Aktuelle Rezensionen
Michael Fischer/Markus Tauschek (Hg.)
Konstruieren – Imaginieren – Inszenieren. Zukunftsentwürfe in der Populärkultur
(Populäre Kultur und Musik 42), Münster 2024, Waxmann, 263 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-8309-4893-3
Rezensiert von Lena Möller
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 23.09.2026
Im Jahr 2024 erschien der Sammelband „Konstruieren – Imaginieren – Inszenieren“ zu Zukunftsentwürfen in der Populärkultur in der Freiburger Reihe „Populäre Kultur und Musik“. Der Themenfokus wird von Markus Tauschek in einer vorangestellten diskursiven Rahmung unter anderem damit begründet, dass Zukunft als Konzept erst seit einigen Jahren verstärkte Aufmerksamkeit in der sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschung erfahre. Die Fähigkeit, Zukünfte zu imaginieren, sei dabei keine anthropologische Konstante. Stattdessen entstünden Ideen der Zukunft in komplexen Aushandlungsprozessen: „Kulturwissenschaftlich gibt es die Zukunft nicht, sie ist vielmehr Gegenstand von Zuschreibungen, von Erwartungen oder Ängsten oder generell verschiedener Affekte, derer sich insbesondere auch die verschiedenen populärkulturellen Formate der Inszenierung von Zukunft zunutze machen.“ (8)
Der Hauptfokus der zwölf thematisch akzentuierten Beiträge liegt auf der Konstruktion von Zukunftsentwürfen und damit verwobenen inszenatorischen Strategien in unterschiedlichen populären Ausdrucksformen. Dabei deckt der empirische Quellenkorpus von Zeitschriften und Romanen über Popsongs, Spielfilme und Werbespots bis hin zu Youtube-Videos, Memes und Online-Newsartikeln eine große mediale Bandbreite ab. Die Auswertung erfolgt vorwiegend über eine qualitative Inhaltsanalyse, die den Medientext ins Zentrum rückt. Aus diesem Grund wird in der Einleitung nochmals eine Perspektive gestärkt, die nach der handlungsleitenden Dimension von Populärkultur fragt. Aus welchen Intentionen und mittels welcher Strategien werden populärkulturelle Formate, Artefakte und Infrastrukturen genutzt, um Zukünfte zu prognostizieren und zu planen? Welche Zielgruppen werden adressiert und was für Rezeptionsweisen und kollektive Deutungsmuster lassen sich herausarbeiten? Tauschek unterstreicht insbesondere den Diskursbegriff der „Zukunftspraktiken“, da er für die „dezidierte und explizite Hervorbringung, Zurichtung, Domestizierung, Gestaltung oder Diskursivierung des Kommenden“ sensibilisiere (13). Wer sich mit populärkulturellen Zukunftsentwürfen auseinandersetze, betrete zudem kein unpolitisches Feld, sondern eines, das mit utopischen und dystopischen Gesellschaftsentwürfen und ihrer kritischen Reflexion, Faktizitätsdebatten oder Herrschafts- und Klassenfragen verknüpft sei.
