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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Marina Jung

Stadtplanung, Altstadtsanierung und Denkmalpflege in Amberg 1945–1974

Straubing 2025, Attenkofer, 368 Seiten, zahlreiche Abbildungen


Rezensiert von Clemens Knobling
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 25.09.2026

Der tiefgreifende Umbau vieler deutscher Städte in den Nachkriegsjahrzehnten wird gemeinhin unter den Begriffen der Stadt- oder Altstadtsanierung zusammengefasst. Diese zeitgenössisch wie historiographisch gebräuchlichen Bezeichnungen können aus heutiger Sicht jedoch in die Irre führen: Was als Sanierung bezeichnet wurde, bedeutete vielfach weniger die behutsame Instandsetzung und Weiterentwicklung des überlieferten Bestandes als vielmehr die strukturelle Neuordnung der betroffenen Stadtquartiere. Damit gingen nicht selten großflächige Abbrüche, Straßendurchbrüche sowie weitreichende Eingriffe in die Parzellenstruktur einher, die den Maßstab und das Erscheinungsbild der historischen Städte veränderten.

Marina Jung nimmt in ihrer nunmehr in Buchform vorliegenden Dissertation mit Amberg eine Stadt mittlerer Größe in den Blick, deren historischer Baubestand den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet überstanden hatte. Amberg steht damit beispielhaft für Städte, in denen Bestrebungen nach städtebaulicher Neuordnung und Modernisierung an einem weitgehend intakten historischen Stadtgefüge ansetzten. Jung zeichnet die Entscheidungsprozesse und Rahmenbedingungen nach, unter denen die Eingriffe in Amberg zustande kamen. Ihre Dissertation entstand bei Wolfgang Schöller in Regensburg, dessen Untersuchung zur Stadtplanung und Denkmalpflege in Regensburg von 1950 bis 1975 auch die Rolle gesellschaftlicher Akteure berücksichtigt. An diesen Ansatz knüpft Jung nun mit der Untersuchung von Amberg an. Sie sieht in beiden Arbeiten eine Grundlage für weitere Studien zu Stadtplanung und Denkmalpflege nach 1945 (S. 8). Die Untersuchung ist in drei Zeitabschnitte gegliedert: 1945 bis 1959, 1960 bis 1969 und 1970 bis 1974. Für jeden Abschnitt stellt Jung zunächst die politischen und stadtgesellschaftlichen Verhältnisse dar, behandelt anschließend die Verkehrsplanung und schließlich die Altstadtsanierung und Denkmalpflege. Diese wiederkehrende Gliederung macht Veränderungen der Planungsziele und Handlungsspielräume nachvollziehbar.

Die ersten Nachkriegsjahre waren durch die Aufnahme zahlreicher Flüchtlinge, erhebliche Wohnungsnot und geringe kommunale Mittel geprägt. Der Generalbaulinienplan von 1913, der sogenannte Hansen-Plan, bildete einen Ausgangspunkt für städtebauliche Planungen. 1946 beauftragte die Stadt zudem den Augsburger Architekten Adolf Muesmann mit einer weiteren Planung, die auch der wirtschaftlichen Entwicklung Rechnung tragen sollte. Zugleich rückten Verkehrsfragen in den Vordergrund. Obwohl man betonte, dass ihre Lösung dem historischen Stadtbild nicht schaden dürfe (S. 34), griff die Stadt etwa mit der Auflage zum Einbau von Arkaden für Fußgängerwege in bestehende Häuser ein. Jung erläutert die Auseinandersetzungen darüber am Beispiel der Kreissparkasse am Marktplatz. Auch der Parkplatzmangel und der Ausbau der Ringstraße am Stadtgraben blieben über den ersten Untersuchungsabschnitt hinaus eine Herausforderung für die städtischen Planer. Für den Umgang mit der Altstadt zeichnet Jung in diesem ersten Untersuchungsabschnitt ein durchaus heterogenes Bild. Einerseits versuchte die Stadt, im Rahmen ihrer Möglichkeiten notwendige Sanierungsmaßnahmen zu fördern. Andererseits konnte der Verlust stadtbildprägender Baudenkmale (z.B. Herrnstraße 1) nicht verhindert werden. Für den Erhalt der Denkmale setzten sich in der Folge der Historische Verein unter Joseph Schmitt und der Heimatpfleger Hans Jungwirth ein. Auch wenn die Stadt deren Anregungen teils aufgriff, zeigt Jung am Beispiel eines geplanten und schließlich verhinderten achtstöckigen Gebäudes am Schrannenplatz, wie wichtig fortwährendes bürgerschaftlichen Engagement für die Pflege des Amberger Stadtbildes war.

