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Aktuelle Rezensionen


Christiana Brennecke/Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf von Berlin, Amt für Weiterbildung und Kultur, Fachbereich Kultur (Hg.)

Umbenennen?! Straßennamen und ihre Geschichte im Berliner Südwesten

Berlin 2025, Gebr. Mann, 85 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-7861-2931-8


Rezensiert von Janette Helm
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 28.09.2026

Der vorliegende Sammelband widmet sich der Geschichte und Praxis von Straßenumbenennungen im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Die Publikation beleuchtet Fallbeispiele meist aus historischer Perspektive und bindet dabei unterschiedliche Archivmaterialien ein. Hervorgehoben wird in diesem Zusammenhang die administrative Struktur der Stadt: Seit der Übertragung des Benennungsrechts vom Senat auf die Bezirke im Jahr 1967 verlaufen Aushandlungsprozesse zu Straßenbenennungen häufig auf bezirklicher Ebene, wobei – wie im Band angemerkt wird – nicht selten „mehr über die Frage der Zuständigkeiten debattiert [wird] als über inhaltliche Aspekte“ (11). Diese institutionelle Rahmung prägt die Dynamik lokaler Erinnerungspolitik in Berlin, wie auch die konkreten Fallbeispiele aus Steglitz-Zehlendorf immer wieder zeigen. Dies ist in vielen Fällen auch der Grund dafür, dass zahlreiche Straßen mit problematischen Benennungshintergründen bislang nicht umbenannt wurden.

Der Band versammelt Beiträge von Autorinnen und Autoren, die sich seit vielen Jahren mit Berliner Stadtgeschichte, Wissenschaftsgeschichte und feministischen Fragen beschäftigen. Der vergleichsweise geringe Umfang der Beiträge und der essayistische Schreibstil sind sicherlich dem Umstand geschuldet, dass der Band auch als Begleitpublikation zu einer gleichnamigen Ausstellung des Aktiven Museums und des Arbeitskreises Berliner Regionalmuseen dient, die zwischen 2025 und 2026 in allen Berliner Bezirken mit jeweils regionalen Schwerpunkten gezeigt wird und online unter https://umbenennen.berlin/ zu finden ist.

Einen inhaltlichen Schwerpunkt legt der Band auf die Umbenennung von Straßen in Steglitz-Zehlendorf während und nach der Zeit des Nationalsozialismus. Exemplarisch wird dabei die Zehlendorfer Waldsiedlung Krumme Lanke behandelt, die ursprünglich als sogenannte SS-Kameradschaftssiedlung errichtet wurde und deren Straßennamen teils bis heute ideologisch vorbelastet sind. In diesem Zusammenhang verweist Claudia von Gélieu aus feministischer Perspektive auf die sogenannte „Mütterstraße“, während Thomas Irmer in seinem Beitrag eine vertiefte Analyse der Siedlung sowie ihrer späteren Umbenennungsgeschichte vorlegt. Der Text von Dieter Fitterling, der 1999 erstmals erschienen ist und für diese Publikation posthum überarbeitet und angepasst wurde, weist auf die exzessiven Straßenumbenennungen der Nationalsozialisten unter rassepolitischen und antisemitischen Gesichtspunkten hin. Die Beiträge verdeutlichen einmal mehr, wie eng topografische Benennungen mit politischen Herrschaftsverhältnissen und ausgrenzenden gesellschaftlichen Leitbildern verknüpft sind. Auch die Geschichte der Domäne Dahlem und der wissenschaftshistorische Bezug zur damaligen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft finden im Band ihren Platz. In seinem Aufsatz greift Tom Werner die damit verbundenen Debatten um Straßenbenennungen nach renommierten Wissenschaftlern auf, die maßgeblich zur Aufwertung des Stadtteils beitragen sollten. Hinsichtlich der auffälligen Benennungen nach Militärpersonen beziehungsweise -ereignissen erläutert Armin A. Woy einleuchtend, dass die Vielzahl an Kasernengeländen sowie die Bevölkerungsstruktur des Bezirks die Bebauungsstruktur prägten, insbesondere in den Stadtteilen Lankwitz und Lichterfelde.

Kolonialen Straßennamen, die es in Steglitz-Zehlendorf ebenfalls gibt, hätte eine eigene Abhandlung gewidmet werden können, wenngleich solche von einzelnen Beitragenden zumindest erwähnt werden. Ebenso hätte die räumliche Nähe zu jenem Areal, das um 1900 in Dahlem für den Neubau des Museums für Völkerkunde reserviert wurde, Anlass für eine vertiefte Betrachtung geboten – nicht zuletzt, um die damit einhergehenden Verstrickungen in rassistische Ideologien kritisch zu beleuchten.

