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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Marc Rothballer

Ehrenmänner und Straßenfeger. Eine vergleichende Studie von Straßennamen, Diskursen und Ehrregimen in Passau und Weiden

Regensburg 2025, Pustet, 608 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-7917-3561-0


Rezensiert von Timo Saalmann
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 23.09.2026

In kaum einer deutschen Stadt ist nicht schon über die Umbenennung von Straßen oder die Aberkennung von Ehrenbürgerschaften öffentlich diskutiert worden, wenn biografische Schutzbehauptungen oder die Beteiligung geehrter Personen an der NS-Verfolgungs-, Raub- und Vernichtungspolitik oder eine NS-affine politische Einstellung offenbar wurden. Vergleichend widmet sich Marc Rothballer in seiner 2023 an der Universität Passau angenommenen geschichtswissenschaftlichen Dissertation am Beispiel zweier bayerischen Mittelstädte diesem Thema. Anhand von „Diskursen und Ehrregimen in Passau und Weiden“ (Untertitel) werden Debatten lokaler Akteurinnen und Akteure untersucht, die kleinräumig strukturiert und selten von überregionaler Reichweite sind. Gleichwohl sind solche Kontroversen einerseits das erinnerungskulturell und geschichtspolitisch zentrale Thema der (bundes-)deutschen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, sind dabei aber andererseits ans Lokale rückgebunden, indem Leben und Handeln von Personen verhandelt werden, die in NS- und auch der Nachkriegszeit im Lebensumfeld der Debattierenden agierten und sich Verdienste erwarben. Da diese Debatten im Nahraum geführt werden, sind sie ein interessantes Forschungsfeld, führen sie doch die Omnipräsenz der NS-Herrschaft, die eben auch und gerade vor Ort stattfand, vor Augen und spiegeln ebenso Geschichtsbilder und -deutungen wie das historische Bewusstsein der Diskutierenden. „Taktgeber“ solchen Streits seien, so Rothballer, „lokalpolitische Akteure, die häufig anlässlich von Jahrestagen und Jubiläen die Erinnerungskultur fördern möchten“ (16). Straßennamen mit Personenbezug seien „häufig Gegenstand hitziger Diskussionen, wobei die fortdauernde Ehrwürdigkeit ihrer Namensgeber medial verhandelt wird“ (19). Die Entstehung der Doktorarbeit verdankt sich dann auch vor allem den in Passau seit den 1980er Jahren mit Vehemenz geführten öffentlichen Debatten über das städtische Ehrregime.

Die Arbeit ist in drei Großkapitel gegliedert, deren erstes sich den „onomastischen und geschichts- und kulturwissenschaftlichen Zugängen“, den „Funktionen von Straßenbenennungen“ und ihrem „Symbol- und Propagandawert“ während der „letzten 200 Jahre“ widmet. Zudem werden Methodik und Quellengrundlage erörtert sowie „theoretische Erkenntnisse zu (Um-)Benennungskonjunkturen und den damit verbundenen ideologischen Kämpfen präsentiert“ (20). Bevor solchen Debatten nachgespürt wird, werden die Notwendigkeit von Ortsbezeichnungen im Allgemeinen und Straßennamen im städtischen Raum im Besonderen in Erinnerung gerufen. So erleichterten verweisende Straßennamen (Post-/Bahnhofsstraße usw.) Stadtmenschen bis in die Industriemoderne die räumliche Orientierung und schufen mental maps, während im heutigen Stadtraum gehäuft vorkommende Namenscluster „reale Bezugspunkte“ (35) oft vermissen lassen und zum Entstehen von „Nicht-Orten“ (Marc Augé) beitragen, wie Rothballer in der Diskussion linguistischer, historisch-kulturwissenschaftlicher und (stadt-)soziologischer Ansätze ausführt.

