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Ruth B. Bottigheimer
Zaubererzählungen, Zaubermärchen und Märchenmagie. Übersetzt von Sabine Wienker-Piepho
Münster 2024, Waxmann, 288 Seiten, ISBN 978-3-8309-4874-2
Rezensiert von Janin Pisarek
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 23.09.2026
Der Band „Zaubererzählungen, Zaubermärchen und Märchenmagie“ stellt die übersetzte, aktualisierte und erweiterte Ausgabe des 2014 erschienenen Werkes „Magic Tales and Fairy Tale Magic. From Ancient Egypt to the Italian Renaissance“ der US-amerikanischen Literaturwissenschaftlerin und Folkloristin Ruth B. Bottigheimer dar. Zu den Neuerungen zählen unter anderem der Rückgriff auf deutsche Primärliteratur, die Ergänzung und Einbettung neuer Sekundärliteratur, ein entsprechend erweitertes Literatur- und ein angepasstes Stichwortverzeichnis sowie einige inhaltlich-sachliche Bearbeitungen und daraus resultierende strukturelle Modifikationen.
Dieses Werk hat besonders zum Zeitpunkt der Rezension eine persönliche Bedeutung: Die Übersetzerin und Mitgestalterin des Bandes, Sabine Wienker-Piepho, verstarb im Mai 2025.1 Bei meinem letzten Besuch in Freiburg im Breisgau wenige Wochen zuvor zeigte sie mit Freude und Stolz ebenjenes Buch und sprach mit großer Wertschätzung über die fruchtbare Zusammenarbeit mit ihrer langjährigen Freundin und Kollegin Ruth B. Bottigheimer sowie der Lektorin Melanie Völkel vom Waxmann Verlag – ein Hinweis darauf, welche Bedeutung dieser Band für sie hatte, ohne zu wissen, dass er ihr letzter sein würde. Diese Verbindung macht die Lektüre zu mehr als nur einer fachlichen Bearbeitung, sondern zu einer Rückkehr zu den eigenen Ursprüngen in der Erzählforschung2 – bestärkt dadurch, dass eine unserer letzten gemeinsamen Tagungen dem Thema „Märchenzauber und Magie“3 gewidmet war, was fast einem jener eigentümlichen Zufälle gleicht, auf die Wienker-Piepho so oft mit einem augenzwinkernden Schmunzeln verwies.
Bereits zu Beginn des Werkes verweist Bottigheimer auf die bemerkenswerte semantische Unschärfe des Magiebegriffs: „Im Zentrum von Zaubererzählungen und Zaubermärchen steht Magie. Allerdings unterscheidet sich die Magie der alten Zaubererzählungen in fast allen Aspekten deutlich von Formen der Magie in den heute bekannten und uns vertrauten Zaubermärchen wie zum Beispiel ‚Dornröschen‘, ‚Aschenputtel‘ und ‚Der gestiefelte Kater‘.“ (11) Die Autorin zeigt, dass der Begriff vielschichtig verwendet wird; in alten Zaubererzählungen ebenso wie in moderner Märchenliteratur wird „Magie“ nicht eindeutig definiert, sondern mit unterschiedlichen Bedeutungen und Wirkweisen assoziiert.
Vor diesem Hintergrund erscheint es nur konsequent, dass Bottigheimer mit einer Klärung zentraler Gattungen einführt. Sie differenziert zwischen: Zaubererzählungen, die das zauberische Element hervorheben; Zaubermärchen als vertraute Märchengattung (ATU 300–749), wo Magie zur Lebensverbesserung und zum Happy End führt; Restaurations- und Aufstiegs-Zaubermärchen, die sich nach sozialer Herkunft der Magie erfahrenden Protagonisten richten; sowie Feennarrativen, die sich als länger, sprachlich elaborierter und vielschichtiger erweisen als Zaubermärchen. Magie wird von Bottigheimer als narrative, übernatürliche Kraft verstanden, die die natürlichen Gesetze außer Kraft setzt und zugleich bestehende weltliche oder jenseitige Hierarchien bekräftigt, was einen klaren Unterschied zu historisch praktizierter Zauberei darstellt (14).
