Logo der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Kommission für bayerische Landesgeschichte

Menu

Aktuelle Rezensionen


Thomas Höhne/Nicole Janka/Marcus Mühlnikel (Hg.)

Sinti und Roma in Geschichte und Erinnerung. Europäische und regionale Perspektiven

(Schriften des Instituts für Fränkische Landesgeschichte 2), Bamberg 2025, University of Bamberg Press, XVII, 200 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-98989-046-6


Rezensiert von Birgit Speckle
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 05.10.2026

Vorgestellt wird die Publikation zur gleichnamigen Fachtagung, die im September 2023 in Bayreuth stattgefunden hat, ausgerichtet vom Institut für Fränkische Landesgeschichte der Universitäten Bamberg und Bayreuth, dem Verband Deutscher Sinti und Roma (Landesverband Bayern e.V.) und der Evangelischen Arbeitsstelle Antiziganismus in Bayern. Der Band vermittelt, jeweils mit regionalen Schwerpunkten, anhand von elf Aufsätzen zentrale Aspekte sowohl der Geschichte der Sinti und Roma als auch der Erinnerungskultur an ihre Vernichtung im Nationalsozialismus. Die Geleitworte verweisen auf die unabdingbare Notwendigkeit der Kooperation mit der Interessensvertretung der Sinti und Roma beim Thema. Exemplarisch und an erster Stelle möchte ich hier Erich Schneeberger zitieren, den Vorsitzenden des Bayerischen Landesverbands im Verband Deutscher Sinti und Roma. Er hofft auf einen „Perspektivwechsel“ (VII) in der Forschung, die „über lange Zeit tradierte Stereotype“ (VI) weitergetragen und so „in erheblichem Maß zu einer antiziganistischen Wissensproduktion beigetragen“ hätte (VII). So wird bereits eingangs deutlich, dass angemessene Forschungen zur Geschichte der Sinti und Roma nicht stattfinden können, ohne eine kritische Reflexion des herrschenden Antiziganismus. Das ist im vorliegenden Buch erstens gelungen, indem der abwertende und exkludierende Begriff „Zigeuner“ vermieden beziehungsweise als Teil einer historischen Quelle markiert wird. Wer mit offenen Augen in der Medienlandschaft unterwegs ist, wird feststellen, dass dies keineswegs flächendeckend üblich ist. Zweitens war der Landesverband bei der Auswahl der Referierenden sowie der Autoren und Autorinnen mit einbezogen – seine Expertise also gehört und genutzt.

Die ersten drei Aufsätze befassen sich mit dem Leben von Sinti und Roma in der Frühen Neuzeit, dessen Erforschung bisher kaum erfolgt ist. Ulrich F. Opfermann belegt anhand von Geleitbriefen des 15. Jahrhunderts, dass Sinti damals in West- und Mitteleuropa zwar als fremd deklariert, jedoch geduldet waren. Wahrgenommen wurden sie als „reisende hierarchisch und familial strukturierte nach außen sich abgrenzende Gruppen“ (7). In der Frühen Neuzeit entstand dann das negative Bild der so genannten „zyginer“ (7). Opfermann verweist auf den Zusammenhang mit der Krise des Feudalsystems, das sich durch Bauernkriege und Reformation angegriffen sah und eine „Umlenkung von Empörung und Wut in der Untertanenschaft auf innere Feinde in den Unterschichten“ (10) einleitete. Die gesellschaftliche Minderheit bot sich hierfür an. Da sich jedoch die Lebenssituationen der Mehrheits- von der der Minderheitsgesellschaften kaum unterschied, kam es zwischen ihnen zu Verbindungen, zum Beispiel in Form von Heiraten und alltäglichen Verflechtungen. Opfermann spricht von einer „Realgeschichte der Unwirksamkeit der herrschaftlichen Abgrenzungsgebote“ (19).