Deutlich wird, es geht dem Autor keineswegs allein um Straßennamen als erinnerungskulturelle Marker. Vielmehr greift er auf ein sprachwissenschaftlich grundiertes Instrumentarium zurück, das wesentlich von Dietz Bering u. a. für die namenkundliche Untersuchung des Kölner Stadtraums in den 1990er Jahren entwickelt und angewandt wurde. Vor diesem Hintergrund konstatiert der Autor, „Verweis- und Erinnerungsfunktionen von Straßennamen sind zeit- und kontextgebunden“ (37), wobei es in erster Linie um „[p]ersonale Benennungen“ geht, die „immer eine Erinnerungsintention [haben] und […] mit der Erinnerung an die namengebende Person, ihr Leben oder Werk und ihre Ehrwürdigkeit verbunden [sind]. Dies lässt sich auch als Ehrungsfunktion betrachten, da sie die Wertstellungen des kollektiven Gedächtnisses zum gegebenen Zeitpunkt im Raum verankert.“ (37) Konflikte um Straßennamen mögen dann in Umbenennungen resultieren, jedenfalls sind sie Ausdruck der Demokratisierung und Pluralisierung der Gesellschaft, sei es dass vermehrt weibliche Namensgeberinnen gewählt werden sollen oder dass in postkolonialistischem Sinne diskriminierende Bezeichnungen oder rassistische Namensgeber verschwinden sollen: „Straßenschilder werden als Instrumente der Symbol- und Identitätspolitik genutzt, wobei der Fokus nicht mehr allein auf den ehrwürdigen Verdiensten der Namensgeber liegt, sondern auf der Schaffung eines inklusiven, paritätischen und diskriminierungsfreien öffentlichen Raumes.“ (51)

Dass Forschungsdesign verschneidet Ansätze verschiedener Felder und seit dem linguistic turn eingeführter Theorien sowohl zum kulturellen Gedächtnis (Maurice Halbwachs, Jan und Aleida Assmann) als auch zur Diskursanalyse (Michel Foucault, Achim Landwehr); in den später anschließenden Fallanalysen kommen die Konzepte der aufgerufenen Autoritäten allerdings kaum mehr vor. Untersucht werden in den folgenden Kapiteln, die nach einem festen Raster die Beispielstädte Passau und Weiden spiegelbildlich behandeln, die jeweiligen Straßennamenkorpora und etwaige Diskussionen. Hier zeigt sich deutlich, dass Rothballer für jede Stadt eine tiefgehende onomastische Untersuchung der vergebenen Straßennamen vorgenommen hat, die sich nach Zeitraum der Namensvergabe (sogenannter „Altbestand“, Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Staat, Besatzungszeit, „junge Bundesrepublik“ und „Neuere/Neueste Zeit“) sowie dem Bereich gliedern, zu dem die gewählten Namen gehören (ältere Geschichte, Natur, Geografie, Politik, Ökonomie, Religion, Militär, Kultur, Soziales). Je für sich genommen ergeben sich frappierende Ergebnisse über den jeweiligen Kanon ehrwürdiger Personen, Orte oder Ereignisse, die sich teils deutlich voneinander unterscheiden. So interessant diese Auswertungen der statistischen Datenerhebung und -auswertung zu lesen sind, die detailreichen allgemeinen Erörterungen zur Vergabe zu nicht-personalen Straßennamen überdecken die postulierte Schwerpunktsetzung auf erinnerungskulturelle Debatten über die Ehrwürdigkeit NS-belasteter Namensgeber. Zwar kann es sinnvoll sein, auf Ähnlichkeiten in Debatten hinzuweisen, Querverbindungen zu Geehrten aus und in anderen Epochen zu ziehen und Strukturmerkmale herauszuarbeiten, in der Vielfalt stören die dargebotenen Verästelungen aber eher die Stringenz der erkenntnisleitenden Argumentation. Dabei sind die Ergebnisse der Einzelfallstudien relevant und bemerkenswert. Als Beispiel sei hier die ausgesprochen starke Position des Passauer Stadtheimatpflegers im Prozess der Namensvergabe beziehungsweise bei der Abwehr von Versuchen zur Änderung von Straßennamen genannt. In der Dreiflüssestadt ging dieses Wirken mit dem langjährigen Engagement der seit den 1980er Jahren als „Nestbeschmutzerin“ verunglimpften Historikerin Anne Rosmus einher, die sich gegen das konservativ-behäbige Beschweigen der Stadtgesellschaft wandte. In Weiden dagegen spielten die Stadtheimatpfleger, die zudem häufiger wechselten, für die Straßennamenfindung in Verwaltung beziehungsweise Gremien keine Rolle. Erhellend und gesellschaftsgeschichtlich bedeutsam sind ebenfalls Befunde etwa über das Ehrregime für Frauen. Dass erst spät, das heißt in den 1990er (Passau) beziehungsweise 2000er Jahren (Weiden), in signifikanter Zahl Straßen nach Frauen benannt wurden, überrascht angesichts des wirksamen Narrativs von „großen Männern“, die Geschichte machen, nicht. Dies wird aber nicht nur statistisch nachgewiesen, sondern auch gezeigt, dass die Ehrung entlang von Geschlechternormen erfolgte, wenn Frauen fast ausschließlich aufgrund ihres sozialen Wirkens ausgezeichnet wurden (240–244, 345–352). Rothballer benennt nicht nur die Diskursteilnehmenden (Stadtverwaltung/-rat, Interessenvertretungen, Wirtschaft, Stadt(teil-)bevölkerung, Anwohner), sondern er legt auch die „Machtverteilung“ offen, wobei die Entscheidungswege und -gremien (Gestaltungsfreiheit der Stadtheimatpflege in Passau, nichtöffentliche „Gentlemen’s agreements“ der Stadträte in Weiden, 166–168, 184) ein männerdominiertes Feld zeigen und – nicht zuletzt – auch die Widerstände erhellen, denen Rosmus wohl ausgesetzt war, als sie zum Beispiel die Ehrung des Heimatdichters Franz Schrönghamer-Heimdal hinterfragte (224–229).

