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Alexander Denzler

Straßen im 16. Jahrhundert. Erhalt – Nutzung – Wahrnehmung

(Ding, Materialität, Geschichte 5), Köln 2023, Böhlau, 537 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-412-52759-4


Rezensiert von Carolin Schmuck
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 05.10.2026

Der Ausschnitt aus einer Karte ziert den Titel des Buchs „Straßen im 16. Jahrhundert“, es handelt sich um eine Bildquelle aus der Plansammlung des Bayerischen Hauptstaatsarchivs aus dem Jahr 1558. Die dargestellte „Landstraß nach Passau“ führt entlang eines Wegzeichens, einer Bildsäule und eines markanten Baums, man würde einen Zaun mit Gatter passieren müssen. Ein Mann mit Hut geht mit seinem Hund auf der Wiese und wird die Landstraße queren. Ein roter Strich zieht sich von oben nach unten durch die Szene. Wie der Blick in den Bildnachweis der Umschlagabbildung zeigt, ist dieser Strich keine Fehlstelle. Dies als Grenze zwischen dem Hochstift Passau und dem Herzogtum Bayern abzubilden, dürfte der Grund der Herstellung der Karte gewesen sein. Der rote Grenzverlauf trifft den markanten Baum, damit ist dies ein Anhaltspunkt, den man auch in der Landschaft wahrnehmen kann.

Das Buch von Alexander Denzler öffnet die Augen für diese Art der Bildquellen. Seine umfangreiche Studie zu „Erhalt – Nutzung – Wahrnehmung“ der Straßen im 16. Jahrhundert basiert auf vielen schriftlichen und bildlichen Quellen; 60 Kartenausschnitte und 9 Diagramme werden über den Zugriff auf Digitalisate über einen QR-Code vervollständigt (73).

Schon im einleitenden Kapitel zur bisherigen Forschungslage über Altstraßen, Mobilität im weiteren Sinne und Reiseforschung zeigt sich, dass die Terminologie der Straßen und Wege ein breites Spektrum öffnet und es bei diesen nicht nur gilt, den Transfer von Waren und Informationen zu gewährleisten, sondern dass eine dynamische Beziehung zwischen Mensch und Weg besteht. Einerseits kann man konstatieren, dass Mobilität über weitere Strecken kein modernes Phänomen ist, dass sowohl über Fernhandelsrouten und die Nutzung der römischen Straßensysteme wie auch über Handwerker oder Gelehrte der Kulturtransfer erfolgte, auf dem unser europäisches Haus beruht. Andererseits bestand ein feineres Wegenetz, um Bedürfnisse in der Nachbarschaft zu befriedigen, von Haus zu Haus zur Kirche, zum nächsten Dorf, zu den Feldern; diese Wege konnte man zu Fuß gehen oder mit Zugtieren und Karren befahren.

Der Fokus auf Oberdeutschland und damit auf Regionen abseits der Fernstraßen hin zur „Mikromobilität“ erfordert dann die aufwändige Sichtung und Auswertung von bisher wenig erforschtem disparatem Quellenmaterial, von regionalen Verwaltungsakten, Dorfordnungen und Karten. Richtet man solchermaßen den Blick auf die „Wege und Stege“, ergibt sich eine ganz andere Perspektive auf „Erhalt – Nutzung – Wahrnehmung“. „Es geht also darum, den Straßenerhalt ‚von unten‘ zu betrachten und sodann auch danach zu fragen, inwieweit diese Instandhaltungsmaßnahmen nicht nur gegen, sondern mit, neben und/oder statt den obrigkeitlichen Bemühungen um gute Straßen bestanden.“ (60–61) Um diese ganz unterschiedlichen Straßen und Wege bewusst zu machen, setzt Denzler deren Benennungen im Text kursiv. Und er geht noch einen Schritt weiter, indem er die Materialien, die Ressourcen, den Aufwand für den Wegebau einbezieht, die Lage (in der Ebene, bergan, durch dichte Wälder, an Flussläufen), die Arbeiten der Instandhaltung während der verschiedenen Jahreszeiten, die Komplexität dieser Koordinierung. „Straßen lassen sich also als eine Kontaktzone zwischen Mensch und Natur charakterisieren, deren Analyse sich nicht einfach auf die Möglichkeiten und Grenzen der Fortbewegung beschränken kann.“ (62)

Damit sind wir beim Menschen, der sich auf den Straßen, Wegen und Stegen bewegt. Denzler nimmt die Bezeichnung vom „Straßenraum“ auf, es geht ihm um die Beziehung der Schneisen durch die Landschaft mit den benachbarten Feldern, Wäldern, Häusern, Wegmarken usw., er nennt dies auch „Praxisformation“, also Entstehung aus dem praktischen Tun heraus. Wege sind nicht denkbar ohne diejenigen, die die Pfade suchen und die Strecken gehen, die sie ausbessern oder der Natur zurückgeben, wenn sie nicht mehr zum Ziel führen. Wie komplex diese Mikrogeschichte ist, ist leicht vorstellbar.

