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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Tobias Engelsing

Maskeraden. Fasching, Fasnacht und Karneval am Bodensee. Eine kritische Geschichte

Ostfildern 2025, Jan Thorbecke, 255 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-7995-2120-8


Rezensiert von Karin Bürkert
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 25.09.2026

Thomas Engelsings Band „Maskeraden. Fasching, Fasnacht und Karneval am Bodensee“ kann mit den bereits existierenden Prachtbänden zur Geschichte der Fastnacht im Südwesten in Umfang und Gestaltung ohne Zweifel mithalten. Erstmals legt er aber eine „kritische Geschichte“ vor, die sich vom „gewohnten Eigenlob der organisierten Narretei“ unterscheidet – wie es auf dem Klappentext heißt.

Der erste Eindruck ist bunt, ein bisschen wild, ganz dem Thema angemessen. Doch Engelsings Geschichte der Fastnacht am Bodensee ist nicht nur reich bebildert, sondern wirft auch inhaltlich einen umfangreich informierten und eben kritischen Blick auf das närrische Treiben rund um den Bodensee. Der Katalog begleitet die Ausstellung „Maskeraden. Als die Fasnacht noch Fasching hieß“, die vom 17. Mai 2025 bis zum 11. Januar 2026 in Konstanz im Kulturzentrum am Münster zu sehen war. Ausgerichtet wurde sie vom Rosgartenmuseum, einem der vier Städtischen Museen in Konstanz, deren Direktor Engelsing ist. Damit saß er direkt an der Quelle einer umfangreichen Sammlung, von der diese beeindruckend gestaltete Publikation lebt, für die Engelsing mit seinen Mitarbeitenden Daniela Schilhab und Simon Götz aber auch eine umfassende Archivrecherche bei zahlreichen Narrenzünften, in Museen und Stadtarchiven betrieben hat.

Der Katalog ist ein wichtiger Beitrag zur Historie der regionalen Fastnacht. Die Erkenntnisse lassen sich auf viele Facetten von Fastnacht und Karneval im Allgemeinen übertragen, weil die Geschichte der „Maskeraden“ vielerorts in ähnlichen Konjunkturen verläuft, wie sie Engelsing seit dem 18. Jahrhundert nachzeichnet. Am regionalen Beispiel „entlarvt“ er dabei Mythen, die in der Praxis gern am Leben gehalten werden. So belegt seine Geschichte zum Beispiel, dass die Fastnacht keineswegs nur als wildes Winteraustreiben von Bauern und Handwerksgesellen denkbar ist, sondern um 1770 in den Maskenbällen der hohen Stände um Kaiserin Maria Theresia einen ihrer Höhepunkte erfährt und dabei von venezianischer Mode diktiert wurde. Erst nach der großen Hungersnot 1816/17 kam in Stockach langsam wieder die Straßenfastnacht auf – nicht, ohne einen Umweg über das gehobene Bürgertum zu nehmen. Das Aufbegehren des „kleinen Mannes“ gegen „die da oben“ ist der Fastnacht also keineswegs eingeschrieben, ebenso wenig wie die viel beschworene Gleichheit aller unter ihren Masken und Kostümen.

