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Marvin Heine

Resonant Fabrics. Listening to Urban Worlds

(Urban studies), Bielefeld 2023, transcript, 206 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-8376-6643-4


Rezensiert von Fritz Schlüter
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 24.09.2026

Die von Marvin Heine auf Englisch vorgelegte Monografie „Resonant Fabrics. Listening to Urban Worlds“ widmet sich der auditiven Dimension urbaner Lebenswelten und positioniert sich an der Schnittstelle von Sound Studies, Stadtforschung und kulturwissenschaftlicher Theoriearbeit. Heine begreift die Stadt als relationales Gefüge, als „resonant fabric“, das durch Praktiken des Hörens, Überhörens und Resonierens konstituiert wird. Er fragt danach, wie urbane Räume durch akustische „micro-performances, patterns, and sensations“ hervorgebracht werden (28) und wie Klang als soziale, politische und materielle Dimension von Urbanität analytisch ernst genommen werden kann. Klang ist für ihn nicht bloß „background of everyday urban experience“ (83), sondern ein zentrales Medium sozialer Ordnung: „urban soundscapes exhibit social structures“ (29), und auch im agentiellen Sinne hätten sie das „potential to shape social space and behavior“ (24). Resonanz wird dabei nicht als harmonische Übereinstimmung verstanden, sondern als ein Prozess wechselseitiger Bezugnahmen, der ebenso Brüche, Dissonanzen und Asymmetrien einschließt. Inhaltlich rekurriert Heine hierbei auf eine Reihe empirisch und theoretisch unterschiedlich akzentuierter Beiträge, die sich mit urbanen Klangwelten in verschiedenen geografischen und sozialen Kontexten befassen. Dabei geht es unter anderem um Lärm und Stille, um Macht und musikalische Interventionen, um die Historizität von Klangtexturen, um ökonomische Ungleichheit und klangpolitische Aushandlungen im Stadtraum. Methodisch stehen (auto)ethnografische Zugänge im Fokus – „an embodied approach to empirical urban research“ (90) – sowie qualitative Interviews.

Das zentrale Feld, an das „Resonant Fabrics“ anschließt, bilden die interdisziplinären Sound Studies, die seit den 1990er Jahren die auditiven Dimensionen sozialer und kultureller Praxis in den Mittelpunkt rücken (vgl. Jonathan Sterne: The Sound Studies Reader, 2012; Michael Bull: Sound Studies, 2018). Erweitert wird dies durch kulturtheoretische Bezüge insbesondere zu Akteur-Netzwerk-Theorie, „assemblage thinking“ (54) und Atmosphärenforschung. Vor diesem Hintergrund wird Urbanität als ein Netz resonanter, materiell-affektiver Bezüge konzipiert, das laufend produziert und durch Klang- und Hörpraktiken stabilisiert oder verändert wird. Diesen Gewebecharakter scheint Heine bisweilen gar performativ aufzunehmen, ist sein Text doch durchzogen von einer Vielzahl sorgfältig ausgewählter Zitate, die theoretische Bezugspunkte zwar nicht immer ausführlich entfalten, jedoch deutlich seine breite Orientierung im Diskurs erkennen lassen und stets produktive Anknüpfungspunkte für eine weiterführende Lektüre eröffnen. Die Verbindung von Sound Studies mit praxeologischer Ethnologie ist insbesondere da fruchtbar, wo beide Forschungsfelder Wahrnehmung als verkörperte Praxis begreifen, welche Affekte, Erinnerungen und Wissensbestände mobilisiert: „Sound permeates and connects it all. Through sonic experience, we become one with the city as it is enacted in the here and now. Its sonorous activity pours into our ears and minds and thereby reveals the multi-layered complexity of existence.“ (85) Hören erscheint als kulturell situiertes Tun, das an soziale Positionen, Erfahrungswissen und normative Ordnungen gebunden ist.

Angesichts dieser aktuellen theoretischen Selbstverortung ist es bemerkenswert, wenn Heine auch frühe Forschungsansätze wie etwa Schafers „Soundscape“ (1977) geradezu emphatisch aufnimmt – obwohl inzwischen oft sehr kritisch bewertet (Stefan Helmreich: Listening Against Soundscapes, 2010). Heine folgt Schafer in Vielem, zum Beispiel historiografisch (Kapitel 2), und teilt auch dessen Vision einer ästhetischen Verbesserung urbaner Klanglandschaften. Zugleich ist er weit davon entfernt, Schafers negative Bewertungen urbaner Soundscapes zu übernehmen: Auditive Eindrücke sind Heine zufolge „always knotted together with the listening subject’s culturally, ideologically, and aesthetically conditioned ways of listening“ (27). Und davon sind die Forschenden eben keineswegs ausgenommen. Somit erfährt die frühe Soundscape-Forschung bei Heine eine überfällige kritische Würdigung: Teils rehabilitierend, teils distanzierend gelingt es ihm, ausgewählte Methodiken und Begrifflichkeiten für die kulturanthropologische Forschung (wieder) konstruktiv zu machen. Über weitere einschlägige Beiträge von Henri Lefebvre, Walter Benjamin und Paul Stoller hinaus gilt dies insbesondere auch für Pascal Amphoux’ frühe Untersuchungen der „Akustischen Identität“ von Städten (1993), dessen „reflexive, critical, and extensive methodology“ (119) Heine überaus konzise und nachvollziehbar entfaltet und auch selbst empirisch anwendet. Gerade das Methodenkapitel hat im besten Sinne Einführungscharakter.

