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Hans-Ulrich Schiedt
Auf den Spuren der Arbeitstiere. Eine gemeinsame Geschichte vom ausgehenden 18. bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts
Zürich 2024. Chronos, 338 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-0340-1764-0
Rezensiert von Barbara Michal
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 23.09.2026
2024 erschien Hans-Ulrich Schiedts umfangreich bebilderte und mit zahlreichen Statistiken versehene Spurensuche zu den „Arbeitstieren“ der Moderne, in der Zeit von etwa 1750 bis 1950. Diese Publikation ist aus einem mehrjährigen kooperativen Forschungsprojekt des Archivs für Agrargeschichte (AfA), der ViaStoria (Stiftung für Verkehrsgeschichte) und des Historischen Instituts der Universität Bern hervorgegangen (2019–2023). Finanziell unterstützt wurde sie vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung. Die Publikation ist auch online veröffentlicht1 und es gibt außerdem eine Zusammenfassung der Ergebnisse in kürzerer Form.2
Die Studie ist interdisziplinär angelegt und bewegt sich im Bereich zwischen agrarhistorischen, wirtschafts- und verkehrshistorischen Perspektiven – hier eher quantitativ-statistisch ausgerichtet. Kombiniert wird das mit Fragen der Human-Animal-Studies – etwa zur „Agency“, der Handlungs- und Wirkmächtigkeit der Tiere, beziehungsweise einer „Interagency“, der Kooperation zwischen Mensch und „Arbeitstier“ im behandelten Zeitraum (14).
Der Fokus, mit dem hier auf die Tiere geblickt wird, ist nicht der „Nutzen“ der Tiere für die Menschen allgemein, also auch nicht die Erzeugung von Lebensmitteln wie Fleisch oder Milch und anderes, sondern der spezielle Aspekt der „Arbeit“: Behandelt werden Pferde, Esel, Maultiere, Hunde und Rinder, die als „Reit-, Zug- oder Saumtiere“ für und mit den Menschen arbeiteten und deren Bewegungsenergie erst spät, ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, durch Motorenkraft ersetzt wurde (24–25). Es handelt sich also um einen speziellen Ausschnitt aus der multifunktionalen Welt der „Nutztiere“, die ab dem 19./20. Jahrhundert in Gegensatz zu den nicht zur Arbeit herangezogenen „Heimtieren“ gerieten.
Regionaler Bezugsrahmen ist die Schweiz, allerdings möchte der Autor seine Ergebnisse nicht als „helvetischen Sonderfall“ verstanden wissen, sondern als regionale „Variante“ für „west- und zentraleuropäische Verhältnisse“ (15). Die Schweiz als „transnationaler Raum“ mit sehr unterschiedlichen Naturräumen vom Hochgebirge, Mittelgebirge bis zum (hügeligen) Flachland, mit mehrsprachiger Bevölkerung und verstädterten beziehungsweise ländlichen Regionen kann hier wie ein „Brennglas“ unterschiedliche allgemeine Entwicklungen zeigen. Dazu zählt auch die Entstehung „größerer oder kleinerer Tierlandschaften“ beziehungsweise räumlicher „Tierkonstellationen“ (42–43).
Zentrale These des Autors ist, dass die „Arbeitstiere“ einen entscheidenden Anteil an der Industrialisierung und Modernisierung hatten, indem sie es durch ihre Kraft und Bewegungsenergie den Menschen erst ermöglichten, einen gesteigerten Warenverkehr zu bewältigen, die Bedürfnisse des anwachsenden Verkehrs und der Kommunikation zu befriedigen, die Mechanisierung voranzutreiben, indem sie neue Maschinen an Ort und Stelle zogen usw. (305–309). Tierarbeit war also keineswegs „vormodern“ und wurde auch nicht einfach durch Maschinenarbeit ersetzt, sondern bis in die 1950er Jahre hinein gab es ein Neben- und Miteinander von beiden (307). Das „lange 19. Jahrhundert“ sollte, so Schiedt, deshalb nicht, wie bei Ulrich Raulff oder Reinhardt Kosellek,3 als „das letzte Jahrhundert der Pferde“ oder als „Nachpferdezeitalter“ bezeichnet werden (45, 48), sondern als „Zeit der Arbeitstiere“ (305). Denn zwischen 1750 und 1950 gab es, in Folge mehrerer agrarischer, verkehrsmäßiger, wirtschaftlicher und sozialer Revolutionen immer mehr Arbeitstiere, die zunehmend größer und stärker gezüchtet wurden, um den neuen Anforderungen standzuhalten. Schiedt bezeichnet das als „Neukombination überkommener Elemente, Verfahren und Potentiale, die sich [...] entscheidend weiterentwickelten“. Auf der „Zugkraft“ der Arbeitstiere „beruhten die Steigerung der agrarischen Produktivität, die Mechanisierung ihrer Arbeiten, das Wachstum und die Versorgung der Städte“ (308).
