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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Matthias Dusini/Ivan Ristić/Hans-Peter Wipplinger (Hg.)

Verborgene Moderne. Faszination des Okkulten um 1900. Ausstellungskatalog des Leopold Museums Wien

Köln 2025, Buchhandlung Walther König, 295 Seiten mit Abbildung, ISBN 978-3-7533-0879-1


Rezensiert von Bernd Wedemeyer-Kolwe
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 05.10.2026

Zum grundsätzlichen Ausstellungskonzept des Leopold Museums in Wien gehört es, „die Wiener Moderne im Spiegel der Kunst darzustellen“ (6), und zur Moderne zählen eben auch ihre damaligen ambivalent-kritischen Gegenprogramme wie die Antimoderne, die kritische Moderne oder die andere Moderne, wie auch immer man das nennen soll oder damals genannt hat. Zu einem solchen „Untergrund des Abendlandes“, wie Helmut Möller und Ellic Howe 1986 das entsprechende Milieu in ihrer Theodor Reuss-Biografie – ein zentraler Vertreter des Fin de Siècle-Okkultismus – einmal bezeichnet haben, gehörten vor allem die modernekritischen und alternativen Reformbewegungen der damaligen Zeit wie etwa Okkultismus, Lebensreformbewegung und Jugendbewegung, die auf der gemeinsamen Suche nach einem „Neuen Menschen“ jenseits von Industrialisierung, Technisierung und Rationalisierung, kurz: der Moderne, waren und zu den „Ursprüngen“ und zur „Natur“, was immer man darunter auch verstand, zurück- oder hinwollten.

Das Leopold Museum unternahm es gemäß seiner Programmatik nun, auch die Wiener Antimoderne im Spiegel der Kunst zu präsentieren und zu prüfen, inwieweit die Wiener Kunst auch die antimodernen und alternativen Strömungen der Zeit aufgenommen und rezipiert hat beziehungsweise ob und wie sie selbst Teil der Antimoderne in Wien gewesen sein könnte. Um dem auf die Spur zu kommen, skizziert der Katalog zum einen die wesentlichen damaligen antimodernen Strömungen der Zeit (in Wien), zu denen eben auch zentral der Okkultismus, die Lebensreform und etwa auch der Ausdruckstanz gehörten, und zeigt im Tafelteil des Buches entsprechende Beispiele aus dem Bereich der damaligen (Wiener) Kunst- und Kulturszene, der sich mit Okkultismus und Lebensreform befasste und zu dem neben vielen anderen im Katalog behandelten Personen auch Egon Schiele, Hugo „Fidus“ Höppener, Karl Wilhelm Diefenbach, Gusto Gräser, Arnold Schönberg, Alfred Kubin, Ferdinand Hodler, Johannes Itten, Gustav Klimt, Max Klinger, Edvard Munk, August Strindberg oder Wassily Kandinsky gezählt werden; das Feld wird vom Ausstellungskuratorium also sehr breit, vielleicht auch zu breit, bestellt.

Der Katalog ist in zwei Abschnitte unterteilt: Ein kleinerer Textteil versammelt Aufsätze zu verschiedenen Aspekten des damaligen (Wiener) okkult-esoterischen Untergrundes und der reformerischen Halbwelt. Dazu zählen der profunde Beitrag des Esoterikspezialisten Karl Baier zum okkult-lebensreformerischen Wien, der zudem auch Theosophie, Spiritismus und Asienrezeption behandelt, wie auch Artikel zu „Naturwissenschaft und Esoterik“, „Séance und Literatur“, „Okkultismus und Neuer Tanz“, esoterische Malerei beziehungsweise okkultistisch-spirituelle Themen in der Malerei sowie ein Beitrag zur Lebensreform in Wien. Der zweite größere Teil des Katalogs bildet die Objekte der Ausstellung ab, zu denen etliche Werke der oben genannten Künstler und Künstlerinnen gehören, aber auch zeitgenössische Fotos, okkulte Objekte, Architekturentwürfe, eine homöopathische Hausapotheke, Reformkleider, Bücher zum Thema Okkultismus oder auch sporthistorische Objekte, wie Bergschuhe und zeitgenössische Fitnessgeräte wie die damals populären „Zandermaschinen“ (283–284), die auch beim besten Willen und bei aller Liebe nun wirklich nicht zum Thema zählen; wie schon gesagt: Das Feld wurde ausgesprochen breit bestellt.

Breit und vollmundig kommt auch der Anspruch der Ausstellung (und damit auch des Katalogs) daher: „Diese Ausstellung unternimmt erstmals den Versuch, die verschiedenen Strömungen, Akteur*innen und Netzwerke im Kontext dieser Thematik zusammenzufassen.“ (7) Da sollte man dann doch lieber vorsichtiger sein. Nicht nur, dass mit dem – auch in verschiedenen Texten des Katalogs zitierten – epochalen Frankfurter Ausstellungskatalog von 1995 „Okkultismus und Avantgarde: Von Munch bis Mondrian, 1900–1915“ damals ein Standardwerk verfasst wurde, das immer noch seinesgleichen sucht und dessen Themen unisono auch hier vorkommen; nicht nur, dass mit der ebenfalls in der Frankfurter Schirn 2015 gezeigten Schau „Künstler und Propheten. Eine geheime Geschichte der Moderne 1872–1972“ etliche Themen hier schon vorweggenommen wurden, und nicht nur, dass erst vor fünf Jahren der Wiener (!) Tagungsband „Die Geburt der Moderne aus dem Geist der Religion? Religion, Weltanschauung und Moderne in Wien um 1900“ erschienen ist, der ebenfalls etliche der hier verhandelten Themen bereits bearbeitet hat. Nein: Auch dieser Katalog reiht sich nahtlos in eine Kette relativ – was „Anspruch“, „Forschungsstand“, Texte und Objekte angeht – gleichförmiger Ausstellungen mit den immergleichen Requisiten und Protagonisten zum Thema „Antimoderne, Reformbewegungen und Neuer Mensch“ (in der Kunst) ein, die in den letzten Jahren initiiert wurden (und sich dabei geflissentlich ignorierten), so in Essen („Visionen neuer Gemeinschaften“, 2024), Bonn („Para-Moderne. Lebensreformen ab 1900“, 2025) oder Mannheim („Heilende Kunst. Wege zu einem besseren Leben“, 2024). Und auch in diesem Katalog scheint, bis auf ganz wenige Ausnahmen, der aktuelle Forschungsstand (und auch die Debatte) gerade zur Lebensreformbewegung mal wieder bewusst gemieden zu werden. Leider fehlt auch jeglicher Versuch, das Thema historisch irgendwie zu erklären und in den historischen Kontext zu rücken: Die Frage nach dem Bezug zwischen und der Abgrenzung von „Moderne“ und „Antimoderne“ oder ob es diese Art von Dichotomie überhaupt gab und die Frage nach den Bedingungen, Funktionen und Erklärungen für das historisch gebundene Phänomen „Okkultismus“ und dessen soziales Umfeld wird nicht gestellt, geschweige denn beantwortet. Man könnte auch sagen: Es ist eben ein Kunstkatalog.