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Stefan Wellgraf
Staatsfeinde. Rechte Subkulturen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren
Berlin 2026, Christoph Links, 559 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-96289-237-1
Rezensiert von Carolin Pfeuffer
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 28.09.2026
Wer kennt es nicht, das Lied über einen (fiktiven) Skinhead, dessen Gewalt nur ein stummer Schrei nach Liebe ist? Der von der (West-)Berliner Punkrockband „Die Ärzte“ stammende Song entstand 1993 und sollte ein Zeichen gegen den zu dieser Zeit erstarkten Rechtsextremismus im wiedervereinigten Deutschland setzen. Das Lied führt rechte Gewalt in den neuen Bundesländern auf eine autoritäre elterliche Erziehung mit fehlender Liebe und Zuwendung zurück, wobei sich unterdrückte Frustrationen in Hass und Aggressionen gegenüber Fremden verwandeln. Es enthält somit allerlei Zuschreibungen im Sinne der klassischen Autoritarismustheorie. Diese bislang in Forschung und Medien sehr wirkmächtige Deutung versteht rechte Gewalt im Osten außerdem als Folge internalisierter autoritärer DDR-Strukturen. Gegen einen solchen monokausalen Erklärungsansatz wendet sich der Soziologe und Kulturwissenschaftler Stefan Wellgraf in seiner 2026 erschienenen Studie „Staatsfeinde. Rechte Subkulturen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren“ und plädiert für andere Lesart.
Ausgehend von der älteren Fanszene des Fußballvereins BFC Dynamo als Untersuchungsgegenstand zeichnet Wellgraf, der selbst in der DDR aufwuchs, in seiner sehr dichten Darstellung nach, worin der Ursprung für rechte Gewalt im Osten liegt. Er schildert „die Entstehung und Entwicklung von politisch rechtsorientierten und gewaltaffinen ostdeutschen Subkulturen, ihre Hochphase in der ‚Wendezeit‘ sowie ihre Transformationen im geeinten Deutschland von den 1970er bis in die 2000er Jahre“ (11–12). Besonders hervorzuheben ist, dass Wellgraf ethnografische mit historischen Zugängen kombiniert, wodurch er es hervorragend schafft, die Thematik äußerst tief zu durchdringen. Seine mehrjährige ethnografische Feldforschung umfasste zum einen biografische Interviews mit Alt-Hooligans des bereits erwähnten Fußballvereins, zum anderen machte er ausgiebige teilnehmende Beobachtungen in der Fanszene zum Beispiel bei Auswärtsspielen und bei Veranstaltungen. Beachtlich ist auch das immense Korpus an archivalischen und sonstigen Quellen, das er ausgewertet hat: Es reicht von Stasi-Akten, Materialien der Volkspolizei über Unterlagen aus dem Bundesarchiv und Materialien aus dem Archiv der Jugendkulturen bis hin zu Fanmagazinen und Medienberichten.
Als Forschungsmethode wählt Stefan Wellgraf eine genealogische Kritik, ein in den Sozialwissenschaften gängiges Verfahren, das sich an den Ansätzen von Friedrich Nietzsche und Michel Focault orientiert. So greift er vorhandene Theorien und Thesen zu Autoritarismus und Rechtsextremismus auf, unter anderem aus der Psychoanalyse Sigmund Freuds oder der Soziologie der Frankfurter Schule, die er dann durch Heranziehung seiner empirischen Befunde kritisch hinterfragt.
Wellgraf baut seine Abhandlung chronologisch auf, was aufgrund der Komplexität der Thematik sehr sinnvoll erscheint. Dennoch erfolgt keine bloße Aneinanderreihung von historischen Ereignissen, sondern eine in sich schlüssige, pointierte, von hoher sprachlicher Eleganz gekennzeichnete, lebendige Erzählung, in der die (subkulturellen) Entwicklungen in der DDR immer wieder mit ausgewählten Interviewpassagen verwoben werden.
Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil, der mit dem Titel „Rechte Subkulturen in der DDR“ überschrieben ist und aus fünf Kapiteln besteht, widmet sich der Zeitspanne der 1970er und 1980er Jahre und zeichnet nach, wie aus jugendlichen Fußballfans zunächst „Rowdys“, dann allmählich Skinheads und schließlich Hooligans wurden. Dabei wirft Wellgraf zunächst einen Blick auf die „Herkunftsverhältnisse[n] der BFC-Fans“ (32). Die ältere Fangeneration, also jene, die etwa um 1965 geboren wurde, stammt ihm zufolge überwiegend aus proletarischen Elternhäusern und sei eher weniger in autoritären Verhältnissen aufgewachsen. Diese gerieten als Heranwachsende in den späten 1970er Jahren beziehungsweise Anfang der 1980er Jahre aufgrund ihrer „eigensinnigen Umgangsweisen mit dem diktatorischen Herrschaftsregime“ (33), nämlich durch Formen des Aufbegehrens und des Rebellischen, in Konflikt mit der sozialistischen „‚Erziehungsdiktatur‘“ (ebd.), die aufmüpfiges Verhalten rigide zu unterbinden versuchte beziehungsweise hart bestrafte. Der Autor begreift dieses Aufbegehren als „antiautoritäre Revolte“ (79), die vermehrt in Fußballrandale ihren Ausdruck fand. Aus Protest gegen staatliche Bevormundung und Repression hätten sich die heranwachsenden Fußballfans, von Wellgraf als „distanzierte Generation“ (ebd.) bezeichnet, nun vermehrt gewaltaffinen Subkulturen