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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Benno Baumbauer/Marie-Therese Feist/Sven Jakstat (Hg.)

Nürnberg global 1300–1600

Berlin 2025, Deutscher Kunstverlag 2025, 408 Seiten, zahlreiche Abbildungen


Rezensiert von Simon Karstens
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 25.09.2026

Mit dem vorliegenden Ausstellungskatalog geben Herausgeberin wie Herausgeber der 2025 im Germanischen Nationalmuseum gezeigten, gleichnamigen Ausstellung eine beeindruckende dauerhafte Form. Diese positive Einschätzung beruht zum einen auf der thematischen Ausrichtung der Ausstellung und des vorliegenden Werkes, welche Daniel Hess in seinem Vorwort darlegt. Das Thema der globalen Verflechtung von Waren, Personen und Wissen ist seit längerem gut in der historischen Forschung etabliert, wird aber einer breiteren Öffentlichkeit noch häufig stereotyp im Sinne einer unaufhaltsamen europäischen Expansion oder Untergangserzählung indigener Kulturen präsentiert. Hier setzen Ausstellung und Katalog eigene Akzente mit durchweg klarem Fokus auf die sowohl auf europäischer wie auch globaler Ebene vielfältig vernetzte Stadt Nürnberg. Dies umfasst neben städtischer Repräsentationskultur europaweiten Warenverkehr und Wissenstransfer sowie eine Annäherung an die ambivalente Beteiligung Nürnberger Akteure an der frühen Vernetzung der Welt – sei es als Teil globaler Handelsketten, bei der Entstehung kolonialer Strukturen oder bei einer kulturellen Imagination und damit Aneignung der Welt in Kunst- und Handwerk. Bemerkenswert ist hierbei ein faszinierender Perspektivwechsel, wenn nicht nur die Rolle Nürnbergs als Rezeptionsraum, sondern auch als Exportstandort von Wissen und Waren mit einem Niederschlag in materiellen Zeugnissen fern von Europa präsentiert wird.

Editorisch ist das Werk klassisch in einen Essay- und einen den Ausstellungsobjekten gewidmeten Katalogteil gegliedert. Beide Abschnitte stehen nicht nebeneinander, sondern sind eng verwoben. Dies gilt zum einen inhaltlich, da jeder Essay einen oder mehrere Themenbereiche der Ausstellung anspricht und ganz konkret, da die Beiträge jeweils unmittelbar auf Objekte im Katalogteil verweisen.

Der Essayteil bietet 13 Beiträge, die mit je sechs Seiten Umfang und zahlreichen Illustrationen pointiert gehalten sind und insgesamt etwa 20 Prozent des Umfangs ausmachen. Er beginnt mit einer historiographischen und teilweise historischen Einordnung des Themas, die insbesondere die unauflösbare Verflechtung von einerseits Mythen sowie künstlerischen Traditionen und andererseits neuen empirischen Erfahrungen herausstellt.

Die folgenden Beiträge, die hier nicht alle näher beschrieben werden können, sind sowohl thematisch wie räumlich ausgerichtet und rücken teilweise Nürnberg und in der Stadt lebende Akteure in den Fokus oder aber deren Austausch mit und kulturelle Rezeption von bestimmten europäischen und außereuropäischen Regionen. Die Leser erfahren so näheres über die Nürnberger Kaufleute und Kunsthandwerker, deren konkrete Netzwerke und abstraktes Weltwissen sich nach Frankreich, Venedig, Osteuropa, der Iberischen Halbinsel, Afrika, Amerika und Indien erstreckte. Die Investitionen in und Teilnahme an kolonialen Expeditionen in den Amerikas, Afrika und Indien wird wiederum unter Einbeziehung außereuropäischer historiographischer Perspektiven geschildert. Konsequent werden immer wieder die Schattenseiten und Folgen des Aufstiegs der europäischen Mächte für kolonisierte Regionen, aber auch für den afrikanischen Kontinent angesprochen, dessen Einwohner in bisher unbekanntem Ausmaß Opfer von Versklavung wurden. Auf der thematischen Ebene stehen Beiträge zum Bergbau, in dem Ökonomie, Wissenstransfers und Repräsentation zusammenliefen sowie zu Luxuswaren, die durch Material, Form und Dekor gleichermaßen Weltwissen greifbar machen konnten. Die für das späte Mittelalter und die Frühe Neuzeit erhebliche Bedeutung der Religion wird wiederum durch Abschnitte zu Pilgerreisen und der Imagination des Heiligen Landes sowie zu den komplexen Netzwerken der einflussreichen jüdischen Gemeinschaft in Nürnberg beleuchtet. Hinzu kommt ein Abschnitt zur Imagination der Türken als Feindbild und zugleich der osmanischen Kunst als Inspiration. In den Beiträgen nimmt Albrecht Dürer mehrfach eine prominente Rolle ein, nicht nur als Medienschaffender in einem komplexen Handelsnetz, sondern auch als Reisender nach Venedig und in die Niederlande, als Bürger sowie als Künstler, dessen Werke weit entfernt von Europa Nachahmer inspirierten.

