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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Florian Greiner/David Motadel (Hg.)

Heimaten. Räume kultureller Politikgeschichte

Berlin u. a. 2025, De Gruyter Oldenbourg, 306 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-11-142248-0


Rezensiert von Manfred Seifert
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 05.10.2026

Der als Festschrift für den Historiker und Hochschullehrer Willi Oberkrome zum 65. Geburtstag verfasste Sammelband gliedert sich neben Einleitung und Vorwort sowie Epilog in drei inhaltliche Abschnitte: „Räume“, „Personen“ und „Strukturen“. Die Herausgeber sind Geschäftsführer des Lern- und Erinnerungsorts Notaufnahmelager Gießen und geschichtswissenschaftlicher Privatdozent an der Justus-Liebig-Universität Gießen (Florian Greiner) sowie Associate Professor für internationale Geschichte an der London School of Economics and Political Science (David Motadel). Die historische Perspektive auf das Heimatverständnis wird auch in Greiners und Motadels Einleitung deutlich, wenn sie dieses „als konzeptionell ebenso umkämpft wie schwer zu greifen“ charakterisieren (1). Den Fokus des Bandes, der Beiträge aus unterschiedlichen geschichtswissenschaftlichen Richtungen versammelt, die sich mit Heimat im weitesten Sinne auseinandersetzen, „markiert das ‚lange‘ 20. Jahrhundert von der deutschen Reichsgründung 1871 bis zur ‚Zeitenwende‘ des Jahres 2022 […]“ (3). Es folgt ein Kurzüberblick über die Texte der drei Abschnitte sowie ein abschließender Bezug zu Oberkromes Habilitationsschrift von 2004.

Das Vorwort von Jürgen Kocka diskutiert Oberkromes Promotion von 1993 zusammen mit der Entwicklung der Sozialgeschichte, die sich anfänglich in den 1970er Jahren wie eine „angriffslustige ‚Oppositionswissenschaft‘“ präsentierte, verband sie sich doch oft mit einer sehr kritischen Sicht auf Gesellschaft und Politik der Gegenwart. Und sie galt vielen „in der einen oder anderen Weise als ‚links‘“ (11).

Den Abschnitt 1 „Räume“ beginnt Franz-Josef Brüggemeier mit einer Studie zum Ruhrgebiet zu Beginn der Industrialisierung. Er zitiert dazu vor allem publizierte Beiträge, während von den Bewohnern dieser Region leider keine Aussagen zum Heimatwert des Ruhrgebiets vorliegen. Um 1800 war das Ruhrgebiet kaum besiedelt, die Landschaft war von Landwirtschaft und unberührter Natur geprägt. Städtische Ansätze gab es nur im Süden des Ruhrgebiets, doch diese waren sehr klein und hatten wenige tausend Einwohner. Einhundert Jahre später fand sich in der Region das hastig pulsierende Leben eines hochentwickelten Gewerbefleißes durch Industrialisierung und Zuzug, doch „weite Gebiete waren von der Industrialisierung noch kaum erfasst“ (25). Florian Greiners Beitrag befasst sich mit Friedrich Eberts (1871–1925) Kneipenwirtstätigkeit von 1894 bis 1900, die er in offiziellen Lebensläufen nicht aufführte. Ebert war der spätere sozialdemokratische Spitzenpolitiker und Reichspräsident, den es ohne den Kneipenwirt nicht gegeben hätte, welcher sich als Parteiredner und Experte in sozialpolitischen sowie arbeitsrechtlichen Fragen profilierte. Den Überlegungen zu einer Geschichte des dänischen Handels im Ersten Weltkrieg widmet sich Lea Pfeffermann-Goehl. Eine Reihe europäischer Staaten wie etwa Dänemark blieb neutral, denn der Erhalt der eigenen Versorgung als Heimatschutz und Kriegsfähigkeit war für die neutralen wie kriegführenden Parteien wichtiger als die wirtschaftliche Schwächung des Feindes. Dabei existierte der Verhandlungsspielraum des dänischen Königreichs nur so lange, „als beide Kriegsparteien das Gefühl hatten, die Situation zu kontrollieren“ (63). Mit den "Frontkämpfertreffen von Freiburg und Besançon 1937" befasst sich Kilian Fehr. Die Treffen in beiden Städten müssen in dem NS-Inszenierungsrahmen gesehen werden, der vor allem Frankreich einflößte, es ginge dem Deutschen Reich um Frieden und Versöhnung.

