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Sina Wohlgemuth
Ländliche Zukünfte. Aushandlungen in der partizipativen Regionalentwicklung
(Bonner Beiträge zur Alltagskulturforschung 15), Münster 2026, Waxmann, 243 Seiten, ISBN 978-3-8309-4928-2
Rezensiert von Carlotta Stimpfle
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 05.10.2026
Die kulturwissenschaftliche Erforschung ländlicher Räume richtet ihren Blick seit einigen Jahren verstärkt auf Prozesse gesellschaftlicher Transformation, Fragen der Daseinsvorsorge und Formen partizipativer Regionalentwicklung. Vor diesem Hintergrund ist auch Sina Wohlgemuths Monografie „Ländliche Zukünfte. Aushandlungen in der partizipativen Regionalentwicklung“ zu lesen, die überarbeitete Fassung ihrer 2024 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn angenommenen Dissertation. Entstanden im Rahmen des DFG-Projekts „Die Zukunft in ländlichen Räumen. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf die partizipative Regionalentwicklung durch LEADER“, untersucht die Arbeit „aus empirisch-kulturwissenschaftlicher Perspektive die Rolle der Zukunftsbezüge in politischen Programmen“ und geht der Frage nach, „wie lokale Akteur*innen – insbesondere Bewohner*innen in ländlichen Regionen – ihre Möglichkeitsräume zur Gestaltung von Zukunft im Rahmen der partizipativen Regionalentwicklung aushandeln“ (13–14). Zugleich geht es ihr darum, Macht- und Ungleichheitsverhältnisse bei der Gestaltung von Zukunft sichtbar zu machen (18). Auf Grundlage ihrer ethnografischen Forschung arbeitet Wohlgemuth heraus, dass Zukunft in der partizipativen Regionalentwicklung als zentrales Theorem politischer Steuerung fungiert, „um dessen Gestaltung auf lokaler Ebene Aushandlungs- und Übersetzungsprozesse stattfinden“ (17). Dieses Erkenntnisinteresse verfolgt die Autorin auf drei miteinander verbundenen Analyseebenen: der Untersuchung der institutionellen Rahmungen des LEADER-Programms, der Mobilisierung innerhalb konkreter LEADER-Projekte sowie der lokalen Aushandlung von Handlungsmöglichkeiten in den Dörfern (18). . Theoretisch verortet Wohlgemuth ihre Studie an der Schnittstelle der Kulturanalysen des Ländlichen, der Anthropology of Policy und Anthropology of the Future, wobei sie an Überlegungen von Marc Augé, Arjun Appadurai sowie Rebecca Bryant und Daniel M. Knight anschließt. Sie greift die bislang bestehende Forschungslücke auf, wonach Untersuchungen partizipativer Governance bislang „nur selten Laien-Akteurinnen wie Bewohner*innen einbezog[en]“ (27). Aufbauend auf den im DFG-Projekt entwickelten Perspektiven versteht sie den Bottom-up-Ansatz als Deutungsrahmen und Partizipation als „rituelle Performance“, deren Mobilisierungspotenziale sie aus ethnografischer Perspektive untersucht (30). Zugleich knüpft Wohlgemuth an den Anspruch der Anthropology of the Future an, Zukunftsorientierungen und Zukunftspraktiken zu untersuchen, um gegenwärtige gesellschaftliche Verhältnisse besser zu verstehen. Im Mittelpunkt steht die Frage, „wie die Beschäftigung mit der Zukunft, in diesem Fall mit Fragen des demographischen Wandels in ländlichen Regionen, Menschen zum Handeln mobilisiert und welche Möglichkeitsräume sie haben, im Rahmen der partizipativen Regionalentwicklung ihre Zukunftsvorstellungen anzubringen“ (32). Den eigenen Beitrag sieht Wohlgemuth in der kulturwissenschaftlichen Analyse des Mobilisierungspotenzials partizipativer Governance und der darin eröffneten Möglichkeiten von Agency (30). Dabei verknüpft sie performanztheoretische, praxistheoretische und Agency-orientierte Ansätze. Methodisch basiert die Untersuchung auf einer über zweieinhalb Jahre angelegten Multi-Sited-Ethnografie, die