Aktuelle Rezensionen
Claudia Selheim/Bernhard Purin (†)
Judaica. Menschen und Objekte. Bestandskatalog des Germanischen Nationalmuseums
Nürnberg 2025, Germanisches Nationalmuseum, 278 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-946217-35-0
Rezensiert von Timo Saalmann
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 23.09.2026
In loser Folge veröffentlicht das Germanische Nationalmuseum Nürnberg zu einzelnen seiner zahlreichen Sammelgebiete Bestandskataloge. Mit dem vorliegenden, 2025 erschienenen Katalogwerk zur Judaica-Sammlung verabschiedete sich Claudia Selheim, die langjährige Leiterin der Abteilung Volkskunde/Spielzeug/Judaica, in den Ruhestand. Ihr 2024 unerwartet gestorbener Co-Autor Bernhard Purin war ein ausgewiesener Kenner der jüdischen materiellen Kultur, der an vielen der größeren jüdischen Museen im deutschsprachigen Raum tätig war. Sowohl das Jüdische Museum Franken in Fürth, dessen Gründungsdirektor er war, als auch das Jüdische Museum München, das er aufbaute und seit der Eröffnung 2007 leitete, tragen seine Handschrift. Ein Essay von Felicitas Heimann-Jelinek, die in den 1990er Jahren am Jüdischen Museum Wien und auch später wieder mit ihm arbeitete, würdigt den „Objekt-Menschen“ Purin.
„Menschen und Objekte“, der Untertitel des Werks, ist konzeptionell leitend. Es geht nicht allein um die Gegenstände, sondern auch deren Vorbesitzer beiderlei Geschlechts beziehungsweise die Stiftenden, die an das Museum verkauften oder die es mit Schenkungen bedachten. Entsprechend gliedert sich das Buch grob in zwei Teile, deren Bearbeitung die Hauptautoren zwischen sich aufgeteilt haben. Den Menschen, die mit den Objekten verbunden waren, widmet sich Selheims „Spurensuche“ im ersten Teil in mal längeren, mal kürzeren biografischen Skizzen. Eine schöne Geste ist die namentliche Nennung der Personen im Spiegel des Buches. In ihrem Beitrag geht Selheim über die Nennung der Vorbesitzer und Stifterinnen von Judaica hinaus, indem sie das Mäzenatentum jüdischer Menschen für das Germanische Nationalmuseum insgesamt würdigt.
Sehr groß ist die Judaica-Sammlung des Germanischen Nationalmuseums nicht. Eingehend beschreibt Purin 83 Objekte und ordnet sie kunst- und kulturhistorisch ein. Da es sich bei der Mehrzahl der als „jüdisch“ verstandenen Objekte um Ritualien im engeren Sinne handelt (Kat.Nr. 1–68), ist der Katalogteil nach einem klassischen Schema aufgebaut, das dem jüdischen Jahres- und Festkreis und den rite de passage folgt (Geburt, Beschneidung, Bar Mizwa, Hochzeit, Tod). Des Weiteren sind Objekte des Alltags und für Schabbat aufgenommen sowie Schmuck für Tora und Synagoge. Sämtliche Gegenstände sind in qualitätvollen großformatigen Fotografien und teilweise in Detailaufnahmen dargestellt. Hervorzuheben ist eine Reihe von Tora-Wimpeln (Kat.Nr. 54–59), also Windelbahnen, die Jungen bei der Beschneidung trugen und die anschließend kunstvoll von ihren Müttern bestickt wurden; diese eindrucksvollen meterlangen Textilien sind auf einer ausklappbaren Seite abgebildet. Die Katalognummern beschreiben prägnant die Objekte, ordnen sie stilgeschichtlich ein und liefern die wichtigste Literatur. Ein Glossar hebräischer Begriffe, ein Personenregister sowie eine Konkordanz der Katalog- und Inventarnummern helfen, den Inhalt zu erschließen.
