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Aktuelle Rezensionen


Christiane Schwab/Frauke Ahrens/Karin Riedl (Hg.)

Ethnography and Folklore in Print. Cross-Genre Explorations of Nineteenth-Century Social Knowledge

(WissensKulturen 2), Bielefeld 2025, transcript, 203 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-8376-7461-3


Rezensiert von Kari Soriano Salkjelsvik
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 05.10.2026

Der Sammelband „Ethnography and Folklore in Print. Cross-Genre Explorations of Nineteenth-Century Social Knowledge“, herausgegeben von Christiane Schwab, Frauke Ahrens und Karin Riedl, geht von einer einfachen und gleichzeitig weitreichenden These aus: Ethnografisches und volkskundliches Wissen des 19. Jahrhunderts lässt sich nicht losgelöst von den Medien verstehen, durch die es produziert wurde. Die Herausgeberinnen bieten mit dem Buch keine Wissenschaftsgeschichte, sondern eine Untersuchung von Praktiken an, die sich an der Schnittstelle von Medien- und Druckkultur, literarischer Form und empirischer Beobachtung entwickelten. Die einzelnen Kapitel durchziehen eine Reihe wiederkehrender Probleme: Wie kann man beobachten, ohne zu vereinfachen? Wie kann man Wissen verbreiten, ohne Tiefe und Spezifik zu verlieren? Wie kann man erzählen, ohne zu fiktionalisieren?

Das einleitende Kapitel von Adriana Markantonatos bietet einen besonders klaren Zugang zu diesen Fragen. Ihre Untersuchung von Pariser Karikaturzeitschriften, insbesondere von „Le Charivari“ sowie den Arbeiten von Honoré Daumier (1808–1879), zeigt, wie soziale Komplexität durch Wiederholung und Typisierung sichtbar wird. Was zunächst als flüchtige, ja übertriebene Darstellung erscheint, wird als soziales Wissen erkennbar. Die Karikatur an sich nimmt dabei eine ambivalente Position ein: Sie erfasst die Unmittelbarkeit, zugleich aber auch die Abstraktion; sie beruht auf der Fantasie, erzeugt aber dennoch etwas Ähnliches wie empirische Einsicht. Auf diese Weise untergräbt sie die späteren Unterscheidungen zwischen künstlerischer und wissenschaftlicher Erkenntnis.

David Hopkins Beitrag zur Legendenerzählung der flämischen Begine Matthea aus den 1840er Jahren führt die Diskussion in den Bereich der narrativen Überlieferung. Die Legende scheint Teil lokaler Praktiken, Lieder, Rituale und des kollektiven Gedächtnisses zu sein, doch ihr Fortbestehen hängt von ihrer Wandlungsfähigkeit ab. Im Laufe ihrer Verbreitung in Printmedien, im Tourismus und in der nationalistischen Geschichtsforschung löst sie sich von ihrem ursprünglichen Kontext und gewinnt gleichzeitig an symbolischer Bedeutung. Das Kapitel zeigt, dass die Verbreitung der Legende ihre Bedeutung nicht einfach verwässert, sondern sie neu ordnet, sodass eine lokale Geschichte in breitere kulturelle und politische Rahmen einbezogen werden kann.

Das dritte Kapitel, in dem sich Silvie Lang mit der „sekundären Mündlichkeit“ befasst, greift das Problem der Authentizität auf eine andere Weise auf. Es untersucht, wie gedruckte Texte durch stilistische Mittel wie Wiederholung, Dialekt und narrative Rahmung den Eindruck mündlicher Rede erzeugen. Was als Unmittelbarkeit erscheint, ist in Wirklichkeit sorgfältig produziert. Je überzeugender ein Text „mündlich“ klingt, desto mehr verschleiert er die Prozesse, die ihn geformt haben. Mündlichkeit ist hier weniger eine bewahrte Ursprungsform, sondern vielmehr ein Effekt des Schreibens, was Fragen darüber aufwirft, wie Autorität in volkskundlichen Diskursen konstruiert wird.

Karin Riedls Kapitel zum peruanischen Costumbrismo bringt diese Themen in einen politischen Kontext. Die Skizzen von Felipe Pardo y Aliaga (1806–1868) und Manuel Ascensio Segura (1805–1871) präsentieren sich als Beobachtungen des Alltags, sind aber tief in Debatten um nationale Identität verstrickt. Die Darstellung sozialer Typen beschreibt die Gesellschaft nicht nur, sondern ordnet sie auch, indem sie Rollen und Hierarchien zuweist. Die scheinbare Vertrautheit des Genres, seine direkte Ansprache der Lesenden und seine lebhaften Szenen dienen dazu, diese Strukturen zu verfestigen und als selbstverständlich erscheinen zu lassen.

