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Tabea Buri

Wie die Dinge zusammenkamen. Die europäische Sammlung im Museum der Kulturen Basel 1900–1936

Basel 2024, Schwabe, 296 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-7965-5002-7


Rezensiert von Esther Gajek
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 25.09.2026

Wie gelangten Dinge in ein Museum? Was war wert, aufgehoben zu werden? Wie vollzog sich die Selektion? Welche Kriterien waren bestimmend? Dies sind einige der vielen Fragen, die sich Tabea Buri in ihrer Dissertation am Beispiel des Objektbestandes „Europa“ des heutigen Museums der Kulturen in Basel für die Zeit von 1900 bis 1936 unter Eduard Hoffmann-Krayer (1864–1936) gestellt hat. Die Dissertation wurde von Konrad Kuhn und Martin Lengwiler betreut.

Der Autorin, Kuratorin der Abteilung Europa und damit indirekte Nachfolgerin des Sammlungsbegründers, geht es um die Gemengelage zwischen „Kontexten, Dingen und Personen“ (15). Deshalb verortet sie ihre Untersuchung in der Akteur-Netzwerk-Theorie von Bruno Latour und ergänzt diese mit dem Konzept des Ding-Itinerars von Hans-Peter Hahn und Hadas Weis, das den „Weg [des Objektes, E.G.], der durch die Umgebung ermöglicht und geformt wird,“ (15) mitberücksichtigt. Dies mündet in sechs Hauptkapitel und 21 mehrseitige Spurensuchen zu einzelnen Objekten, die den Band durchziehen. Gestalterisch durch andersfarbige Seiten abgesetzt und fotografisch festgehalten, führt Tabea Buri hier vor, „inwiefern die in den Kapiteln beschriebenen Mechanismen miteinander, gegeneinander oder einfach gleichzeitig wirkten“ (19). Allein die Lektüre dieser Ding-Geschichten lohnt sich. Selten existieren für Museumsobjekte derart dichte Informationen.

Die Grundlage des Bandes bildet ein erhaltener, bisher unbearbeiteter Quellenbestand: die Sammlungsakten (für ein Drittel der 1478 relevanten Objekte waren diese noch vorhanden), das Einlaufbuch des Museums mit handschriftlichen Bemerkungen von Eduard Hoffmann-Krayer, Briefe an und von Hoffmann-Krayer, Protokolle von Kommissionssitzungen, Jahresberichte des Museums, Artikel in zeitgenössischen Fachzeitschriften, Ausstellungsfotos und -führer wie auch ausführliche Angaben zu den Objektprovenienzen und Listen mit den Donationen museumsaffiner Bürger. Auf dieser Basis identifiziert die Autorin sechs Charakteristika, die im Wechselspiel miteinander die Sammlung modelliert haben. Sie bilden die Kapitel des Hauptteils.

Zunächst geht es um die eher zufälligen, aber euphorisch betriebenen Sammlungsbemühungen und wie sich in ihnen Zeitgeist spiegelt. Bestimmend war um 1900 die Idee von Entwicklungsstufen, was zur Suche nach „Primitivem“ (27) führte. Hoffmann-Krayer bediente sich hier einer Begrifflichkeit aus den damals gängigen Forschungsrichtungen des Evolutionismus und der Rassenkunde. Dies geschah, wie Tabea Buri darstellt, vor allem aus strategischen Gründen, um die neue Sammlung am damaligen Museum für Völkerkunde zu positionieren. Das Paradigma sah „Ur-Typen“ vor, die es zu finden galt, besonders in abgelegenen Alpentälern oder – wie Hoffmann-Krayer es formulierte – in „weltverlassenen Winkeln“ (63). Auch das Darstellen von Entwicklungslinien oder Serien, wie aus den Naturwissenschaften bekannt, gehört in diesen Zusammenhang. Hier Bestände anzulegen, gelang Hoffmann-Krayer für einzelne Themen (z. B. Lampen), jedoch nicht flächendeckend. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Sammlung zwar in einem starken Wechselspiel von Wissenschaftsdiskursen, Institutionen, gesellschaftlichen Veränderungen und individuellen Interessen entstand, aber auch von Zufällen, Finanzen und entsprechenden Angeboten abhängig war. Gerade beim Sammlungsbereich des „Aberglaubens“ werde deutlich, so Buri, „wie wichtig die Ränder und Überschneidungen bestehender Kategorien waren. Die Disziplin der Volkskunde war im Entstehen begriffen und entsprechend in ihrer Abgrenzung noch formbar.“ (56)

Das nächste Kapitel handelt von der anspruchsvollen Aufgabe der Finanzierung der Sammlungstätigkeiten durch das Aktivieren von Netzwerken. Hoffmann-Krayer, selbst aus einer großbürgerlichen Familie in Basel stammend, konnte in reichem Maß auf Verwandte und Bekannte zurückgreifen, wie Tabea Buri durch ihre gründliche Recherche herausgefunden hat. Ihnen schrieb er, sich selbst als „lästiger Bettelsack“ (75) bezeichnend, immer wieder Bittbriefe um Geld. Die im Anhang befindliche Liste der Geldgeberinnen und Geldgeber mit Höhe der Geldsumme pro Jahr liest sich nicht nur wie ein „Who’ who“ des Basler Großbürgertums, sondern auch wie ein Verzeichnis von Verwandten des Sammlungsgründers und dessen Frau. In den Objekt- wie Geld-Donationen an das Museum spiegele sich das Selbstverständnis der Basler „als ‚opferwillige‘ Unterstützer*innen wissenschaftlicher Institutionen der Stadt“ (266) wider. Auch Hoffmann-Krayer selbst, als Angehöriger dieser Schicht, ist immer wieder mit Zahlungen aus seinem Privatvermögen eingesprungen, um Ankäufe zu tätigen.

