Aktuelle Rezensionen
Julia Scherf
Visueller Widerstand. Instagram und die Zirkulation von Protestkunst in Iran 2022/2023
Marburg 2025, Büchner, 240 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-96317-426-1
Rezensiert von Fatma Sagir
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 23.09.2026
Die vorliegende Studie der Kulturwissenschaftlerin Julia Scherf ist die Buchhandelsausgabe ihrer überarbeiteten Masterarbeit im Fach Medienkulturwissenschaft an der Universität Mainz 2023. Die Arbeit gliedert sich zunächst in zwei Teile, den Text von 120 Seiten und den Anhang inklusive Bildnachweisen, Quellenverzeichnis und Anmerkungen von ebenfalls 120 Seiten. Der Text ist schließlich in fünf Kapitel aufgeteilt, in denen anhand ausgewählter Fallbeispiele die Wechselwirkung von Protest, Protestkunst „auf der Straße“ und auf der gewählten Social Media Plattform Instagram aufgezeigt und ausgewertet wird. Dabei folgt sie vornehmlich dem Erklärungsmodell Netz-Straße-Netz (117).
Ausgehend von den im Iran beginnenden und schließlich international stattfinden „Frau Leben Freiheit“-Protesten wählt Julia Scherf Ereignisse, Personen und ihre Schicksale als Fallbeispiele (10), um anhand dieser die Rolle von Gesten, Ikonisierung und Protestkunst bei der Entstehung von Protest und Protestkunst zu diskutieren (Kapitel 4). Dabei wählt sie für ihre Vorgehensweise einen multimodalen Ansatz (11–13).
Sorgfältig dokumentiert sie Internetposts von Protestkunst in persischer Sprache mit Übersetzungen, Bildern, Kommentaren und Abbildungen. Ich hätte eine eigene gesonderte Auflistung aller Instagramposts und Quellen bevorzugt, weil ich sie als Primärquellen kategorisiert hätte, sowie Fußnoten statt Anmerkungen gewählt, doch das darf man gerne als persönliche wissenschaftliche Präferenz einordnen.
Protestkunst und die ästhetische Auseinandersetzung mit Gesellschaftskritik hat es selbstverständlich vor dem digitalen Kulturwandel gegeben und vor der Nutzung des Smartphones als Protestinstrument. Der erste signifikante Marker für eine Veränderung durch die Nutzung des Smartphones und von Social Media ist der Arabische Frühling 2011 und der damalig noch als Twitter bekannte Messengerdienst, der maßgeblich für die Vernetzung und Ausbreitung der regimekritischen Proteste in Ägypten und anderen arabischsprachigen Ländern verantwortlich war. Dies war vor dem Aufkommen von Instagram als Bildmedium, wobei für den Arabischen Frühling der visuelle Protest vor allem durch Graffitikunst im öffentlichen Raum bedeutend war. Für die vorliegende Studie steht mit Instagram als Feld und Quelle die visuelle Ästhetik und multi-mediale Medienpraxis im Vordergrund (115–116).
Scherf zeigt detailgenau, wie sehr sich die Protestkunst im digitalen Raum, hier Instagram, aus realen Ereignissen speist und wie sehr sie gleichzeitig neuen Protest erzeugen und begleiten und neue Protestkunst generieren kann (117).
Eines wird ganz deutlich in dieser wie in vielen anderen Arbeiten zur digitalen Kultur: dass die digitale Kulturforschung vor einer gewaltigen Herausforderung steht, für die sie Antworten nur während des Forschens finden kann, die aber bereits bei Abschluss einer Studie schon „überholt“ sein können, da die Geschwindigkeit der Digitalität, der Social Media Apps und ihrer Instrumente und Anwendungen, schier nicht einholbar ist. Julia Scherf nutzt für ihre Forschung das Instrument der Instagram Collections und problematisiert dabei die Komplexität dieser Anwendung, nämlich die Gleichzeitig von Flüchtigkeit und Bewegung sowie Fixierbarkeit und Konstante.
Zudem stellt die überwältigende Masse an Material und Quellen, die während eines Forschungszeitraums generiert wird, die Forschung vor nahezu unlösbaren Aufgaben, der sie nur im Moment begegnen kann. Die Zukunft wird zeigen, wie die Forschungspraxis im Hinblick auf diese dem Forschungsfeld inhärente Problematik mithilfe von KI und anderer Forschungssoftware reagieren wird.