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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Elisa Frank

Vom Umgang mit einem multiplen Tier. Eine Ethnografie wölfischer Präsenz in der Schweiz

(Zürcher Beiträge zur Alltagskultur 29), Zürich 2023, Chronos, 464 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-0340-1669-8


Rezensiert von Christian Binder
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 25.09.2026

Mitte der 1990er Jahre konnten erstmals seit ihrer Ausrottung in der Schweiz – wie auch in anderen europäischen Ländern – wieder Wölfe nachgewiesen werden. Diese Rückkehr als kulturellen und sozialen Prozess zu untersuchen war Aufgabe des vom Schweizer Nationalfonds (SNF) geförderten Projekts „Wölfe: Wissen und Praxis. Ethnographien zur Wiederkehr der Wölfe in der Schweiz“. Betreut von Bernhard Tschofen entstanden in der Abteilung Populäre Kulturen des Instituts für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft (ISEK) der Universität Zürich im Rahmen des Projekts die parallelen Arbeiten von Elisa Frank und Nikolaus Heinzer (Wolfsmanagement in der Schweiz. Eine Ethnografie bewegter Mensch-Umwelt Relationen. Zürich 2022. Rezensiert in BJV 2023). Beide ethnografieren in ihren Dissertationen den gesellschaftlichen Umgang der Schweizerischen Bevölkerung mit den Caniden. Während Heinzer den Fokus auf das Wolfsmanagement im engeren Sinn richtet, ergo die offizielle, institutionalisierte bis verwaltete Aushandlung um das Konfliktpaar Landwirtschaft und Naturschutz, weitet Frank den Blick auf das „breitere (gesamt)gesellschaftliche In-den-Griff-Bekommen von und Zurechtkommen mit der neuen Präsenz von Wölfen in der Schweiz“ (17). Leider stand dem Rezensenten nur die Arbeit von Elisa Frank zur Verfügung – eine Gesamtschau wäre sicher erhellend und abrundend gewesen, zumal Frank immer wieder auf Heinzer verweist.

Frank versteht das von ihr untersuchte Feld und die damit assoziierten Ausfransungen, Verästelungen beziehungsweise Verbindungen als Assemblage, „als heterogenes, emergentes, mehrörtiges, netzwerkförmiges Gefüge“ (20), dem sie sich mittels eines elaborierten Methodenbestecks annähert. Sie geht zunächst auf Spurensuche, lässt sich ganz auf ihren Forschungsgegenstand ein, spürt auf, spürt nach, verfolgt – ganz im Sinne des von George E. Marcus Mitte der 1990er Jahre geprägten Ansatzes „follow the …“, um dann aber festzustellen, dass dieses nosing around „überall und nirgends“ (38) hinführt. Aus Angst vor „der Überforderung mit der potentiellen Größe des Feldes und seinen undeutlichen Grenzen“ (37) schärft Frank ihre Instrumente nach, konkretisiert und optimiert die „follow the …“‑Technik, indem sie nicht mehr ‚dem‘ Wolf folgt, sondern mehreren Wölfen, womit sich ihr die Option eröffnet, „multi-sited ethnographies parallel“ zu realisieren (38). Dazu entwickelte sie das methodische Tool der von ihr so genannten „Leit-Wölfe“, denen sie nachspürt, daraus ihr Feld ableitet und mehrschichtige Aushandlungspraktiken ethnografiert (21). Bei den Leit-Wölfen handelt es sich für sie zum einen um konkrete in der Schweiz heimische Wolfsexemplare, zum anderen um Wolfs-Narrative beziehungsweise Wolfs-Figuren (39). Sie konstruieren das von Frank untersuchte Feld, strukturieren und stützen in vier Kapiteln den Hauptteil der Arbeit: „Der Wolf im Hundepelz“ (Kapitel 3), „M44 – der Urner Wolf (M68) – die Calanda-Wölfe“ (Kapitel 4), „Der Forstgehilfe“ (Kapitel 5) und „Der Walliser, der Bündner etc. Wolf“ (Kapitel 6).

Die untersuchten multi-sites setzen ein Multi-Methoden-Setting voraus. In ihrer Studie „triangulierte“ die Autorin „reaktive Verfahren (Leitfadeninterviews und Feldaufenthalte), bei denen die Forscherin Teil der Untersuchungssituation ist, mit nichtreaktiven Verfahren, das heisst mit der Analyse vorgefundener Materialien und Unterlagen, die ursprünglich nicht für die Forschung erstellt wurden. [Sie] ging, den Leit-Wölfen folgend, also sowohl zu den Menschen hin und sprach mit ihnen über ihre Arbeit mit/an/für/gegen Wölfe(n) oder begleitete sie dabei. Zugleich interessierte [sie sich] auch für all die ‚Produkte‘ – sprachlicher, (audio)visueller Art –, welche verschiedene menschliche Akteur:innen bei ihrer ‚wölfischen‘ Arbeit benutzen oder selber generieren.“ (42)

