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Wolfgang Meixner/Erol Yıldız (Hg.)

Heimat sind wir! Mehr- und weltheimische Perspektiven in der postmigrantischen Gesellschaft

(Postmigrantische Studien 20), Bielefeld 2025, transcript, 223 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-8376-7586-3


Rezensiert von Simone Egger
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 05.10.2026

In der Wissenschaft ist es von zentraler Bedeutung, immer neue Felder und Fragestellungen zu explorieren, um im globalen Wettbewerb innovativ und anschlussfähig zu bleiben. Gleichzeitig ist eine wesentliche Aufgabe der Wissenschaft, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nachzukommen, zum Verständnis von komplexen Zusammenhängen in Vergangenheit und Gegenwart beizutragen und Phänomene wie Prozesse „zu übersetzen“ – jenseits von populistischen Debatten im politischen Tagesgeschäft. Auf Grundlage der Vielheit ihrer Stimmen und Disziplinen kann Wissenschaft so entscheidend zum Erhalt von Demokratien beitragen. Auf diese Verknüpfung ist zuletzt auch der Mediziner Wolfgang Wick, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, in seinem Beitrag „Wissenschaft und Gesellschaft – eine Frage des wechselseitigen Nutzens“ in der Zeitschrift „Forschung & Lehre“ eingegangen (5/2026).

Mitunter wird es angesichts der skizzierten Zusammenhänge auch notwendig, sich wissenschaftlich mit etwas zu befassen, das vor dem Hintergrund der eigenen Fachgeschichte(n) zunächst einmal anachronistisch anmutet. Ein Thema, von dem gerade in den vergangenen Jahren in öffentlichen Diskursen besonders viel gesprochen wird, ist „Heimat“. Heimat gilt als sogenannter „Megatrend“, wie es in der Zukunftsforschung heißt, weil sich daran zahllose Entwicklungen, die in Deutschland und darüber hinaus eine Rolle spielen, festmachen lassen. Dabei betrifft die Frage nach dem Heimisch-Werden oder sich Verbunden-Fühlen, erst einmal jede einzelne und jeden einzelnen ganz persönlich und wird über die immer wieder hervorgebrachte, politische Aushandlung der Möglichkeit, Heimat zu empfinden und/oder das Recht dazu zu haben, sich heimisch zu fühlen, zu einer nicht nur im Privaten ungeheuer relevanten Frage (Egger 2014). Das Moment der Zugehörigkeit verbindet das Individuum mit dem Kollektiv. An diesem Punkt setzt die vorliegende Studie an.

Wolfgang Meixner und Erol Yıldız zielen mit ihrem Band darauf ab, „den Heimatbegriff im deutschsprachigen Raum neu zu denken, ihn aus seinem nationalen Rahmen zu lösen und von der Lebenswirklichkeit der Menschen auszugehen“ (7). Der Titel „Heimat sind wir!“ ist programmatisch zu verstehen: Es geht darum, nicht (länger) distanziert über andere zu sprechen, sondern von unserer gesamtgesellschaftlichen postmigrantischen Realität auszugehen, die sowohl die Lebenswelt einer Professorin oder eines Professors als auch die einer Arbeiterin oder eines Arbeiters betrifft. Erfahrungen von Mobilität und Migration und ihre Effekte prägen die gesamte Gesellschaft. „Wir wären politisch heute weiter, wenn ‚Heimat‘ nicht mehr – im Sinne des aus dem neunzehnten Jahrhunderts stammenden Nationenbegriffs – primär oder überhaupt ein Ort sein müsste, an dem eigene Vorfahren gelebt haben, sondern allein ein Ort, wo all jene Menschen eine Chance zu wohnen haben, die sich dort aufgehoben und zuhause fühlen“, hat der Sprach- und Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht bereits in dem 2019 von den Historikern Edoardo Costadura und Klaus Ries sowie der Musikhistorikerin Christiane Wiesenfeldt herausgegebenen Band „Heimat global“ festgehalten (55).

