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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Michaela Breil/Sophie Buscher/Karl Borromäus Murr (Hg.)

Dirndl Mode Geschichte. Studien zu Historie und Praxis eines wandelbaren Kleids. Katalog zur Ausstellung „Dirndl - Tradition goes Fashion“ vom 4. April - 19. Oktober 2025

Augsburg 2025, Textil- und Industriemuseum-Augsburg, 144 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-9821727-6-7


Rezensiert von Esther Gajek
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 25.09.2026

Nach den Publikationen zu „Ware Dirndl“ (2021) über die Firma Rhomberg und „Dirndl. Tradition goes Fashion“ (2021/22), dem Katalog der gleichnamigen Ausstellung in Bad Ischl 2021/2022, die von Thekla Weissengruber vom Oberösterreichischen Landesmuseum in Linz kuratiert worden war, erscheint im Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg eine weitere Veröffentlichung. Sie heißt „Dirndl goes Fashion“ und bildet den Begleitband zur teil übernommenen, teil erweiterten Ausstellung aus Linz. Die zehn Autorinnen und Autoren werfen Schlaglichter auf Objekte, Firmen, Ideologien, Zuschreibungen, Stoffe, Trachten-Erneuerung und Festtagsmode, jeweils exemplarisch und mit dezidiert historischen Bezügen. Sie weiten den Kosmos des Dirndls, das „quasi ‚von unten‘ in höhere Gesellschaftsschichten […] aufgestiegen ist“: ein „wirklich demokratisches Kleidungsstück“ (54).

Einige der allesamt lesenswerten Beiträge seien hervorgehoben: Simone Egger, die seit ihrer Monografie zur „Wiesntracht“ von 2008 als gefragte Expertin gilt, deutet die gut hundertjährige Geschichte des Dirndls an. Dieses Kleidungsstück sei Ende des 19. Jahrhunderts in Zeiten des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbruchs als Projektionsfläche von Städterinnen und ihren Sehnsüchten nach einer heilen Welt entstanden. Sommerfrischlerinnen trugen im Urlaub Dirndl, eine stilisierte Form der ländlichen Alltagskleidung, und ließen sich darin gerne fotografieren. „Das Dirndl war von Anfang an kein beliebiges Kleidungsstück und reichte über seine textile Beschaffenheit weit hinaus. Dabei kam der Gestimmtheit der Trägerin in den Ferien […] eine entscheidende Rolle zu.“ (11) Die Dirndl-Entwicklung sei in den folgenden Jahrzehnten gekennzeichnet gewesen von der Vielfalt an Bedeutungen, von Ideologisierung, aber auch von spielerischer Aneignung: ein „offenes Angebot in einer postmigrantischen, viel bewegten Welt“ (18).

Der Leiter des Augsburger Museums, Karl Borromäus Murr, deutet in „Das agrarromantische Versprechen von Authentizität“ (20) die Geistesgeschichte des deutschen Konservatismus im 19. und 20. Jahrhundert an: Die Verklärung des Landlebens durch das Bürgertum lässt Heimatmuseen, -vereine und -pflege entstehen. Hier herrscht eine konservative Stimmung, die das vermeintlich „Authentische“ beschwört und erhalten will. Auch die Gründung der Gebirgstrachtenvereine und „Volkstheater“, die um 1900 vor allem für Touristen spielen, zeige diese Entwicklungen. Mit der Agrarromantik gingen „Antiintellektualismus, Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus“ (24) einher. Tendenzen des Konservatismus des 19. Jahrhunderts ließen sich bis in die Gegenwart finden, sei es, wohl organisiert, in den Trachtenvereinen, sei es in individuellen Motiven der Trägerinnen und Träger der „Wiesntracht“, wie es aus den Interviews von Simone Egger hervorgegangen sei.

Monika Ständecke, freiberufliche Kulturwissenschaftlerin und Schneiderin, führt am Beispiel von „Wallach“ den Werdegang der namengebenden Firmengründer vor, die durch großen Erfolg und – nach 1933 – von Arisierung, Ermordung und Exil betroffen waren. Das von Julius Wallach 1906 aus dem Tiroler Brixental mitgebrachte „Trachtenkostüm“ und dessen Weiterentwicklung als Dirndl-Kleid durch Max Wallach legte den Grundstein für den Erfolg, der über München und Berlin bis nach Paris zum französischen Modeschöpfer Paul Poiret reichte. Dem Kundenkreis gehörten bürgerliche wie adlige Sommerfrischler genauso wie die Künstlerkreise in Berlin an. Konfektion und Versand trugen zum Erfolg bei; die Preise variierten von 21,- bis 175,- Mark. Dirndl galten in den 1920er Jahren schon bald als „Deutsche Tracht“, und deren Kauf wurde zum Zeichen für eine vaterländische Entscheidung in Zeiten wirtschaftlicher Knappheit gedeutet. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann Max Wallach von den USA aus wieder mit dem Betrieb von „Wallach-Haus“ und „Wallach-Werkstätten“; beide bestanden bis 2004.

