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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Anja Schöne/Peter Knüvener (Hg.)

Fastentücher. Neue Forschungen

Münster 2025, Waxmann, 466 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-8188-0010-9


Rezensiert von Melanie Burgemeister
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 25.09.2026

Seit dem vierten Jahrhundert hat sich die christliche Praxis herausgebildet, kirchliche Altäre während der Fastenzeit vor Ostern zu verhüllen. Hierfür wurde spätestens ab dem zehnten Jahrhundert ein großes Tuch benutzt. Im Lauf der Zeit wurden diese verbergenden Tücher reich mit Bildern geschmückt, gerieten dann jedoch in der Neuzeit in Vergessenheit. Seit den 1970er Jahren werden sie wiederbelebt und erfahren eine Neuinterpretation in modernen Fastentüchern.

Der Band versammelt die Vorträge von zwei Tagungen zu bedeutenden historischen Fastentüchern aus unterschiedlichen Regionen anlässlich der beiden Jubiläen „550 Jahre Großes Zittauer Fastentuch“ und „400 Jahre Telgter Hungertuch“. Das Thema erfuhr dabei breite Beachtung, wie nicht zuletzt die vier abgedruckten Grußworte belegen. Doch nicht nur die historischen Objekte werden untersucht und vorgestellt, auch die modernen Stücke erhalten viel Raum. Die Schwerpunkte liegen zum einen auf zehn Beiträgen zu spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Fastentüchern und zum anderen auf zeitgenössischen Fastentüchern und anderen Verhüllungen, denen sich sechs Aufsätze widmen. Hinzu kommen drei einführende Texte sowie ein Beitrag zu außereuropäischen Fastentüchern am Beispiel von Passionstüchern in Peru.

Einer der bekanntesten Experten für Fastentücher, Reiner Sörries, liefert mit seinem bildreichen Beitrag eine Aktualisierung des Forschungsstandes und damit auch den zentralen und umfangreichsten Beitrag des Bandes. Aktuelle Veröffentlichungen und neue, verlorene und mediterrane Fastentuchlandschaften stellt er ebenso vor wie die Funktion der Tücher. Ferner thematisiert er zeitgenössische Varianten sowie verwandte fastenzeitliche Verhüllungen und Inszenierungen. In seinem umfangreichen Anhang bietet Sörries, ausgehend von seiner Publikation „Die alpenländischen Fastentücher“ von 1988 und der Aktualisierung des Katalogs „525 Jahre Großes Zittauer Fastentuch – und wie weiter?“ von 1997, eine Übersicht aller seitdem neu bekannt gewordenen Fastentücher, wobei der Begriff „alpenländisch“ geografisch nicht mehr zeitgemäß erschien. Von ursprünglich 74 bekannten Fastentüchern ist sein Katalog auf nun 275 Objekte angewachsen, die regional geordnet vorgestellt werden. Ein Schwerpunktgebiet ist Kärnten.

Zuvor bietet Jürgen Bärsch eine Einführung in das Thema und stellt die liturgischen Hintergründe der Ver- und Enthüllung im Kirchenraum vor. Diesen Aspekt greift an späterer Stelle Dominik Meiering in einer veränderten Perspektive auf, der sich den Verhüllungen in der Kunst widmet. Veronika Moos leitet fundiert in die textile Technik hinter den Fastentüchern ein. Ihr geht es vor allem um moderne Stücke im Blickwinkel von Kunstinstallationen.

Die weiteren Beiträge orientieren sich überwiegend an einzelnen Stücken. Diese Objekt- beziehungsweise Bildanalysen fallen meist kurz aus und fokussieren vor allem auf die kunsthistorische und religiöse Einordnung der abgebildeten Szenen. Etwas umfangreicher sind die zwei Beiträge von Rudolf Bönisch und die Analyse von Rudolf Suntrup: Bönisch zeigt für das Fastentuch von Millstatt beziehungsweise aus dem ehemaligen Kloster Arnoldstein von 1593 und ebenso für das kleine Zittauer Fastentuch von 1573 die druckgrafischen Vorlagen auf. In einer sehr gelungenen Übersicht kann er für ersteres die Entstehungszeit der herangezogenen Vorlagen belegen und leistet somit auch einen Beitrag zur Frage nach dem Zeithorizont der Künstler. Suntrup bietet eine umfassende Quellenanalyse für das Telgter Hungertuch von 1623, die über die kunsthistorische Bildanalyse hinausgeht. Er berücksichtigt auch Zeitumstände der Entstehung, Bildprogramm und spirituelles Gesamtkonzept. Etwas zu kurz kommt die Materialität, die die Technik der Filetstopfarbeit auf nur einer halben Seite darstellt. Im Fokus steht die Spiritualität am Beispiel des Isaakopfers.

Detaillierte Materialanalysen, die sich stärker auf die textile Thematik konzentrieren, sind gerade bei den historischen Stücken selten. Besonders hervorzuheben ist der sehr lesenswerte Beitrag von Dörte Busch und Ivo Mohrmann, in dem es um die Technik der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Tüchleinmalerei geht. Anhand der Anfertigung von zwei maltechnischen Kopien eines Gemäldes um 1500 werden sowohl der Bildträger und seine Bespannung wie auch die Unterzeichnung und das Malen mit Pergamentleim und Vollei vorgestellt und deren Rekonstruktion erläutert. Zudem finden sich Detailinformationen zur Herstellung des Leims nach historischen Rezepten und zum Malprozess mit den verwendeten Pigmenten.

Ebenfalls weniger auf den bildsprachlichen Inhalt, sondern auf das Objekt in seiner Existenz konzentriert sich Bettina Niekamp. Sie schildert ausführlich die Restaurierungsgeschichte des Großen Zittauer Fastentuchs und damit zugleich die Entwicklung der Textilrestaurierung nach 1945. Es stehen sowohl Material- und Objektgeschichte als auch die nötige Pionierarbeit in dieser neuen Sparte im Fokus. Die Autorin vermittelt dabei ein Gefühl für die bewegte Geschichte des Objekts sowie Kenntnisse über dessen Konstruktion und Fertigungstechnik – sowohl im Original als auch in der Restaurationsarbeit.

Insgesamt vereint der Band viele eher knappe Beiträge, die einen überblicksartigen Einstieg in die Thematik anhand von Gestaltung und Bedeutung der Objekte ermöglichen. Ergänzt werden sie durch einige ausführliche Studien, die anhand einzelner Exemplare tiefer in die Bildgeschichte vordringen. Erfreulich ist die durchweg umfangreiche Bebilderung, die einen sehr guten optischen Eindruck der historischen und modernen Fastentücher ermöglicht. Im Fokus stehen religiöse und kunsthistorische Bedeutungen. Aus textilhistorischer Sicht kommt dagegen die Materialität der historischen Objekte oft zu kurz. Da über die Herstellung und historische Nutzung nur wenig bekannt ist, ist diese Lücke auch schwer zu schließen, was zeigt, wie wichtig weitere Forschung zum Thema ist.