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Aktuelle Rezensionen


Kerstin Kraft/Birgit Haase in Zusammenarbeit mit Melanie Haller/Julia Bertschik/Viola Hofmann †

Mode – Kleidung – Textil. Kulturwissenschaftliche Grundlegung und Methode

Berlin 2025, De Gruyter, 230 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-11-073700-4


Rezensiert von Melanie Burgemeister
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 25.09.2026

Einer komplexen und wichtigen Aufgabe widmen sich die Autorinnen des vorliegenden Bandes: Sie wollen die Leerstelle einer einheitlichen Methodik der Kleidungs-, Mode- und Textilwissenschaft füllen. Um der Besonderheit des Gegenstandes in seiner Allgegenwärtigkeit gerecht zu werden, wäre solch eine kohärente Methode schon lange wünschenswert. Doch die Forschung zu Kleidung, Mode und Textil in unterschiedlichen Disziplinen bringt immer neue Einzelansätze hervor, die zwar durchaus gewinnbringend sind, aber in ihrer immer wieder neuen Entwicklung von Methoden diffus und thematisch uneinheitlich erscheinen. Nicht zuletzt um die Kleidungs-, Mode- und Textilforschung als Wissenschaft zu verankern und klarer im Verhältnis zu anderen Disziplinen zu verorten, wollen die Autorinnen eine einheitliche, interdisziplinär nutzbare Methode etablieren. Zugleich sollen hierdurch die Voraussetzungen für einen weitreichenden Wissenstransfer geschaffen werden.

Inhaltlich gliedert sich das Buch in vier große Bereiche: Zu Beginn werden in einer Grundlegung Begriffe, Forschungsstand und Fachgeschichte vorgestellt sowie ein Überblick über Material und Methoden gegeben. Im folgenden Abschnitt „Methodenexperiment Film“ analysieren vier Autorinnen einen Kurzfilm aus unterschiedlichen Perspektiven von Literaturwissenschaft, Videografie, historischer Kleidungsforschung und materiell-kulturwissenschaftlicher Analyse. Im nächsten Kapitel wird die zu etablierende Methode beschrieben. Der letzte Abschnitt widmet sich schließlich exemplarischen Anwendungen der Methode anhand von vier Fallstudien über Kleidung des 19. und 20. Jahrhunderts. Erwähnenswert ist das Literaturverzeichnis im Anhang, das nicht nur die zitierten Werke aufführt, sondern einen Überblick über die von den Autorinnen als wichtig für eine Mode-, Kleidungs- und Textilwissenschaft verstandenen Werke bietet und dem zusätzlich eine Liste mit relevanten Ausstellungskatalogen beigegeben ist.

Das Buch ist sowohl ein methodisches Handbuch als auch ein Abriss der Entwicklung und Anwendung der Methode. Es scheint daher sinnvoll, die Aspekte von Theorie und Praxis getrennt zu betrachten: Was die eigentliche Methode angeht, so wird sie relativ knapp auf nur elf Seiten in der Mitte des Buches vorgestellt. Als wichtige Grundlage identifizieren die Autorinnen fächerübergreifende, einheitliche Termini, um Missverständnissen des multidisziplinären Forschens vorzugreifen. So wird vorgeschlagen, von Material, statt von Quellen oder Daten zu sprechen. Damit sind gleichermaßen alle Materialtypen von Objekt über Text und Bild bis zu Videos gemeint. Diese Begriffsverschiebung erscheint hilfreich und griffig, wäre mit einer Konkretisierung als Objekt-, Text- und Bildquellen ebenso denkbar und ist im kulturwissenschaftlichen Kontext bereits etabliert.

Die Methode selbst besteht aus den vier Schritten Ersteindruck, Deskription, Ent-Isolierung und Interpretation und betont die hohe Bedeutung der bewussten Reflexion der eigenen Wahrnehmung der Forschenden sowie der schriftlichen Dokumentation aller Schritte. Es soll eine fächerübergreifende Vorgehensweise etabliert werden, die zugleich weitere spezifische Methoden und Theorien berücksichtigen kann. So neu erscheint dieses schrittweise Vorgehen jedoch nicht. Betrachtet man vergleichend die dreistufige Bildanalyse nach Erwin Panofsky (1892–1968) und besonders die vierstufige Auslegung, wie sie Rolf Wilhelm Brednich bereits im „Grundriß der Volkskunde“ 1988 dargelegt hat, so zeigen sich große Ähnlichkeiten: Es wird eine technische Beschreibung gefordert, das Material isoliert für sich untersucht und später in einen ikonografischen und schließlich kulturwissenschaftlichen Rahmen integriert. Diese Abstufung hätte gut der Ausgangspunkt der beschriebenen Methode sein können. Positiv ist diese Kohärenz dennoch, da so über das Textile hinaus eine übergreifende Methodik der volkskundlichen Objektforschung erkennbar wird und die Anwendung noch breiter rezipiert werden kann. Vielleicht wäre es zielführender, statt einem multidisziplinären Verfahren zunächst solch ein einheitliches Vorgehen für die Objektforschung anzudenken, für das hier eine sehr gute Grundlage gelegt wird. Weitere Bezüge der entwickelten Methodik finden sich in der betonten Anlehnung der hermeneutischen Analyse, durch die Hypothesen im Prozess stetig geprüft und angepasst werden, sowie in der Darstellung der Deskription des Materials als Übersetzungsakt des Forschenden, der sich an Roland Barthes (1915–1980) anlehnt und Kleidung als Sprache sieht. Insgesamt wird das bewusst reflektierende Forschen der Kulturwissenschaft in den Mittelpunkt gerückt und für andere Disziplinen nutzbar gemacht.