Denzler verfolgt in mehreren ausführlichen Abschnitten sowohl die Mikro- als auch die Makroperspektive, er betrachtet also auch die Reichs-, Heer- oder Fernstraßen in Hinblick auf das Zurechtfinden und die Sicherheit. Gedruckte Itinerare benannten die Zielpunkte von Tagesrouten, Reißbüchlein, etwa für den Gebrauch bei Pilgerfahrten, erzählten von guten und weniger guten Straßen, von potentiellen Gefahren, von Orten, an denen man sich einem Wegführer anvertrauen und wo man auf Gott vertrauen sollte. Kartenmaterial wurde erstellt, mit Linien zwischen wichtigen Stützpunkten und Zielorten – hier geht es auch um die Frage, wie der „Markt“ für derartige Druckerzeugnisse entstand und sich entwickelte. Wichtig war in diesem Zusammenhang auch, welcher Territorialherr zuständig war, welche geistlichen oder weltlichen Herrschaftsgebiete durchquert wurden.

Die Studie ist da besonders anschaulich, wo es um die Visualisierung des Straßenraums geht. Die Quellengrundlage sind Straßenkarten, Augenscheinkarten, Landesaufnahmen und Flugblätter, wobei auch mit berücksichtigt wird, welchem Zweck die Karten dienten. Je nachdem, ob man Routen markieren wollte oder strittige Grenzverläufe darstellen und klären, wurden andere Einzelheiten hervorgehoben. „Als am und beim Straßenrand von Menschenhand willentlich aufgestellte, aber ebenso bewusst zerstörte oder sich selbst überlassene Objekte können, neben Zäunen, Informationstafeln, Grenzsteinen und Richtstätten, besonders Wegheiligtümer benannt und deren Funktionalität eruiert werden.“ (97) Aus der Fülle des dazu herangezogenen Materials kann Denzler ableiten, dass etwa Bildstöcke beziehungsweise „Objekte am Straßenrand als ein wiederkehrender, zentraler Bestandteil von Visualisierungen zu begreifen sind, die weitreichende Einblicke in die Straßenumwelt, die Aufladung des Straßenraums, dahinter stehende Praktiken und damit in den zeitgenössischen Umgang mit Straßen gewähren“ (101). Er arbeitet heraus, dass es sich bei Wegheiligtümern eben nicht nur um religiöse Objekte handelt, sondern sie als Wegmarken begriffen werden und so als Anhaltspunkte für Streckenverlauf und -länge dienen. Flugblätter erzählen andere Geschichten als Augenscheinkarten, sie geben eine „dezidiert idealisierte, mitunter auch übersteigerte malerische Ausgestaltung eines Straßenraums“ wieder (167). Straßenverläufe in Kunstwerken erfüllen eine gänzlich andere Funktion, sie haben kompositorische Aufgaben, zeigen aber nichtsdestoweniger ein Abbild, eine Vorstellung von Straße und Weg. Die „Aneignungs- und Nutzungsvielfalt stand der typologischen Vielfalt an Straßen und Wegen in nichts nach“ (182).

Die Materialität von Straßen und Wegen benötigt das Eingreifen der Menschen, um sie stabil zu halten; das gilt auch für Gräben oder Brücken. Anhand konkreter Fälle aus dem Jahr 1557 lassen sich zum Beispiel die Räumungen von Straßengräben nachvollziehen, die je nach Jahreszeit mehr oder weniger nötig waren. Eintragungen in Rechnungsbücher bilden den Aufwand für befahrbare Straßen und Brücken ab. Ein Kapitel widmet sich direkt den „Straßen- und Brückenarbeiter[n] – ein mikrohistorischer Blick auf Akteure der Verkehrsinfrastruktur“ (307). Straßensicherheit und Straßenfrieden sind wiederum Themen, die die Herrschaft angehen. Bei ihr liegen Zollrechte, sie ist unterhaltspflichtig für befahrbare Straßen und begehbare Wege und Stege. „In der Herrschaft mit und über Straßen […] kristallisiert sich der Anspruch frühneuzeitlicher Staatsbildungsprozesse.“ (401) Sie ist nicht denkbar ohne Kommunikation und ohne Normen, ohne Zeichensetzungen wie etwa Zollstationen oder Grenzsteine.

Es ist dieser weite Blick Denzlers, in dem Menschen und ihre Umgebung dynamisch aufeinander bezogen werden, der diese umfang- und detailreiche Arbeit, die 2021 als Habilitationsschrift an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt angenommen wurde, so wertvoll macht. Trotz der vielfältigen Bestände von Schrift- und Bildquellen hat die Leserin oder der Leser nie den Eindruck der Beliebigkeit – die Einbettung von „Mikromobilitäten“ (415) in das überörtliche Wegenetz erkennt dem Menschen im ländlichen Raum seine Verantwortung als handelnde Personen zu – in „Abhängigkeit von Natur, Klima und Wetter“ (465).