Aktuelle Rezensionen
Michael Hellstern
Meinungsmacher mit dunkler Vergangenheit. Die Heimatpresse in Bayern von 1945 bis 1962 am Beispiel der Passauer Neuen Presse und der Mittelbayerischen Zeitung
Regensburg 2025, Pustet, 448 Seiten, ISBN 978-3-7917-3556-6
Rezensiert von Thomas Naumann
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 28.09.2026
Die in überarbeiteter Form im Friedrich Pustet Verlag erschienene Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München aus dem Jahr 2021 stellt sich zur Aufgabe, der politischen Haltung von Journalisten der Nachkriegszeit nachzuspüren, die zur Zeit des Nationalsozialismus und teilweise schon in der Weimarer Republik journalistisch tätig waren und prägenden Einfluss auf die öffentliche Meinung in Teilen des jungen Freistaats nahmen. Untersucht werden zunächst die durch die US-Militärverwaltung eingesetzten Lizenzträger und Redakteure der heutigen Oberpfälzer „Mittelbayerischen Zeitung“ (im folgenden MZ) und der niederbayerischen „Passauer Neuen Presse“ (PNP), aber auch das durch die berufliche Biografie eines analysierten Chefredakteurs zu behandelnde „Straubinger Tagblatt“ (ST) sowie die bis 1962 nachfolgenden Redakteure.
Kapitel I, die Einleitung, benennt die Auswahlkriterien hinsichtlich der Zeitungen, definiert „Heimatpresse“ und stellt deren Bedeutung vor und nach 1945 heraus, erläutert den gewählten methodischen Zugang und Untersuchungszeitraum und gibt einen Überblick über die Quellenlage und den Forschungsstand. Kapitel II stellt den „Neuanfang“ publizistischer Tätigkeit nach 1945 in Frage und kommt damit gleich auf einen wichtigen Aspekt der Anfangsgeschichte der Bundesrepublik zu sprechen: Den Mythos der „Stunde Null“ (als wäre dieser Staat wie ein Phoenix aus der Asche entstanden), dieses Schlagwort, das so gerne noch heute in den Mund genommen wird und einen radikalen Neuanfang insinuieren will, was doch in keinem politischen und gesellschaftlichen Kontext zutrifft. Denn in allen diesen Bereichen gab es nach 1945 eher keinen personellen und geistigen totalen Bruch mit der braunen Zeit, sondern in verschiedener Weise auftretende Kontinuitäten, die durch misslungene „Entnazifizierungen“ der Spruchkammern, aufgetriebene und tolerierte „Persilscheine“ und fortdauernde Seilschaften möglich wurden. Vielmehr, so erläutert Michael Hellstern die Forschungslage, ist gesellschaftlich „von einer Mischung aus erneuernden und restaurativen Elementen“ (41) auszugehen. So auch im Journalismus, wie in allen folgenden Kapiteln der Arbeit, dies sei vorweggenommen, akribisch nachgewiesen wird. Wobei sich im untersuchten Zeitraum im Journalismus der unter die Lupe genommenen „Heimatpresse“ doch eher das restaurative Element durchgesetzt hat. So wird der Neubeginn der beiden Zeitungen, verbunden mit einer Analyse des politischen, „fast rein katholische[n] Umfeld[s]“ (120), auch folgerichtig verbunden mit einem Rückblick auf den Lebenslauf der Redakteure in der NS-Zeit. Somit wird auch ein ausführlicher biografischer Blick auf die ersten Lizenzträger und Chefredakteure der beiden Zeitungen geworfen, den SPD-Mann Karl Friedrich Esser (1880–1961) in Regensburg, ab 1947–1954 auf Druck der CSU und im Zusammenhang des Bestrebens der SPD um Integration von Journalisten der Vergangenheit zusammen mit dem zweifelhaft Entnazifizierten Karl Debus (119–128) und dem biografisch wirklich in allen politischen Farben schillernden Hans Kapfinger (1902–1985) in Passau. Essers Biografie ist seit der Weimarer Republik sozialdemokratisch-protestantisch geprägt, was im Regensburger Umfeld nicht gut ankam. Die MZ fuhr zunächst einen hinsichtlich der Vergangenheit aufklärerischen Kurs, berichtete vielfach über die NS-Verbrechen und ordnete sie kritisch ein. Nach Essers Tod 