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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Johanna Adam/Robert Eikmeyer (Hg.)

Para-Moderne. Lebensreformen ab 1900. Ausstellungskatalog der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn

Berlin 2025, Hatje Cantz, 303 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-7757-6019-5


Rezensiert von Bernd Wedemeyer-Kolwe
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 05.10.2026

Seit einigen Jahren befassen sich die historischen Wissenschaften – wie schon in den 1970er und 2000er Jahren – wieder verstärkt mit der Geschichte der alternativen Reformbewegungen der Zeit ab 1900 bis heute. Besonders die zivilisationskritische Lebensreformbewegung um 1900 – früher ein Außenseiterthema der universitären Forschung und heute eines ihrer Lieblinge – steht mittlerweile im Fokus der Forschung; in den letzten Jahren sind etliche Projekte dazu ins Leben gerufen worden, und eine große Zahl an Arbeiten ist dazu erschienen. Dass sich das Thema in der Geschichtswissenschaft besonderer Aufmerksamkeit erfreut, dürfte auch ein Reflex auf den gegenwärtigen Klimawandel und die erdrückende Umweltproblematik sein, die die Forschung zur historischen Rückschau auf vergleichbare Krisenszenarien und Reformprojekte einlädt. Die aktuelle Kritik (auch) des zeitgenössischen alternativen Milieus an den mageren Lösungsversuchen der Weltpolitik und der daraus resultierende Drang besonders der akademischen und gebildeten westlichen Kreise nach einem umweltschonenden individualisierten und modernekritischen „guten Leben“ sind weitere Aspekte des Themas, die sich leicht historisieren lassen.

Wenn sich ein Untersuchungsgegenstand universitär als wissenschaftlich fruchtbar und dann auch noch als bildungspolitisch breit vermittelbar erweist, sind entsprechende Ausstellungen zum Thema nicht mehr weit. Besonders hier, wo ein isoliertes historisches Phänomen – die Lebensreform um 1900 – aufs Beste mit gegenwärtigen Befindlichkeiten, brandaktuellen Fragestellungen und modernen Problemlagen verknüpft und damit (zweifelhafte) historische Kontinuität suggeriert werden kann, lässt sich ein attraktives Ausstellungsangebot schneidern, das publikumswirksam Geschichte, Gegenwart und Zukunftsvision miteinander verknüpfbar macht. Die gegenwärtige Inflation von Ausstellungen zur Lebensreformbewegung und seinen angeblichen historischen und aktuellen Nachfolgern verweist auf diese Attraktivität: Allein 2024 präsentierte das Essener Museum Folkwang „Visionen neuer Gemeinschaften“, das Museum Schloss Herrenhausen in Hannover zeigte „Freikörperkultur 1890–1970“, das Museum LA8 in Mannheim stellte „Heilende Kunst. Wege zu einem besseren Leben“ aus, und das Marseiller Europamuseum widmete sich dem „Paradis Naturistes“; die gemeinsame Klammer war die Geschichte der Lebensreform und ihre Rezeption. Von Herbst 2025 bis Januar 2026 ist im Wiener Leopold Museum die Schau „Verborgene Moderne“ zu sehen; ebenfalls mit Schwerpunkt auf den Reformbewegungen um 1900, und von April bis August 2025 zeigte die Bundeskunsthalle in einer großen Schau „Lebensreformen ab 1900“. Misst man diese Ausstellung – immerhin in der renommierten Bundeskunsthalle Bonn – an ihren unmittelbaren Vorgängern, von denen zumindest die Essener Schau inklusive Katalog in den Augen des Rezensenten ein ziemlicher Schnellschuss war, der Altbekanntes nur noch einmal wiederholt, so sieht auch das Resultat des Bonner Kataloges – die dazu gehörige Ausstellung hat der Rezensent leider nicht gesehen – nicht viel anders aus.