zugewandt. Ausführlich beschreibt Wellgraf die Herausbildung von Subkulturen in der DDR – den Skinheads als „Schrecken des Sozialismus“ (114) kommt dabei ein eigenes Unterkapitel (114–120) zu – und befasst sich eingängig mit den staatlichen Reaktionen auf rechte Subkulturen (z.B. Maßnahmen der Zersetzung durch die Staatssicherheit, Inhaftierung), da diese als „wichtige Triebkraft für die politischen Radikalisierungsprozesse in den letzten Jahren der DDR“ (122) zu werten seien. Dabei lässt er die Lesenden eindringlich an den Hafterfahrungen der BFC-Fans teilhaben, die in den Gefängnissen durch eine „Schule der Gewalt“ (166) gegangen seien. So berichtet beispielsweise Tommy, der zehn Monate eingesperrt war, folgendes: „‚Der Ostknast war kein Zuckerschlecken. Du bist daran zerbrochen oder es hat ins Gegenteil umgeschlagen – du bist hart und aggressiv geworden. Ich war angekettet an einem Gitterbett, sechs Wochen lang, hab in meiner eigenen Pisse und Scheiße gelegen.‘“ (167)
Bevor Wellgraf im zweiten Teil der Monografie auf die „Subkulturelle[n] Dynamiken seit den 1990er Jahren“ eingeht, gibt er im letzten Kapitel des ersten Teils (212–254) den Erinnerungen der älteren Fans des BFC Dynamo Raum, indem er fragt, wie diese heute mit ihrer gewaltvollen Vergangenheit umgehen. Positiv zu bewerten ist, dass Wellgraf in seiner Darstellung auf eine Pathologisierung seiner Interviewpartner gänzlich verzichtet und in einer akteurszentrierten Perspektive deren Selbstwahrnehmungen und subjektiven Deutungsmustern Beachtung schenkt, ohne jedoch deren Gewalttaten zu relativieren.
Wurden Skinheads von der SED-Diktatur spätestens seit Ende der 1980er Jahre zu Staatsfeinden erklärt und von den DDR-Behörden als Hooligans bezeichnet, wiesen sie in der Nachwendezeit vermehrt neonazistische und rassistische Züge auf. Wellgraf thematisiert nun die massive Eskalation der Gewalt und ihre Verlagerung von Fußballstadien in andere Räume, was er den Lesenden als „Gestaltwandel des Hooliganismus“ (298) näherbringt. Nach einer Einordnung der Geschehnisse in die gesellschaftspolitische, soziale und kulturelle Situation der Nachwendezeit führt Wellgraf eine Erklärung für die Hooligangewalt an: „Es ging um den besonderen Kick, um eine potenziell süchtig machende körperliche Transzendenzerfahrung, die man in einer Gruppe von Gleichgesinnten erleben wollte.“ (281) Auffällig ist, dass der Autor auf die rassistischen Ausschreitungen von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, nicht näher eingeht. Dafür ist sein Blick auf die beschriebene Subkultur und deren Lebenswelten umso präziser. Das zeigt sich an den Abhandlungen über Körperlichkeit, Sexualität und Geschlechterperformances (Kapitel 7) und über Spannungsverhältnisse zwischen rechten Subkulturen und organisierten Neonazis (Kapitel 8), wobei Wellgraf gängige Stereotype, Bilder und Annahmen, beispielsweise die Vorstellung vom Neonazi „als verkapptem Schwulen“ (411) aufbricht. Die Szene sei keinesfalls so homogen gewesen, wie häufig dargelegt werde. Sein Befund, dass im Osten aufmüpfige Jugendliche aufgrund ihrer Nonkonformität und ihrer „antiautoritären Neigungen“ (413) zu rechten Gewalttätern wurden und eben nicht aufgrund eines unterdrückten Gefühlslebens, charakterlicher Ich-Schwäche oder Vaterkomplexen kann der Autor überzeugend und fundiert vermitteln. Unverzichtbar für das Verständnis der sich in Deutschland gegenwärtig abzeichnenden rechtsextremen Dynamiken mit wachsendem Antisemitismus und Fremdenhass ist das letzte Kapitel (442–491), in dem Wellgraf unter anderem den Umgang der bundesdeutschen Sicherheitsbehörden ab Ende der 1990er bis in die 2000er Jahre beschreibt, der in seinen Augen Ähnlichkeiten mit der Vorgehensweise in der Spät-DDR aufweist.
Stefan Wellgraf ist summa summarum eine umfassende und fundierte Analyse von rechter Gewalt in Ostdeutschland gelungen, die zum Nachdenken über bislang den wissenschaftlichen Diskurs dominierende Deutungen anregt. So kritisiert der Autor beispielsweise, dass westdeutsche Forscherinnen und Forscher ohne die Verhältnisse im Osten zu kennen, „Ferndiagnosen“ aus der Theorie auf rechte Subkulturen übertragen hätten, was dem Phänomen nicht gerecht werde. Wellgraf vermag es, den Lesenden mit Interesse weckenden Kapitelüberschriften (z.B. „‚Soldaten des Führers‘. Ein Haus in Berlin-Lichtenberg“ oder „Gewaltlust. Sadismus mit und ohne Freud“) und dem Einbringen seiner Feldforschungserfahrungen in den Bann zu ziehen und zum Weiterlesen anzuregen. Indem zu Beginn eines jeden Kapitels vorausgeschickt wird, was in den nachfolgenden Unterkapiteln erörtert wird, finden sich zum Teil Wiederholungen, wodurch die Darstellung manchmal unnötig in die Länge gezogen wird. Dem Buch sollte jedoch, gerade weil es durch seine empirische Nähe besticht und einen differenzierten Blick auf die Erscheinungen von rechter Gewalt wirft, im geisteswissenschaftlichen Fächerkanon große Beachtung geschenkt werden.