1961 driftete die Zeitung, nach Einstellung weiterer ehemaliger NS-Journalisten, insbesondere des Chefredakteurs Andreas Albrecht (1909–1987), der eine steile NS-Karriere hinter sich hatte und vom Autor in der NS-Zeit dem Typ „Überzeugungstäter“ zugerechnet wird, nach rechts (187–192). Somit tendierte die MZ ab da in die Richtung der PNP, die, nach mehreren Vorwürfen links zu sein, unter Hans Kapfinger einen stramm rechten Kurs verfolgte, der meist die Verbrechen der NS-Zeit aufrechnete gegen in der Folge sich ereignende Untaten anderer Nationen. In das gleiche Horn blies dort seit 1949 August Ramminger (1899–1975), ehemals führend in NS-Organisationen, Typ „Überzeugungstäter“, der vor der Spruchkammer besonders groteske Entlastungen vorbrachte und dem es nach mehreren Verfahren sogar gelang, lediglich als „Mitläufer“ eingestuft zu werden (176–187). Inhalte und Sprache der NS-Zeit, so der Autor, legte er in dieser Zeit keineswegs ab; 1950 verglich er beispielsweise das römische Kolosseum mit dem KZ Auschwitz; vergleichsweise sei es in letzterem „human“ zugegangen (185). Er gehörte, wie viele dieser Journalisten, „der Frontkämpfergeneration an und damit zur wichtigsten Alterskohorte der CSU“ (186), die ihm dann 1961–1965 auch ein Bundestagsmandat verschaffte. Die äußerst wandelfähige Figur Kapfingers stellt der Autor als eindrucksvolles Beispiel eines „Karrieristen“ und „Opportunisten“ sowohl in der NS-Zeit als gleichermaßen in der Nachkriegszeit auf 45 Seiten (67–112) detailliert dar. Er war Lizenzträger der PNP und prägte diese Zeitung von Anfang an und bis in die 1980er Jahre. Als „konservativ-katholischer gebürtiger Niederbayer“ sei er „für die Militärregierung die ideale Besetzung“ (67) gewesen, weil er „mit seiner Sozialisation den durchschnittlichen Leser repräsentierte“ (67–68). Im Einzelnen weist Hellstern die beruflichen Stationen Kapfingers nach: Zunächst Lokalredakteur beim nationalkonservativen „Straubinger Tagblatt“, einer Zeitung, die ein Sprachrohr der „Bayerischen Volkspartei“ (BVP) war, wo er zunächst und bis 1933 aus der Sicht des politischen Katholizismus gegen den aufkommenden Nationalsozialismus vehement anschreibt. Gleich nach 1933 plädiert er aber für eine Zusammenarbeit mit der NSDAP, begrüßt und verharmlost „die brutalen Verfolgungen der politischen NS-Gegner“ (74), ein „Großdeutschland bis nach Wien“ (74) ist für ihn möglich. Er lobt nun, nachdem er ihn vor der „Machtergreifung“ als unzurechnungsfähig bezeichnet hatte, vermehrt Adolf Hitler und äußert sich antisemitisch gegen „die internationale jüdische Gräuel- und Boykotthetze“ (75), womit er zunehmend auch die Sprache der Nationalsozialisten übernimmt. Im ST wird das Vorgehen gegen jüdische Geschäfte begrüßt und ein positiver Bericht über das KZ Dachau veröffentlicht. Das ST ist somit ab 1933 komplett auf NS-Parteilinie, was eine (harmlose kurzzeitige) Verhaftung aus lokalpolitischen Gründen nicht verhindert. Es folgen verschiedene journalistische Tätigkeiten, Kapfinger wird Mitglied der Reichspressekammer, Pressechef der Leipziger Messe sowie stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift „Deutsche Werbung“, die dem Reichspropagandaministerium unterstellt war. Er erwirbt im Rahmen der „Arisierung“ 1943 in Berlin ein jüdisches Anwesen. Nach dem Krieg im sowjetischen Sektor KPD-Mitglied (!), schließlich im Westen als Journalist bei der PNP Mitstreiter der „Bayernpartei“ – als solcher antiamerikanisch, zunächst vertriebenenfeindlich und Richtung Osten revanchistisch – und nach deren Bedeutungslosigkeit ab 1956 Mitstreiter der CSU. Man steht vor solch einem in allen Systemen anpassungsfähigen Lebenslauf fassungslos, ebenso wie bei vielen durch den Autor geschilderten weiteren journalistischen Werdegängen.