In dem von Meixner und Yıldız gemeinsam herausgegebenen Reader von 2025 geht es aus wissenschaftlicher Perspektive nicht nur exemplarisch, sondern konsequent um mehr- und weltheimische Perspektiven in der postmigrantischen Gesellschaft. Damit knüpfen der Bildungswissenschaftler und der Historiker von der Universität Innsbruck unmittelbar an ihr 2021 – ebenfalls zusammen – bei Reclam veröffentlichtes Bändchen „Nach der Heimat. Neue Ideen für eine mehrheimische Gesellschaft“ an. Die vorliegende Publikation ist das Resultat einer kommentierten Diskussionsrunde im Innsbrucker Volkskunstmuseum: 2023 ging es in Verbindung mit dem vorausgegangenen Buch um die Frage von Zugehörigkeit und Diversität. Aus dem Symposium entstanden ist ein Sammelband mit insgesamt zwölf Beiträgen, der weitere Autorinnen und Autoren aus dem Umfeld der Herausgeber miteinbezieht. Die Rede von der „postmigrantischen Gesellschaft“, wie sie die Soziologin Naika Foroutan (2015; 2016) entwickelt hat, bezieht sich auf den Umstand, dass die bundesdeutsche ebenso wie die schweizerische oder die österreichische Gesellschaft seit Jahrzehnten von Erfahrungen der Migration geprägt ist und dieser Umstand auch anerkannt werden muss, was etwa die Verankerung von Vielheit im kulturellen Gedächtnis bedeutet. In der Gegenwart versuchen Institutionen wie Museen, Bibliotheken und Archive diesem Umstand vermehrt Rechnung zu tragen und erweitern ihre Sammlungs- und Vermittlungskonzepte in ethnokultureller und ebenso in sozialer Hinsicht, auch weil das bürgerliche Publikum zusehends an Bedeutung verliert.

Gemeinsam stellen Erol Yıldız und Wolfgang Meixner zunächst kurz und bündig die Idee von „Heimat sind wir!“ vor. In zwei aufeinanderfolgenden Artikeln machen sie anschließend die Bandbreite ihres Zugangs auf: Während der Bildungsforscher Yıldız generell darauf eingeht, was es bedeutet, Heimat postmigrantisch zu denken, befasst sich der Historiker Meixner mit dem Heimatrecht, gewissermaßen als Fundament der im Text ausgeführten Gedanken. Erol Yıldız setzt bei der Notwendigkeit an, zunächst die historisch gemachte Dualität zwischen „wir“ und „den anderen“ zu überwinden, um zu begreifen, warum ein postmigrantischer Heimatbegriff gesamtgesellschaftlich alle angeht und betrifft. Wolfgang Meixner legt akribisch dar, wie sich Heimat als Gegenstand des Rechts und der Forschung verändert hat oder vielmehr gesellschaftlichen Wandel abbildet und kommt zu dem Schluss, dass es in den 1990er Jahren eine Leerstelle gibt, was die Interpretation von Heimat angeht. Diese Leerstelle haben andere aus politischem Interesse heraus besetzt. „Dieses ‚rechte‘ Heimatbewusstsein ist jedoch nicht Ursache, sondern Symptom von etwas Tieferliegendem. Dahinter stehen gesellschaftliche Krisen- und Entfremdungserfahrungen immer breiterer Schichten […]. Diese beinhalten aber auch Hoffnungen oder Sehnsüchte einer ‚Beheimatung des Menschen‘“ (52), wie sie Ernst Bloch oder Hannah Arendt zur Sprache gebracht haben.

Auf diese Einlassungen folgen zunächst die Beiträge der Gäste des eingangs genannten Symposiums. Die Sprachwissenschaftlerin Anna Mammitzsch und die Kunstpädagogin Anja Kraus, die beide an der Universität Stockholm tätig sind, diskutieren die Punkte von Meixner und Yıldız und zeichnen nach, wie die Argumentation der Herausgeber funktioniert und welche Aspekte sie einbezieht, etwa dass sie grundlegend für mehr Gelassenheit „in Bezug auf Heimatdinge“ plädieren und „alle Menschen, vor allem auch Geflüchtete und anderwärtig Mobile, als aktiv Handelnde und Expert*innen ihrer eigenen Lebenspraxis betrachten“ (63). An diesen Überlegungen spiegeln Mammitzsch und Kraus einen aus ihrer Sicht weiterhin zu eng geführten Zugang in Wissenschaft und Alltag, so im Bereich der Bildung, und diskutieren die Potentiale linguistischer Ethnografie und anderer erziehungswissenschaftlicher Methoden, wenn es um Mehrheimisch-Sein und Werden geht.

