungen zu bewirken, fest im Arbeitsalltag der angehenden Designerinnen und Designer verankert ist. Am Beispiel eines Semesterprojekts zu kultureller Aneignung wird deutlich, wie Design-Studierende moralische Dilemmata aktiv aushandeln, reflektieren und in ihre praktische Arbeit einfließen lassen.
Anke Bahl analysiert die Abwägung zwischen sozialer Verantwortung und Profitlogik in einem deutschen Industrieunternehmen am Beispiel einer betrieblichen Ausbildungspartnerschaft für benachteiligte Jugendliche. Die Firma begründet ihre Beteiligung an diesem Programm mit der eigenen sozialen Verantwortung und dem Anspruch, „[to] do something good for the general public“ (112). Bahl zeigt, wie die ökonomischen Logiken deutlich werden: Soziales Engagement wird nur so weit verfolgt, wie es mit den Interessen und dem wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens vereinbar ist.
Die Herausforderung, soziale und betriebswirtschaftliche Ansprüche miteinander zu verbinden, thematisiert auch Lisa Szepan in ihrer Forschung zu einem Wiener Sozialunternehmen, das Geflüchteten und Asylsuchenden den Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglichen will. Die Eröffnung des Hotels fand während der großen Fluchtbewegungen 2015 statt, sodass sich das Selbstverständnis als Social Business von Beginn an dynamisch im Spannungsfeld zwischen eigenem Anspruch, medialer Öffentlichkeit und betrieblicher Alltagspraxis fortentwickelte.
Christine Hämmerling verfolgt in ihrem Beitrag die Frage, ob bezahlte Arbeit für eine NGO wie Amnesty International ebenso moralisch bewertet werden könne wie ehrenamtliches, unbezahltes Engagement. Am Beispiel des professionellen Fundraisings argumentiert sie, dass diese Form der Spendenakquise moralische Werte nicht eliminiert, sondern eine „ethical mulitplicity“ (137) sichtbar wird. Hämmerlings Analyse zeigt, dass moralisches Handeln und monetäre Entlohnung in einem Spannungsverhältnis stehen, das kontinuierlich reflektiert und ausgehandelt wird.
Der Dammbruch bei einer Eisenerzmine nahe Brumadinho (Brasilien) und die darauffolgende internationale Empörung bilden den Ausgangspunkt von Theresa Mentrups Beitrag. Aufgrund der vorherigen Sicherheitszertifizierung durch TÜV Süd forderten zivilgesellschaftliche Organisationen auch die deutsche Politik zu einem entschlosseneren Vorgehen gegen Unternehmen auf, die eine Mit-Verantwortung an solchen „disaster-crime[s]“ (162) tragen. Mentrup zeigt, wie Verantwortung unter Berücksichtigung einer zeitlichen Dimension verhandelt wird: Die politische, zivilgesellschaftliche und rechtliche Aufarbeitung impliziert stets auch die Forderung, dass solche Katastrophen in Zukunft verhindert werden müssen.
Anhand der italienischen Stadt Monfalcone untersucht Janine Schemmer, wie die wirtschaftlichen Entwicklungen im Schiffbau seit den 1970er Jahren Stadtbild, Arbeitswelt und den sozialen Zusammenhalt prägen. Der hohe Anteil migrantischer Arbeitskräfte und prekäre Beschäftigungsverhältnisse in der Werft führen zu gesellschaftlichen Spannungen. Während die rechtspopulistische Lega-Partei diese Konflikte politisch instrumentalisiert, fordern Gewerkschaften und migrantische Initiativen hingegen mehr soziale Verantwortung vom Schiffbauunternehmen ein. Monfalcone könne so als soziales Labor für die Transformation lokaler Zugehörigkeit und Identität verstanden werden.
Michael Maile argumentiert in seinem Beitrag, dass Erkenntnisse der Empirischen Kulturwissenschaft einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen in Unternehmen leisten können. Dies führt der promovierte Kulturwissenschaftler anhand seiner eigenen beruflichen Erfahrungen als Managementberater aus. Er zeigt, wie kulturwissenschaftliche Methoden dabei unterstützen, verborgene Strukturen und Aushandlungsprozesse innerhalb von Organisationen zu analysieren und sichtbar zu machen. Dadurch lassen sich zentrale Dynamiken der Zusammenarbeit und der jeweiligen Arbeitskultur gezielt reflektieren und weiterentwickeln.
Die in diesem Sammelband zusammengefassten Fallbeispiele zeugen von einer Omnipräsenz moralischer Bezüge. Es scheint, so Johannes Müske in seinem abschließenden Kommentar, als habe es in Organisationen und der Wirtschaft nie so viel Moral gegeben wie heute (203). Die Zertifizierung von Produkten und Technologien als nachhaltig soll moralisch gute Kaufentscheidungen ermöglichen – sei es bei Lebensmitteln oder in der Energieversorgung. Doch, fragt Müske, was bedeutet diese Häufung moralischer Argumente? Womöglich könne die Klassifizierung von moralisch guten Produkten helfen, sich in einer zunehmend komplexer werdenden kapitalistischen Gesellschaft zu orientieren und Vertrauen (wieder) zu finden.
Den Herausgebenden gelingt es, verschiedene Perspektiven auf Moral in organisatorischen Kontexten zu bündeln. Ein Schwerpunkt liegt auf ethnografischen Studien, die aktuelle Debatten einer „Anthropology of Ethics“ einbinden und gleichzeitig die Notwendigkeit weiterer Forschungen aufzeigen.