Aktuelle Rezensionen
Sebastian Dümling/Zhenwei Wang (Hg.)
Being there, but how? On the transformation of presence in (Post-)Pandemic Times
(Sociology), Bielefeld 2024, transcript, 151 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-8376-6880-3
Rezensiert von Sarah Thanner
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 25.09.2026
Als mit Einsetzen der COVID-19-Pandemie im Frühjahr 2020 Bildungseinrichtungen weltweit ihre Türen schlossen, verlagerten sich Lehr-Lern-Kontexte massenhaft ins Digitale. Seminarräume wichen Zoom-Fenstern, und videogestreamte Gesichter im Kachelraster versuchten, ihren Blickkontakt nun über den Bildschirm zu halten. Der von Sebastian Dümling und Zhenwei Wang herausgegebene Band, hervorgegangen aus einem Panel der EASA-Konferenz 2022 in Belfast, nimmt diese vielfach als Zäsur erlebten Erfahrungen zum Ausgangspunkt für empirische Erkundungen der Transformation von Anwesenheitserfahrungen. Das Ergebnis ist ein facettenreiches Kaleidoskop – ohne den Anspruch theoretischer Schließung, sondern mit Blick auf die Vielgestaltigkeit digital mediierter Präsenzformen.
Einleitend arbeitet Dümling heraus, wie die Pandemie eine Selbstverständlichkeit brüchig werden ließ: physische Kopräsenz als Grundlage alltäglicher Begegnung. Was entstand, so seine Beobachtung, war eine seltsame Vertrautheit – Gesichter aus privaten Wohnzimmern auf Bildschirmen, Intimität durch Medien vermittelt, die zugleich Nähe ermöglichten und Distanz erzeugten. Was dabei auf dem Spiel stand, so der Autor, war nicht nur eine Frage technologischer Infrastrukturen, sondern eine konzeptuelle: Was bedeutet Anwesenheit, wenn mediale Settings selbst an der Hervorbringung von Präsenz mitwirken? So basierten die großen phänomenologischen Alltagstheorien des 20. Jahrhunderts – von Schütz über Goffman bis Garfinkel – auf einer Prämisse, die im digitalen Zeitalter brüchig geworden sei: der physischen Kopräsenz als Grundbedingung sozialer Interaktion. Niklas Luhmanns Bild der „Kommunikation au trottoir“ (13), jener beiläufigen Begegnungen auf dem Bürgersteig, die unterhalb der Bewusstseinsschwelle verbleiben, dient dem Autor als Kontrastfolie. Kann ein „Zoom-like everyday life“ (13) überhaupt existieren, „since there are no sidewalks in Zoom where unintentional interactions could occur“ (13)? Dümlings Diagnose: „the social sciences are still waiting for a grand theory of digital everyday life“ (14). Doch der Band verfolgt nicht den Anspruch, diese Lücke zu schließen. Vielmehr gehe es um empirische Explorationen der Frage „how different forms of presence are organized together and alongside each other“ (15).
Gabriel Stoiciu befasst sich im ersten Beitrag mit den epistemologischen Herausforderungen virtueller Feldforschung. Seine zentrale postphänomenologisch perspektivierte These: Forschende sollten vor dem Eintritt in virtuelle Welten ihre eigene Identität „rekalibrieren“. Er fordert „an a priori instrument capable of helping the researcher in social sciences to anticipate and manage any possible diversions that the virtual environment could inflict on the collection and, ultimately, on the validity of data“ (33) – ein methodologisches Instrumentarium, dessen Ausarbeitung allerdings offen bleibt. Die Stärke der Argumentation liegt in der Sensibilisierung für veränderte Forschungsbedingungen, wenngleich Stoiciu dabei zuweilen dualistisch argumentiert, wenn er physische und virtuelle Präsenzformen gegenüberstellt. Leserinnen und Leser mögen sich somit zu weiterführenden Reflexionen inspiriert fühlen – etwa zur Frage, ob sich Online-Identitäten auch als eigenständige Formen performativer Subjektivierung fassen ließen, statt sie primär an Fragen der Datenvalidität zu binden?
Marion Näser-Lathers Analyse universitärer Online-Lehre besticht durch die konzeptuell dichte Verschränkung unterschiedlicher Perspektiven aus Medientheorie, Phänomenologie und Akteur-Netzwerk-Theorie, die ihr erlaubt, gerade die relationale Verwobenheit unterschiedlicher Präsenzerfahrungen hervorzuheben. Ausgehend von eigenen Beobachtungen und Befragungen an deutschen Universitäten untersucht die Autorin, wie digitale Kopräsenz in Videokonferenzen hergestellt wird. Ihr zentrales Argument: Digital mediierte Präsenz ist kein Gegebenes, sondern muss fortlaufend praktisch hergestellt werden. Präsenz erscheint in Näser-Lathers Beitrag also nicht „as a state but as an unfolding process of doing presence through social practices“ (40). Dabei zeigt Näser-Lather auch auf, wie Online-Settings kontinuierliche technische, affektive und kognitive Anstrengungen erforderlich machen, von der Bewältigung technischer Störungen über die Fragmentierung des Selbst zwischen Online- und Offline-Raum oder bis zur permanenten Selbstbeobachtung.