Um sicherzustellen, dass Ergebnisse aus dem Material abgeleitet und nicht von außen eingetragen werden kodiert Frank die anhand der Leit-Wölfe erhobenen Daten entlang der Grounded Theory, welche sie „von sehr offenen Kodes, die sich unmittelbar auf die Daten beziehen, sukzessive hin zu differenzierteren und abstrakteren Kategorien [führt], die zueinander in Beziehung stehen und aus denen heraus sich zum Schluss eine eigene Theorie zum erforschten Gegenstand ergibt“ (57). Aus den so erhobenen Daten extrahiert Frank pro Leit-Wolf beziehungsweise Leit-Wolf-Cluster Kategorienpaare, respektive kulturelle Logiken, „die sich in den ethnografierten Praktiken zeigen und die gesellschaftliche Aushandlung in der erneuten Präsenz von Wölfen in der Schweiz und den Umgang mit dieser mitprägen: Familiarisieren und Verandern, Dokumentieren und Positionieren, Rationalisieren und Emotionalisieren, Lokalisieren und Generalisieren“ (58).

Im Rahmen der ersten empirisch erfassten kulturellen Logik „Familiarisieren und Verandern“ untersucht Frank anhand des Leit-„Wolfs im Hundepelz“ (63–134) inwieweit Hunde in der Aushandlung des Umgangs mit Wölfen relevant sind. Am Beispiel des Buches und Hörspiels „Globis Alpenreise“ (2006) beziehungsweise der Realverfilmung des Bilderbuchs „Schellen-Ursli“ (2015) zeigt sie zum Beispiel, wie Wölfe vertraut gemacht, also familiarisiert werden, indem sie als Protagonisten in populären Schweizer Kindergeschichten auftreten und darin zwischen Wolf-Sein und Hund-Scheinen switchen. Gleichzeitig untermauern diese Narrative das „Verandern“: Wölfe „sind als Wölfe zu anders, als dass sie integriert werden könnten; sie sind nur als Wölfe-als-Hunde integrierbar“ (132).

Die Angst vor der Hybridisierung Wolf-Hund öffnet für Frank einen weiteren Interpretationsansatz. In Erweiterung ihres Kategorienpaars hin zur ‚reinigenden‘ Veranderung (83) ordnet sie die „Wölfe als wilde, der Sphäre der Natur zugehörende, nicht mit der Kultur zu mischende Tiere“ (132) ein. Zugleich bestätigt die reinigende Veranderung laut Frank wiederum die Familiarisierung, da im Gegensatz zu Hybriden, die weder der Natur noch der Kultur eindeutig zugewiesen werden können, Wölfe „als echte wilde Tiere – in das vertraute, westlich-moderne Raster, das Natur und Kultur als voneinander klar getrennte Sphären konzipiert, eingepasst sind und bleiben“ (133).

Im Hauptkapitel 4 untersucht Frank Formate wie die Fertigung, Positionierung respektive Rahmung von Wolfspräparaten, sowie Wanderungen und serielle Quellen wie Jahresberichte beziehungsweise Videos. Mittels des über die Leit-Wölfe „M44“, „Urner Wolf (M68)“ und „Calanda-Wölfe“ generierten Materials dokumentiert Frank Praktiken, die ein vielgestaltiges Gegenüber schaffen: sei es ein materialisiertes Gegenüber (138–152), ein erzählend geschaffenes biografisches Gegenüber (169–197) oder ein verräumlichtes Gegenüber (197–228). Frank will dabei die untersuchten Formate aus kulturwissenschaftlicher Sicht nicht als Vorgänge verstanden wissen, „bei denen Wissen über Wölfe einfach popularisiert wiedergegeben wird, sondern […] als Orte der Wissensproduktion“ (135). In Ableitung der kulturellen Logik des Dokumentierens und Positionierens intendiert Frank dabei den Nachweis, „wie dokumentarisch verstandene Praktiken in bestimmten Situationen auch positioniertes Wissen erzeugen“ (137).