Im Anschluss geht es Buri darum, den Aufbau und die Pflege von Beziehungen darzustellen, die für Hoffmann-Krayer nötig waren, um an Objekte zu gelangen. Fünf Fallstudien führen vor, wie dies im Detail geschah – sei es durch Informantinnen in der Region, Händler und Sammlerinnen wie Sammler, sei es (erwartbar) durch eine Anzahl (groß-)bürgerlicher Donatorinnen und Donatoren aus Basel, aber auch durch bisher unbekannte Personen wie den „Museumsdiener“ und seine Frau, eine Hotelangestellte, einen „Fahrenden“ und namenlose Kinder. Dadurch kamen Objekte ins Museum, die zum Beispiel aus der Arbeiter- und Handwerkerschicht stammten. Ebenso wird deutlich, dass bei dem Zustandekommen der Sammlung auch ein ganz anderer Personenkreis im Spiel war, der bisher unsichtbar war, also nicht in Jahresberichten oder auf Objektbeschriftungen auftaucht. So seien auch hier Statusunterschiede reproduziert und gefestigt worden.

Welche Werte gelten für Objekte und wie werden diese ständig neu ausgehandelt, ist Thema des fünften Kapitels: Ist es deren Vergänglichkeit, deren Überflüssigwerden, deren Echtheit oder Alleinstellung, die Dinge aufhebenswert macht? Welchen materiellen Wert haben die Objekte? Und was gerät, zum Beispiel aus religiösen Gründen, nicht in den Handel, ist unveräußerbar? Auch hier gelingt es Tabea Buri durch die intensive Materialdurchdringung zu neuen Ergebnissen zu kommen, indem sie beispielsweise den regen Tauschverkehr der Museen untereinander belegen kann oder wie herrschende Vorstellungen einerseits zum Tragen kamen, andererseits aber auch verändert wurden: Wenn etwa keine Originale mehr vorhanden waren, ließ man sie nachbauen; als die Urbanisierung mehr in den Fokus kam, begann man in der Großstadt statt auf dem Land zu sammeln; nach der Vergangenheit wandte man sich auch der Gegenwart zu.

Der Erste Weltkrieg hatte für den Sammlungsbestand große Folgen wegen eingeschränkter finanzieller Mittel. Inhaltlich eröffnete er ein neues Feld, die so genannte schriftlich erfragte Soldatenvolkskunde, verbunden mit dem Sammeln von Objekten mit Kriegsbezug. Der Krieg führte ebenfalls dazu, den Sammlungsbestand auf weitere Regionen wie Serbien und Mazedonien auszudehnen.

Hoffmann-Krayer sah in Objekten „Hilfsmittel auf dem Weg zur Erkenntnis geistiger Betätigungen“; er „interessierte sich für die menschliche Nutzung, die Interpretation und sprachliche Einbettung der Dinge“ (231). Das letzte Kapitel des Hauptteils ist den Materialitäten beziehungsweise der „Eigenmacht“, die mit Objekten verbunden ist, gewidmet. Die Dinglichkeit barg für die Museumsleute große Herausforderungen, auf die sie sehr individuell reagieren mussten, sei es in Hinsicht auf deren Gewicht (Mörser aus Stein), auf ihren Zerfall (Lebensmittel, die für bestimmte Feste hergestellt wurden), ihren (beißenden) Geruch, ihre Wirkmächtigkeit (Amulette) oder ihre adäquate Unterbringung. Gerade letztere bereitete über Jahrzehnte große Probleme.

Die Arbeit von Tabea Buri ist mehr als eine überzeugende Darstellung der Basler Museumspraxis im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Hier geht es um Positionen im Kleinen, vor allem aber um die großen Entwicklungen der Volkskunde in der Schweiz, ihr Selbstverständnis, ihre Akteurinnen und Akteure am und um das Museum wie an der Universität. Was die Dissertation außerdem kennzeichnet, ist eine durchdachte und pointierende Argumentation sowie das enge Arbeiten am Material aus dem Archiv wie dem Depot. Tabea Buri misst den Dingen einen hohen „Aufforderungscharakter“ (268) bei. Die vorbildliche Untersuchung führt exemplarisch die Komplexität der Entstehung einer bestimmten Sammlung vor und blickt weit darüber hinaus: Sammlungen entstehen, so fasst die Autorin zusammen, nicht als planmäßiges Vorgehen, sondern sind immer mit „logistischen Herausforderungen, menschlichen Emotionen und politischen Bedingungen konfrontiert […]. Wenn wir Sammlungen als Ort der Wissensproduktion verstehen, bedeutet das in der Konsequenz, dass Wissen aufs Engste mit Faktoren des alltäglichen Lebens gekennzeichnet ist.“ (267)

Tabea Buri hat mit ihrer Dissertation den Maßstab für Veröffentlichungen zu anderen Museen geschaffen. Mögen diesem Band viele ähnlich hochwertige folgen!