Aktuelle Rezensionen
Michael J. Greger (Hg.)
„Volkskundlich sammeln?“
(Salzburger Beiträge zur Volkskunde 29), Salzburg 2025, Salzburger Landesinstitut für Volkskunde, 183 Seiten, ISBN 978-3-901681-21-9
Rezensiert von Lisa Maubach
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 28.09.2026
Der Tagungsband „Volkskundlich sammeln?“ resultiert aus der gleichnamigen Tagung 2024 zum Doppeljubiläum des Volkskunde Museums im Monatsschlössl (100 Jahre) und des Salzburger Freilichtmuseums (40 Jahre) und erschien 2025 als Band 29 der Schriftenreihe „Salzburger Beiträge zur Volkskunde“ des Salzburger Landesinstituts für Volkskunde (SLIVK), herausgegeben von Michael J. Greger.
Dass die Publikation aus einer Jubiläumstagung hervorgegangen ist, bestimmt erfreulich wenig ihren Charakter. Statt chronologischer Darstellung dominiert eine historisch informierte Reflexion über Voraussetzungen, Ziele und Grenzen kulturwissenschaftlicher Sammlungspraxis. Die neun Beiträge stehen nicht additiv nebeneinander, sondern folgen einer nachvollziehbaren Dramaturgie, verknüpfen theoretische Grundlagen mit lokalen musealen Praxisfällen und entwickeln einen kohärenten Diskurs über das Sammeln als Erkenntnispraxis im Sinne Joachim Baurs als ein „Wissen der Vielen“ (Baur: Wie wir wissen, 2024) oder, mit Konrad Kuhn in diesem Band, als „Kulturwissen“ (23).
Den Titel „Volkskundlich sammeln?“ mit einem Fragezeichen zu versehen, ist klug gewählt: Das Fragezeichen und die Wortwahl „Volkskundlich“ verweisen auf Diskurse hinter der Sammlungspraxis. Michael J. Greger erläutert in seiner Einleitung: „So wollten die Referent:innen der Tagung den Besonderheiten und Merkwürdigkeiten der spezifisch ‚volkskundlichen‘ Sammlungs- und Dokumentations-, auch Ausstellungspraxis im Kontext der Fach- und Disziplinenentwicklung auf den Grund gehen.“ (10) Es wird deutlich, dass eine der Kernpraktiken des Vielnamenfaches kritisch befragt und gleichzeitig in die Spannungsfelder der Fachdiskussion eingebettet wird: Gehört Sammeln seit den Anfängen des Faches zu dessen zentralen Praktiken und kann besonders bei Institutionen wie Museen und Landesstellen als „Keimzelle“ betrachtet werden, zählt es zugleich zu jenen Arbeitsformen, deren wissenschaftliche Voraussetzungen in den vergangenen Jahrzehnten einer grundlegenden Revision unterzogen wurden – weg von der Vorstellung, Sammlungen bewahrten eine objektiv fassbare „Volkskultur“, hin zum Verständnis von Sammlungen als historisch entstandene Wissensordnungen, hinterfragt durch gegenwärtige neue Formen wie partizipatives oder kollaboratives Sammeln. Die zentrale Frage „Wer sammelte was, wann und warum?“ lenkt den Blick auf „Geschichte der volkskundlichen Sammlungen in Salzburg“, ohne in institutioneller Selbstvergewisserung oder Bilanzierung musealer Sammlungstätigkeit zu verfallen; vielmehr dient sie der kulturwissenschaftlichen Reflexion und Verantwortung für einen zukunftsfähigen Umgang mit den Dingen.
