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Aktuelle Rezensionen


Arlie Russell Hochschild

Geraubter Stolz. Verlust, Scham und der Aufstieg der Rechten. Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff

Hamburg 2025, Hamburger Edition, 360 Seiten, ISBN 978-3-86854-875-4


Rezensiert von Stefan Wellgraf
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 25.09.2026

Als im Jahr 2016 die Studie „Strangers in Their Own Land“ erschien, wurde diese als Schlüssel zum Verständnis des Aufstiegs von Donald Trump gelesen, der im selben Jahr zum US-Präsidenten gewählt wurde. Am Beispiel von Anhängern der Tea Party Bewegung in Louisiana wurden Fragen der ökologischen Zerstörung behandelt und gezeigt, wie in einer von Armut und petrochemischer Verschmutzung besonders betroffenen Region auf Umweltschutz und Sozialhilfe abzielende staatliche Regulierungen vehement abgelehnt wurden. Zugleich fand Arlie Russell Hochschild in diesem New York Times-Bestseller mit dem „line cutter“ ein eindrückliches Bild für das Gefühl, „Bürger zweiter Klasse“ zu sein, das sich aus der bei den Interviewten verbreiteten Vorstellung speiste, dass sich andere – vor allem Frauen, Schwarze und Migranten – in der ohnehin langen Warteschlange zum American Dream vordrängeln würden.

Mit ihrem aktuellen Buch „Geraubter Stolz. Verlust, Scham und der Aufstieg der Rechten“, das 2024 in den USA und bereits 2025 in deutscher Übersetzung bei der Hamburger Edition erschienen ist, schließt die mittlerweile 86-jährige Hochschild direkt an diesen publizistischen Erfolg an. Dafür ging sie diesmal nach Kentucky in eine einstmals vom Kohlebergbau geprägte Region in den Appalachen. Der im östlichen Kentucky gelegene Ort Pikeville mit seinen überschaubaren 7.000 Einwohnern dient ihr diesmal als eine Art Brennglas, um zu verstehen, warum Trump trotz seiner diversen Skandale erneut erfolgreich war. Da Trump im Erscheinungsjahr des Buches zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt wurde, lässt sich die Studie auch als der Versuch lesen, diesen erneuten Wahlerfolg zu verstehen. Die bis zur Clinton-Zeit noch demokratisch wählende Gegend um Pikeville scheint dafür besonders geeignet zu sein, denn sie weist nicht nur eine sehr hohe Armutsquote und einen großen „weißen“ Bevölkerungsanteil, sondern mit 80 Prozent auch einen der landesweit höchsten Stimmenanteile für Trump auf. Wo einst der Kohlebergbau viele Arbeitsplätze schuf, breitet sich mittlerweile die Drogenabhängigkeit aus. Hochschild versteht Pikeville folglich als „Epizentrum einer großen Krise“ (16).

Das Buch stellt verschiedene Personen in Pikeville vor und positioniert sie zu einem damals stattfindenden Aufmarsch von Neonazis. Hochschild fokussiert sich erneut auf Emotionen, vor allem auf Stolz und Scham, um eine Tiefengeschichte des Rechtsrucks erzählen zu können. Hochschilds wichtigste analytische Vorschläge sind diesmal das Stolzparadox und das mehrstufige Schamritual. Mit dem aus der Deindustrialisierung resultierenden Verlust der Arbeitsplätze im Kohlebergbau litten die Bewohner nicht nur auf materieller Ebene, ihnen ging auch eine wichtige Quelle ihres Stolzes verloren. Eine einstmals stolze Region wurde zu einer schambehafteten Region, die zugleich als kulturell rückständig gilt. Das Stolzparadox besteht nun darin, dass man sich besonders in den republikanisch wählenden Südstaaten tendenziell selbst die Schuld am ökonomischen Misserfolg gibt. Hochschild weist auf Umfrageergebnisse hin, die diesbezüglich große Unterschiede zwischen Anhängern der Demokraten und der Republikaner aufweisen, obwohl letztere tendenziell in vom ökonomischen Strukturwandel besonders betroffenen Regionen leben. Um dies zu verstehen, hebt Hochschild die Rolle der Religion hervor, wobei sie sowohl auf den kulturellen Einfluss der protestantischen Ethik als auch auf die Rolle evangelikaler Kirchen im amerikanischen ‚Bible Belt‘ hinweist. Das Stolzparadox erweise sich für die Bewohner der Region als eine emotionale Falle, die sie besonders anfällig für Schamreaktionen mache.

An die weitverbreitete Scham kann wiederum Donald Trump mit einem von ihm ritualisierten Schamritual anschließen. Dieses hat in der Regel vier Stufen: Als erstes macht Trump ein provozierendes Statement, als zweites wird er dafür öffentlich beschämt und lächerlich gemacht. Mit etwas Verzögerung inszeniert sich Trump drittens als Opfer von Beschämungen und ‚Hexenjagden‘ und als viertes schlägt er zurück. Für die Bewohner von East-Kentucky ist vor allem die dritte und die vierte Phase relevant, denn diese fühlen sich an, als würde er ihre Scham auf sich nehmen und dann für sie in den Krieg ziehen, was eine kathartische, eine befreiende Wirkung haben kann. Dass Trump dabei im Eifer des Gefechts überzieht, wird ihm weitgehend verziehen, denn er gilt trotz seiner Eskapaden immer noch als ‚einer von uns‘. Das mehrstufige Schamritual – „Provokation, öffentliche Beschämung, Einnahme der Opferrolle und Gegengebrüll“ (245) funktioniere im Kleinen wie im Großen. So verfängt auch das Motiv der „gestohlenen Wahl“ besonders in einer stark von Verlusten geprägten Region, in der viele Leute ohnehin das Gefühl haben, um die ihnen zustehenden Lebenserfolge betrogen worden zu sein. Trump greift die damit verbundenen Gefühlslagen auf und manipuliert sie zugleich, indem er einen Shift von ‚lost‘ zu ‚stolen‘ und damit auch von ‚shame‘ zu ‚blame‘ bewirkt.