dem Ansatz des „studying through“ (60) folgt. Wohlgemuth verfolgt die LEADER-Policy über verschiedene Governance-Ebenen hinweg und untersucht deren Übersetzungsprozesse anhand von drei verschiedenen Regionen (61–64). Dabei nehmen die Regionalmanager und -managerinnen als Instanzen für Gatekeeping und Kontaktvermittlung eine zentrale Rolle ein (65). Die empirische Grundlage bilden teilnehmende Beobachtungen, Dokumentenanalysen und qualitative Interviews. Veranstaltungen des LEADER-Programms beschreibt sie als „Bühnen“, die „nicht nur den Rahmen für die Einbringung von Zukunftsideen bieten, sondern auch die Bedingungen schaffen, unter denen sich Zukunftspraktiken im Rahmen des LEADER-Programms herausbilden und verfestigen“ (95). Die ethnografischen Beobachtungen verdeutlichen dabei die Ambivalenz partizipativer Verfahren: Den Teilnehmenden werde zwar „suggeriert, partizipieren zu können“, die eingesetzten Methoden bewirkten jedoch zugleich „eine Reproduktion der Policy-Logik“ (99). Vor diesem Hintergrund verwendet Wohlgemuth das Konzept der „Zukunftsagency“ in Anlehnung an Appadurai (2013) und Emirbayer/Mische (1998) als „routinierte Fähigkeiten und das damit verbundene Wissen“, mit denen Akteurinnen und Akteure „innerhalb des Rahmens handlungsfähig sind“ (99). Die Regionale Entwicklungsstrategie fungiert dabei als Zukunftsobjekt und Erwartungshorizont (105), eröffnet jedoch zugleich einen Deutungsrahmen, der „auch andere Zugänge zur Zukunftsgestaltung“ verstellt (108). Anhand der Aneignung von Rollen, „paper technologies“ (119) und „knowledge spaces“ (121) arbeitet die Autorin heraus, wie lokales Erfahrungswissen in LEADER-relevantes Zukunftswissen transformiert wird. Zugleich zeigt sie, dass die Möglichkeiten zur Gestaltung von Zukunft ungleich verteilt sind. „Zukunftsagency“ verweist deshalb „weniger auf die Fähigkeit, sprachlich-performativ Zukünfte [...] hervorzubringen, als vielmehr auf die situative Handlungsfähigkeit von Akteur*innen, sich an bestehende Rahmenbedingungen anzupassen und so Zugang zu konkreten Gestaltungsmöglichkeiten zu erlangen“ (135). Im folgenden Kapitel analysiert Wohlgemuth „Zukunftspraktiken“ als Formen der Mobilisierung innerhalb konkreter LEADER-Projekte. „Zukunftsbezüge“ (138) dienen dazu, Bewohnerinnen und Bewohner auf gemeinsame Zukunftsentwürfe auszurichten und Projekte zu legitimieren, etwa indem Narrative des demografischen Wandels oder statistische Prognosen Handlungsanreize in der Gegenwart erzeugen (138–142). Ergänzt werden diese durch „wishful images“ (159) und „emotional practices“ (161; Scheer 2012), die Vorstellungen von Gemeinschaft und Engagement hervorbringen (159–163). Besonders aufschlussreich ist der ethnografische Befund, dass Zukunftsvorstellungen vor allem die Initiatorinnen und Initiatoren von Projekten prägen, während viele Mitglieder ihre Beteiligung nutzen, „den Alltag im Hier und Jetzt zu bewältigen und die Lebenssituation für das Individuum zu verbessern“ (168). Zukunftspraktiken bringen damit „nicht nur Zukünfte hervor“, sondern versetzen die Menschen „durch ihren mobilisierenden Anteil [...] erst in die Lage, Zukunft zu gestalten“ (170). Das dritte empirische Kapitel widmet sich der „Handlungsmacht“ der Anwohnenden innerhalb lokaler Arenen partizipativer Governance. Anhand unterschiedlicher Praktiken zeigt Wohlgemuth, wie Bewohnerinnen und Bewohner Handlungsmöglichkeiten innerhalb des LEADER-Rahmens aushandeln und erweitern. Besonders überzeugend gelingt dies am Beispiel des „Konstruierens“, bei dem die Policy-Logik aufgegriffen wird, um eigene Zukunftsvorstellungen zu verwirklichen (183). Gleichzeitig verweist die ethnografische Analyse auf die Grenzen partizipativer Governance: Die „Pläne und Konstrukte der LEADER-Expert*innen sind [...] an den Realitäten und den alltäglichen Bedürfnissen der Bewohner*innen [...] gescheitert.