Die Linzer Kulturwissenschaftlerin Thekla Weissengruber widmet sich dem „Dirndl in der Tracht“. Sie unterscheidet dezidiert, was in der Alltagssprache oft vermischt wird. Mit Dirndl und Tracht seien „zwei Begriffs- und Wirklichkeitssphären“ verbunden. Tracht beinhalte „Tradition, Region und Gemeinschaft“ (46), sei aber oft ein Konstrukt, das mit „politischen, identitätsstiftenden und wirtschaftlichen Triebfedern“ (46) in Zusammenhang stehe. Das Dirndl, mit Vorläufern seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nachweisbar, tauche um 1900 in Modezeitschriften auf. Zur gleichen Zeit hätten sich bürgerliche Autoren dem „Wildwuchs“ und den „modischen Maskeraden“ in den zeitgenössischen Trachten zugewandt; in den 1930er Jahren kam es mit der „Trachtenerneuerung“ zu einer Ideologisierung und Politisierung der Tracht hin zu „altem Ahngut“ (48). Max Kisslinger (1895–1983) entwarf neue Werktagstracht und mahnte an: „Der Name ‚Dirndl‘ ist eine Erfindung jüdischer Konfektionäre [wohl eine Anspielung auf die Firma Wallach, E.G.] und sollte aus dem Sprachgebrauch verschwinden.“ (50) Die „Mittelstelle Deutsche Tracht“ nahm 1939 unter Gertraud Pesendorfer ihre Arbeit der Trachtenerneuerung im gesamten Deutschen Reich auf und entwickelte eine „bodenständige deutsche Tracht“ (51). Diese war regionalspezifisch und an (pseudo-)historischen Vorbildern orientiert. Schneidermeisterinnen, die an der „Pesendorfer-Schule“ gelernt und gewirkt hatten, waren noch bis in die 1990er Jahre hinein tätig. Weissengruber resümiert: „Die angeführten Beispiele zeigen, dass sich ein zeitgemäßes Kleidungsstück, das einen glokalen Code in sich trägt, für politische Zwecke missbrauchen ließ, aber auch die Basis für eine großangelegte Volkstumspflege bis in die Gegenwart bildet. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zielte ein Großteil der Bemühungen darauf ab, die einstige Trennung zwischen Tracht als Beispiel regionalspezifischer Kleidung und Dirndl als modischer Variante einer nicht eindeutig zuweisbaren regionalspezifischen Kleidung aufzubauen und aufrechtzuerhalten.“ (54)

Der Beitrag der Augsburger Kulturwissenschaftlerinnen Ina Hagen-Jeske und Sabrina Schwarz-Klein befasst sich mit den Anfängen des Tragens von „Tracht oder volkstümlicher Kleidung“ auf dem Augsburger Plärrer. Schausteller des großen örtlichen Volksfestplatzes riefen 2006 zum Trachttragen auf und gewährten Rabatte und Gratis-Fahrten für „Trachtler“. Erst um 2015 zeigten sich größere Erfolge, vor allem unter der Jugend. Der „Volksfesttracht“ folgte die Trachtenmode als Festtagskleidung, vor allem bei Hochzeiten. Interviews mit Ladeninhaberinnen und Trägerinnen offenbaren ein weites Spektrum von Motiven für das Tragen zwischen Erinnerungen an Ferien in den Bergen bis hin zu ästhetischen Motiven.

Die Sammlungsleiterin „Tracht, Gwand, Mode“ des Bezirks Oberbayern in Benediktbeuern, Lea Sophie Rodenberg, stellt in Kurzform ihr Dissertationsthema vor: die Trachtenerneuerung rund um die Olympischen Spiele von 1972. Die von Vera Grosse-Wilde aus dem Gestalterteam um Otl Aicher entworfenen Kleidung der Hostessen, die Dirndl, waren in den Farben der Bayerischen Raute gehalten und fielen kurz und modisch aus. Demgegenüber standen verschiedene regionalspezifische, trachtenerneuerte, mehrfarbige Dirndl der Hostessen, die die Medaillen an verschiedenen Orten bundesweit verliehen. Interessanterweise wurden sie von einer Schneidermeisterin entworfen, die auch an der „Mittelstelle Deutsche Tracht“ der NS-Zeit tätig gewesen war und dort sehr geprägt wurde: Brigitte Bogenhauser-Thoma. So kommt es, dass die Kleidung der Olympischen Spiele von 1972 „die Widersprüchlichkeit der kulturellen Identität Deutschlands in einer Zeit des Wandels“ (76) enthält. Denn im Gegensatz zu der Olympiade von 1936 sollten die Spiele von 1972 als besonders weltoffen und tolerant gelten. Es sind die Feinheiten, die gerade diesen Beitrag inhaltlich lesenswert machen – schade nur, dass die Redundanz der Argumentation und mehrere doppelt gedruckte Abschnitte die Lektüre erschweren.

Mehr als ein Drittel des Bandes nimmt der titelgebende Aspekt der Mode ein. Sophie Buscher, Mitherausgeberin und Referentin für Bildende Kunst bei der Kultur- und Heimatpflege des Bezirks Schwaben, stellt in elf Kapiteln einzelne Personen, Firmen oder Institutionen vor, die Couture-Dirndl fertigen: kunstvolle und oft handgenähte Unikate, die Dirndl-Elemente, also Rock, Mieder, Bluse oder Schürze, virtuos variieren und neu interpretieren und einen modernen „Dirndl-Look“ (114) erzeugen. Die Textbeiträge, jeweils eine Seite mit biografischen Angaben und einer Charakterisierung der typischen Stilelemente, werden ergänzt durch seitenfüllende, äußerst ästhetisch inszenierte Fotografien der Kleidungsstücke und deren Details. So kommen die Rückgriffe in Schnitten, Handwerkstechniken und einzelnen Bestandteilen gut zur Geltung und die Tradition im Wandel wird sichtbar.

Zehn Seiten Literaturverzeichnis, doppelspaltig gesetzt, bilden den Abschluss des ästhetisch wie inhaltlich runden Bandes.