Auffallend viel Raum nimmt die populärkulturelle Verhandlung der Frage ein, welche Rolle technologische Entwicklungssprünge für die nahe Zukunft spielen und was für Potentiale, aber auch Gefahren damit einhergehen. Gleich zwei Beiträge widmen sich dem Zukunftsszenario, dass eine vom Menschen geschaffene künstliche Intelligenz ein eigenes Bewusstsein erlangt. Sophie-Constanze Bantle richtet in ihrem Aufsatz „The Age of AI“ das Erkenntnisinteresse auf das US-amerikanische Superhelden-Epos „Avengers: Age of Ultron“ (2015), das zu den weltweit erfolgreichsten populären Franchises gehört. Im Zentrum der Filmhandlung steht der Kampf zweier Super-Intelligenzen – einer destruktiven KI, die sich gegen die Menschheit richtet, und einer altruistischen KI, die sich zum Wohl der Menschen einsetzt. Dabei tritt laut Bantle eine humanistisch zentrierte Grundhaltung zutage, dass Künstliche Intelligenz nur dem Guten dienen kann, wenn sie in einer kontrollierten Umgebung entwickelt wird und sich dem Menschen unterwirft. Auch im britischen Science-Fiction Film „Ex Machina“ (2015) wendet sich eine von Menschen geschaffene humanoide Super-Intelligenz gegen ihren Schöpfer. Kit Schuster zeigt an diesem filmischen Beispiel, dass Fragen nach den Grenzen der menschlichen Natur sowie Ängste, Träume oder Begehrlichkeiten rund um die geschaffene und kontrollierte Maschine eng mit Geschlechterdiskursen verknüpft sind. Oliver Zöllner wirft an anderer Stelle den Blick zurück in das ausgehende 20. Jahrhundert, als die Digitalisierung in alle Bereiche des Alltags Einzug hielt und unter anderem das 1997 erschienene Album „OK Computer“ der britischen Rockband Radiohead inspirierte. Die Texte sind von einer „dystopischen Stimmung des persönlichen Verlusts, der Angst sowie von Überwachung, Kontrolle und einem abstrakt bleibenden Gefühl der Bedrohung geprägt“ (245). Damit können sie auch als Ausdruck einer seit den 1970er Jahren zunehmend technologiekritischeren Haltung gelesen werden. Michael Fischer analysiert die Sorge vor einer unsicheren Zukunft hingegen anhand deutschsprachiger Popsongs der Gegenwart, indem er die in den Songtexten verarbeiteten Nahtoderwartungen herausarbeitet. Hier zeugen die Texte sowohl von einer schwindenden Deutungshoheit der großen Konfessionen als auch von einer „Erwartungszukunft“ (76), die in der Regel die Fortexistenz einer verstorbenen Person voraussetzt, auch wenn ihre genaue Ausgestaltung den Rezipientinnen und Rezipienten überlassen bleibt.
Ein weiterer Schwerpunkt des Sammelbandes liegt auf der Inwertsetzung und wirtschaftlichen Nutzbarmachung von Zukunftsimaginationen. Christine Hämmerling widmet sich dazu dem Kulturphänomen der Schwangerschafts-Updates von Influencerinnen auf Youtube, die nach einem wiederkehrenden Schema aufgebaut sind und deren Uploads zeitlich genau strukturiert werden. Das Updaten über die eigene Schwangerschaft eröffnet sich in der Analyse als eine auf die Zukunft ausgerichtete Beziehungsarbeit. In diesem Zuge werden Zukünfte als „Vertrauensgeneratoren“ (102) eingesetzt, spannungsvoll inszeniert und häufig auch monetarisiert. Auch im Beitrag „UFO ENGINES: ON“ von Irina Dannenberg wird Zukunft wirtschaftlich nutzbar gemacht. So zeigt die Autorin anhand bestimmter Sounds auf, wie Automobilhersteller bei der Entwicklung von Elektroautos über „etablierte akustische Zeichen aus dem Science-Fiction-Kontext“ (44) gezielt werbewirksame Assoziationen zu Beschleunigung, technischer Komplexität und Antriebskraft hervorrufen.