Das Material ordnet Bottigheimer epochal und kulturkreisübergreifend. In den zentralen Kapiteln zeigt sie eindrücklich, wie sich der Magiebegriff und die Funktion von Zaubererzählungen über Jahrhunderte und Kulturräume hinweg verändern. Zu Beginn – etwa in altägyptischen, griechischen und römischen Quellen – erscheinen magische Elemente häufig als göttliche oder übernatürliche Mächte, deren Wirken in der Regel den Menschen fremd bleibt und deren Eingreifen lebensbedrohlich sein kann; Magie dient nicht irdischer Belohnung. Spätere jüdische, christlich-europäische und muslimische Zaubererzählungen vermitteln Magie meist in enger Verbindung mit religiösen oder moralischen Rahmenbedingungen – magische Fähigkeiten sind oft limitiert und übernatürliche Ereignisse erscheinen als Wunder, göttliches Eingreifen oder moralisch aufgeladene Erscheinung. Besonders in der Frühen Neuzeit verschiebt sich die Funktion von Magie erneut: Sie wird zunehmend zum Bestandteil fiktionaler Welten, in denen fantastische Elemente und wundersame Transformationen Alltag der Erzählung sind.
Parallel dazu lässt Bottigheimer erkennen, wie sich mit dem Wandel von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit die narrative Rolle der Magie verschiebt: Was einst göttliches oder mythologisches Übernatürliches war, treibt nun die Handlung an, verleiht den Figuren Handlungsmacht, indem sie beispielsweise sozialen Aufstieg ermöglicht, und neue Formen der Erzählung etabliert. Auf diese Weise gelingt es ihr, Zaubererzählungen als historisch wandelbaren Gattungskomplex zu präsentieren – eine Entwicklung, die sowohl kulturelle Unterschiede berücksichtigt als auch die Entstehung moderner Zaubermärchen nachvollziehbar macht.
Grundsätzlich überzeugt der Band durch seine thematische Spannweite, seine vergleichende und interkulturelle Anlage sowie durch die Betonung der rezeptionsgeschichtlichen Dimensionen. Mit hoher Detailkenntnis und methodischer Sorgfalt gelingt es Bottigheimer anhand zahlreicher Fallstudien unterschiedliche Belege für das Magieverständnis der jeweils untersuchten Zeit- und Kulturräume zu präsentieren und ihre Thesen und Schlussfolgerungen schlüssig darzustellen. Die verschieden beleuchteten Perspektiven sowie die Fülle konkreter Beispiele machen das Werk zu einem wertvollen Referenzwerk für die Erforschung von Magie, Märchen und Erzähltraditionen.
Gleichzeitig bleibt der Anspruch des Buches reflektiert: Die Autorin markiert klar die Grenzen ihres Untersuchungsfeldes, verweist ausgelassene Aspekte an benachbarte Fachbereiche und versieht ihre Aussagen mit systematischen Literaturhinweisen. Auch wenn Bottigheimer zentrale Begriffe präzise definiert und einordnet, könnte eine weiterführende Differenzierung zwischen „Zauber“ – als konkrete, erzählte oder performative Umsetzung von Magie – und „Magie“ – als theoretischem oder analytischem Konzept – zusätzlichen Gewinn bringen.4 Bottigheimer betont dennoch an vielen Stellen die erzählte Praxis magischer Handlungen. Dies ist besonders vor dem Hintergrund relevant, dass literarische und erzählerische Darstellungen magischer Praxis in historischen Texten häufig nur kursorisch bleiben, wie etwa die knappen Hinweise auf ägyptische Zauberformeln oder die nur angedeuteten magischen Vorgänge in antiken Werken. Solche Beispiele zeigen, wie selten und bruchstückhaft Magie als tatsächlicher Vollzug erzählt wird, was sich auch in den mittelalterlichen Erzählungen zeigt, und wie anspruchsvoll es ist, narrative Magie in Erzähltraditionen als Praxis zu erfassen (38).
Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt Bottigheimers Fokus auf erzählerisch dargestellte magische Handlungen an Gewicht. Der Eindruck wird dadurch verstärkt, dass sie die Unschärfen klar benennt: „Wunder, Mirakel, Zauberei und Magie sind einander sehr ähnlich. Im christlichen Europa bestimmt der Urheber eines wundersamen Ereignisses die Unterschiede“, so gilt ein wundersames Ereignis einer göttlichen Figur als Mirakel, das einer dämonischen als schwarze Magie oder Schadenszauber (88). Auch Wienker-Piepho verweist in einer Anmerkung darauf, dass die Begriffe „Magie“ und „Zauber(ei)“ teils schwer voneinander zu trennen sind – eine Differenzierung, die sie besonders in der Begriffsgeschichte der englischen und deutschen Terminologie begründet (185). Diese Passage verdeutlicht exemplarisch, wie sehr Wienker‑Piepho über die Rolle einer bloßen Übersetzerin hinausging: In der Danksagung hebt Bottigheimer ihre aktive Mitwirkung als „ideale akademische“ Gesprächspartnerin und fachlich versierte Begleiterin hervor – eine Einschätzung, die Bottigheimer später auch in ihrem Nachruf auf Wienker-Piepho bekräftigte.5
Die Widmung des Bandes an die Märchen- und Erzählforscherin Kristin Wardetzky sowie die Dankesworte an zahlreiche Kolleginnen und Kollegen der deutschen Erzählforschungsgemeinschaft verweisen auf die internationale Zusammenarbeit und die engen Forschungsbeziehungen innerhalb unseres Faches, die sich sowohl über geografische Grenzen hinweg als auch transatlantisch erstrecken, wie es Christoph Schmitt und Wolfgang Mieder im Nachruf auf Sabine Wienker-Piepho betonen.6
Abschließend lässt sich festhalten: Das Buch „Zaubererzählungen, Zaubermärchen und Märchenmagie“ stellt ein fundiertes und inspirierendes Werk dar. Und manchmal, wie Bottigheimer selbst nahelegt, wünschen wir uns alle ein wenig Märchenmagie: jene Magie, „die bereits hier auf Erden Glück bringt“ (237). Diese Haltung prägte auch das Leben Sabine Wienker‑Piephos: stets getragen von Neugier, dem berüchtigten „Märchenoptimismus“ und dem Glauben an die „Magie“ von Geschichten.
1
Sabine Wienker-Piepho verstarb am 21. Mai 2025 nach schwerer Krankheit. Im Jahrbuch 2025 der Märchen-Stiftung Walter Kahn sowie online auf der Stiftungsseite widmen sich zwei Nachrufe dem Leben und Wirken der Erzählforscherin. S. Märchenspiegel. Zeitschrift für internationale Märchenforschung und Märchenpflege 36 (2025), H. 4, S. 74–87 oder online: www.maerchen-stiftung.de/nachruf-auf-sabine-wienker-piepho-von-christoph-schmitt-und-wolfgang-mieder/ und www.maerchen-stiftung.de/nachruf-auf-sabine-wienker-piepho-von-janin-pisarek-und-ingo-weidig/ [26.6.2026].
2Ohne meine Begegnung mit Sabine Wienker-Piepho im Jahr 2010 würde ich dieses Werk vermutlich weder rezensieren noch zum jetzigen Zeitpunkt lesen – vielleicht hätte ich es nicht einmal kennengelernt. Ihren Ermutigungen und ihrer stetigen Förderung verdanke ich sowohl meinen Weg in die Erzählforschung als auch die Ausdauer, diesen trotz Hindernissen und anderer Verpflichtungen weiterzugehen. In diesem Zusammenhang ist es ein eigenartiges Gefühl, ausgerechnet ein Werk zu besprechen, an dessen Entstehung diejenige so wesentlich beteiligt war, die mir das Fach überhaupt erst erschlossen hat – ein leiser Hinweis darauf, wie sich wissenschaftliche Wege mit der Zeit wandeln und wie sie weiterführen.
3Das alle zwei Jahre stattfindende Meininger Märchensymposium im Rahmen des Thüringer Märchen- und Sagenfestes stand 2024 unter dem Thema „Märchenzauber und Magie“, den Eröffnungsvortrag hielt Sabine Wienker-Piepho am 29. Mai 2024.
4Siehe beispielsweise Leander Petzoldt: Magie. Weltbild, Praktiken, Rituale. München 2011; Leander Petzoldt: Magie. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung, Bd. 9, Berlin/New York 1999, Sp. 2–13.
5Ruth B. Bottigheimer: Nachruf auf Prof. Dr. Sabine Wienker-Piepho. In: Fabula. Zeitschrift für Erzählforschung / Journal of Folktale Studies / Revue d’Etudes sur le Conte Populaire 66 (2025), H. 3–4, S. 379–381.
6Wolfgang Mieder u. Christoph Schmitt: Nachruf auf Prof. Dr. Sabine Wienker-Piepho. In: Märchenspiegel. Zeitschrift für internationale Märchenforschung und Märchenpflege 36 (2025), H. 4, S. 78.