All dies exemplifiziert der Autor im Mittelteil des Buches, das den verschiedenen Arten der Trag- und Zugtiere gewidmet ist. Dabei überwiegen quantitativ die „Equiden“, die Pferde, Esel und Maultiere, die mehr als die Hälfte des Buches ausmachen (174 Seiten). Dies, obwohl Rinder (65 Seiten) nicht nur die „zahlreichsten Arbeitstiere“ (239) waren, sondern auch die am vielseitigsten nutzbaren; das sogenannte „Dreinutzungsrind“ leistete nicht nur die Zugarbeit, sondern produzierte auch Milch und Fleisch (251).
Obwohl die Schweiz, so Schiedt, kein explizites „Pferdeland“ war, gibt es über diese prestigeträchtigen und umfassend zur Mobilität eingesetzten Tieren offensichtlich die meisten Quellen. Schiedt schildert bezüglich der Pferde nicht nur die quantitative Entwicklung des Pferdebestandes (62–78), sondern auch die unterschiedlichen Ausprägungen der Pferdenutzung in Regionen mit „intensiver marktorientierter Landwirtschaft“, in „Gebirgsregionen“ und in Städten (69–76) sowie die Pferdenutzung beim Militär (99–101) und im Transportwesen (134–163).
Das Thema Zucht wird vor allem in Zusammenhang mit den Pferden ausgearbeitet (80–93): Dabei geht es um die Ablösung der regionalen Land-„Schläge“ oder sogenannten „Typen“ (z.B. Freiberger Pferde) durch gezielte Rassezucht, die nach englischem Vorbild „Praktiken der Inzucht und Reinzucht“ beinhaltete (82). Durch die „sorgfältige Auswahl der Elterntiere“ und die „Prüfung der Nachkommen“ wollten die Züchter die Tiere stärker auf ihre Bedürfnisse hin verändern: Anstelle dynamischer Evolution sollte eine „optimierte Statik“ entsprechend dem jeweiligen Zweck der Tiere erreicht werden. Tatsächlich gab es, so Schiedt, gegen Ende des 19. Jahrhunderts die größte Vielfalt an Pferden für verschiedene Zwecke: „Reit-, Saum-, Zug-, Chaisen-, Kutschen-, Post-, Militär- und Landwirtschaftspferde“ (92). Interessant erscheint die unterschiedliche Beanspruchung der Pferde in deren verschiedenen Tätigkeitsbereichen: Pferde lebten am längsten in der Landwirtschaft (20–30 Jahre), das Durchschnittsalter der Pferde beim Militär war 12–15 Jahre und im Transportgewerbe (Kutschen, Tram, Post etc.) 5–10 Jahre (120): Während die saisonale Landwirtschaft auch Arbeitspausen gewährte und man Rücksicht auf die Nachzucht nahm, unterlag das Transportgewerbe einer kapitalistischen „Verbrauchslogik“ der Tiere (122).
Eine kurze Zusammenfassung bietet das Kapitel über die Esel (169–184), die vor allem in Gebirgsregionen wie dem Wallis und Tessin als Reit- und Saumtiere arbeiteten. Ihre Trittsicherheit und ihre Fähigkeit, große Lasten im Verhältnis zu ihrem Gewicht zu tragen, ließen sie für die Arbeit in gebirgigen Regionen besonders geeignet erscheinen. Übertroffen wurden sie nur noch durch die Maultiere (185–219), die durch die Paarung von Pferdestute und Eselhengst als besonders robust, leistungsfähig und intelligent galten (191–192). Diese sterilen „Hybrid“-Tiere sind ein Produkt menschlicher Zuchtbemühungen und genossen als „Bastarde“ ein nur geringes Ansehen (203). Doch waren Maultiere in der Haltung deutlich günstiger und auch robuster als Pferde (190–191) und wurden deshalb für „Saumtransporte über die Gebirgspässe [...], im frühen Tourismus, in der eidgenössischen Post, im Infrastrukturbau“ (Straßenbau) und in der „Militärlogistik“ eingesetzt (190). Der sprichwörtliche „Eigensinn“ der Esel und Maultiere führte einerseits dazu, dass sie häufig geschlagen wurden (177–178), erinnerte aber andererseits auch daran, die Tiere mit Respekt zu behandeln, wenn man deren Vorzüge nutzen wollte (217–218) – ihr Eigenwillen gilt als ein Beispiel für die „Agency“ der Arbeitstiere.