Kapitel III widmet sich, das Bisherige vertiefend, der Zeit zwischen 1945 und 1949, welche als „Aufbruch und Restauration“ beschrieben wird. Es untersucht die NS-Belastungen, die Biografien und die verschiedenen schillernden oder eindeutigen Charaktere vieler Redakteure, die sich großteils gerierten, als seien sie heimliche Widerstandskämpfer gewesen, Hellsterns Analyse nach aber vom Typ „Überzeugungstäter“ (6) über den „Karrieristen“ (6), den „Propagandisten“ (7) und „Flakhelfer“ reichen. Ab 1949 ging es um die „Restauration der braunen Redakteure“ (7): Nun „kehrten fast alle zurück, die schon unter Goebbels geschrieben hatten“ (68). Die Stellung der Militärregierung hierzu, die gerade in Passau diese Restauration nicht verhindert hat, wird erläutert und eingeordnet: Das Problem der US-Militärverwaltung habe darin bestanden, geeignete Lizenzträger und Redakteure zu finden, die im Rahmen der angestrebten „Reeducation“, im Rahmen der „festgelegten Prinzipien Demokratisierung, Denazifizierung, Demilitarisierung und Dekartellisierung“ (44) wirken konnten, wobei gleichzeitig der Spagat angestrebt war, „die politische Meinung der Bevölkerung“ (119) in der Zeitungsberichterstattung zu berücksichtigen. Diese aber war damals mehrheitlich, so stellt Hellstern fest, antiamerikanisch und insbesondere vertriebenenfeindlich ausgerichtet, was zum anfänglichen Erfolg der Bayernpartei beitrug. Eine „Parteirichtungspresse“ (44) musste zudem verhindert werden, und es sollten zuvor unbekannte regionale Zeitungen entstehen. Zwar seien, so der Autor, die Amerikaner hinsichtlich der Entnazifizierung im Printwesen, zumindest bis zum Beginn des „Kalten Krieges“, am strengsten vorgegangen, doch vielerlei Gründe führten hier nur zu Teilerfolgen und vielfach zu Misserfolgen. Es gab „keinen konkreten Gesamtplan für die Entwicklung des Medienwesens“ (45), die Lizenzträger durften „selbst ihr Personal zusammenstellen“ (45), das wegen eines eklatanten Fachkräftemangels auch nicht selten aus völlig fachfremden Personen bestehen konnte. Auch die zuständige US-Militärbehörde (ICD) des Kriegsministeriums war „mit Personen besetzt […], die keine Ausbildung“ (46) im Pressewesen hatten. So kam es etwa infolge des positiv gesehenen Kriteriums der journalistischen Tätigkeit während der NS-Zeit im Ausland zu der Kuriosität, dass Redakteure, die während der NS-Zeit im Ausland für das Propagandaministerium tätig waren, eingestellt werden durften, ohne dass diese frühere Tätigkeit bemerkt worden wäre (49).
Kapitel IV befasst sich mit dem „Schlachtfeld Generallizenz“ der Jahre 1949–1956, dem Comeback der Altverleger nach der Lizenzphase und deren Folgen, der Konkurrenz durch weitere neu erscheinende Zeitungen – etwa für die PNP mit den „Niederbayerischen Nachrichten“ in Straubing ab 1947 – und damit verbundenen Kämpfen und Schlammschlachten (262–271), Konflikten mit der Katholischen Kirche und den organisatorischen Entwicklungen der Zeitungen. Kapitel V legt den Wandel bis 1962 dar, wobei „Expansionsversuche auf dem Zeitungsmarkt“ (305–313), auch rechtsextremer Zeitungen, und persönliche „Spezlwirtschaften“ (Kapfinger und Strauß, 314–317) eingeschlossen werden. Mit „Obsession NS-Vergangenheit“ ist Kapitel VI betitelt. Hier wird auf die NS-Prozesse eingegangen, auf antisemitische Umtriebe mit Höhepunkt in den Jahren 1959/60 und diese verharmlosende Artikel insbesondere in der PNP sowie auf die nach 1945 einsetzende „Viktimisierungskultur“ (363–369) und auf die Positionierung der Zeitungen hierzu. Dabei tut sich insbesondere die PNP unter Hans Kapfinger hervor. Bezeichnend ist auch in diesem Zusammenhang seine Förderung und Zitierung Kurt Ziesels, mit dem zusammen er 1961 „die Speerspitze des CSU-Wahlkampfteams“ (396) bildete. Ziesel wies eine umfassende NS-Vergangenheit auf und betätigte sich als „radikaler Antisemit“ (395) und stand nun „am rechten Rand der CSU und der Vertriebenenverbände“ (395). Die PNP schiebt die Schuld auf die hochrangigen NS-Funktionäre; sie dämonisiert sie als aus einer anderen Welt niedergegangene „leibhaftige Teufel“, während ansonsten in der Tendenz 99 % der Deutschen exkulpiert werden, einschließlich der Wehrmacht und der Waffen SS, die einfach nur allesamt Opfer gewesen seien. Des Weiteren rechnet sie deutsche gegen ausländische Verbrechen