Aktuelle Rezensionen
Frank Matthias Kammel (Hg.)
Straßenmusik. Fahrende Musikanten und ihre Instrumente
München 2023, Bayerisches Nationalmuseum, 91 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-925058-89-9
Rezensiert von Barbara Schmidt
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 28.09.2026
Musizierende Menschen an Straßen, in Gassen und auf Plätzen, die mit ihrem Talent einen bescheidenen Obolus zu verdienen suchen, sind seit dem Frühmittelalter in der Öffentlichkeit präsent. Diesem Thema widmete sich vom 2. März 2023 bis 7. Januar 2024 eine Studioausstellung im Bayerischen Nationalmuseum, zu welcher begleitend der Band „Straßenmusik. Fahrende Musikanten und ihre Instrumente“ erschienen ist. Museumsdirektor Frank Matthias Kammel und Ausstellungskurator Sybe Wartena blicken darin kompakt und anschaulich auf diverse Aspekte von Straßenmusik und ihre Protagonistinnen und Protagonisten in Geschichte und Gegenwart sowie auf die ausgestellten Exponate, die größtenteils aus der hauseigenen Sammlung stammen.
Frank Matthias Kammel widmet sich in seinem einleitenden Beitrag „Belästigung oder Vergnügen?“ den Ursachen und Ausformungen der Straßenmusik im Laufe der Jahrhunderte. Dabei wird deutlich, dass diese weniger Idylle war als vielmehr harte Arbeit und Mittel zum Zweck, um den Lebensunterhalt zu sichern. Wenngleich die Bemühungen der öffentlichen Unterhaltung dienten, genossen die oft vom Schicksal gezeichneten Ausübenden kein hohes Ansehen. Bereits seit der Frühen Neuzeit sahen sie sich immer wieder mit gesetzlichen Beschränkungen oder Gewerbepflichten konfrontiert. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts und im Zuge der stetig wachsenden Städte erfuhr Straßenmusik weitere Verbreitung, wurde allerdings oft auch als Ruhestörung geahndet. Gleichzeitig führte die Präsenz in der Öffentlichkeit gerade im 19. und 20. Jahrhundert dazu, dass die Musikanten zunehmend Eingang in Kunst und Literatur, beispielsweise in Werke von Theodor Fontane oder Heinrich Böll, fanden. Der Weg zu einem breiten Publikum oder gar zu Aufstieg oder Berühmtheit blieb den Straßenmusikanten in den allermeisten Fällen verschlossen. Dennoch brachten sie, oft zur Freude des Publikums, Unterhaltung und Zerstreuung in den öffentlichen Raum und so findet sich ihre Kunstform bis heute vielerorts in unterschiedlichen Konstellationen.
Sybe Wartena widmet sich in seinem anschließenden Beitrag den „fahrenden Musikanten und ihren Instrumenten“. Er zeigt schlüssig auf, dass sich bereits ab dem Spätmittelalter unterschiedliche Hierarchieebenen bei den musikausübenden Gruppen entwickelten, wobei die fahrenden Musikanten mit ihren typischen Instrumenten an deren unteren Ende rangierten. Die Aktivitäten mittelalterlicher Spielleute, die von Ort zu Ort zogen, erfreuten sich – trotz ihres geringen sozialen Ansehens, da ihr Berufszweig wirtschaftlich „nicht produktiv“ (28) war – dennoch großer Nachfrage auf Festen, kirchlichen Feiern, Hochzeiten oder Märkten. Seit dem 15. Jahrhundert sind zunehmend Verordnungen greifbar, die ihre Auftrittsmöglichkeiten zu reglementieren versuchten. Der Beruf galt gemeinhin als „unehrlich“ (27), dennoch traten Musikerinnen und Musiker zu unterschiedlichen Gelegenheiten auf und trugen auch beim Adel und der Landbevölkerung zur Unterhaltung bei. Ab der zweiten Hälfte des 18. bis ins 20. Jahrhundert zogen musizierende Gruppen aus ihren Heimatregionen durch Europa sogar