Repräsentiert sind Objekte, die als jüdisch verstanden werden, aber nicht durchgängig der Inventargruppe JA (Jüdische Altertümer) angehören, sondern teilweise Signaturen anderer Sammlungen des Hauses tragen. Darunter sind einige eindrucksvolle, der Sammlung Historische Bauteile zugeordnete jüdische Grabsteine des 13. bis 15. Jahrhunderts aus Nürnberg (und einer aus Regensburg), die im Anschluss an Pogrome und die Zerstörung jüdischer Wohnbezirke im 15. Jahrhundert als Spolien verbaut wurden (Kat.Nr. 62–67), und ein als archäologischer Fund übernommenes Grabsteinfragment aus der Nürnberger Altstadt (Kat.Nr. 68). Aus dem Bestand des Bayerischen Gewerbemuseums beziehungsweise der Landesgewerbeanstalt Nürnberg, den das Germanische Nationalmuseum als Dauerleihgabe des Freistaats Bayern verwaltet, stammen sieben Objekte.
Das Unterkapitel „Verschiedenes“ versammelt vier Objekte (Kat.Nr. 69–72), die sich dem gewählten Schema nicht zuordnen lassen: ein nicht datiertes hebräisches Zahlenamulett, ein großformatiges Tableau mit Porträtdarstellungen der „großen, gelehrten Rabbiner Israels“ (um 1890), ein ähnlich angelegtes pädagogisches Quartettspiel (1914) sowie eine Taschenuhr mit hebräischem Ziffernblatt (1925). Hervorzuheben sind die beiden letzten Unterkapitel, die „Fehlzuschreibungen“ (Kat.Nr. 73–76) und „Verluste“ (Kat.Nr. 77–83) behandeln. Beide Abschnitte sind wichtig und tragen zum Verständnis der Sammlung und der Sammlungsgeschichte bei. Der Bestandskatalog authentisiert einerseits die Mehrzahl der Objekte durch Kennerschaft und bereinigt die Sammlung andererseits um Stücke, die zuvor fälschlich der jüdischen Kultur zugerechnet wurden. Schließlich vermittelt auch die Kenntnis der Verluste Objektbiografien. Seit 1948 sind vier Türsegen (Mesusot) und eine Hochzeitsschüssel als „Kriegsverlust“ verzeichnet (Kat.Nr. 77–80; 82). Interessant ist die Geschichte eines Beschneidungsbestecks (Kat.Nr. 81): Das Beschneidungsmesser ist ein Kriegsverlust, wobei das Futteral und die Beschneidungsklemme erhalten blieben. In den 1980er Jahren wurde beides zusammen ausgestellt und als Fotografie veröffentlicht. Das Futteral war 1989 nicht mehr auffindbar, so dass heute nur noch die Beschneidungsklemme erhalten ist. Darin klingt an, wie frühere Kuratorinnen und Kuratoren mit dem Korpus jüdischer Objekte umgegangen sind. Dies ist nicht despektierlich gemeint, sondern – kultur- und wissensgeschichtlich gesehen – ein erhellender Blick in die Museums- und Sammlungspraxis. Im anderen Fall ist ein hebräisches Gebetsbuch aus dem 18. Jahrhundert (Kat.Nr. 83) vermutlich unmittelbar nach dem Zugang 1913 der Bibliothek des Hauses zugeschlagen worden, in deren Bestand es aber zur Zeit nicht auffindbar ist.
