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Nikola Nölle
Die Gothic-Szene und ihre Festivals. Zur Funktionsweise performativer Erfahrungsräume
(Freiburger Studien zur Kulturanalyse 8), Münster 2024, Waxmann, 327 Seiten, ISBN 978-3-8309-4914-5
Rezensiert von Raul Reinhardt
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 23.09.2026
Musik, Faszination für Tod und Vergänglichkeit sowie eine Vorliebe für dunkle Ästhetik – das sind wohl die ersten Assoziationen, die einem in den Sinn kommen, wenn von der sogenannten „schwarzen Szene“ die Rede ist. Diese Subkultur, die Anfang der 1980er Jahre aus dem Punk- und New-Wave-Umfeld hervorging, hat sich seitdem zu einem vielgestaltigen kulturellen Phänomen entwickelt. In ihrer Dissertation „Die Gothic-Szene und ihre Festivals. Zur Funktionsweise performativer Erfahrungsräume“ widmet sich Nikola Nölle einer zentralen Facette dieser Kultur: den Festivals als Räumen kollektiver Identitätsbildung, ästhetischer Selbstinszenierung und sozialer Zugehörigkeit. Im Mittelpunkt ihrer ethnografisch-kulturwissenschaftlichen Forschung stehen Fragen wie: „Was passiert, wenn viele Menschen sich begegnen, Konzerte planen und besuchen, wenn sie Eintritt zahlen, durch die Stadt flanieren, wenn sie Freund*innen und Gleichgesinnte, aber eben auch auf viele Fremde treffen, wenn sie sich auf bestimmte Weise kleiden, Musik hören, mit Sekt anstoßen oder Met trinken, am Einlass in der Schlange stehen, wenn sie lange wach bleiben, tanzen, kaum schlafen und was sie sonst noch alles während eines Festivals tun? Wie konstituiert sich in diesem festiven Rahmen Szene, wie also manifestieren sich Zugehörigkeiten sowie Grenzlinien und wie werden diese verhandelt? Welche Rolle spielen die Selbstbilder, Traditionen und Ordnungen einer Szene, die seit ihren Ursprüngen in den frühen 1980er Jahren als sehr beständig erscheint? Inwiefern zeigt sich diese Kontinuität im Festival – und wie Veränderung? Und zuletzt: Wie hängen Szenepraktiken und Festivalerlebnis zusammen und inwiefern beeinflussen sie sich gegenseitig?“ (13)
Um diesen Fragen empirisch auf den Grund zu gehen, nimmt Nikola Nölle drei große Festivals in Deutschland in den Blick: Erstens das M’era Luna Festival, das jährlich zwei Tage am zweiten Augustwochenende auf einem Flugplatz in Hildesheim stattfindet und täglich bis zu 25.000 Besucherinnen und Besucher anzieht. Zweitens das etwas kleinere Amphi Festival in Köln, an dem etwa 12.000 Menschen teilnehmen. Beide Festivals besuchte Nölle jeweils in den Jahren 2017 und 2018. Des Weiteren führte ihre Feldforschung sie in den Jahren 2017, 2018 und 2019 auf das Wave-Gotik-Treffen (WGT), das seit 1992 immer über Pfingsten in Leipzig stattfindet, aus einem breiten Angebot besteht und sowohl in offiziellen Festivalräumen als auch dezentral über die ganze Stadt verteilt veranstaltet wird. Letzteres bildet wegen der mittlerweile über 30-jährigen Festivalgeschichte sowie der Vielzahl an Teilnehmenden – in den letzten Jahren bis zu 20.000 offizielle Festivalbesuchende und daneben unzählige weitere Menschen, die sich in der gesamten Leipziger Innenstadt aufhalten – das Zentrum von Nikola Nölles Feldforschung.