bis hin nach Übersee, um ihr Auskommen zu finden. Hier nennt Wartena bestimmte Regionen, die eine große Zahl an Musikantinnen und Musikanten hervorbrachten, wie Savoyen und das böhmische und sächsische Erzgebirge. Ergänzend kann man hier noch den westlichen Teil der Pfalz anführen, aus welchem zahlreiche Wandermusikantinnen und -musikanten stammten, die ab den 1830er Jahren bis zum Ersten Weltkrieg in Europa und Übersee unterwegs waren und der Region ihren bis heute geläufigen Namen „Musikantenland“ gaben. Weiterhin geht der Autor auf die unterschiedlichen Sichtweisen ein, die sich im Laufe der Zeit auf bestimmte Instrumente herausbildeten und ihnen eine charakteristische Zuordnung verliehen. Exemplarisch führt er die Sackpfeife, die Drehleier und das Hackbrett an und ordnet diese historisch und hinsichtlich ihrer Verwendung bei bestimmten Gruppen ein. In Bezug auf Handhabung und Transportfähigkeit erfreuten sich gerade diese bei fahrenden Musizierenden großer Beliebtheit, allen voran die Sackpfeife. Dieses seit der Antike bekannte Instrument war im Mittelalter zunächst in kirchlichem Kontext zu finden, im Spätmittelalter auch an Höfen, in der Frühen Neuzeit bei Tanzmusiken und bürgerlichen Veranstaltungen. Sie behielt aber immer einen Anstrich des „Verruchten“ und wurde spätestens Ende des 18. Jahrhunderts zunehmend von Instrumenten wie der Klarinette verdrängt.
In seinem Beitrag „Hosemanns Musikanten“ legt Frank Matthias Kammel die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Ölbilds „Drei umherziehende Musikanten“ dar, welches der Berliner Kunstmaler Theodor Hosemann (1807–1875) im Jahr 1839 als humoristische Auseinandersetzung mit dem Thema Straßenmusik schuf. Varianten des Gemäldes erschienen in den Folgejahren auch als Stahlstich und Lithografien, von Zeitgenossen wurde es als „Meisterstück komischer Charakteristik“ (56) bezeichnet. Humorvolle Darstellungen von Straßenmusikantinnen und -musikanten finden sich zudem in zahlreichen Flugblättern, Holzschnitten und weiteren Druckerzeugnissen des 19. Jahrhunderts, die sich offenbar auch zuweilen gegenseitig inspirierten. Einige Beispiele davon sind als Abbildungen in den aufschlussreichen Beitrag eingebettet und erlauben somit dem Publikum einen vergleichenden Blick.
Ein 20-seitiger, von Sybe Wartena verfasster und ansprechend gestalteter, Katalogteil beschließt den informativen Band. Die in der Ausstellung gezeigten Exponate entstammen fast ausschließlich der Musikinstrumentensammlung des Bayerischen Nationalmuseums. Die Schau mit Fokus auf frühneuzeitliche Stücke umfasst figürliche Darstellungen, Instrumente wie Sackpfeifen, Drehleiern, Hackbretter oder eine Serinette (Vogelorgel). Weitere Darstellungen von Musizierenden finden sich auf Minnekästchen, Spielsteinen oder Bilderbögen und zeigen die Bandbreite an Objekten, mittels welcher die Thematik der fahrenden Musikantinnen und Musikanten aufgegriffen wurde. Abgerundet wird die Präsentation durch das im vorangestellten Beitrag eingehend beschriebene Ölgemälde Theodor Hosemanns sowie eine Lithografie aus seinem Oeuvre.
Die vielschichtige Ausstellung und der lesenswerte Begleitband zeigen eindringlich, dass das Thema „Straßenmusik“ sowohl aus historischer als auch aktueller Perspektive viele Aspekte beinhaltet, die auf den ersten Blick zunächst nicht unbedingt offensichtlich sind, und dass eine eingehende Beschäftigung mit diesem Feld lohnende Erkenntnisse verspricht.