Besonders gewinnbringend ist die umfangreiche Grundlegung des Bandes. Ausgehend von der Feststellung, wie stark fächerübergreifend und wenig kanonisiert das Feld der Kleidungs-, Mode- und Textilforschung ist, etablieren die Autorinnen eine „Kartierung des Forschungsfeldes“ (10) und legen die Fachgeschichte in ihrer Breite dar. Auch Material (d.h. Quellen) und Methoden werden intensiv besprochen und über die Grenzen der Empirischen Kulturwissenschaft/Volkskunde hinaus berücksichtigt. Dabei wird insgesamt ein sehr guter Einblick in Forschungsliteratur und Begriffsdiskurse (z. B. zu Kostüm oder Tracht) gegeben, der mit Kritik an einigen Werken durchsetzt ist und so u. a. fehlende Belege aufzeigt, die die Forschung gerade in älteren Arbeiten oft durchzieht. Exemplarisch seien hier die Kostümwerke von Erika Thiel und Ingrid Loschek erwähnt, die in ihrer starken Verkürzung kaum realistische Einblicke in die historische Kleidung ermöglichen. Die klare Benennung von Stärken und Schwächen der vorhandenen Literatur aus verschiedensten Fachbereichen bringt nicht nur einen sehr positiven Lesegenuss mit sich, sondern stellt gerade für den wissenschaftlichen Nachwuchs ein zentrales Hilfsmittel für die Einarbeitung in das Themenfeld dar. Daher ist der erste Abschnitt dieses Buches, der die Grundlegung und Zusammenfassung des aktuellen Standes in einem breit gefächerten Überblick enthält, der beste und wichtigste Teil des vorliegenden Werkes. Er kann jedem, der sich mit Kleidungs-, Mode- und Textilforschung beschäftigt, dringend zur Lektüre empfohlen werden und wird hoffentlich zum Standardwerk.

Betrachtet man die eingeschobenen Praxiskapitel, so widmet sich das erste einem filmischen Methodenexperiment, das als Basis der entwickelten Methodik gelten kann. Hierbei wurde der Kurzfilm „Fashions – Filmed in Paris“ (entstanden 1916–1922) mit rund anderthalb Minuten Länge im Rahmen eines Workshops im Jahr 2019 aus vier Fachperspektiven analysiert. Julia Bertschik eröffnet mit einer literaturwissenschaftlichen Analyse der filmischen Mode in Anlehnung an Roland Barthes, gefolgt von einer Videografie von Melanie Haller, die Körper, Bewegungen und Kleidung im Film untersucht. Es schließt sich eine Bild- und Objektanalyse im Sinne historischer Kleidungsforschung von Birgit Haase zum Detail der Hutfedern im Film an. Abschließend wird von Kerstin Kraft eine Bewertung aus materiell-kulturwissenschaftlicher Sicht vorgenommen. Im Vergleich der vier Verfahren wurden sowohl deutliche Differenzen als auch grundlegende Ähnlichkeiten sichtbar, die aber leider nicht näher beschrieben werden. Diese Analysen bildeten die Basis für die Entwicklung der neuen Methode.

Der zweite Praxisteil widmet sich Fallstudien zur entwickelten Methodik und nimmt rund die Hälfte des Buches ein. Hier werden in zeitlicher Ordnung unterschiedliche Quellengattungen mit der neuen Methode analysiert. Beginnend untersucht Kerstin Kraft ein Kleid aus der Restaurationszeit, das älteste Objekt, und bedient damit den zentralen Bereich der Objektforschung. Es folgt eine Bildanalyse von Birgit Haase von „Les Promeneurs“ von Claude Monet, die hierdurch die Methode an einem ihr gut bekannten Sujet veranschaulicht. Julia Bertschik widmet sich Robert Walsers Kurzprosatext „Hose“ von 1911 aus literaturwissenschaftlicher Sicht und zeigt dabei Interpretation und Bedeutung des Textes in seinem zeitlichen Kontext auf. Interviews mit Schneiderinnen zur Mode der 1950er Jahre stehen im Fokus der Analyse von Melanie Haller und öffnen den Blick auf eine bisher wenig beachtete Quellengattung für die Kleidungsforschung.

In einem knappen Schlusswort betonen die Autorinnen die Notwenigkeit einer sehr hohen Sachkulturkompetenz für die Forschung zu Kleidung, Mode und Textil. Dieses Fachwissen benötigt gerade für die kulturelle Einbettung und Interpretation eine breite Basis, die sich auf die unterschiedlichen Quellentypen von Objekten, Bildern und Texten erstreckt. Dieser Breite passt sich die entwickelte und erprobte Methodik flexibel an. Zentral nötig erscheint den Autorinnen dabei im Sinne von Roland Barthes die Übersetzung der „Kleidersprache“, die nicht von selbst verstanden werden kann. Eine Einführung in diese notwendigen Kompetenzen und Theorien, die den Blick ebenso wie der vorliegende Band über die Fachgrenzen der Volkskunde hinaus werfen, wäre daher ebenso dringend geboten, wie eine einheitliche Methode.