Abgesehen von der grafisch unruhigen, unübersichtlichen und überladenen Struktur des Katalogs, die die inhaltliche Orientierung und die Lesefreundlichkeit erschwert, wiederholt das Buch, ohne viel Neues zu bringen, lediglich den altbekannten Kanon der oben genannten anderen Ausstellungen zum Thema – vor allem der Essener und der Mannheimer Schau. Dabei weist besonders der kunstgeschichtliche Themenreigen des Katalogs – so scheint es dem Rezensenten – verblüffende Ähnlichkeit auf mit der 2015er Frankfurter Schirn-Schau „Künstler und Propheten. Eine geheime Geschichte der Moderne 1872–1972“, die damals Pamela Kort und Max Hollein zu verantworten hatten und in deren Fokus ebenfalls schon die Lebensreform und ihre historischen Nachfolger standen (vergleiche neben dem Katalog noch die Rezension im Bayerischen Jahrbuch für Volkskunde 2016, S. 213–214). Auch damals – wie hier – befasste man sich mit den Biografien und Werken von Karl Wilhelm Diefenbach, Hugo „Fidus“ Höppener, Gusto Graeser, Gustav Nagel, Gustav Klimt, Frantisek Kupka, Wassily Kandinsky, Ludwig Christian Haeusser und Joseph Beuys.

Die Lebensreform und ihre (angebliche) historische Rezeption wird ebenfalls stereotyp mit den üblichen Motivblöcken und den geläufigen Abbildungen repräsentiert: der Monte Vérita als Mutter aller Hippiekolonien, natürlich inklusive des nackten Hermann Hesse, dazu ein bisschen Jugendbewegung, eine Prise Okkultismus, Frauenemanzipation am Dauerbeispiel der alternativen Frauengymnastiksiedlung Loheland, dann natürlich Ausdruckstanz und Rhythmische Gymnastik mit den üblichen Mary-Wigman-Bildstrecken und Mensendieck-Fotos, ebenso wie Henry David Thoreaus Ausflug in die Waldhütte; nicht zu vergessen den „Kokosnussprediger“ August Engelhardt und sein Leben als kolonialer Lebensreformer, der mittlerweile auch schon ein Veteran im medialen Lebensreformregal ist. Assoziativ und ohne belastbare Belege auf eine kontinuierliche historische Lebensreformrezeption verweist der Katalog noch auf „Woodstock“, den „Unabomber“ und die „Beatgeneration“, inklusive Timothy Learys LSD-Versuche. Am Ende des Katalogs prangt sinnfällig und ohne jeden inhaltlichen Bezug zum Thema „Para-Moderne“ die Pop-Art-Grafik „Love“ von Robert Indiana.

Die meisten Textbeiträge des Katalogs scheinen – zumindest zeigen dies die spärlichen Literaturhinweise – von keinerlei aktueller Fachkenntnis zum Thema angekränkelt; weder wird das historische Phänomen „Lebensreform“ in den aktuellen Forschungszusammenhang gestellt noch werden neuere Deutungen zur sozialen und kulturellen Funktion des Phänomens diskutiert oder auch nur angerissen, noch wird sich auf die neue Forschungsliteratur zum Thema bezogen. Dazu passt, dass ausgewiesene Fachautoren und -autorinnen zum Thema im Katalog fehlen; allerdings mit zwei rühmlichen Ausnahmen. So bietet Susanne Rappe-Weber, die Leiterin des Archivs der deutschen Jugendbewegung, wie gewohnt kundig, unaufgeregt und präzise einen profunden Überblick zum Thema „historische Jugendbewegung“. Und Rainer Schmitz und Johanna Söhnigen, ausgewiesene Fachleute zur historischen Natur- und Heimatschutzbewegung, befassen sich konzise mit dem völkischen Reformer Paul Schultze-Naumburg und weisen dabei – als einzige – auf den aktuellen Forschungsstand und die gegenwärtige fachwissenschaftliche Debatte um Sinn, Funktion und Lesarten der Lebensreformbewegung hin.

Bis auf die erwähnten Ausnahmen bietet der Katalog nichts Neues und wiederholt nur den altbekannten und mittlerweile oft präsentierten stereotypen Themenkanon zur Geschichte der Lebensreformbewegung und ihrer angeblichen Rezeption: Alles in allem eine intellektuelle Laubsägearbeit.