In „Der Forstgehilfe“ (Kapitel 5) nimmt Elisa Frank die für die ökosystematische Diskussion wichtigen Stakeholder aus dem Bereich Forstwesen in den Fokus. Dabei stützt sie sich auf unterschiedliches Datenmaterial wie Interviews, Feldnotizen, Beobachtungsprotokolle, Fotos, Zeitschriften etc. Als wichtigsten Bestandteil nennt sie ein Gruppeninterview mit Forstexperten, das sie in Kooperation mit ihrem Projektpartner Nikolaus Heinzer durchgeführt hat (231). Aus diesem Material arbeitet Frank als kulturelle Logik das Kategorienpaar „Rationalisieren und Emotionalisieren“ heraus, welches zunächst „eine Dichotomie aus dem Feld zu reproduzieren“ scheint (234). Doch kann sie in diesem spannenden Kapitel zeigen, wie Emotionalisieren und Rationalisieren im politischen Diskurs ineinandergreifen können: Gerade im Hinblick auf die für den Bergwald so wichtige Naturverjüngung scheint der Wolf für die Interessensgruppe Forst ein neuer Aktivposten zu sein, der nicht nur funktionalisierend als Gamechanger im Waldumbau verstanden wird, sondern emotionalisierend die Tür zu Umweltverbänden öffnet und damit hilft, das öffentliche Interesse auf die Thematik zu lenken (246–256). „Emotionalität und Rationalität sollten daher nicht, wie in der politischen und gesellschaftlichen Wolfsdebatte zumeist üblich, als Gegensätze, sondern analytisch gleichermaßen als Emotionspraktiken verstanden und in ihrer unhintergehbaren Interdependenz erforscht werden.“ (292)

Eine weitere Perspektive öffnet Elisa Frank im Kapitel 6 „Lokalisieren und Generalisieren“. Darin erweitert die Autorin das in einem vorangegangenen Abschnitt entwickelten Leit-Wölfe-Duo „der Walliser und der Bündner Wolf“ zu einem Leit-Wolf-Rudel, das sie der Lesbarkeit wegen auf „etc.“ verkürzt. Als hochmobile Tiere kreuzen, übertreten und brechen Wölfe Grenzen: politische, konzeptionelle, rechtliche, administrative, gesellschaftliche und emotionale. Weshalb sich hinter der kulturellen Logik „Lokalisieren und Generalisieren“ räumliche respektive raumpolitische Kategorien verbergen. Wölfe „irritieren durch ihr Auftreten also verschiedene räumliche Ordnungen und fordern Menschen auf, diese Grenzen und Räume, die durch diese Grenzen geformt sind, neu zu verhandeln“ (295). Zur Untersuchung der Schweiz als Wolfsraum durchleuchtet Frank verschiedene Verwaltungs- und Gebietsebenen sowie deren juristische, politische beziehungsweise gesellschaftliche Vertragsrahmungen.

Sie kommt zum Schluss, dass verortete Gebilde und Kollektive „in der Aushandlung wölfischer Präsenz im Zusammenspiel von Lokalisieren und Generalisieren auf unterschiedliche Art und Weise verräumlicht [werden]: mal als Wolfsraum, mal als Handlungsraum, mal als Beziehungsraum und mal als Eigenheitsraum“ (375).

Den vier Hauptkapiteln ihrer Arbeit lässt die Autorin einen weiteren Untersuchungsansatz folgen. In „Leit-Wölfe revisited“ (Kapitel 7) klopft sie ihr Methodentool nach analytischen Einblicken ab und entwickelt aus Annemarie Mols praxeologischem Ansatz „the body multiple“ (The Body Multiple. Ontology in Medical Practice. Durham 2002) das Betrachtungskonzept des „multiplen Wolfes“, welches besagt, „dass es im Grunde genommen so viele Wölfe wie Praktiken, die den Wolf enacten, gibt – und das heisst potentiell unendlich viele. Das Ziel der vorliegenden Arbeit konnte damit nicht eine vollständige, abschließende Aufzählung aller enacteten Wölfe sein, sondern musste woanders liegen: nämlich darin, kulturelle Logiken der gesellschaftlichen Aushandlung der erneuten wölfischen Präsenz anhand des mit den Leit-Wölfen gesampelten Materials herauszuarbeiten.“ (386)

Insgesamt hätte man der umfang-, kenntnis- und detailreichen Arbeit ein Mehr an Empirie, ein Mehr an Stimmen und Meinungen gewünscht, um der Bevölkerung der Schweiz in ihrem Umgang mit dem multiplen Tier näher kommen zu können. So aber überwiegt Theorie und Methode. Gerade letztgenanntes Kapitel scheint redundant und man glaubt, viel mehr zu Annemarie Mols Umgang mit ihrer Erkrankung erfahren zu haben, als über die kulturellen Aushandlungen mit wölfischer Präsenz. Schließlich spiegelt sich die Distanz auch in Elisa Franks Schlussgedanken, mit dem sie die Leserinnen und Leser entlässt: „Die erneute Präsenz von Wölfen in der Schweiz als einen kulturellen und sozialen Prozess zu untersuchen, ist gerade deswegen interessant, weil hier eine Gesellschaft den Umgang mit etwas aushandeln muss, bei dem sich die an der Aushandlung Beteiligten nicht einig sind, was das, womit ein Umgang gefunden werden soll, überhaupt ist.“ (421)