„Maskeraden“ ist das erste Werk, das sich derart umfassend mit der problematischen, dunklen Geschichte der Fastnacht befasst. Immer entlang der zeitgeschichtlichen, politischen und gesellschaftlichen Ereignisse und Strömungen zeigt Engelsing die rassistischen, kolonialistischen, nationalsozialistischen, frauenfeindlichen und allgemein ausgrenzenden Facetten der Fasnet auf. So beschriftet Engelsing das Bild einer Ordensverleihung eines Elferrats an eine leicht bekleidete Dame: „[G]leich küsst er die junge Frau, ob sie will oder nicht“, und schlussfolgert: „Das Frauenbild […] erscheint allen Emanzipationserfolgen zum Trotz zuweilen wie aus der Zeit gefallen. Folgerichtig haben auch sexuelle Übergriffe von Männern auf der Straßenfastnacht und in Saalveranstaltungen vielerorts unbeschadet überlebt.“ (134) Auch der Ausgrenzung der Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus widmet Engelsing ein großes Kapitel: Aus den Saalveranstaltungen verschwindet die Jazzmusik (161), die letzten verbliebenen Jüdinnen und Juden in Singen werden mit dem Themenwagen „Der Judenfresser“ bedroht (187). „Und wie verhielten sich die Narren, die so stolz waren auf ihre Narrenfreiheit? Sie hielten am nächsten […] Abend nach dem Pogrom ihre bunten Abende ab, als sei nichts geschehen.“ (191) Diese Ausgrenzung war nicht neu, machten sich die Narren schon in der Kolonialzeit über die Schwarzen lustig (114–115), wie überhaupt kulturelle Aneignung immer wieder Thema der Kostüme war (106–107). All diese Ausgrenzungsmechanismen schildert Engelsing ausführlich und bettet sie in die Zeitgeschichte ein. Damit macht er zwar seine Haltung deutlich, liefert aber auch analytische Ansätze, diese finsteren Momente zu verstehen. Und weil „Maskeraden“ ein sehr ausgewogenes Buch ist, arbeitet Engelsing auch umfangreich die rebellischen und systemkritischen Seiten der Fastnacht heraus, seien es die Gründungsmitglieder der Radolfzeller Narrenzunft „Narrizella Ratoldi“, die 1848 „in die revolutionären Bewegungen dieser Tage direkt involviert“ (43) waren, sei es die „‚Tanzwut‘ gegen ‚alte Bräuche‘“, mit der sich die Narren in den 1920er Jahren mit der Obrigkeit anlegten (137–140). Engelsing gelingt es also, die Verquickung der Fastnacht mit dem jeweiligen Zeitgeist umfangreich, gut belegt und spannend darzustellen.

Dabei bedient er sich einer angenehmen, gut lesbaren Sprache, ohne dabei reißerisch oder platt zu sein. Denn das Buch richtet sich vor allem an die Ausstellungsbesucherinnen und ­besucher der Region, an Brauchpraktizierende, an Närrinnen und Narren und damit an diejenigen, die es betrifft und die etwas aus dieser Geschichte mitnehmen sollen. Engelsing schreibt diese kritische Geschichte so leicht und mitreißend, dass sich niemand abwenden kann – und das ist ein großes Verdienst des Buches. Dazu trägt auch Siegrun Nuber bei, die das Buch bunt, ansprechend und interessant gestaltet hat und dabei die zahlreichen Abbildungen und Fotografien so entlang des Textes platziert hat, dass nirgendwo eine „Textwüste“ entsteht. Vielmehr begleitet die Bebilderung den Text sinnvoll und informativ und gibt einen reichhaltigen Einblick in die Sammelstücke des Rosgartenmuseums. So ist „Maskeraden“ gleich zweierlei: ein Buch zum vertieften Lesen und eines zum unterhaltsamen Drin-Blättern.

Allerdings können Engelsings Sprache und die zahlreich aufgeführten Belege in Wort und Bild für reflektierte Lesende auch problematisch erscheinen. Sie stoßen immer wieder auf Begriffe, die wie das „N-Wort“ (105) sowie auf ungefilterte Abbildungen, die kulturelle Aneignung und Rassismus transportieren (106–111). Werden auf diese Weise die kritisierten Inhalte nicht wieder perpetuiert und verstärkt? Die Bilder und Zitate können ohne eine Triggerwarnung oder eine sprachliche Reflexion zu Beginn des Buches durchaus verstörende Wirkungen haben. Andererseits positioniert sich Engelsing in seinem Buch sehr deutlich und nennt Rassismus, Sexismus und kulturelle Aneignung ebenso beim Namen, wie er diese problematischen Begriffe aufzeigt (die er übrigens immer in distanzierende Anführungszeichen setzt) und an Originalzitaten belegt. So problematisch und seinerseits kritikwürdig diese Arbeitsweise ist, auf diese Art erreicht das Buch genau diejenigen, die aus der Geschichte ihre Lehren für die Gegenwart ziehen sollen.