Auch die Provenienzen der Objekte wurden für die Veröffentlichung berücksichtigt. Erste Erwerbungen erfolgten bereits Ende des 19. Jahrhunderts, wie wir in der „kurze[n] Geschichte der Sammlung Judaica“ von Selheim und Purin, die den Objektbeschreibungen vorgeschaltet ist, erfahren. Vor dem Ersten Weltkrieg, als jüdische Deutsche sich besonders mit der Nation identifizierten, kam 1912 die Idee zu einem „deutsch-jüdischen Museum“ innerhalb des Germanischen Nationalmuseums auf, für das gesammelt wurde. Kritik kam sowohl aus antisemitischen als auch aus jüdischen Kreisen. Zu einer Museumsgründung kam es dann nicht, die Objekte blieben aber im Germanischen Nationalmuseum. Einen zweiten Schub erhielt die Sammlung in den 1980er Jahren, als Gegenstände erworben wurden, die 1988/89 in der vom Haus der Bayerischen Geschichte und Germanischem Nationalmuseum veranstalteten Landesausstellung „Geschichte und Kultur der Juden in Bayern“ gezeigt wurden. In den 1980er Jahren holten die fünfzig Jahre zurückliegenden Ereignisse der NS-Judenverfolgung und die Pogromnächte vom November 1938 das deutsche Judentum wieder ins Bewusstsein. Fotografien der brennenden Synagogen haben sich als Sinnbilder der gewaltsamen Vertreibungs- und Mordpolitik in das kulturelle Gedächtnis eingegraben. Es ist gut, dass die Raubpolitik der Nationalsozialisten, die Verfolgung und Genozid begleitete und die hauptsächlich, aber nicht nur Eigentum von Jüdinnen und Juden, Synagogengemeinden sowie anderer jüdischer Einrichtungen und Vereine betraf, in dem Band immer wieder anklingen. Auch das Germanische Nationalmuseum hat sich um die Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts bemüht und Provenienzforschung betrieben. Kritisch anzumerken ist vor diesem Hintergrund, dass die Provenienzangaben im Bestandskatalog für Objekte, die vor 1945 entstanden sind und in der Nachkriegszeit erworben wurden, durchgängig unvollständig sind. Wenn auch die unmittelbar vorbesitzenden Personen genannt sind, klärt dies keineswegs die Provenienzen für die NS-Zeit.
Ein ergänzender Beitrag von Susanna Brogi, der Leiterin des Deutschen Kunstarchivs, zeichnet den „Verkauf der Nürnberger Haggadot im Jahr 1957“ nach. Zwei hebräische, Mitte des 15. Jahrhunderts in Süddeutschland entstandene Handschriften, von denen sich eine in der Nürnberger Stadtbibliothek, die andere im Germanischen Nationalmuseum befand, wurden verkauft und werden heute in Israel verwahrt. Die Episode zur Objektbiografie der Haggadot zeigt, wie Sammlungsstrategien und Museumsgeschichte kulturelle Identität spiegeln, aber auch wie Objekte Träger von Symbolpolitik im (west-)deutsch-israelischen Verhältnis wurden. Nicht zuletzt überlagerten sich die Motivationen für ein kombiniertes Tausch-/Kaufgeschäft, da sowohl der NS-verfolgungsbedingte Verlust jüdischen Kulturguts durch den Transfer der Haggadot in den jüdischen Staat abgemildert, als auch Novalis-Autografen aus dem Eigentum des beteiligten Geschäftsmannes Salomon Schocken (für das Freie Deutsche Hochstift, Frankfurt am Main) nach Deutschland zurückgeholt werden sollten. Dabei ging es der deutschen Seite – ebenfalls in einen Verlust-Diskurs – darum, wie Brogi zeigt, im Interesse der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft national wertvolles Kulturgut rückzutransferieren und sogenannte „Kriegslücken“ zu schließen.
In der Gesamtschau wird deutlich, wie die Textbeiträge durchgängig, direkt oder auf einer Metaebene, mitverhandeln, dass das Sammeln jüdischer Kulturgegenstände für eine Institution namens Germanisches Nationalmuseum herausfordernd war. Das Spannungsverhältnis von „germanisch“/deutsch und jüdisch lässt sich wie unter einem Brennglas verfolgen: Deutlich werden die Nähe und Ferne, die Wahrnehmung von Eigenem und Fremdem, die sich im 19. und 20. Jahrhundert in den Einstellungen sowohl von jüdischer Seite als auch der Mehrheitsbevölkerung zeigten und Inklusion, aber auch rassistisch-antisemitisch begründete Exklusion von Jüdinnen und Juden ermöglichten. Ob diese Ebene mitgelesen wird oder das Interesse an den wissenschaftlich beschriebenen Objekten im Vordergrund steht, bleibt der und dem Lesenden überlassen.