Der Sozialwissenschaftler Jörg Dürrschmidt hinterfragt den Ansatz der Herausgeber und Autoren, den er generell als Gewinn betrachtet, dennoch kritisch, weil er davon ausgeht, „dass mit dem postmigrantischen Perspektivwechsel auf ‚Weltheimischsein‘ die anthropologisch-lebensweltliche Matrix von Heimat nicht ausreichend analytisch bedacht ist“ (76). Mit dem Rückgriff auf den Philosophen Helmuth Plessner vollzieht er nach, dass Auseinandersetzungen im Prozess des Heimisch-Werdens gewissermaßen immanent sind und es angesichts des Stellenwerts von Zugehörigkeit auch bleiben werden.

„Wir sind türkisch, irgendwie deutsch und aus Griechenland“, lautet der Titel von Anita Rotters Beitrag in diesem Band. Ihr Nachdenken über das Mehrheimisch-Sein setzt bei der Generation an, die unmittelbar mit den Folgen des „Bevölkerungsaustauschs“ zwischen Griechenland und der Türkei, der 1923 völkerrechtlich bindend im Vertrag von Lausanne vereinbart wurde, zu leben hatten. Die tragischen Konsequenzen dieser erzwungenen Migration wirken sich bis heute auch auf Familienmitglieder aus, die im deutschsprachigen Raum geboren sind. Dabei ist diese Episode der deutsch-türkisch-griechischen Geschichte in Deutschland kaum oder gar nicht bekannt.

Anhand von literarischen Positionen, die sich mit der Frage beschäftigen, an welcher Stelle die Geschichte(n) ihrer Familien in der bundesdeutschen Erinnerungskultur repräsentiert werden – oder vielmehr keinen Eingang in das kulturelle Gedächtnis gefunden haben –, diskutiert die Germanistin Anna Rutka unter der Überschrift „Störfaktor migrantische Erinnerung“. Gegenstand ihrer Ausführungen sind die Romane von Fatma Aydemir, die sich literarisch sowohl mit „heimatlichen innertürkischen Traumata“ (118) befasst, die auch für in Deutschland geborene Nachkommen ehemaliger Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter weiterhin prägend sind, als auch mit der Erfahrung der 1990er, die als Wendejahre ohne das Erleben von Rassismus und Diskriminierung erzählt werden. Dieses nationale Moment störe der Roman „Dschinns“, der „mittels eines komplexen zeitlich-räumlichen Geflechts die ästhetische Modellierung der Erinnerung und Modellierung in Deutschland unter Bedingungen der Mehrdeutigkeit und Diversität offenlegt“ (ebd.).

Die Kunsthistorikerin Burcu Doğramacı spürt dem „Geschmack von Heimat“ und dem Prozess des „Place-Making“ in der künstlerischen Produktion nach. „Über Ernährung formuliert sich Zugehörigkeit“ (131). Konkret bespricht sie Arbeiten des in Deutschland lebenden nigerianischen Künstlers Emeka Ogboh, im Fokus steht sein Projekt „Sufferhead Original“, ein selbstgebrautes Bier und eine entsprechende Kampagne als Formen zeitgenössischer „Eat Art“. Emeka Ogboh spielt mit Inszenierungen von Heimat, Klischees und Stereotypen, und ebenso mit deren Unterbrechung – disconnectivity –, wenn heute beispielweise nicht mehr bekannt ist, dass sich eine Gruppe Schwarzer Männer bereits 1911 in Lederhosen präsentiert hat. Der Künstler hat dieses Bild reenacted, es geht wie in den anderen Projekten um Erwartungshaltungen und alltägliches Wissen.

Anja Seifert und Agnes Pfrang setzen sich mit der Frage auseinander, wie Heimat die längste Zeit im Schulunterricht thematisiert wurde und auf welche Weise in der Gegenwart damit umgegangen wird. Auch in diesem Bereich lässt sich ein Anachronismus beobachten. Über Jahrzehnte – und zum Teil ist das bis heute so – war die postmigrantische Gesellschaft nicht Ausgangspunkt für die Frage, wie Kinder über Heimat(en) nachdenken und sprechen lernen. Eine ausschließlich im Singular artikulierte deutsche Heimat wurde auf diese Weise erst hergestellt, das gilt aber auch für Momente der Nicht-Zugehörigkeit zu diesem Programm. Welterfahrung, Relationalität oder überhaupt Kontextualisierung waren in diesem Rahmen kein Thema: Frühling ist, wenn die Schneeglöckchen blühen (auf der Südhalbkugel in unseren Breitengraden!). Hier gibt es enormen Handlungsbedarf. Einen Raum, der sich aufmachen lässt, um mit Kindern über soziale wie auch territoriale oder kulturelle Bezüge zu philosophieren, sehen die Pädagoginnen etwa in posthumanistischen Umwelt-Diskursen des Sachunterrichts: An diesem Punkt muss auch die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer ansetzen und schon von Anfang an konsequent auf die Vermittlung von Vielheit setzen.