Den Abschnitt „Personen“ eröffnet Dietmar Neutatz mit seiner Befassung von August Freiherr von Haxthausen (1792–1866), der „mit seinen Werken über die Agrarverfassung Russlands und die Aufhebung der Leibeigenschaft sowohl in Westeuropa als auch in Russland enorm einflussreich“ (91) war. Elisabeth Pierz befasst sich in ihrem Beitrag mit der Freiburger Skisportlerin Christl Cranz (1914–2004) im Nationalsozialismus. Sport wurde in dieser Zeit strategisch für die Durchsetzung der Regimeziele instrumentalisiert und die NS-Führung sah in den Olympischen Spielen in Garmisch-Partenkirchen und Berlin 1936 eine besondere Möglichkeit, sich gegenüber dem Ausland positiv zu präsentieren. Cranz siegte in Garmisch 1936 in der Kombination von Slalom und Abfahrt. In der Folge eröffneten sich für sie viele Möglichkeiten. Man vermutet allerdings, dass Cranz Schutzbehauptungen verbreitete, um ihre eigene Rolle im NS zu verschleiern. „Der Einsatz deutscher Archivare in besetzten Gebieten während des Zweiten Weltkriegs“ ist das Thema des Beitrags von Tobias Winter. Ab 1939 galt es, nicht nur wissenschaftliche beziehungsweise fachliche Arbeit zu erfüllen, sondern besonders politische Arbeit zu leisten. Dabei gab es erhebliche Unterschiede in Aufbau, Struktur und Arbeit der Archivkommissionen zwischen den besetzten Gebieten im Westen und im Osten. Und es gab oft ein unkoordiniertes Nebeneinander verschiedenster NS-Dienststellen, die ebenfalls nach Archivgut jagten. Außerdem wurde schon kurz nach Kriegsbeginn ein Mangel an Archivmitarbeitern zum Problem. David Motadels Beitrag befasst sich mit der Person Alimjan Idris (1887–1959) in einer mikrohistorischen Biografie. Idris war in Kasachstan geboren, nach seinem Studium in Buchara und Konstantinopel zog er 1913 nach Westeuropa und lernte in dieser Zeit Deutsch. Im Ersten Weltkrieg wurde er von verschiedenen Institutionen engagiert, um muslimische Kriegsgefangene aus den Armeen der Entente zu betreuen und propagandistisch zu beeinflussen. Anfang 1916 kam er ins Deutsche Reich. Nach Kriegsende blieb Idris in Berlin und wurde dort zu einer zentralen Figur im Leben der muslimischen Minderheit. 1933 profitierte Idris sogar vom NS-Regime und wurde Anfang 1940 eingebürgert. Der Beitrag „Brandt in Berlin“ von Scott H. Krause setzt sich mit dem späteren Bundeskanzler Willy Brandt (1913–1992) auseinander. Brandt entschied sich für eine Karriere in der antikommunistischen Berliner SPD. Seine Wahl zum regierenden Bürgermeister im Jahr 1957 und die Wahl zum Landesvorsitzenden der SPD einige Monate später waren umso bemerkenswerter, als die SED versuchte, ihm zu schaden. Der Beitrag von Martin Bemmann befasst sich mit dem Holzhändler Leon J. Koerner (1892–1972) in British Columbia. Der Jude Koerner war nach seiner Flucht aus der Tschechoslowakei vor der NS-Bedrohung 1939 in Vancouver angekommen und zügig einer der erfolgreichsten und reichsten Holzindustriellen Kanadas geworden. Entscheidend für Leon Koerners rasches Ankommen in einer in mehrfacher Hinsicht ablehnenden oder gar feindseligen Umgebung war sein Wissen über Marktverhältnisse, Holzeigenschaften und Technologien zur Holzverarbeitung. Dieses Wissen hatte er sich in Europa über Jahre hinweg bei der Verwaltung der tschechoslowakischen Holzfabrik seines Vaters angeeignet.

