Aktuelle Rezensionen
Mila Brill
Lokale. Alltagskulturelle Esspraktiken in der diversen Stadt
(Urban Studies), Bielefeld 2023, transcript, 286 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-8376-6700-4
Rezensiert von Inga Reimers
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 28.09.2026
Essen als alltagstrukturierende Praxis umfasst nicht nur individuelle Routinen der Ernährung, sondern auch mit anderen geteilte Praktiken und Orte des Essens. Diese können als Brenngläser dienen, mit denen sich neben Erkenntnissen über Nahrungskultur ebenfalls Aussagen zu Gesellschaft(en) und ihren Konflikten generieren lassen. Häufig liegt esskulturellen Praktiken (16), wie Mila Brill sie in ihrer Monografie „Lokale. Alltagskulturelle Esspraktiken in der diversen Stadt“ bezeichnet, die unhinterfragte Annahme zugrunde, dass Essen in Kopräsenz Anderer grundsätzlich vergemeinschaftend wirkt. Dies nimmt die Autorin in ihrer im BMBF-Programm „Sprache der Objekte“ entstandenen Dissertation zum Anlass, danach zu fragen, wie Menschen über esskulturelle Praktiken außerhalb des häuslich-privaten Rahmens mit ihrer Umgebung in Beziehung treten und Zugehörigkeit herstellen. Unter Rückgriff auf Erving Goffmans Verständnis von Situationen, Interaktionen und Kopräsenz betont sie das Verhältnis zwischen individuellen und physiologischen Aspekten des Essens und kulturell geprägten Routinen. Mit Georg Simmel schlägt sie darauf aufbauend den Bogen zum Spannungsfeld zwischen Individuum und Kollektiv in der Stadtgesellschaft. Als Untersuchungsraum dient ihr der Bonner Stadtbezirk Bad Godesberg, mit dem sich die Autorin zugleich als Forschende und Neu-Anwohnerin auseinandersetzt.
Die Forschung wie auch das Buch sind durch drei Leitfragen strukturiert: Erstens fragt Brill nach den Umständen von Begegnungen im Rahmen esskultureller Alltagspraktiken in Bad Godesberg, zweitens danach, wie Repräsentationen von Zugehörigkeit erfahren und gedeutet werden, und drittens nach den Wechselwirkungen zwischen dem praktischen Zusammenleben im Stadtbezirk und den Repräsentationen esskultureller Zugehörigkeit. Zusätzliche Teilfragen strukturieren die Analysekapitel und schärfen deren Fokus, wirken in ihrer Vielzahl jedoch bisweilen etwas zergliedernd.
Die detaillierte Einführung des für Brill zentralen Begriffs der „Ordnung“ anhand von Schilderungen zum Thema Müll (und nicht etwa Essen) überrascht zunächst. Die Irritation wird jedoch durch Mila Brills gründliche Argumentationsweise aufgefangen, in der sie theoretische Konzepte einführt, diskutiert und direkt mit ihrem empirischen Material verknüpft. Die Suche nach sowie die Herstellung und Verhandlung von Ordnung ist hier somit keine deduktive Kategorie, sondern wird aus der Empirie entwickelt und im zweiten Kapitel historisch verankert. Die Autorin zeigt wichtige Kontinuitäten Bad Godesbergs auf, die trotz oder gerade wegen der vielen lokalen Umbrüche prägend sind: Vom Bau der Godesburg über die Entwicklung zur Kur- und Diplomatenstadt bis hin zur Eingliederung als Bonner Stadtbezirk. Heute wird der Kurort vor allem über Medizintourismus aus Russland oder den Arabischen Emiraten thematisiert und die An- beziehungsweise Abwesenheit von Diplomaten erscheint als Zeugnis des Verlusts des früheren Status als Bundeshauptstadt. Aus ihrem empirischen Material entwickelt Brill das Narrativ eines „abgerutschten Viertels“ (77), gibt diesem Raum und ordnet es zugleich kritisch ein. Zentral ist dabei die im Feld vielfach erwähnte „Duokulturalität“ (83) oder „Zweiwelten-Theorie“ (92–93), mit der eine Dichotomie zwischen alteingesessener Gutbürgerlichkeit und „arabischer Kultur“ (86–88) konstruiert wird. Dieses Narrativ ist eng an die titelgebenden Lokale vor Ort geknüpft und damit räumlich-materiell verankert. Die somit entstehende „Spannung zwischen der alltagskulturellen Diversität in Bad Godesberg und dem unmöglich zu erfüllenden Wunsch nach einer kohärenten Lokalgeschichte“ (254) arbeitet die Autorin überzeugend heraus.
Während die Narrative und das Imaginaire Bad Godesbergs bereits einführend greifbar werden, bleibt die Darstellung der materiell-räumlichen Strukturen eher vage. Das ist insofern zu bedauern, da Mila Brill entsprechend ihres räumlichen Fokus auch mit Kartierungen gearbeitet hat, die als Methode und Material hätten stärker analytisch eingebunden werden können.
Die Kapitel drei bis fünf widmen sich drei empirischen Fallstudien und bilden den Kern des Buches. Brill untersucht hier alltagskulturelle Praktiken im Bereich des Essens und Kochens außerhalb des privaten Raums sowie Repräsentationen von Zugehörigkeit in Bad Godesberg. Am Beispiel zweier regelmäßig stattfindender halböffentlicher Kochtreffs zeigt sie, dass gemeinsames Kochen und Essen zwar vergemeinschaftend wirken kann, diese Wirkung jedoch nicht überbewertet werden sollte, da auch andere Alltagspraktiken dieses Ziel erreichen könnten. Der Wunsch, Gemeinschaft durch Essen zu fördern, wird vor allem dort formuliert, wo Differenz wahrgenommen wird und überwunden werden soll. Als analytischen Zugang nutzt die Autorin das Konzept der communities of practice (Wenger 1998), um unterschiedliche und nicht nur auf Gemeinsamkeiten basierte Praxisformen herauszuarbeiten.