Der Tagungsband führt das Publikum in drei Schritten durch die Entwicklungen institutionalisierten Sammelns in Salzburg. Vorangestellt sind Konrad Kuhns theoretische Überlegungen, die unter dem Titel „Nutzungen und Belastungen. Zum Sammeln von Kulturwissen“ das fachliche Gerüst für die Reflexion kulturanthropologischen Sammelns liefern. Kuhn sieht Sammlungen als lebendige Wissensspeicher, deren Bedeutungen sich im Wandel gesellschaftlicher, kulturpolitischer und fachlicher Entwicklungen verschieben. Diese historischen Kontexte sind für das Verständnis von Zuschreibungen, Be- und Umdeutungen zu berücksichtigen. Sammlungen können vor diesem Hintergrund „nutzen“ und „belasten“ (etwa durch NS-ideologische Zuschreibungen). Sie sind Teile eines vieldeutigen Kulturwissens und müssen in diesem Sinne stets nach „Kontext- und Beziehungsgeschichten“ befragt werden und sich anschlussfähig an die „Komplexitäten von Lebenswelten in der krisenhaften Gegenwart“ zeigen (27). Sie bieten „Möglichkeiten für kollaborative Wissenspraktiken“ (ebd.) und verankern sich damit in die grundlegenden Diskurse zum gesellschaftlichen Zusammenleben und ermöglichen demokratische Teilhabe. Kuhns Überlegungen knüpfen an die Forderung an Museen an, dauerhaft gesellschaftlich relevant und anschlussfähig zu bleiben. Die Schlussdiskussion am Ende des Tagungsbandes greift diese programmatische Ausgangslage wieder auf.
Die Folgebeiträge konkretisieren Kuhns theoretische Überlegungen anhand der lokalen Sammelpraxis in historischer wie gegenwärtiger Perspektive. Hubert Schopf, Hieronymus Bitschnau/Wolfgang Dreier-Andres und Monika Brunner-Gaurek schildern die Entstehung volkskundlicher Sammelpraktiken durch „Proto-Volkskundler“, vorwiegend aus dem Bürgertum, als vernetzten Prozess, in dem einzelne Persönlichkeiten Entwicklungen in Richtung Heimatpflege und Institutionalisierung vorantrieben. Wichtige Elemente waren hierbei Publikationen wie die „Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde“, Trachtenvereine und das 1904 gegründete „Österreichische Volksliedunternehmen“ sowie einzelne Sammlerpersönlichkeiten; Monika Brunner-Gaurek porträtiert Sebastian Greiderer (1862–1928) und Karl Adrian (1861–1949), der dem Lesepublikum an anderer Stelle im Tagungsband wiederbegegnet. Die dichte Darstellung jener noch nicht institutionalisierten bürgerlichen Konstellationen, aus denen heraus sich das Sammeln entwickelte, zeigt auf, dass die Aktivitäten sowohl individuellen Interessen und der Wissensbildung dienen als auch als Instrument regionaler Selbstbeschreibung und Identitätsstiftung zu verstehen sind.
Der zweite Teil der Publikation fokussiert auf die musealen Institutionen und ihre Sammlungen und macht deutlich, wie eng museale Sammeltätigkeit mit zeitgenössischen Ordnungen und Vorstellungswelten verbunden ist. Anna Engl und Andreas Zechner rekonstruieren in ihrem Beitrag die Entwicklung der Volkskundlichen Abteilung im Salzburg Museum anhand von sechs ausgewählten Objekten, beleuchten die Erwerbs-, Deutungs- und Präsentationskontexte und berücksichtigen die jeweiligen Museumsdirektoren und deren Einfluss. Sie zeigen, dass der Aufbau der volkskundlichen Sammlung zu Beginn des 20. Jahrhunderts eng mit der „folklorisierenden Heimatschutzbewegung“ verknüpft war und maßgeblich von Karl Adrian als Museumskustos in Zusammenarbeit mit einem Netzwerk aktiver Sammelnder getragen wurde. Das Museum fungierte „als zentrale Plattform für die Konstruktion und Stärkung einer Salzburger Identität“ (115). Dass das eine typische, dauerhaft anhaltende auch kulturpolitische Zielsetzung für Museen ist, ist auch Thema des nächsten Beitrags – und ließe sich mit Museumsbeispielen aus anderen Regionen ergänzen.