Im dritten Abschnitt „Strukturen“ befasst sich der erste Beitrag von Heinrich Schwendemann mit der „‚Fabrikrede‘ von Franz Joseph Buß vom 25. April 1837“, die er als junger Abgeordneter und ebenso junger Freiburger Universitätsprofessor in der zweiten Kammer des Ständehauses in Karlsruhe hielt, die in die Geschichtsschreibung als „erste sozialpolitische Rede, die in einem deutschen Parlament gehalten wurde“ (209), eingehen sollte. Diese Rede wurde von der Mehrheit der liberalen Abgeordneten nach kurzer Debatte an einen Ausschuss übertragen, der dessen Weiterleitung an die Regierung ablehnte. Der Beitrag von Johanna Bichlmaier und Philipp Scherzer zum Thema „EinSchnitt – EinBruch – Einheit? Nachdenken über den historiografischen Umgang mit Zäsuren“ befasst sich zunächst mit den Charakteristika von Zäsuren. Prominentestes Beispiel identitätsstiftender Erklärungsangebote der 1920er und 1930er Jahre ist der Friedensvertrag von Versailles, der die Grenzmark Posen-Westpreußen zum größten Teil an Polen abtrat. Um die mentale Anbindung an die abgetretenen Gebiete der Ostmark zu bewahren, nahm man starken Bezug auf „die als von der staatlichen Territorialität losgelöst verwendete Kategorie Heimat“ (228), die bis ins Jahr 1934 durchaus erfolgreich verwendet wurde. Der Beitrag von Ralf Müller befasst sich mit der schweren Hungersnot in der Sowjetunion 1932/33, die besonders die Ukraine und Gebiete im Nordkaukasus sowie an der Wolga und in Kasachstan betraf. Die ausländische Versorgung der Hungergebiete durch Lebensmittellieferungen oder Hilfsorganisationen war von den Behörden verboten worden. Und die Sowjetunion versuchte, die Hungerkatastrophe so weit wie möglich geheim zu halten. Doch die Regierungen der USA und Großbritanniens waren hinsichtlich des Verlaufs der Hungerkrise in der UdSSR gut informiert. Angelsächsische Reporter berichteten über die Hungerkrise in der UdSSR in unterschiedlich offener Weise. Walter Duranty wird als Hauptvertreter einer Linie gesehen, die die Hungersnot 1932/33 beschönigte und in Ausmaß und Schwere herunterspielte. Der Beitrag von Sebastian Kasper mit dem Titel „Vom Heimatschutz zu Fridays für Future: Die 1970er Jahre als Zäsur in den Umweltbewegungen. Eine Tiefenbohrung am Beispiel der Spontis“ führt aus, dass sich Anfang der 1970er Jahre tausende Jugendliche und junge Erwachsene den unterschiedlichsten linken Gruppierungen anschlossen und einen kaum vorstellbaren Aktivismus an den Tag legten, man sich bei den Spontis mit Umweltfragen jedoch noch nicht auseinandersetzte. Diese Fragen erlangten im Spontimilieu erst Bedeutung, als um die Mitte der 1970er Jahre ihre bisherigen Hoffnungen keine Chance der Realisierung hatten. Daraus setzte ein Prozess der Neuorientierung ein und die Spontis nahmen die Erscheinungsformen der Alternativbewegung vorweg. Mit ihrer Begeisterung für die Anti-AKW-Bewegung rückte auch die Ökologie immer stärker in den Fokus der Spontis, die sich allerdings weiterhin als antagonistische Kraft verstanden, die für eine grundsätzlich andere antiautoritäre ökologische Gesellschaft kämpften.

Der von Ulrich Herbert verfasste kurze „Epilog: Deutsche Heimat“ verfolgt fünf Zeiträume und skizziert darin heimataffine Inhalte. Nach 1945 erfolgte eine rasche Wiederbelebung des Heimatbegriffes in fester „Orientierung an tradierten Werten“, der erst in den 1970er-Jahren seine stark konservierenden und reaktionären Charakteristika verlor und „zum Teil Anschluss an die neue Umweltbewegung“ fand (297). Und der aktuelle Blick auf das Ruhrgebiet zeigt schon 1923 eine Einwanderungsgesellschaft wie auch heute, da über ein Drittel der Bevölkerung aus Migrantinnen und Migranten besteht. Doch gleichwohl hat sich seit dem Untergang der industriellen Agglomerationen „eine erneute Tendenz zur volkstümlichen Idylle“ herausgebildet. Trotz dieses Bevölkerungswandels erfindet sich also „die Legende von der Einheit von Stamm und Landschaft, von Natur und Lebensart“ (298) immer wieder neu, so Herberts Fazit.