Günter Dippold untersucht auf Basis der Protokollbände des für die Strafjustiz zuständigen Malefizamts im Hochstift Bamberg den Umgang der Obrigkeit mit der gesellschaftlichen Minderheit. Die Protokolle zeigen das erste Drittel des 18. Jahrhunderts „als Tiefpunkt der Verfolgung“ (21). Dippold gibt anhand von Beispielen Einblicke in die bedrückende „Rechtswirklichkeit“ (35) der Minderheit. Sie war geprägt von systematischen Streifen auf der Jagd nach „Zigeunern“, denen „Brandmarkung und Prügelstrafe [...], Verkauf auf die Galeere“ oder der Galgen drohte (35). Ende der 1770er Jahre scheint die Verfolgung nach dem Kriterium der Zugehörigkeit zu einer Minderheit abgeflaut zu sein.

Eric Salomon betrachtet interterritoriale Aspekte im stark zersplitterten frühneuzeitlichen Franken und schafft so eine regional begrenzte Grundlage für die Erforschung des Lebens der Sinti in Mitteleuropa. Deren Lebensrealität war geprägt davon, dass „zwischen den fünf größten Reichsständen des Kreises“ im Fränkischen Reichskreis „ein prekäres Gleichgewicht“ (37) herrschte und dafür Kommunikation möglich und notwendig war. Das betraf die Sinti-Minderheit: Auf lokaler und bilateraler Ebene gab es Koordinierungen und Verhandlungen der Verfolgungsstrategien (52).

Gerhard Baumgartner stellt den Umgang der Mehrheitsbevölkerung mit der Minderheit über einen langen Zeitraum hinweg vor und betont, dass „Stigmatisierung und Marginalisierung von Sinti und Roma [...] ein Erbe bevölkerungsgeschichtlicher, gesellschaftsgeschichtlicher und vor allem verwaltungsgeschichtlicher Entwicklungen des 18. und 19. Jahrhunderts“ seien (52). Er nimmt insbesondere die Situation in Mittel- und Osteuropa in den Blick. Wer dort als Sinti oder Roma deklariert wurde, war einem sozialen Status zugeteilt: Ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert ordnete man sie in der Habsburgermonarchie der Unterschicht zu. Das hatte zur Folge, dass Roma-Familien, die zum klassischen Mittelstand gehörten und etwa als Berufsmusiker oder Schausteller arbeiteten, eben nicht als Angehöriger der Minderheit angesehen wurden (53). Baumgartner beschreibt, wie anhand der Flut so genannter „Zigeunerbilder“ (58) im 19. Jahrhundert ein pseudo-romantisches Wanderleben suggeriert wurde, das die Roma und Sinti dieser Zeit längst nicht mehr führten. Dazu kamen die Theorien der Eugenik, denen zufolge Charaktereigenschaften einer bestimmten Bevölkerungsgruppe vermeintlich ererbt und damit nicht zu ändern seien. Beide Aspekte legten den Nährboden für die so genannte „Zigeunerpolitik“ (60) in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die mit dem Bestreben einhergingen, Sinti und Roma in Karteien zu erfassen und sie systematisch zu verfolgen. Baumgartner stellt überblicksartig dar, wie eugenische Theorien im Nationalsozialismus in die „Nürnberger Rassegesetze“ mündeten und in Massendeportationen und Ermordungen von Sinti und Roma endeten. Er schlägt den Bogen weiter zu den jahrzehntelangen Kämpfen überlebender Roma und Sinti, die schließlich zur Anerkennung der in der NS-Zeit begangenen Verbrechen führten. Abschließend stellt er die Situation der Roma in Mittel- und Osteuropa nach 1989 vor: Die meisten Roma, die bereits vor der demokratischen Wende verarmt waren, profitierten nicht von der Wiederherstellung der Besitzverhältnisse der Vorkriegszeit und blieben in der Verarmung. Matej Beránek beschäftigt sich ebenfalls mit Osteuropa und untersucht die „Verfolgung der Roma während des slowakischen Staates (1939–1945)“ (67).