Von einem theoretischen Standpunkt aus zu beanstanden wäre gegebenenfalls die recht offene Indienstnahme dessen, was schon Sterne (The Audible Past, 2003) als „audiovisual litany“ kritisierte: tendenziell essentialisierende Zuschreibungen vermeintlich exklusiver Qualitäten des Seh- und des Hörsinns, wonach ein distanziert beobachtender, erkennender, rationaler Blick dem immersiven, empathischen, körperlich wie emotional affizierten Hören gegenüberstehe (vgl. Edmund Carpenter u. Marshall McLuhan: Acoustic Space, 1960). Heine scheint diese kulturell weiterhin wirkmächtige Dichotomie zumindest gelegen zu kommen, kann er damit doch seine Hinwendung zu den dezidiert „affective, embodied, and resonant fabrics“ (28) begründen: „Where our eyes separate us from the seen, and position us in a secure distance to our environment, to our actions, to the ‚other‘, our auditory capacities lack this sort of shielding objectivity and situate us vulnerably in the midst of experience.“ (85) Wäre eine hörende Herangehensweise aber tatsächlich bereits der Schlüssel, um epistemologischen Fallstricken von Positivismus und Reduktionismus zu entgehen: Was ist gewonnen, wenn dies lediglich in das Präsenzerleben einer „vibratory immediacy“ (120) mündet? In den Sound Studies ist die Debatte um diesen vermeintlichen Dualismus jedenfalls schon einen Schritt weiter (vgl. Maren Haffke: Theorie- und Begriffsarbeit in den Sound Studies, 2020). Und auch Heine bleibt hier letztlich nicht stehen – ist das Hören der Stadt für ihn doch immer auch eine Provokation: „an intimate encounter, full of potentialities, unpredictabilities, and possible moments of rupture. The flows and tides of urban soundscapes […] acutely confront us with alterity, with the presence of ‚the other‘, with the continuous creation of conflict and the shared desire to overcome it.“ (85) Diese Vielschichtigkeit kann Heine tatsächlich immer wieder analytisch produktiv machen. Er bedient sich dabei einer eigenständigen, sprachlich differenzierten Ausdrucksweise, deren stellenweise verdichtete, beinahe poetische Diktion nicht ästhetischer Selbstzweck bleibt, sondern als heuristisches Mittel fungiert, um die spannungsgeladenen, teils konflikthaften urbanen Klangarrangements in all ihrer affektiven Intensität, sozialen Ambivalenz und Offenheit für multiple Deutungen präzise herauszuarbeiten.

Kapitel 5 bildet den empirischen Kern des Buches und ist einer auditiven Feldforschung in Wien gewidmet. Wien dient dabei nicht als repräsentatives Fallbeispiel im vergleichenden Sinn, sondern als konkret situiertes Feld, an dem sich die theoretischen Überlegungen zu Resonanz, Hören und Urbanität exemplarisch erproben lassen. Methodisch arbeitet Heine mit teilnehmender Beobachtung, Soundwalks, Interviews zu Hörerfahrungen (u.a. mit einer blinden Person, einem Straßenmusiker sowie einer Stadtplanerin), vor allem aber mit autoethnografischen Hörprotokollen, die situative atmosphärische Eindrücke und auch körperliche Reaktionen festhalten – eingebettet in reflexive Passagen, in denen die eigene Position des Forschenden als hörendes Subjekt explizit thematisiert wird. Im Fokus stehen dabei keine spektakulären Klangereignisse, sondern routinisierte, oft beiläufige Hörsituationen, wie sie den urbanen Alltag prägen. Aus volkskundlicher Perspektive liegt der besondere Ertrag dieses Kapitels in der szenischen Verdichtung. Heine macht hörend nachvollziehbar, wie Urbanität im Vollzug entsteht: nicht als abstrakte Struktur, sondern als kulturell geformte situative (Wahrnehmungs-)Praxis. Er verdeutlicht, wie bestimmte Klänge als vertraut und ordnungsstiftend wahrgenommen werden, während andere Irritation, Unbehagen oder Abwehr auslösen. Sogar einige Verbesserungsvorschläge – Stadtbegrünung, Verkehrsberuhigung, konsumfreie Begegnungsorte – werden am Ende unterbreitet.

Unter dem Strich kann „Resonant Fabrics“ insbesondere an praxeologische Ansätze der Empirischen Kulturwissenschaft anschließen, insofern Stadt hier als Prozess alltäglicher Wahrnehmungs- und Deutungspraktiken konzipiert wird. Auditive Erfahrungen werden kulturtheoretisch als resonante Beziehungen zwischen Menschen, Dingen und urbanen Strukturen aufgefasst. Überzeugend ist dabei, dass Resonanz nicht harmonisierend, sondern bewusst analytisch offen gedacht wird: Urbane Klangordnungen erzeugen Zugehörigkeit ebenso wie Ausschluss und machen soziale Differenzen sinnlich erfahrbar. Diese konzeptionelle Offenheit ist produktiv, führt jedoch stellenweise dazu, dass der Resonanzbegriff in seiner begrifflichen Weite gelegentlich unscharf bleibt. Dessen ungeachtet liegt die große Stärke des Beitrags, der auf Heines Masterarbeit zurückgeht, in der methodisch reflektierten Erschließung eines Forschungsfeldes: Klänge und Geräusche werden demnach nicht als Objekte, sondern als alltägliche kulturelle Praxis städtischen Lebens analysierbar.

Für die Empirische Kulturwissenschaft/Europäische Ethnologie bietet „Resonant Fabrics“ viele konstruktive Impulse, insbesondere im Hinblick auf eine kulturtheoretisch informierte Sinnes- und Stadtforschung. Das Buch richtet sich an Forschende und fortgeschrittene Studierende, die an praxeologischen, affekttheoretischen und relationalen Zugängen zum Urbanen interessiert sind. Auch als aktuelle Einführung in die Ansätze und Methodiken einer kulturanthropologischen Klangforschung ist das Buch bestens geeignet.