Jung Yeon Kims Beitrag nimmt eine dezidiert andere Wendung: In einer mutig angelegten vergleichenden Perspektive stellt die Autorin schamanische Rituale neben Präsenzerfahrungen in Virtueller Realität und fragt, wie Werkzeuge den menschlichen Geist in immaterielle Welten transportieren. Am Beispiel des koreanischen ‚Jack-dou‘-Rituals sowie der Verwendung sogenannter ‚Ge‘-Masken in Côte d’Ivoire zeigt Kim, wie rituelle Objekte als Medien der Transzendenzerfahrung fungieren. Die Grundeinsicht ist produktiv: Technologisch vermittelte Weltzugänge sind kein Novum der Digitalisierung; vielmehr fungierten Werkzeuge seit jeher als „symbolic indicator“ (57), die dabei behilflich seien, Geist und Körper „to unknown spheres“ (57) zu transportieren und unterschiedliche Präsenzerfahrungen zu ermöglichen. Die von Kim entwickelte Perspektive ist reizvoll und eröffnet unerwartete Denkräume, wirft aber auch die Frage auf, inwiefern die Zusammenführung der unterschiedlichen Phänomene analytisch trägt – eine ausführlichere Darlegung der je spezifischen soziokulturellen und historischen Kontexte der beschriebenen Ritualpraxen wäre wünschenswert gewesen.
Barbara Čurdas Beitrag führt nach Bhubaneswar, Indien, einem Zentrum des klassischen indischen Tanzstils ‚Odissi‘. Am Beispiel ihrer Feldforschung zu dortigen Tanz-Netzwerken reflektiert die Autorin die Diskrepanz zwischen virtuellen und physischen Präsenzen im pandemiegeprägten Setting. Im Fokus steht die Kluft zwischen glanzvollen Selbstdarstellungen auf Websites und der physisch-materiellen Realität vor Ort: Tanzschulen, die auf Google Maps verzeichnet sind, aber vor Ort nicht auffindbar, Unterricht in wechselnden Räumlichkeiten. Čurda bezieht das Thema Präsenzerfahrungen dabei auf unterschiedliche Repräsentationen ihres Forschungsgegenstands im ethnografischen Material. Ihre zentrale These: Präsenz konstituiere sich „within a network of both human and non-human, living and non-living beings“ (83) und offenbare dabei stets eine „relational nature“ (83). Über die Mediierung tanzender Körper selbst erfahren Leserinnen und Leser allerdings wenig – dabei böten gerade Tanzpraxen ein fruchtbares Feld, um sich der Transformation leiblich-kinästhetischer Präsenzerfahrungen in digitalen Lehr-Lern-Settings anzunähern.
Zhenwei Wang analysiert die technologievermittelte Hausaufgabenüberwachung in Ostchina, bei der Arbeitsmigrantinnen und -migranten mittels smarter Kamerasysteme ihre zurückgelassenen Kinder beim Lernen beobachten. Die Überwachungspraxis, so zeigt Wang, ist eingebettet in ein schulisches Regime, das die Verantwortung für den Bildungserfolg systematisch auf die Eltern auslagert. Wer die Hausaufgaben der Kinder nicht kontrolliert, gilt als nachlässig – eine Moralisierung, die migrierende Eltern zur technologischen Fernüberwachung der Lehr-Lern-Fortschritte ihrer Kinder treibt. Begrifflich fasst die Autorin die dadurch entstehende Konstellation als „forced co-presence“ und „uncertain co-presence“ (111): Die Kinder werden zur permanenten Sichtbarkeit gezwungen, ohne sich der Überwachung entziehen zu können, während sie sich zugleich in steter Unsicherheit wähnen, ob die Eltern gerade tatsächlich zuschauen, da erst die spätere Datensynchronisation entscheidet, ob Kopräsenz hergestellt wird. So legt Wang nah am ethnografischen Material die entfaltenden Ambivalenzen digitaler Sorgearbeit frei und arbeitet eindrücklich die „ambiguous consequences for ‚doing familiy‘ at a distance“ (127) heraus.
Den Abschluss bildet der experimentelle Beitrag von João Pedro Rangel Gomes da Silva und Matheus Fred Schulze. Die beiden Autoren haben Erfahrungen brasilianischer Lehrerinnen und Lehrer während der Pandemie in ein „Klassentagebuch“ überführt und dieses in Comics transformiert. Durch die Verschränkung von Bild und Text macht das visuelle Medium körperliche, affektive und zeitliche Dimensionen veränderter Präsenzerfahrungen auf eigene Weise greifbar: Erschöpfung, Isolation, die Sehnsucht nach physischer Nähe werden zeichnerisch artikuliert. Im Anschluss an Art Spiegelman begreifen die Autoren Comics dabei als „time turned into space“ (139) – ein Medium, das die facettenreichen Erfahrungen während der Pandemie und ihre Zeitlichkeiten in Comic-Panels und deren Zwischenräume überführt. Die visuelle Ethnografie eröffnet Möglichkeitsräume jenseits textbasierter Repräsentation – wenngleich die konzeptionellen Implikationen dieser multimodalen Exploration mit Blick auf die Frage nach veränderten Präsenzerfahrungen im Text nur ansatzweise diskutiert werden.
Die Beiträge vermitteln eindrücklich: Präsenz ist weder gegeben noch selbstverständlich, sondern wird in relationalen Konstellationen von Körpern, Technologien, Räumen und Praxen fortwährend neu ausgehandelt. Ein abschließendes Kapitel, das Querverbindungen herstellen und die additive Logik des Sammelbands in eine dialogische In-Bezug-Setzung überführen würde, hätte dem Band gutgetan. Gleichwohl bietet er anregende Einblicke in die empirische Vielgestaltigkeit pandemiebedingter Präsenzerfahrungen. Wer empirische Anregungen für eigene Forschungen zu digital mediierter Anwesenheit sucht, wird hier fündig.