auf und verschleiert so die Ursachen der Verbrechen, die in der NS-Ideologie ihren Anfang genommen haben und die von einem nicht geringen Anteil der deutschen Bevölkerung geteilt wurden. Insbesondere wird dies deutlich bei Artikeln zu damaligen revanchistischen sudetendeutschen Positionen, bei denen auf die Ursachen der Vertreibungen gar nicht erst eingegangen wird. Dazu kommen verklärende Berichte über den Zweiten Weltkrieg. Im Übrigen wird eine „Schlussstrich-Mentalität“ befördert. Durch all diese journalistischen Artikel, die sich inhaltlich stark anschließen an Narrative der NS-Zeit und sich auch in deren Sprachwahl kaum unterscheiden, wird das Bedürfnis der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg bedient, sich selbst von jeder Schuld zu befreien. Dies konterkariert die ursprüngliche Absicht der Besatzungsmacht, eine „einsichtige“ Bevölkerung heranzubilden. Durch diese Zeitung besonders, denn sie streute ihr Gedankengut: „Viel spricht dafür, dass sich die PNP zur Kaderschmiede für rechtskonservative oder sogar rechtsextremistische Kreise entwickelte.“ (394) So wurde der PNP-Volontär Gerhard Frey zum rechtsextremen Publizisten und Gründer der DVU, und so schrieb der PNP-Chefredakteur Erwin Janik später für die „Deutsche Nationalzeitung“. Die MZ hingegen äußerte sich, wie oben erläutert, zuerst kritischer und rief in ihren diesbezüglichen Artikeln zur Aufarbeitung auf, insbesondere auch im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die NS-Prozesse; dies änderte sich aber, wie erwähnt, auch hier mit Anstellung NS-belasteter Redakteure und einem Rechtsruck schon nach 1949 und erst recht nach 1961. Kapitel VII zieht das Fazit der Arbeit insbesondere unter dem resümierenden Blick der nach rechts zielenden politischen Entwicklung der PNP und der sich schließlich nach rechts entwickelnden MZ bis 1962 sowie der eminenten Bedeutung des redaktionellen Einflusses der ehemaligen NS-Journalisten auf die öffentliche Meinung. Dieser Einfluss zweier großer bayerischer Zeitungen, die damit auch weitgehend der Mentalität der Adenauerrepublik entsprachen, ist als groß zu bezeichnen und hat dazu beigetragen, dass eine ehrliche Aufarbeitung der NS-Zeit bis dahin und darüber hinaus gescheitert ist. Auch weil es gelungen ist, das reaktionäre Gedankengut teilweise auf die nachfolgende Journalistengeneration zu „vererben“. Der Anhang bietet ein Abkürzungsverzeichnis, ein Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Personenregister.
Das von Michael Hellstern vorgelegte Werk ist von Inhalt und Ertrag ein großer Wurf. In vollendeter Gründlichkeit und Schlüssigkeit, unter Einschluss aller relevanten Literatur und aufgrund des Studiums aller verfügbaren Quellen, wird ein riesiges Themenfeld allumfassend bearbeitet. Es geht Ursachen nach, die sich bis in unsere heutige Zeit fortsetzen beziehungsweise heute erneut virulent werden. Nicht mehr in der MZ und in der PNP, nicht mehr in der seriösen Presse allgemein, aber in randständigen rechtsextremen Blättern und vor allem auf einschlägigen Internetportalen, wo man den Eindruck gewinnt, die Zeit sei um viele Jahrzehnte zurückgefallen. Dies geschieht nicht aus dem Nichts heraus – und man wird angeregt, sich darüber Gedanken zu machen, ob hier nicht auch Spätfolgen der aufgezeigten Nichtaufarbeitung der NS-Zeit in der Nachkriegszeit sichtbar werden. Die Beschränkung der Arbeit auf den niederbayerisch-oberpfälzischen Raum ermöglicht es, desto genauer die handelnden Journalisten unter die Lupe zu nehmen und dabei zu ergründen, wer an welchen Hebeln saß und wie er diese Hebel einsetzte. Dabei wird nicht pauschal verurteilt, sondern unter Heranziehung der Biografien und der Zeitumstände eingeordnet. Wo Unklarheiten bestehen, werden diese benannt und abgewogen. Zum Schluss ist jedoch bei der großen Mehrzahl der behandelten Journalisten, die als „Deutungseliten“ (19) gerade in der Regionalpresse wahrgenommen wurden, das Ergebnis: Sie waren sich keinerlei Schuld bewusste, einflussreiche, stets auf maximale Vorteile bedachte und ziemlich skrupellose „Meinungsmacher mit dunkler Vergangenheit“, nahmen Teile dieser Vergangenheit in ihr Wirken in der Nachkriegszeit mit und streuten ihr die dunkle Vergangenheit beschönigendes, nationalistisches Gedankengut auch unter nachfolgende Redakteure.