Die folgenden Beiträge befassen sich mit Einzelschicksalen. Ulrich Schlee berichtet aus seinem Dissertationsprojekt von den Deportationen der Sinti und Roma aus Oberfranken. Er spürt den Biografien aller 54 verfolgten Personen nach, auch wenn diese Menschen in den Quellen lediglich „als Objekte der staatlichen Repressionen“ (96) aufscheinen. Frank Reuters Arbeit dokumentiert die Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus unter dem Aspekt der „Zeugenschaft [...] nach dem Völkermord“ (109) und der „Durchsetzung eines eigenen Narrativs“ (118) ab den 1980er Jahren. In einem Umfeld, das immer noch stark antiziganistisch geprägt war, wurde es für die Überlebenden der NS-Vernichtungspolitik erst nach und nach möglich, ihre Lebensgeschichten in eigenem Rhythmus und in eigener Sprache zu erzählen. Die Gründung einer Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma hatte daran einen maßgeblichen Anteil.

Den nach 1945 immer noch herrschenden Antiziganismus stellt Hans Woller ins Zentrum seiner Arbeit. Der Autor ist einer breiten Leserschaft bekannt durch seine Publikation „Jagdszenen aus Niederthann. Ein Lehrstück über Rassismus“, erschienen 2022 in München. Er stellt dem grassierenden Antiziganismus Emanzipationsbestrebungen von Sinti und Roma gegenüber, die in die Gründung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma 1982 mündeten. Im selben Jahr sprach Bundeskanzler Helmut Schmidt als erster Politiker von Sinti und Roma „als Opfer[n] eines Völkermords“ (106). 1997 eröffnete das Dokumentationszentrum der Sinti und Roma in Heidelberg, 2012 folgte die Einweihung des „Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas“ (106) in Berlin.

In seiner „Bestandsaufnahme“ der „Wiedergutmachung für Sinti und Roma“ (125) nach 1945 argumentiert Joey Rauschenberger gegen die so genannte zweite Verfolgung der Minderheit nach der NS-Zeit und weist nach, dass im Rahmen der Entschädigungsverfahren keine Benachteiligung stattgefunden hat. Damit schreibt er gegen die etablierten Narrative dieser zweiten Verfolgung an, die – einmal publiziert – oftmals bedenkenlos rezipiert und damit verbreitet und allgemeingütig gemacht wurden. Rauschenberger plädiert außerdem für eine „Kulturgeschichte der Entschädigungsverwaltung“ (144), in der die beteiligten Personen ins Zentrum gerückt werden.

Das Thema Erinnerungskultur an die Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma im Nationalsozialismus steht im Zentrum des Dissertationsvorhabens von Leonard Stöcklein. Er identifiziert gängige Abwehrstrategien und zeigt, dass die in den letzten vierzig Jahren entstandenen Gedenkorte Bottom up-Initiativen und damit keiner „staatlichen Orchestrierung unterworfen“ waren (162). Er stellt heraus, dass die Aufarbeitung des Völkermordes an Sinti und Roma „auf die Zukunft gerichtete Wegweiser für die Schaffung weiterer Orte“ sein muss (163).

Monika Müller führt diesen Gedanken weiter und berichtet über „Sinti und Roma im bayerischen Geschichtsunterricht“ (165). Sie belegt, dass der „Völkermord“ an ihnen im Zentrum der Lehrpläne steht und schlägt vor, weitere Perspektiven mit aufzunehmen, wie die Untersuchung der Lebenserinnerungen. So könnten Sinti und Roma als Akteure wahrgenommen und es könnte gezeigt werden, dass sich ihre Geschichte nicht auf den Völkermord beschränkt.

Die vorgestellten Beiträge sind bei aller Informationsfülle und fundierten wissenschaftlichen Bearbeitung leicht und interessant zu lesen. Der Band ist sowohl sorgsam als auch einheitlich lektoriert und mit einer konzisen Einleitung versehen. Herauszuheben ist, dass die Geschichte von Sinti in Mittel- und Westeuropa und Roma in Osteuropa jeweils in Einzelbeiträgen beschrieben werden. Das Buch bildet einen umfassenden Einstieg in die Geschichte und Erinnerungskultur der Sinti und Roma und gehört als unverzichtbare Erweiterung in jede analoge oder digitale Handbibliothek zum Thema.