Der folgende Katalogteil präsentiert 122 Objekte jeweils mit einer Textseite und einem ganzseitigem Bild in durchweg exzellenter Qualität. Die Objektbeschreibungen sind in neun Kapitel geordnet, die teilweise einem, teilweise mehreren der einleitenden Essays zugeordnet werden können. Sehr oft gelingt den Autoren dabei eine Objektgeschichte im besten Sinne, weil sie nicht nur die Geschichte ihrer Objekte erzählen, sondern zugleich abstrakte und komplexe historische Phänomene daran greifbar machen.

Die Kapitel fokussieren zunächst Nürnberg als repräsentierten Ort sowie als Zentrum für Konsum und Wirtschaft, wobei zwischen Kunst, Handel und Ökonomie sowie Luxus und Gewalt unterschieden wird. Es folgen Abschnitte zu unterschiedlichen Vernetzungen und Außenperspektiven, die Nürnberg zwischen West und Ost, in transalpinen Netzwerken, in der Tradition einer Imagination des heiligen Landes und in seinen ambivalenten Beziehungen zum Osmanischen Reich verorten. Den Abschluss bilden Kapitel über die Vernetzung mit den iberischen Reichen und von dort aus in die Amerikas oder nach Ostafrika und Indien.

Die dargestellten Objekte sind überaus vielfältig und reichen von Gemälden, Druckgraphiken und Druckschriften über Kunstobjekte mit exotisierenden Motiven oder außereuropäischen Rohstoffen hin zu religiöser Kunst. Auch Waffen und Alltagsgegenstände finden sich hier. Hervorzuheben sind speziell Objekte außereuropäischer Provenienz, welche globale Verflechtungen und Rezeptionswege greifbar machen. So kontrastiert der Katalog mit Elfenbeinschnitzereien aus Sri Lanka, die 1551 Motive aus Kunstwerken Dürers aufgriffen, ebenfalls faszinierende klassische Rezeptionsbeispiele, wie eine in Nürnberg entstandene Stadtansicht Tenochtitláns, die wahrscheinlich auf einer indigenen Vorlage basierte.

Insgesamt bietet das Werk eine gelungene Balance von wissenschaftlichem Anspruch und Zugänglichkeit. Der Stand der Forschung ist generell gut erfasst, wenn auch, was für das Genre normal ist, historiographische Kontroversen eher im Hintergrund stehen. Nur vereinzelt irritieren verallgemeinernde Aussagen, beispielsweise über „die Amerikas“, die lediglich regional zutreffend sind.

Der Band schließt mit einer Bibliographie sowie einem Personen-, Orts- und Objektregister. Ein Sachregister oder eine Verschlagwortung wären zwar vorteilhaft gewesen, doch die detaillierte Gliederung des Werkes und eindeutige Kapitelüberschriften ermöglichen eiligen Lesern auch so eine rasche Navigation.

Es bleibt festzuhalten, dass die Herausgeber ein rundum gelungenes Werk vorgelegt haben, das gleichermaßen ein Fachpublikum wie auch Laien zum Erkunden der Exponate einlädt. Nicht zuletzt bietet der Katalogteil zahlreiche Anregungen für die akademische Lehre zur frühen globalen Verflechtung, historischen Materialitätsforschung und Wissensgeschichte, so dass Nürnberg Global noch eine lange Wirkungsgeschichte zu wünschen ist.