Im zweiten Fallbeispiel untersucht Mila Brill anhand dreier jährlich stattfindender Feste mit kulinarischer Ausrichtung im Zentrum Bad Godesbergs „Praktiken höherer Distanz“ (190). Sie lotet hier gekonnt am Beispiel esskultureller Praktiken im öffentlichen Raum konsensuelle und (potenziell) konflikthafte beziehungsweise nicht gelingende Begegnungen aus. Klassische Konzepte urbanen Soziallebens, wie Simmels blasierter Einzelgänger oder homogene urban areas der Chicago School, greifen laut Brill bei der Betrachtung städtischer (Nicht-)Interaktion zu kurz, um die Diversität sich begegnender „Territorien des Selbst“ (Goffman) zu erfassen. Dem begegnet sie empirisch und epistemologisch mit Adele E. Clarkes Verständnis von „silences in data“ (184). Indem sie nicht nur Anwesende und ihre Handlungen, sondern auch Abwesende auf den Stadtfesten thematisiert, lenkt sie den Blick auf die Rolle esskultureller Praktiken in der Legitimierung von Anwesenheit im städtischen Raum. Essen im öffentlichen Raum fungiert dabei als Boundary Object, welches zumindest zeitweise eine konfliktfreie Kopräsenz ermöglicht.
Im dritten Fallbeispiel stehen die titelgebenden Lokale der Bad Godesberger Gastronomie im Vordergrund. Brill bringt zwei einander unbekannte Interviewte in einen von ihr komponierten Dialog und bildet dabei auch formal das ab, was sie als Erkenntnis dieses Kapitels formuliert: Unterschiedliche Personen mit unterschiedlichen nationalen und biografischen Hintergründen können zu ähnlichen Einschätzungen über die lokale Entwicklung und Situation der Gastronomie gelangen, ohne sich auf dieselben Orte zu beziehen. Auf Bad Godesberg übertragen, lassen sich gastronomische Orte somit als Palimpseste nach Michel de Certeau verstehen, in denen sich unterschiedliche kulturelle Zugehörigkeiten und individuelle Deutungen überlagern.
Im sechsten Kapitel bündelt Brill die Befunde der drei vorangegangenen Empirie-Kapitel ausgehend von einer Feldnotiz eines Mittagessens in einer autoethnografischen Modellanalyse. Anhand von Irritationen und Distanzierungen verdichtet sie hier noch einmal eindrücklich bisherige Erkenntnisse zur Organisation lokaler Ordnungen. Als stabilisierende Faktoren esskultureller Praxis identifiziert sie räumliche und zeitliche Begrenzungen, die sie in ein Modell multiskalarer Ordnungen überführt und als übergreifende Heuristik für die Analyse alltagspraktischer Situationen vorschlägt, um subjektive, teils widersprüchliche Aussagen und Interaktionen greifbar machen und mit übergeordneten Prozessen lokaler Ordnungsbildung kontrastieren zu können.
Die größte Stärke des Buches liegt in der Gründlichkeit, mit der Mila Brill ihr empirisches Material einsetzt und mithilfe theoretischer Konzepte analysiert. Besonders eindrücklich ist der Raum, den sie sowohl ihren Gesprächspartnerinnen und -partnern als auch den eigenen Reflexionen in Feldtagebuchausschnitten einräumt. In den grau abgehobenen Kästen lässt sie die Interviewten ihre Sichtweisen entfalten und dabei für die Lesenden präsent und nachvollziehbar werden – auch wenn sie kontroverse Positionen einnehmen. Dabei geraten diese Zitate trotz ihres Umfangs und Anzahl nie zu lang, da sie von der Autorin stets in die Argumentation einbezogen werden. Zugleich ergänzt Mila Brill die Transkripte der Interviews mit Einwohnerinnen und Einwohnern Bad Godesbergs selbstbewusst und dennoch sensibel um eigene Tagebucheinträge, die Einblicke in die Entwicklung ihrer eigenen Rolle im Feld geben. Dies ist umso bemerkenswerter, weil diese Aussagen nicht immer nur positiv ausfallen.
Die im Fazit vorgenommene Abgrenzung Bad Godesbergs von großstädtischen Zentren und den dortigen Möglichkeiten der Begegnung und (kommerzieller) Interaktion ist etwas knapp geraten und verpasst damit die Möglichkeit, die ausgeführten Erkenntnisse ausblickend mit aktuelleren stadt- und raumtheoretischen Debatten etwa zu konfliktorientierter, agonistischer Stadtplanung und -gestaltung (Hesse u. Kühn 2023) zu verknüpfen. Allerdings greift Mila Brill diese Kritik selbst auf, indem sie ihren Entschluss bekräftigt, ethnografische Genauigkeit und Vielstimmigkeit stärker zu gewichten als theoretische Eingrenzungen. Zweifelsohne eine gute Entscheidung, denn genau hier liegt die Stärke dieser ethnografischen Monografie. Nachfolgende Forschungen sowohl zu alltagskulturellen Esspraktiken als auch zu städtischen Wandlungsprozessen werden gerade auf dieser präzisen empirischen Arbeit von Mila Brill aufbauen können. Auch über die behandelten Themen hinaus ist dieses Buch ein wunderbares Lehrstück für die Lehre ethnografischen Schreibens und kulturwissenschaftlichen Argumentierens.