Um nun aus lesender Perspektive der Konnektivität zwischen Szene und Festivals nachzuspüren, teilt Nölle ihre Dissertation nach der Einleitung in zwei übergeordnete Teile: Im ersten Teil beschreibt sie in Kapitel 1 die Hintergründe ihres Forschungsprozesses und stellt dabei zentrale Fragen, Thesen, Methoden sowie theoretische Konzepte vor. Hierbei stützt die Kulturanthropologin ihre Untersuchung auf ein qualitativ-empirisches Forschungsdesign, das auf der Methodologie der Grounded Theory basiert. Über einen Zeitraum von rund elf Monaten – von Juni 2017 bis Juli 2018 – führte sie 15 narrative Interviews mit insgesamt 21 Personen aus der Gothic-Szene, darunter vier Gruppengespräche. Die Auswahl der Gesprächspartnerinnen und -partner spiegelt ein breites Spektrum hinsichtlich Alter, Geschlecht, Mehrsprachichkeit und szenischer Verortung wider. Neben den formellen Interviews flossen auch informelle Gespräche und ethnografische Feldnotizen ein, die während Festivals, privater Treffen und Online-Interaktionen entstanden. Ergänzend analysierte Nölle Diskurse in sozialen Medien und Internetforen, deren Beiträge sie systematisch kodierte und mit den Interviewdaten in Beziehung setzte. Durch die Kombination von teilnehmender Beobachtung, Interview und Online-Analyse gelingt ihr eine dichte Beschreibung der Szene, die individuelle Erzählungen mit kollektiven Sinn- und Identitätsmustern verbindet (21). Und gleichzeitig eröffnet Nölle damit eine emische Forschungsperspektive in die Gothic-Szene und deren Festivals, die sie im Laufe der Arbeit mit kulturtheoretischen Perspektiven zur Praxistheorie in Verbindung setzt: „Mit der vorliegenden Arbeit und ihren Fragestellungen bewege ich mich im Feld der Praxistheorien, weil ich zuallererst danach frage, wie, also anhand welcher Praktiken, Szene erzeugt wird. Ich gehe davon aus, dass dies in einem kontinuierlichen Prozess und mit dem Einsatz des Körpers passiert, der wahrnimmt, spricht und handelt.“ (47) Zudem orientiert sich Nölle verstärkt, neben weiteren kulturtheoretischen Rahmungen, am relationalen Konzept der Performativität (52–55), um sich so der Szene als außenstehende Forscherin aus einer etischen Perspektive zu nähern.
Daran anschließend entwirft sie im zweiten Kapitel die „Szene als populärkulturelle Figuration“ und folgt damit versprachlichten Verdichtungen, die die Szene symbolisch erzeugen. Hier geht Nölle auf die populärkulturelle Figur des Gruftis ein, reflektiert medial vermittelte Bilder der schwarzen Szene und widmet sich zentralen Szenesujets, Stereotypen und Erfahrungen. Des Weiteren erläutert sie figurative Grenzziehungen zu anderen Musikgenres, zum Beispiel „Techno als Gegenpol“ (91–95), aber auch innerhalb der Szene in intergenerationalen Transformationsprozessen (96–99) oder mit der Unterscheidung von „‚DDR-Gruftis‘ und DDR-Punks‘“ (100–102). Zudem dechiffriert Nölle bekannte Zeichen wie „Ankh“, „Kreuz“ oder „Pentagramm“ und legt damit die Symbolpolitik der Szene offen (103–107).
Im zweiten Teil der Arbeit folgt Kapitel 3, welches die „Festivals als Erfahrungsräume“ in den Blick nimmt. Nölle erläutert, wie die Festivalbesuchenden die Gegensätze zwischen Alltag und festlicher Ausnahme, zwischen Unterhaltungskultur und dem Anspruch auf intensives Erleben reflektieren und aushandeln. Gleichzeitig zeigt sie, dass sich sowohl Alltäglichkeiten im Festival, als sich auch die Festivals in den Alltag der Akteurinnen und Akteure einschreiben (117–147). Die Kapitel 4, 5 und 6 fokussieren dann aus drei verschiedenen Blickrichtungen auf die Verbindung zwischen Gothic-Szene und Festival. Kapitel 4 widmet sich „Kleidung und Körper“: Hier diskutiert die Autorin einerseits, wie durch vestimentäre Praxen Regelhaftigkeiten und spielerische Inszenierungen ausgehandelt werden (171–177) und sie zeigt andererseits am Beispiel von „Korsett“ (186–187) und „Uniform“ (193–194), wie Geschlechterverhältnisse binär normiert und gleichzeitig durch die Praxis des Crossdressings (195–198) performativ transformiert werden. Kapitel 5 thematisiert „Dinge und Waren“, die Eingang in die Szene gefunden haben und dort ebenfalls diskursiv und narratologisch eingebunden sind. Zudem wird an den Materialitäten ein Wandel innerhalb der Szene sichtbar: Einerseits ist die Szene von kapitalistischen Prozessen der Kommodifizierung betroffen, die sich durch die Warenwelt Festival artikulieren, zum anderen erfährt das Authentische in Form von Selbstgemachtem (DIY) nach wie vor eine Aufwertung in der Szene und bildet damit den Gegenpol im Diskurs rund um Homogenisierung und Individualität innerhalb der Szenegemeinschaft (202–238). Kapitel 6 „Räume und Situationen“ verbindet die verschiedenen Raumerfahrungen und analysiert, wie Akteurinnen und Akteure der Gothic-Szene performative Räume, Raumfigurationen, Gegenräume, Treffpunkte, geschlossene Räume, gestimmte und stimmige Räume, die Ästhetisierung von Szeneräumen, Fragmentierungen im Raum, Kontaktzonen, den Sound des Zeltplatzes sowie Gruppendynamiken, Bewegungen auf der Tanzfläche sowie Alkohol und Emotionen erleben, wahrnehmen, aktiv gestalten und als soziale Ordnungen temporär stabilisieren (242–285). Am Ende zieht Nikola Nölle ein klares Fazit (286–300), in dem sie zuerst darauf hinweist, dass sie als Ziel ihrer ethnografischen Arbeit zur Gothic-Szene eine emische Erfassung des Feldes anstrebt und sie selbst die Festivals als ‚cultural performances‘ versteht. Dabei fasst sie Szenen als kulturelle Konstellationen auf, die sich vor allem durch Konnektivität auszeichnen, „also in der Fähigkeit ihrer Akteur*innen Verknüpfungen herzustellen“ (289).