Durch die lokale und thematische Rahmung von (Um-)Benennungsprozessen gelingt es der Publikation mittels der Einbindung von Archivmaterialien, eine anschauliche und greifbare Perspektive auf die behandelten Fallbeispiele zu eröffnen. Gleichzeitig wirft diese starke Lokalisierung auch Fragen auf: Der Fokus auf den Bezirk Steglitz-Zehlendorf, der seit jeher zu den Bezirken mit dem höchsten sozioökonomischen Status zählt und traditionell stark bürgerlich geprägt ist, beeinflusst die Sichtweise des Bandes wie auch die jeweiligen Umbenennungsdebatten und sollte bei der Lektüre mitgedacht werden. Die spezifischen sozialen und politischen Konstellationen dieses Bezirks strukturieren die Aushandlungsprozesse in besonderer Weise. Dies zeigt sich etwa an langjährigen zähen Debatten um die erst Ende 2025 nach jahrzehntelanger Diskussion vollzogene Umbenennung der Treitschkestraße oder dem anhaltenden Streit um den Hindenburgdamm. Hier wird deutlich, dass das Festhalten an vermeintlich unpolitischen Traditionen in starkem Kontrast zur Forderung nach kritischer Aufarbeitung steht.

Obwohl die Publikation einen aufschlussreichen Einblick in die historisch-geografischen Bedingungen vor Ort bietet, bleibt der Blickwinkel insgesamt eher begrenzt. Während die Debatte um Straßenumbenennungen zwar überregional und international geführt wird, hat das Thema doch besonders in Berlin immer wieder konfrontative Debatten entfacht. Als wohl prominentestes Beispiel der letzten Jahre sei hier die Umbenennung der M[…]-Straße in Anton-Wilhelm-Amo-Straße im Berliner Bezirk Mitte genannt und die teils auch juristisch geführten Debatten um diese Umbenennungsfrage.1 Im Sammelband findet dieser stadtspezifische Umstand jedoch kaum tiefergehende Erwähnung, da es vorrangig um das Sichtbarmachen bestimmter Perspektiven aus einem einzelnen Südberliner Bezirk geht. So werden etwa marginalisierte Positionen und (Um-)Benennungsdebatten aus postkolonialer Sicht lediglich angerissen. In dieser Hinsicht entsteht eine gewisse thematische Fokussierung, die die Qualität der einzelnen Beiträge keinesfalls schmälert, aber doch deren Spezifik kennzeichnet. Hierbei weckt der prägnante Übertitel „Umbenennen?!“ womöglich zunächst Erwartungen an eine breitere, stadtübergreifende oder theoriegeleitete Debatte, die erst durch den lokalen Untertitel der Publikation wieder eingefangen und auf den historischen Rahmen des Bezirks eingegrenzt wird.

Darüber hinaus wäre es spannend, die historische Dimension stärker um gegenwärtige Umbenennungsdebatten zu ergänzen. Auch wenn ein schmaler essayistischer Begleitband keine tiefgreifende Forschung leisten kann, böte das Einbinden persönlicher, emotionaler und identitätsbezogener Auswirkungen auf aktivistische Akteurinnen und Akteure wie auch auf die lokale Bevölkerung eine bereichernde Perspektive. Ein solcher Ansatz könnte die Dringlichkeit einer kontinuierlichen, lebendigen Debatte um den öffentlichen Raum noch deutlicher unterstreichen.

Insgesamt richtet sich der Band vor allem an ein historisch interessiertes Publikum, das bereits mit den Grundlinien der Berliner Stadt- und Erinnerungsgeschichte vertraut ist. Als Beitrag zur kritischen Sichtbarmachung der Frage, wie Straßennamen als alltägliche Zeichen gesellschaftliche Machtverhältnisse ausdrücken und den städtischen Raum normativ prägen, bietet der Sammelband insbesondere für bereits vorinformierte Fachleute einen differenzierten, wenngleich fokussierten Einblick. Damit schafft die Publikation eine gute Basis für weitere Forschungen und eine fortlaufende Diskussionskultur.

 

 

 

1 Siehe z.B. den Artikel „Berliner Mohrenstraße nach langem Streit umbenannt“ im Spiegel vom 23.08.2025: https://www.spiegel.de/panorama/berlin-mohrenstrasse-nach-langem-streit-in-anton-wilhelm-amo-strasse-umbenannt-a-3e669440-eb6f-4423-9aa6-e86e86e87495 [25.6.2026].