Logo der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Kommission für bayerische Landesgeschichte

Menu

Aktuelle Rezensionen


Sönke Friedreich

Volksgemeinschaft global. Briefe von Auslandsdeutschen aus der NS-Zeit

Leipzig 2025, Leipziger Universitätsverlag, 385 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-96023-682-5


Rezensiert von Tobias Weger
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 25.09.2026

Das Sächsische Staatsarchiv – Hauptstaatsarchiv Dresden besitzt eine Sammlung von mehr als 5.000 Postkarten und Briefen von Auslandsdeutschen, die zwischen Oktober 1934 und Februar 1942 an den sächsischen Landesverband des Volksbunds für das Deutschtum im Ausland (VDA) geschrieben wurden. Neben ihrer reinen Textnachricht enthielten die Sendungen aus dem Ausland vielfach auch Fotografien. Der sächsische VDA hatte mit dem Obersächsischen Heimatdienst (OHD) eigens eine Unterabteilung eingerichtet, die sich der kulturellen Fürsorge, ideologischen Infiltrierung und Einbeziehung der Korrespondentinnen und Korrespondenten in die weltumspannende nationalsozialistisch geprägte „Volksgemeinschaft“ annahm. Die historische Relevanz dieses archivischen Konvoluts ergibt sich bereits aus dem Umstand, dass infolge von Kriegseinwirkungen nicht nur die zentrale Registratur des VDA in Berlin, sondern auch fast alle Überlieferungen von dessen regionalen Gliederungen verlorengegangen sind. Im ersten Teil seiner Untersuchung widmet sich Sönke Friedreich daher auch der Rekonstruktion der Organisationsgeschichte, die auf der Grundlage von Ersatzüberlieferungen und bereits existierender Forschungsliteratur gelingt.

Sehr überzeugend arbeitet der Autor anhand seines Quellenkorpus heraus, wie die Korrespondenz ein wechselseitiges Netzwerk des Informationsflusses schuf: Seitens des VDA/OHD erhielten zahlreiche Korrespondentinnen und Korrespondenten kleine Gaben, von VDA-Kerzen über Zeitschriften (insbesondere den „Sächsischen Heimatdienst“) bis hin zu Büchern (darunter auch Sprachlehrwerke), während die dem VDA aus dem Ausland zugesandten beigefügten Fotografien, Zeitschriften und anderen Informationen dem Wissensgewinn über Lebensweisen sowie soziale und politische Aspekte der im Ausland lebenden Deutschen dienten und auch entsprechend zentral erfasst wurden. Dies belegen auch anschaulich die im Band wiedergegebenen Fotografien. Man sieht Aufnahmen deutscher Siedlungen in Südamerika, Familienbilder in der fremden, teils „exotisch“ anmutenden Umgebung, häufig bei der Ausübung mitgebrachter Brauchhandlungen oder nationaler, gesellschaftlicher oder sportlicher Kundgebungen, zum Teil unter Verwendung von NS-Symbolen, aber auch die Auswirkungen von Naturkatastrophen und Demonstrationen des „deutschen Pioniergeists“ bei der Realisierung technischer Innovationen in der zum Teil als zivilisatorisch rückständig empfundenen Umwelt.

Den Hauptteil der Arbeit bildet eine gründliche Diskursanalyse des Dresdner Konvoluts und dessen Klassifizierung nach exakten Kategorien. Sönke Friedreich führt anhand der von ihm untersuchten Korrespondenzen vor, wie der Briefkontakt mit zum Teil in weiter Ferne lebenden Deutschen unter diesen über die Ansprache des Heimwehs vielfach erst das Konzept „Heimat“ konstruierte. Es war unter den Ausgewanderten je nach Ort und Lebenssituation bis dahin unterschiedlich stark entwickelt gewesen. Das von Sachsen aus nach außen vermittelte Bild quasi heilsbringender Auswirkungen des Nationalsozialismus weckte bei manchen Empfängern Gefühle der Sehnsucht. Bei Migrantinnen und Migranten aus Sachsen konnte diese emotionale Komponente durch den bewussten Einsatz von Elementen der sächsischen Volkskultur sowie durch die visuelle und sprachliche Vermittlung regionaltypischer Spezifika noch verstärkt werden. Die Begrenztheit dieser Bestrebungen wird andererseits deutlich, wenn die Konstruktion einer deutschen Identität bei den Betroffenen mit den Gegebenheiten des neuen Lebensumfeldes kollidierte, die nicht a priori als „negativ“ oder „fremd“ gedeutet werden mussten, sondern vielfach in den Alltag der Auslandsdeutschen integriert wurden. Die Konstruktion von Fremdheit stieß dort an ihre Grenzen, wo die Alterität nicht als hinderlich für das eigene Leben angesehen wurde. Sönke Friedreich spricht von einem „hybriden Raum“, an dessen Realität letztlich die Bemühungen um die Schaffung einer globalen Volksgemeinschaft vielfach gescheitert seien.