Ein spannendes Kapitel ist das bisher eher vernachlässigte Thema der Zughunde (221–238): Als Zugtiere der „kleinen Leute“, der bäuerlichen Bevölkerung kleinerer und mittlerer Höfe, und der „kleineren Produzent:innen und Händler:innen“ wurden sie eingesetzt, um geringere Lasten zu transportieren (221–222). Sie waren sowohl in der Stadt als auch auf dem Land präsent. Arbeitende Hunde befanden sich an der Schnittstelle zwischen den Nutz- und den Heimtieren und sie waren, so Schiedt, schon früh im Fokus der sich im 19. Jahrhundert formierenden bürgerlichen Tierschutzbewegung: Am Beispiel von Bern, wo es im Kanton und in der Stadt besonders viele Zughunde gegeben zu haben scheint, wurde intensiv über ein Zughundeverbot diskutiert – dabei standen dem Argument der Tierquälerei die wirtschaftlichen Bedürfnisse der kleinen Händler und Handwerker gegenüber; prekäre Arbeitsverhältnisse zeigten sich hier. Letztendlich wurde die Arbeit der Zughunde unter bestimmten Einschränkungen erlaubt (231–236). Bürgerliche Ideen von nicht arbeitenden, zum Vergnügen gehaltenen Heimtieren standen hier den Anforderungen der „kleinen Leute“ entgegen, auch Hunde als billige Arbeitstiere zu nutzen.
Im letzten Tierkapitel geht es um die Rinder als Zugtiere (239–304). Dabei widmet sich Schiedt entlang der Quellen ausführlich dem Vergleich zwischen den Vor- und Nachteilen der Zugarbeit von Rindern (Stieren, Ochsen, Kühen) und Pferden und verortet die Rinderarbeit vor allem in „klein- und mittelbäuerlichen Verhältnissen“ (239). Am Beispiel der Rinderhaltung erklärt der Autor die Auswirkungen der ersten und zweiten agrarischen Revolution, die von der Weide zur ganzjährigen Stallhaltung und zum Wachstum der Rinderbestände und der Tiere selbst führte (248–251). Schließlich geht es in diesem Kapitel auch um die Nähe von Mensch und Tier, die beide „bis zum Umfallen“ (284) arbeiten mussten, eine Lebens- und „Arbeitsgemeinschaft“ bildeten, die von großer Nähe gekennzeichnet war (291). Auf der anderen Seite gehörte zu diesem gemeinsamen Leben auch das Töten der Tiere für den menschlichen Nutzen, eine Ambivalenz, die im Bereich der Landwirtschaft „mehr oder weniger offen, wenngleich nicht widerspruchsfrei gelebt“ wurde (288).
Letztendlich geht der Autor für den behandelten Zeitraum der Moderne von einer umfassenden Präsenz der Arbeitstiere in Stadt und Land aus und von deren entscheidendem Anteil am Prozess der Modernisierung, indem „alt und neu“ kombiniert und einander angepasst wurden: Arbeitstiere waren „Faktoren und Akteure in grundlegenden gesellschaftlichen Neuerungsprozessen“ (309).
Zuletzt soll noch das interessante Bildmaterial aus dem Bestand des Archivs für Agrargeschichte erwähnt werden. Der Autor nutzt es als Illustration seiner Thesen, die dadurch auf einer anderen Ebene erklärt werden – das trägt zum besseren Verständnis bei. Allerdings hätten die Bilder auch aus ihrem jeweiligen Kontext heraus konkreter analysiert werden können.
Insgesamt aber stellt diese Publikation ein spannendes, bislang in Teilen wenig beachtetes Kapitel aus der Geschichte der Nutztiere heraus, das die Rolle der Arbeitstiere für den Prozess der Modernisierung hervorhebt. Damit wird eine bisher eher technikfokussierte Argumentation im Sinne von „Maschinen ersetzten Tiere“ relativiert und um den Blick auf die vielfältigen Zusammenhänge und Übergänge erweitert.
1Unter https://www.histoirerurale.ch/pdfs/2024_Schiedt_Arbeitstiere.pdf [16.3.2026].
2Vgl. Peter Moser u. Hans-Ulrich Schiedt: Arbeitstiere im langen 19. Jahrhundert. Empirische Evidenzen und soziale Kontexte. In: Monika Dommann, Juan Flores, Kristina Schulz u. Simon Teuscher (Hg.): Arbeit im Wandel. Technische Umbrüche, soziale Konflikte und geopolitische Herausforderungen. Zürich 2024, S. 199–226.
3Vgl. die Laudatio von Johannes Willms auf Reinhart Kosellek mit dem Titel „Der Aufbruch in die Moderne oder das Ende des Pferdezeitalters“. In: Tillmann Berthold (Hg.): Historikerpreis der Stadt Münster. Die Preisträger und Laudatoren von 1981 bis 2003. Münster 2005, S. 159–174 (Impulse und Perspektiven, Bd. 1); Ulrich Raulff: Das letzte Jahrhundert der Pferde. Geschichte einer Trennung. München 2015.