Auf diese miteinander verbundenen Stolz- und Schammechanismen bezieht sich auch der Titel des Buches: „Stolen Pride“ beziehungsweise „Geraubter Stolz“. Auch wenn das Buch wieder anregend zu lesen und schön geschrieben ist, wirkt die Argumentation etwas aufgesetzt und mechanisch. Die Beschreibungen sind weniger „dicht“ als im Vorgängerbuch, die Portraits nicht so atemberaubend. Dies hat vielleicht damit zu tun, dass es sich fast ausschließlich um eine Interviewforschung handelt, die zum Teil während der Corona-Zeit via Zoom stattfand. Teilnehmende Beobachtungen spielen nur eine untergeordnete Rolle. Gerade die anschaulichen Beschreibungen von Atmosphären, auch des kulturell Abseitigen und sozial Randständigen, deren Bedeutung Kathleen Stewart in einer früheren Studie im benachbarten West Virgina, die nicht zufällig den Titel „A Space on the Side of the Road“ (1996) trägt, hervorgehoben hat, fehlt in diesem Buch weitgehend. Die Akteure sind meist etablierte Persönlichkeiten, so startet das Buch mit einem Treffen beim Bürgermeister von Pikeville, Donovan Blackburn, und im darauffolgenden Kapitel spielt Paul Patton, der ehemalige demokratische Gouverneur von Kentucky, der zugleich ein ehemaliger Universitätsrektor und Bergwerksbesitzer ist, eine zentrale Rolle.

Hochschild übernimmt nicht nur deren apologetische Sicht, dass die Bewohner des Ortes im Grunde gut seien, nun jedoch von auswärtigen Nazi-Demonstranten bedroht würden. Sie neigt auch selbst zu einer moralisierenden Lesart, unterscheidet letztlich klar zwischen grundsätzlich guten, jedoch mitunter auf Abwege geratenen Menschen und den wirklich bösen, deshalb auch in ihren positiven Bemühungen nicht mehr glaubhaften Personen. Zu letzteren zählen für sie vor allem der Neonazi Matthew Heimbach und der Ku-Klux-Klan-Anhänger Wyatt Blair, den sie im Gefängnis trifft. Diese wirken wie Abziehfiguren aus dem Nazi-Horror-Kabinett: Heimbach erscheint chronisch empathielos und starrsinnig, hat einen ausgeprägten Vaterkomplex und seine Eltern nicht mehr gesehen, seit er 16 Jahre alt war. Heimbach organisierte nicht nur den Neonazi-Aufmarsch im Pikeville, sondern 2017 auch die deutlich größere ‚Unite the Right‘-Demonstration in Charlottesville, Virginia, bei der eine Gegendemonstrantin getötet und viele weitere schwer verletzt wurden. Als Wyatt Blair zur Welt kam, war seine Mutter 13, mit 16 verließ sie ihn. Seine eigene Tochter hat Blair – der als Wirrkopf und „Spinner“ (120) beschrieben wird – noch nicht ein einziges Mal gesehen. Diese Personenschilderungen sind eindrücklich, jedoch stellt sich die Frage, ob man die Anziehungskraft rechter Bewegungen mit solchen moralischen Schwarz-Weiß-Schablonen wirklich besser versteht.

Auch andere Schwächen, die schon in Hochschilds vorhergehendem Buch angelegt waren, treten nun noch deutlicher hervor. Dazu zählt ihr fast vollständiger Verzicht auf eine theoretische Perspektivierung. Besonders am für die Argumentation zentralen Motiv des ‚American Dream‘ zeigen sich die Aporien einer Ideologiekritik ohne Theorie. Der komplette Verzicht auf marxistische Theorieangebote wirkt hier fast schon selbst wie ein ideologisches Manöver, da verwandte akademische Diskussionszusammenhänge systematisch ignoriert und naheliegende Fragen von Kapitalismus und Klassenherrschaft nicht weiter verfolgt werden. Die mittlerweile reichhaltige Forschung zu Affekten, Emotionen und rechten Bewegungen, etwa Hilary Pilkingtons ähnlich argumentierendes Buch „Loud and Proud“ (2016), wird ebenfalls ignoriert. Auch die abschließenden Passagen zu ‚Empathiebrücken‘ erscheinen reichlich pathetisch und voluntaristisch. Wenn man Hochschilds erstes Buch noch mit großer Begeisterung gelesen und aufgrund seiner Beschreibungskraft und Dringlichkeit womöglich über einige bereits offensichtliche Schwächen hinweggesehen hat, dann wirkt dieses Anschlussbuch nun eher wie eine nachträgliche Ernüchterung, auch wenn man Hochschild weiterhin vielen anderen Deutungen des Rechtsrucks vorzieht. Zumindest diese Gefühlsdynamik kann man nun also mit den im Buch geschilderten Trump-Anhängern teilen.