“ (187) Handlungsmacht entsteht gerade dadurch, dass die dort wohnenden Menschen diese Vorgaben eigensinnig reinterpretieren und eigene Formen der Beteiligung entwickeln (ebd.). Auch oppositionelle Praktiken und lokale Allianzen versteht Wohlgemuth als Ausdruck solcher Handlungsmacht (189–192), als die „Macht von Akteur*innen“, „sich der eigenen Potenzialität bewusst zu werden, entsprechend eigensinnig zu handeln und einen dominanten Rahmen anzufechten“ (199). Im Fazit führt Wohlgemuth die drei Konzepte zu einem analytischen Gesamtmodell zusammen. Sie zeigt, dass Gestaltungsmöglichkeiten ungleich verteilt sind und insbesondere jene Personen privilegiert werden, die innerhalb bestehender Governance-Strukturen über die notwendigen Wissensbestände und Formen der Agency verfügen (204). Zukunftsagency, Zukunftspraktiken und Handlungsmacht erweisen sich dabei „als analytisch fruchtbar […], um Zugangsmöglichkeiten zu Gestaltungspraktiken sichtbar zu machen“ (208) und leisten damit einen Beitrag zur kulturwissenschaftlichen Erforschung partizipativer Governance und der Rolle von Agency in Governance-Prozessen (208).
Mit der Verbindung von Anthropology of Policy und Anthropology of the Future leistet Wohlgemuth einen wichtigen Beitrag zur kulturwissenschaftlichen Erforschung partizipativer Regionalentwicklung. Die systematische Ausarbeitung dieses analytischen Instrumentariums stellt die zentrale theoretische Leistung der Dissertation dar und bündelt Überlegungen, die bereits in mehreren Aufsätzen entwickelt wurden, zu einer konsistenten Analyse partizipativer Governance. Eine besondere Stärke der Arbeit liegt in ihrer über zweieinhalb Jahre angelegten Multi-Sited-Ethnografie sowie der dichten Beobachtungsprotokolle. Der konsequent verfolgte Ansatz des „studying through“ ermöglicht differenzierte Einblicke in Aushandlungsprozesse über verschiedene Governance-Ebenen hinweg. Besonders überzeugend ist das siebte Kapitel, in dem Dissidenz, Scheitern und oppositionelle Praktiken ebenso sichtbar werden wie die eigensinnige Aneignung von Handlungsmöglichkeiten. Hervorzuheben ist zudem der methodische Ausblick auf eine „aufbauende interventionistische kollaborative Arbeit“ (211), die das Bonner Institut für Archäologie und Kulturanthropologie im BMELH-Verbundprojekt „Akteursnetzwerke und multifunktionale Räume der Kunst-, Kultur- und Kreativarbeit in ländlichen Regionen“ (AMuRaKK) mit dem Institut für ländliche Strukturforschung (IfLS) Frankfurt am Main weiterführt (211). Die Entscheidung, regionale Spezifika zugunsten der Anonymisierung weitgehend auszublenden (62), ist angesichts der sensiblen empirischen Grundlage nachvollziehbar. Zugleich führt sie stellenweise dazu, dass die Rollen einzelner Akteursgruppen und ihre Einbettung in die lokalen Konstellationen weniger plastisch hervortreten. Eine stärkere Kontextualisierung dieser lokalen Beziehungen hätte die ethnografischen Fallanalysen stellenweise noch anschaulicher gemacht. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob regionale Besonderheiten nicht selbst Einfluss auf die Ausprägung von Zukunftsimaginationen und -praktiken nehmen und damit konzeptionell aufschlussreich hätten werden können. Die Monografie von Sina Wohlgemuth verdeutlicht das Erkenntnispotenzial einer ethnografischen Perspektive auf politische Förderprogramme für die kulturanthropologische Forschung zu ländlichen Räumen und zeigt zugleich, wie Zukunft als Aushandlungsprozess innerhalb von Governance-Strukturen untersucht werden kann.