Die Fallanalysen über die Ehrwürdigkeit von NS-Belasteten als auch solchen Personen, die dem Widerstand zugerechnet werden können oder Verfolgte waren, werden eher summarisch in einem Kapitel zusammengefasst. Vorgestellt werden verwaltungsinterne, kommunalpolitische sowie medienöffentliche Debatten über verdiente Persönlichkeiten, aber auch national bekannte Personen, deren NS-Affinität oder -Rezeption zu Diskussionen geführt haben (in Weiden z.B. der „Heidedichter“ Hermann Löns, Ludwig Thoma sowie der im April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg exekutierte Theologe Dietrich Bonhoeffer). Merkwürdig ist, dass „Ausgewählte Straßen(um-)benennungen: Einzelfallstudien und Skizzen“ erst dargestellt werden, nachdem jenes vorgeschaltete analytische Kapitel die Ergebnisse vorwegnimmt, wodurch nicht nur Redundanzen entstehen, sondern auch biografische Zusammenhänge, Einordnungen und Kontexte erst an späterer Stelle detailliert nachzulesen sind. Da sich die Fallstudien aber als Gutachten über die jeweilige Person und ihre Ehrwürdigkeit lesen lassen und dem an den Ehrregimen in Passau und Weiden interessierten Forschenden als Kompendium dienen können, lässt sich dies verschmerzen, zumal umfangreiche Register sowie ein Straßenverzeichnis den Band abrunden. Insgesamt ist Rothballer eine Studie gelungen, die die Tragfähigkeit der Untersuchung von Straßennamen als erinnerungskulturelle Marker auf Basis von Lokalstudien erneut bestätigt und dabei den spezifischen Entscheidungsprozessen und Realitäten unterschiedlicher Öffentlichkeiten innerhalb von Stadtgesellschaften näherkommt.