Michael Span skizziert die Entwicklung der Gebäudesammlung des Salzburger Freilichtmuseums von den ersten Planungen bis zum heutigen Stand mit einer Entwicklungslinie vom Rettungsgedanken regionaltypisch deklarierter Bauernhöfe über eine Ausweitung auf den Bereich der „technischen Kulturdenkmale“ bis zu aktuellen Planungen. Das Museum positioniert sich im interdisziplinären Diskurs zur „Weiterentwicklung der ‚Baukultur‘ im Land Salzburg“ (130) mit Denkmalschutz, Forschung, Lehre sowie Bau- und Immobilienwirtschaft.
Die Anschlussfähigkeit an aktuelle und zukünftige Fragestellungen thematisiert auch der nächste Beitrag. Zwei Sammlerpersönlichkeiten stehen im Mittelpunkt der Ausführungen von Michael J. Greger und Vivienne Marquart: Ilka Peter (1903–1999) engagierte sich in Sammlung und Wiederbelebung von Volkstänzen, Richard Treuer (1903–1982) sammelte über Fragebögen und Gewährspersonenprinzip Daten zu Brauch-Themen. Der Blick auf die Motivation beider ist besonders im Hinblick auf die im Tagungsband einzige ausführlich thematisierte Sammlerin interessant. Greger und Marquart blicken quellenkritisch auf die Bestände, die Eingang in das SLIVK gefunden haben, und fragen nach möglichen Formen der Nachnutzung.
Die Fotostrecke der Fotografin Anna Aicher ist ebenfalls Ergebnis von Sammlungsaktivität. Sie begleitete unter anderem Brauchträger wie die Schnabelperchten in Rauris über einen langen Zeitraum und hielt so Transformationsprozesse sowohl in der Brauchausübung als auch bei den Menschen im Bild fest. Der begleitende Essay von Martin Hochleitner zeigt, wie Aichers Werke den Reflexionen über Entwicklung und Veränderungen in der Sammelpraxis eine visuelle Ebene hinzufügen.
Der Band schließt mit der Zusammenfassung der Abschlussdiskussion auf der Tagung durch Anna Engl und Karl C. Berger. Drei Leitfragen wurden diskutiert: Wie können Museen und gerade „volkskundliche“ Sammlungen aktive Orte der Demokratie sein? Wie können Communities zu einem Teil der Sammlungsstrategie werden? Wie bringen die Museen die bestehenden Sammlungen in die Zukunft? Ergebnis ist die Fokussierung auf die prozessuale Perspektive: Sammlungen sind im Dialog mit der Umwelt als Beziehungsgeflecht zu verstehen, die als „soziale Orte“ der Begegnung real zu gestalten sind. Die Deutungshoheit von Einzelnen soll zu einer Deutungshoheit von Vielen werden. Diese Perspektive entspricht aktuellen und internationalen Diskussionen zu partizipativen Sammlungsstrategien, digitalen Sammlungen und anderem, und positioniert
Museen als offene Wissensspeicher, die das „Wissen der Vielen“ erarbeiten und so auch das Risiko der Instrumentalisierung zur Stabilisierung herrschender Ordnungen reduzieren. Die Beiträge initiieren nicht nur theoretisch eine selbstreflexive Sammeltätigkeit, sondern zeigen die praktische Umsetzung. Der Tagungsband verbindet damit institutionelle Selbstreflexion mit gesellschaftlichem Auftrag an Museen und vermittelt praktische Expertise an das Lesepublikum. Das Fragezeichen im Buchtitel markiert produktive Offenheit gegenüber einer Praxis, deren Selbstverständlichkeit längst vergangen ist. Nicht „Retten und Bewahren“, sondern „Begleiten und Gestalten“ sind die Leitparameter des Sammelns. Karl C. Bergers abschließende Aufforderung „Seien wir mutig, gehen wir es an!“ (171) gilt damit für alle reflexiv arbeitenden Museen.
Die angekündigte „kritische, multiperspektivisch und interdisziplinäre Herangehensweise“ an die Tagungsfragen ist umgesetzt. Die Lektüre bietet wertvolle Ansätze für ein – auch internationales – Lesepublikum, das theoretische Diskurse mit Praxis-Erfahrungen verknüpfen will.