In den 1960er Jahren blieb der städtische Haushalt weiterhin angespannt. Investitionen in Krankenhaus und Berufsschule banden erhebliche Mittel. Zugleich ermöglichte das „Demonstrativprogramm“ des Bundes den Bau der überregional beachteten Wohnanlage St. Sebastian. Die Verkehrssituation blieb angespannt, auch der Parkplatzmangel verschärfte sich zunehmend. Das Augenmerk zur Lösung dieser Probleme legte sich zunehmend auf den Ausbau der Ringstraße. Zur Bearbeitung der Verkehrsprobleme zog die Stadt unter anderem den umstrittenen Verkehrsplaner Kurt Leibbrand hinzu. An der Debatte über großflächige Schaufenster und am Streit um das zwischenzeitlich wegen Baumängeln geschlossene Stadttheater zeigt Jung, wie unterschiedlich Modernisierungsbedarf und Denkmalwert nach wie vor gewichtet wurden. Oberbürgermeister Steininger fragte öffentlich, „wo eigentlich die Grenze liege, an der der Denkmalschutz einfach aufzuhören habe“ (S. 166). Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) setzte sich erfolgreich für den Erhalt des Theaters ein, in anderen Fällen konnte es sich jedoch nicht durchsetzen. Besonders deutlich traten die widerstreitenden Interessen hervor, als ein Münchner Projektentwickler eine weitreichende Überplanung und Neuentwicklung eines Quartiers in der nordwestlichen Altstadt anstrebte. Die Stadt erwog für dieses Gebiet auch eine eigene Sanierung, verfügte dafür jedoch noch nicht über die erforderlichen Mittel. Jung rekonstruiert den Konflikt zwischen Projektentwickler, Stadt, BLfD, Heimatpfleger und engagierten Bürgern spannend und mit großer Anschaulichkeit.

Die Jahre 1970 bis 1974 eröffnet Jung mit der Gebietsreform, die für Amberg vor allem einen wesentlichen Gebietszuwachs mit sich brachte. Der Verkehr indes blieb weiterhin ein Problem. Vor allem der Mangel an Parkplätzen musste aus Sicht der Stadtoberen gelöst werden. Erneut gerieten der Stadtgraben und die umlaufende Allee in den Blick: Teile dieses Bereichs sollten Parkplätzen und einem vierspurigen Ausbau der Ringstraße weichen. Im Bereich des Bahnhofs wurde schließlich eine Tiefgarage gebaut. Gegen den Verlust der Allee wandte sich indes eine Bürgerinitiative und das BLfD. Innerhalb des Mauerrings intensivierte sich unterdessen das Ringen um die Altstadtsanierung. Als Modellvorhaben erhielt Amberg zunächst Bundesmittel für vorbereitende Untersuchungen. Das Städtebauförderungsgesetz eröffnete der Stadt anschließend die Möglichkeit, die Sanierung nun mithilfe von Fördermitteln in die eigene Hand zu nehmen. Sie wies fünf Sanierungsgebiete aus, darunter das Quartier im Nordwesten der Altstadt, für das sich bereits der Münchner Projektentwickler interessiert hatte. Nach den von Jung dargestellten Planungen sollten dort lediglich drei historische Gebäude erhalten bleiben. Nach Inkrafttreten des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes im Oktober 1973 versuchten das BLfD, der Stadtheimatpfleger Otto Schmid und Bezirksheimatpfleger Adolf Eichenseer, weitere Gebäude im Sanierungsgebiet zu retten. Mehr als zehn Gebäude konnten jedoch nicht vor dem Abbruch bewahrt werden. Obwohl die Stadt inzwischen selbst als Trägerin der Sanierung auftrat, fiel ein großer Teil des als historisch wertvoll kartierten Bestandes der „Spitzhacke“ zum Opfer. Jung resümiert, dass Amberg vom „Modellfall für Altstadtsanierung“ zum „Negativbeispiel für Denkmalschutz und städtebauliche Planung“ wurde (S. 341). Zugleich weist sie darauf hin, dass derartige Entwicklungen keineswegs auf Amberg beschränkt waren.

Eine besondere Stärke der Arbeit liegt in der dichten Rekonstruktion der zugrunde liegenden Entscheidungsprozesse. Jung macht sichtbar, welche Interessen und Entscheidungen den Umgang mit Verkehr, Neubau und historischer Bausubstanz prägten und welche Entscheidungsspielräume sich den beteiligten Akteuren eröffneten. Dafür wertet sie Archivalien aus dem Stadtarchiv Amberg, dem Archiv des Referats für Stadtentwicklung und Bauen, der Registratur des BLfD und privaten Archiven sowie zahlreiche Zeitungsartikel aus. Die Erschließung und Zusammenführung dieser verstreuten Quellen ist bereits eine beachtliche Leistung. Die Konflikte zwischen Verwaltung, Politik, Wirtschaft, Denkmalpflege und Bürgerschaft schildert Jung anschaulich und stellenweise mit erzählerischer Spannung, ohne dass die Darstellung an wissenschaftlicher Genauigkeit verliert. Die Abbildungen unterstützen die Argumentation. Wer mit Amberg nicht vertraut ist, wird zur räumlichen Orientierung allerdings zusätzlich einen Stadtplan heranziehen müssen.

Der Wert der Studie reicht über die lokale Geschichte Ambergs hinaus. Sie macht nachvollziehbar, wie nachkriegszeitliche Modernisierung auf kommunaler Ebene verhandelt und umgesetzt wurde. Die Untersuchung bietet damit den von Jung angestrebten Ausgangspunkt für vergleichende Studien zu Städten, deren historische Bausubstanz in den Jahrzehnten nach 1945 durch sogenannte Sanierungsvorhaben verändert wurde.