Aus bisherigen Forschungen zu deutschen Minderheiten im europäischen Ausland ist bekannt, wie das Ausgreifen von Volkstumsorganisationen unter diesen Minderheiten zur nationalsozialistischen Mobilisierung bis hin zu einer Steuerung von Deutschland aus beigetragen hat – mit später häufig dramatischen Folgen für die kollektiv dafür zur Rechenschaft gezogenen Menschen. Bei der Lektüre dieses Buches wird einem vor Augen geführt, dass das Bestreben des VDA nicht nur auf das europäische Ausland ausgerichtet war, sondern alle deutschsprachigen Menschen weltweit adressierte. Durch Betrachtung der Auslandsorganisationen der NSDAP, etwa in den Vereinigten Staaten von Amerika, gab es dazu zwar bereits Anhaltspunkte in der Forschung. Die Studie von Sönke Friedreich erweitert diese Facette anhand des Beispiels Sachsens um die Art der konkreten Ansprache der „Auslandsdeutschen“ durch den VDA. Diese Bottom-up-Perspektive legt implizite Mechanismen offen und verdeutlicht, an welchen Stellen die Mobilisierungsversuche ansetzten. In den vergangenen Jahrzehnten sind mehrere historische Studien zum Aspekt der „Volksgemeinschaft“ als einem tragenden sozialen Element der nationalsozialistischen Diktatur erschienen. Die Monografie von Sönke Friedreich ergänzt diese Forschungen durch alltagsgeschichtliche Aspekte in einem globalen Umfeld. Seine Studie ist damit nicht nur für die kulturwissenschaftliche Forschung von Bedeutung, sondern auch für die Frage, wie der Nationalsozialismus seinen Einfluss konsolidierte – in diesem Falle durch den Versuch, eine weltweite Gemeinschaft zu konstruieren.

Doch nicht nur für die Erforschung der deutschen Geschichte und die der Geschichte der Deutschen im Ausland ist dieses Buch ein großer Gewinn. Es dürfte auch in der allgemeinen Migrationsforschung einen Widerhall finden und könnte auch für andere nationale Kulturen, die sich intensiv mit der Erforschung und Betreuung ihrer ausgewanderten Landsleute befasst haben, komparatistisch von Interesse sein. Man denke beispielsweise an Polen oder Italien. Zu Recht verweist der Autor selbst in seinem Schlusskapitel auf die Existenz einer weiteren, nicht in die Idee der „Volksgemeinschaft“ integrierten deutschsprachigen Gruppe im Ausland, die der jüdischen Emigrantinnen und Emigranten.

Abgesehen vom Erkenntnisgewinn, den man durch die Lektüre dieses Bandes hat, gilt es dessen sprachliche Qualität hervorzuheben. Dem Auto gelingt es, die von ihm behandelten Themen wissenschaftlich präzise und dennoch gut lesbar zu präsentieren und völlig auf jenen heute so stark verbreiteten kulturwissenschaftlichen Jargon zu verzichten, der manche Abschlussarbeit zu einer Lese-Herausforderung macht. Er nimmt die Leserinnen und Leser seines Buches mit auf eine imaginierte, spannende Reise durch die gesamte Welt.

Es wäre dem Fach Volkskunde/Europäische Ethnologie insgesamt zu wünschen, dass dieses Beispiel der sprachlichen Darstellung Schule macht. Gerade eine kulturwissenschaftliche Disziplin, die sich die Erforschung alltagskultureller Phänomene breiter Bevölkerungsschichten auf die Fahnen geschrieben hat, sollte auch wieder stärker dazu übergehen, die daraus gewonnenen Erkenntnisse in einer ansprechenden Form zu vermitteln. Sönke Friedreich hat mit dieser Studie exemplarisch aufgezeigt, wie dies zu leisten ist.