Susanne Leitner und Stine Albers verorten ihren Beitrag ebenfalls im Bereich der pädagogischen Ausbildung. Um Lehrkräfte dafür zu sensibilisieren, welche Bedeutung dem Alltagsbegriff „Heimat“ zukommt und zukommen kann, um Schülerinnen und Schüler dabei zu unterstützen, sich als kritische Weltbürgerinnen und Weltbürger „in der Welt zu beheimaten und Belonging zu beanspruchen und zu erfahren“ (172), fokussieren sie auf das Konzept der „Defamiliarization“. Ziel ist es dabei, sich zu „befremden“, wie es im Kontext der Ethnologie heißt, um eine kritische Distanz zu vermeintlich nicht zu hinterfragenden Topoi aufzubauen, um auch anderen das Gefühl vermitteln zu können, dass sie sich beheimatet fühlen können.

Nicht zuletzt setzt sich auch der Erziehungswissenschaftler Hans Karl Peterlini kritisch mit ethnozentristischen Identitäts- und Zugehörigkeitsentwürfen in der Pädagogik auseinander. In seinem Beitrag ist die Rede von einer „schwachen Pädagogik“ und einem „schwachen Denken“, was bedeutet, „sich im Diskurs über Weltbilder, wie es Heimat- und Identitätsentwürfe sind, auf die Ebene der Lebenswelt zu begeben“ und „kommunikativ und emotional zugänglich zu machen“ (193), was hinter exklusiven und exkludierenden Konstrukten von Heimat steht. Dabei setzt Peterlini auf die „Wirkmacht narrativer Zugänge“ (194), an die sich Menschen oft über einen langen Zeitraum erinnern.

Der Bildungsforscher und Reihenherausgeber Marc Hill spricht im abschließenden Artikel des Bandes über „Diversität unter Fachkräften in der Jugendarbeit“ und stellt die Frage, wer auf Seiten der Betreuenden überhaupt geeignet ist, mit als mehrheimisch charakterisierten Jugendlichen, die sich untereinander vielfach unterscheiden, umzugehen und ihnen gerecht zu werden. In seinem Text stellt er exemplarisch verschiedene Beispiele vor und kommt zu dem Schluss, dass zum einen das Verständnis von Mehrheimisch-Sein essenziell ist und in der Pädagogik als eigene Erfahrung auch zu einer entscheidenden Ressource im Zeitalter der Globalisierung werden kann.

Wie Wolfgang Meixner und Erol Yıldız in ihrer Einleitung schreiben, ist Mehrheimisch-Sein in unserer heutigen Welt der Normalzustand. Das ist auch angesichts eines polarisierten politischen Diskurses im deutschsprachigen Raum, der Migration per se stigmatisiert, eine zentrale und für das Zusammenleben in Zukunft grundlegende Aussage. Beim Sprechen über Migration bei Heimat oder bei der Rede von Heimat bei Migration anzusetzen, kann ein Schlüssel sein, um Statik im Denken und Handeln zu begegnen, Denkmuster aufzulösen und über Erfahrungen zu sprechen, die so viele Menschen in ihren von Bewegung geprägten Lebenswelten betreffen. Der Band behauptet von sich, nicht vollständig zu sein, und versteht sich als „Fortsetzung einer Entdeckungsreise“ (8). Angesichts seiner ungeheuren Relevanz stellt sich daran anknüpfend unmittelbar die Frage, wie folgende Bände des Herausgeber-Duos aussehen könnten. Von großem Interesse wäre eine weitere Öffnung für Texte und Positionen aus dem inter- und transdisziplinären Spektrum. Viele Stimmen im Diskurs zu versammeln, die wider die Engführung von dynamischen Phänomenen argumentieren und auch „Kultur“ prozesshaft argumentieren, muss auch weiterhin und gerade in Anbetracht gegenwärtiger Entwicklungen zentrales Thema wissenschaftlicher Auseinandersetzung im Sinne einer Public Science sein. Der Band von Erol Yıldız und Wolfgang Meixner ist ein wichtiger Baustein, um etwas, das alle Menschen gleichermaßen betrifft und ihr Menschsein auf gewisse Weise überhaupt ausmacht, egal wie es nun genannt oder beschrieben wird, weiterzudenken und Heimat im Plural im kulturellen Gedächtnis von Gesellschaften zu implementieren.