Daniela Gretzʼ Untersuchung zum „dunklen Kontinent“ erweitert den Forschungsansatz in den Bereich kolonialer Diskurse. Ihre Analyse zeigt auf, wie die Metapher der Dunkelheit aus Versuchen entsteht, das Unbekannte zu beschreiben, und sich nach und nach zu einem mächtigen kulturellen Bild zu verdichten. Durch Wiederholung in Zeitschriften, Reiseberichten und populären Medien wird sie zu einem Instrument, um geografische und soziale Unterschiede zu benennen. Besonders auffällig ist die Weise, wie diese Bildsprache schließlich nach Europa zurückkehrt, wo städtische Armut mit denselben Begriffen beschrieben wird. Die Unterscheidung zwischen kolonialem Raum und großstädtischer Gesellschaft beginnt zu verschwimmen.

Erika De Vivos Kapitel über die Sámi im Italien des 19. Jahrhunderts bietet eine verwandte Perspektive innerhalb Europas. Ihre Betrachtung von Paolo Mantegazza (1831–1910) zeigt, wie wissenschaftliche Praktiken – Messung, Klassifikation und Fotografie – Objektivität suggerieren, gleichzeitig aber genau jene Unterschiede erzeugen, die sie zu erfassen vorgeben. Die Sámi erscheinen dabei sowohl als Teil Europas als auch außerhalb davon, eingeordnet in ein System, das sie vergleichbar und doch eigenständig erscheinen lässt. Die Autorität der Wissenschaft beruht hier auf Verfahren, die vereinfachen und standardisieren.

Jonathan Ropers Studie über George Frederick Abbott (1874–1947) führt die Diskussion auf die Ebene der Methode. Durch den Vergleich von Abbotts wissenschaftlichen Schriften mit seinem Reisebericht offenbart Roper die Kluft zwischen erlebter Erfahrung und ihrer textuellen Aufbereitung: Der wissenschaftliche Text schafft auf der Basis von empirischem Material Belege, während der Reisebericht die Zufälligkeiten der Begegnung bewahrt. Was an Klarheit gewonnen wird, geht an Unmittelbarkeit verloren. Diese Gegenüberstellung macht die Selektivität sichtbar, die mit der Umwandlung von Erfahrung in Wissen einhergeht.

Das letzte Kapitel von Daniela Salvucci widmet sich explizit der Rolle des Schreibens selbst. Anhand der Korrespondenz zwischen Bronisław Malinowski (1884–1942) und Elsie Masson (1891–1935) zeigt es, wie ethnografische Erzählungen durch Zusammenarbeit und literarische Einflüsse geformt werden. Die Betonung von Erzähltechnik, Stimme, Perspektive und Abfolge macht deutlich, dass Ethnografie Erfahrungen nicht einfach nur wiedergibt, sondern sie strukturiert. Verstehen bedeutet in gewisser Weise, in eine Geschichte hineingezogen zu werden.

Zusammengefasst bietet das Buch eine kohärente Erkundung, wie soziales Wissen in verschiedenen Regionen und Medien – von Frankreich und Belgien bis Peru, von kolonialem Afrika bis nach Sámi und in den östlichen Mittelmeerraum – entsteht. Seine Stärke liegt darin, zu zeigen, dass Beobachtung, Erzählung und Verbreitung untrennbare Prozesse sind. Die Vielfalt der Fallstudien stützt diesen Punkt, ohne den Gesamtfokus zu verlieren. Man könnte sich jedoch eine explizitere Synthese wünschen. Während die Einleitung den Rahmen deutlich skizziert, bleiben die Verbindungen zwischen den Kapiteln größtenteils implizit, und eine abschließende Reflexion hätte diese stärker zusammenführen können. Zudem gibt es Uneinheitlichkeiten hinsichtlich der analytischen Tiefe der einzelnen Beiträge: Einige setzen sich tiefergehend mit konzeptionellen Fragen auseinander, andere liefern detaillierte Fallstudien. Abgesehen von diesen Vorbehalten gelingt es dem Band überzeugend, einen zentralen Punkt zu vermitteln: Ethnografie und Volkskunde erscheinen hier nicht nur als bloße Disziplinen, sondern auch durch ihre Publikationsformate geprägt. Das Buch legt überzeugend nahe, dass Wissen über das Soziale stets vermittelt ist und durch die Art und Weise strukturiert wird, wie es geschrieben, verbreitet und gelesen wird.

[Übersetzung aus englischsprachiger Originalfassung von Marketa Spiritova und Roman Tischberger]