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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Rouven Lotz (Hg.)/Anne-Kathrin Hinz/Christoph Zuschlag

Paris 1955. Deutsche Abstrakte im Zentrum der Moderne. Ausstellungskatalog, Emil Schumacher Museum Hagen

(Schriften der Forschungsstelle Informelle Kunst 4), Berlin 2025, Deutscher Kunstverlag, 192 Seiten mit Abbildung, ISBN 978-3-422-80342-8


Rezensiert von Bernd Wedemeyer-Kolwe
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 25.09.2026

Der Wiederaufbau Deutschlands nach 1945 machte sich optisch unter anderem in einer neuen Architektur des Stadtbilds sowie in der Grafik und im Alltags- und Wohndesign bemerkbar. Besonders auffällig war die luftige und funktionale Ästhetik, deren Elemente Leichtigkeit und Fortschritt einer neuen westlich geprägten Welt und ihrer fortschrittlichen Werte versprachen. Zu den üblichen ästhetischen Grundpositionen dieser funktional-fortschrittlichen Waren- und Alltagsästhetik gehörte auch der Einsatz abstrakter Elemente, die (häufig schamlos) der neuen abstrakten Kunst nach 1945 entnommen wurden. Dass moderne Kunst – mehr oder weniger bewusst – einen großen Teil der Alltagsästhetik optisch bestimmte und prägte, war dabei am augenfälligsten am staatlich geförderten Projekt „Kunst am Bau“ zu erkennen. Mit ihren Plastiken, Mosaiken, Brunnengestaltungen und Wandmalereien an und in öffentlichen Bauten beeinflusste eine neue Generation von Künstlerinnen und Künstlern die öffentliche Ästhetik in deutschen Städten über Jahrzehnte hinweg; etliches davon, so es noch erhalten ist, steht heute unter Denkmalschutz.

Die neue Haltung in der Kunst hatte zwei grundsätzliche Bezugspunkte: Man wollte sich abgrenzen von der staatlich verordneten Ästhetik des Nationalsozialismus, die die auf heroisch-nationale Themen fußende gegenständliche Kunst als Propagandamittel eingesetzt und gefördert hatte. Daher stand gegenständliche Kunst nach 1945 unter Generalverdacht, häufig war sie verpönt, mindestens jedoch stark umstritten und heiß diskutiert. Deshalb suchte die junge westdeutsche Kunstszene in ihrer Aufbruchsmentalität folgerichtig auch den Anschluss an die Gegenströmungen der überwunden geglaubten Kunst im Nationalsozialismus: Man setzte nun auf die westlich-amerikanische und internationale Abstraktion, die die Moderne und ihre von Geschwindigkeit, Internationalität und Fortschritt geprägte Lebenswelt am genauesten zu repräsentieren schien und das moderne Lebensgefühl auch in der jungen westdeutschen Kunstwelt widerspiegelte, während man in der DDR-Kunstpolitik zur gleichen Zeit – wieder einmal – auf staatlich verordnete gegenständliche Kunst zurückgriff; hier blieb Abstraktion in der Kunst ein Nebenpfad.

Die junge westdeutsche Kunst nach 1945 war allerdings – wie Deutschland generell – national und international zunächst isoliert. Sie hatte kaum Zugang zur internationalen Kunstwelt, ihr fehlten Beziehungen und Kontakte zur europäischen Galerienszene, sie hatte keine Kenntnisse über parallele beziehungsweise benachbarte Kunstströmungen und die internationale Kunstvermittlung, und sie verfügte auch nicht über genügend Ausstellungsmöglichkeiten. Diese isolierte Situation, die auch der offiziellen Kulturdiplomatie in der Bundesrepublik schmerzhaft bewusst war, fand 1955 mit einer epochemachenden Ausstellung in Paris ihren Wendepunkt. Der Maler und damalige Vorsitzende des Westdeutschen Künstlerbundes Wilhelm Wessel und der renommierte Pariser Galerist René Drouin organisierten in einer privaten Initiative eine große Ausstellung bundesdeutscher abstrakter Kunst, die sie im „Cercle Volney“, einer bekannten zentralen Pariser Halle für Ausstellungen und zugleich Kunsttreff, zeigen konnten und die nicht nur die internationale Isolation deutscher Kunst beendete, sondern den Aufstieg und damit auch die kulturelle (Alltags-)Bedeutung abstrakter Malerei und Bildhauerei in Deutschland einleitete. Zugleich war die Ausstellung ein Beitrag zur interkulturellen Diplomatie zwischen Deutschland und Frankreich. Der Clou dieser Schau – 98 Werke von 34 Künstlerinnen und Künstlern – war, neben etlichen jungen und später sehr bekannten westdeutschen Künstlerinnen und Künstlern wie K.O. Goetz, K.R.H. Sonderborg, Brigitte Meier-Dennighoff, Emil Schumacher, Hann Trier, Norbert Kricke oder Marie-Louise von Rogester, auch ältere schon etablierte Kunstschaffende wie Willi Baumeister, Carl Buchheister oder Ernst-Wilhelm Nay zu zeigen, die nach 1933 ihre abstrakten Arbeiten im Verborgenen anfertigen mussten und den Älteren noch ein Begriff waren; damit gelang es der Ausstellung, mehrere Kunstgenerationen miteinander zu verbinden. Die Ausstellung wurde in Frankreich und Deutschland zu einem – auch medial – großen Erfolg. Der zur Ausstellung erschienene Katalog „Peintures et sculptures non figuratives en Allemagne d’aujourd’hui“ bildete die in der Schau gezeigten Arbeiten ab.

Dass Ausstellung und Katalog eine epochemachende Wirkung auf Kunst und Kultur der damaligen Zeit hatten, geriet im Laufe der Jahrzehnte in Vergessenheit. Die Forschungsstelle Informelle Kunst am Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn hat zusammen mit dem Emil Schumacher Museum in Hagen zum 70sten Jubiläum dieser Ausstellung anhand des alten Katalogs, zahlreicher Originaldokumente und Fotos sowie etlicher flankierender Quellen eine Rekonstruktion gewagt und im Hagener Museum versucht, die ursprüngliche Ausstellung nachzubilden, sie in den damaligen Zeitkontext zu stellen und ihrer kulturellen, künstlerischen und kunstpolitischen Rezeption nachzuspüren. Dabei lagen zwar Quellen und Dokumente vor, jedoch war die Rekonstruktion und das Aufspüren der originalen künstlerischen Arbeiten nach 70 Jahren eine geradezu detektivische Arbeit, die nicht gänzlich gelang, aber in den meisten Fällen tatsächlich zum Erfolg geführt hat; unter anderem deswegen, weil etliche dieser Arbeiten mittlerweile zum Kanon bundesrepublikanischer Kunstgeschichte gehören und daher auch entsprechend museal erhalten geblieben sind. Auch dies zeigt die kunsthistorische und kulturelle Bedeutung der 1955er Ausstellung. Der Katalog mit Beiträgen unter anderem von Christoph Zuschlag und Anne-Kathrin Hinz ist ausgesprochen liebevoll, detailgetreu und aufwändig gemacht; er zeigt die Stationen der Rekonstruktion, sämtliche Arbeiten der 1955er Pariser Ausstellung, etliche Originalfotos und zahlreiche Dokumente. Die Texte befassen sich ausführlich mit der Vorgeschichte und Geschichte der Ausstellung und ihrem kulturellen, politischen und kunsthistorischen Kontext. Der Katalog und die rekonstruierte Ausstellung holen damit beispielhaft ein fast vergessenes Kapitel der westdeutschen Kunst- und Kulturgeschichte wieder ans Licht.