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Sally Mary Riedel
Schwarze Muslimische Räume. Alltagsrealitäten in Deutschland zwischen Othering und Selbstermächtigung
(Kultur und Soziale Praxis), Bielefeld 2025, transcript, 318 Seiten mit Abbildung, ISBN 978-3-8376-7946-5
Rezensiert von Fatma Sagir
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 23.09.2026
Sally Mary Riedel widmet sich in der Buchhandelsausgabe ihrer Dissertation im Fach Europäische Ethnologie an der Universität Wien der Frage nach der Lebenswirklichkeit schwarzer muslimischer Menschen in Hamburg im Kontext von Sichtbarkeit, Anerkennung und rassistischen Alltagserfahrungen. Mit dieser Studie lenkt Riedel den Blick auf ein bislang vernachlässigtes Thema in der deutschsprachigen Forschung: die Lebensrealität schwarzer Muslime. Die Perspektive schwarzer Muslime bleibt sowohl in der nichtmuslimischen Gesellschaft als auch in der muslimischen Community weitgehend unsichtbar. Die vorliegende Studie widmet sich dieser Perspektive. Riedel geht allerdings nicht von einem defizitorientierten Ansatz für ihre Studie aus, sondern sie zeigt auf, wie schwarze Menschen, insbesondere schwarze Jugendliche, der Verschränkung von Rassismus und den damit einhergehenden Herausforderungen um Raum, Teilhabe und Sichtbarkeit selbstermächtigende Strategien und die Schaffung eines positiven Selbstbildes entgegensetzen (209–211).
Das Datenmaterial für diese ethnografische Studie umfasst den Forschungszeitraum zwischen 2014 und 2022 (11). Zudem hat sich die Autorin bereits in ihrer Magisterarbeit mit dem Thema befasst (11). Das Buch gliedert sich neben der Einführung in acht weitere Kapitel, die nicht durchnummeriert sind, wobei zwei und drei eine Einführung in die raumtheoretischen und postkolonialen Zugänge und Analysekategorien sowie eine Ausführung zur Kolonialgeschichte Hamburgs liefern. Kapitel vier beschreibt das Forschungsmaterial und diskutiert die entsprechende Fachliteratur. Insgesamt geht es um Forschungsdesign, Forschungsprozess und methodisch-theoretische Rahmung der Arbeit.
In den Mittelpunkt ihrer Studie stellt Riedel als Fallbeispiele drei westafrikanische Moscheegemeinden in Hamburg (125–172= Kapitel 4) sowie Alltagsrealitäten junger schwarzer muslimischer Hamburgerinnen und Hamburger (173–211= Kapitel 5), die sie durch erzählgenerierende und leitfadengestützte Interviews (106–107) herausarbeitet. Hierfür hat sie zwanzig Jugendliche afrikanischer Herkunft und islamischer Religionszugehörigkeit zwischen 14 und 21 Jahren interviewt (99).
Die Raumproduktion und Raumkonstruktionen muslimischer schwarzer Menschen in Hamburg sind zentrale Analysekategorien der Arbeit (29). Zudem beschäftigt sich Riedel mit sogenannten Safe Spaces, also geschützten Räumen (247–263), und der Verschränkung dieser mit Praktiken zur Herstellung von Bürgerschaft (247), die gesellschaftlich und politisch weitgehend unsichtbar bleiben, wenn sie von migrantischen oder nichtweißen Menschen kommen (247). Othering und Empowerment (201) verwendet sie als analytische Kategorien (95).
Riedel arbeitet heraus, dass Schwarze Muslime mehrfachen Marginalisierungen ausgesetzt sind, die sich aus der Verschränkung von Rassismus und Islamfeindlichkeit ergeben (70–95). Das Erklärungsmodell Acts of Citizenship (213–246) verwendet die Autorin um aufzuzeigen, wie betroffene schwarze Menschen aktiv Strategien entwickeln, um sich innerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse zu positionieren und zu behaupten (110–130). Diese Praktiken manifestieren sich sowohl im Alltag als auch in kollektiven Strukturen, insbesondere innerhalb westafrikanischer Moscheevereine und eigenständiger muslimischer Gruppen in Hamburg, die als zentrale Räume sozialer Vernetzung und kultureller Selbstorganisation fungieren (135–155). Nicht nur Gemeindearbeit, sondern im klassischen Sinne Integrationsarbeit (165–168) wird hier geleistet. Zudem dienen diese Räume auch als Anlaufstelle für Neuankommende (158). Hier überschneiden sich die Erfahrungen schwarzer Muslime mit der Erfahrung von Muslimen allgemein in Deutschland, besonders im Hinblick auf die Sichtbarkeit im öffentlichen Raum; die im Kontext einer geo-politisch und innenpolitisch zunehmend nach rechts rückenden Entwicklung eher eine Unsichtbarkeit ist. Dazu gehört die repräsentative Moscheearchitektur, deren Entstehung nahezu ritualisiert in politischen Kampfdebatten versenkt wird. Auch in der vorliegenden Studie sind die Räume von außen nicht erkennbar muslimisch (151), sie sind schmucklos und häufig prekären Besitz- und Mietverhältnissen ausgesetzt (148, 152–154).
Ein weiterer Fokus liegt auf den Alltagspraktiken junger schwarzer Muslime, die in Deutschland sozialisiert wurden. Riedel verdeutlicht, wie Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Sichtbarkeit im urbanen Raum kontinuierlich ausgehandelt werden (160–180). Beeindruckend ist ihre Sylter Feldnotiz (176–180) zu einem Ausflug mit schwarzen Menschen auf die Insel Sylt, die üblicherweise mit dem Lebensstil der weißen Oberschicht assoziiert wird. Rassismuserfahrungen der Jugendlichen in der Schule rückt sie ebenfalls in den Fokus (187–200).
In dieser Studie macht Riedel städtische Aushandlungsprozesse und Othering-Erfahrungen junger schwarzer Menschen in Hamburg zusammen mit Rassismuserfahrungen in ihrem Alltag nachvollziehbar. Der lange Forschungszeitraum von acht Jahren ermöglicht einen profunden Einblick in diese Prozesse der Raumaneignung und der Aushandlung von selbstbewusster muslimischer Identität, die einer intersektionalen Diskriminierung entgegengesetzt wird. Damit ist Riedel ein Beitrag zur Abbildung muslimischen und schwarzen muslimischen Lebens in Deutschland gelungen.