Darüber hinaus geht es um das Spannungsfeld zwischen utopischen und dystopischen Zukunftsentwürfen. Ngoc Tram Vu analysiert etwa die Darstellung von urbanen Räumen und Architekturen der Zukunft in populären japanischen Anime-Produktionen seit den 1980er Jahren. Hier kann nachvollzogen werden, wie sich in den detailreich inszenierten Stadtkulissen der Wandel eines kriegszerstörten Japans hin zu einer modernen Wirtschaftsnation spiegelt. Dabei wird insbesondere der Einfluss des Metabolismus unterstrichen, der als aufstrebender Architekturstil in der städtebaulichen Planung der 1960er Jahre Alt und Neu, Verfall und Regeneration organisch miteinander verband. Lasse Wichert und Tilman Kasten werfen in ihren jeweiligen Untersuchungen Schlaglichter darauf, wie populäre Medien zum zeitgenössischen Seismografen für gesellschaftliche Stimmungsbilder rund um imaginierte Zukünfte avancieren. Wichert wendet sich dabei dem Sub-Genre des Zukunftsromans zu, das sich zur Zeit der Weimarer Republik auf dem Unterhaltungsmarkt etablierte und Raum bot, um die traumatisierenden Erfahrungen des Ersten Weltkriegs zu verarbeiten, aber auch Zukünfte zu imaginieren, in denen die „Wiederherstellung deutscher Weltgeltung und Geschichtsmächtigkeit“ (233) möglich wird. Kasten zeigt wiederum auf, wie in Heimatzeitschriften deutscher Vertriebenenverbände nach 1945 Fragen nach der Zukunft mit identitätsstiftendenden Rückbezügen auf eine gemeinsame Vergangenheit, Verlustdiskurse und Sorgen um das eigene Fortbestehen sowie heimatpolitischen Zielvorstellungen verwoben sind. So verstanden sich die Druckerzeugnisse unter anderem als Archiv, das die Erinnerungen der Heimatvertriebenen für zukünftige Generationen bewahren sollte.
Auch prognostizierte Zukünfte und die Prävention von Risiken finden im Sammelband ihren Niederschlag. Stefan Groth taucht dazu in die Welt von „Crytpo Twitter“ ein und untersucht, wie Prognosen rund um die Kursentwicklung von Kryptowährungen von Nutzerinnen und Nutzern plausibilisiert und Risiken über ironisch aufgeladene Memes mit populärkulturellen Referenzen kollektiv bewältigt werden. Dabei spielen medialisierte Zukunftsentwürfe eine zentrale Rolle – etwa rund um die Frage, wie zukünftige globale Finanzsysteme aussehen könnten. Thomas J. J. Scherer richtet seinen Fokus hingegen auf Zukunftsentwürfe in Präventionswerbespots und stellt dabei die Eingangsthese auf, dass sie „als zeitgenössische Form der Propaganda in demokratischen Gesellschaften verstanden werden [können], da sie explizit die Umstände des alltäglichen Zusammenlebens beeinflussen möchten und dazu pragmatische, wirkungsorientierte Zukunftsvorstellungen entwerfen“ (156). Anhand zweier Spots wird skizziert, wie Zukunftsentwürfe mit spezifischen Vorstellungen rund um kausale Zusammenhänge verwoben sind und Verhaltensweisen mit Verweis auf ihren Nutzen für die Gemeinschaft normiert werden.
Mit dem Beitrag „Anbieter:innen nachgefragter Zukünfte“ von Ingmar Mundt und Raphaela Casata fand auch noch die Analyse einer kulturellen Figur Eingang in den Sammelband. Sie beleuchten Zukunftsforschende als Sozialfiguren der Spätmoderne, die gerade in Krisenzeiten Konjunktur erfahren, da ihre Prognosen den „Drang nach Zukunftswissen“ und den damit verbundenen „Wunsch nach Zukunftsgewissheit“ befriedigen (153). Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass sich Zukunftsforschende mit ihren Aussagen in der Regel innerhalb eines erwartbaren Spektrums bewegen und zu marktkonformistischen Aussagen tendieren, um nicht an Glaubwürdigkeit einzubüßen. Jener Beitrag soll hier auch bewusst am Schluss stehen, da er noch einmal verdeutlicht, dass die Imaginationen des Kommenden nicht vom Vergangenen losgelöst existieren, sondern mit stetigen Reflexionsprozessen darüber einhergehen, was war, was ist und was sein könnte.