Abschließend skizziert Nölle fünf zentrale Modi in Bezug auf ihre mehrjährige Feldforschung in der Gothic-Szene: Transformationen, Figurationen, Authentizität, Materialität und Erfahrungsraum – und zeigt damit, wie Szene nicht als statische Kategorie, sondern als prozessuales Gefüge zu begreifen ist. Ihre multimethodisch-empirische Basis erlaubt ihr, diese Modi in ihren Wechselwirkungen zu betrachten und reziproke Abhängigkeiten offenzulegen. ‚Transformationen‘ erscheinen dabei nicht bloß als äußere Veränderungsfaktoren, sondern als intern verarbeitete Erzählungen und Praktiken. ‚Figurationen‘ wiederum stabilisieren und kommunizieren Zugehörigkeit; kulturelle Figuren – exemplarisch „der Grufti“ – bündeln Selbst- und Fremdinterpretationen und dienen als symbolische Verdichtungen, an denen Alltagserfahrungen und Festivalsituationen ihre Bedeutung ausrichten. Zentral ist zudem der Begriff der ‚Authentizität‘, der als Differenzkategorie fungiert und über Zugehörigkeiten und Abgrenzungen immer wieder neu ausgehandelt wird. In engem Zusammenhang damit steht die ‚Materialität‘ der Szene: Dinge, Kleidung und Waren sind für die Autorin nicht bloß Konsumobjekte, sondern narrative und identitäre Erfahrungs- und Wissensspeicher. Schließlich richtet sich Nölles Aufmerksamkeit auf die ‚Erfahrungsräume‘, in denen sich Szene praktisch und emotional vollzieht. Festivals werden hier zu Schauplätzen performativer Aushandlungen, in denen Körper, Bewegung, Klang und Atmosphäre ineinandergreifen. Auf diese Weise entsteht ein dynamisches Bild von Szene als konnektivem kulturellem Prozess. Ihre praxistheoretische Verortung erweist sich dabei als besonders produktiv, weil sie empirische Mikropolitiken – Kleidung, Dinge, Wege, Sounds, Erzählungen – mit makrokulturellen Deutungsmustern verbindet und so erklärt, wie scheinbar stabile Figuren und gleichzeitig oszillierende Grenzziehungen koexistieren.
Damit gelingt Nölle ein überzeugender Beitrag zur kulturwissenschaftlichen Szenenforschung, der die Performativität und Prozesshaftigkeit subkultureller Zugehörigkeit exemplarisch sichtbar macht und dabei tiefe Einblicke in Lebensrealitäten innerhalb der Gothic-Szene offenbart. Ausblickend beschreibt Nölle schließlich eine „Communitaserfahrung“ respektive ein „Wir-Gefühl“ und verweist dabei auf die analogen-digitalen Strategien der Agierenden, die diese nutzen, um den Festivalbesuch in Erinnerung zu behalten. Insgesamt bietet die Dissertation nicht nur einen tiefen Einblick in die ästhetischen, sozialen und emotionalen Dynamiken der Gothic-Szene sowie deren Geschichte, sondern regt auch zum Weiterdenken über die methodischen Möglichkeiten ethnografischer Szenenforschung an. Insgesamt erweist sich Nikola Nölles Dissertation über die schwarze Szene als eine ebenso kulturwissenschaftlich erhellende wie persönlich anregende Lektüre.