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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Nicole Wagner

Karl der Große als literarische Fiktion. Die narrative Inszenierung spätmittelalterlicher Geschichtsschreibung in Ulrich Fuetrers Bayerischer Chronik

(Regensburger Studien zur Literatur und Kultur des Mittelalters 7), Berlin 2025, LIT, 386 Seiten


Rezensiert von Klaus Herbers
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 12.10.2026

In der Geschichtswissenschaft ist die Chronik Ulrich Fuetrers (gest. 1496), der um 1430 in Landshut geboren wurde, später im Umfeld des Münchener Herzogshofes als Maler belegt ist und auch als Historiograph und Literat tätig war, wohlbekannt. Seine Chronik entstand im Auftrag des bayerischen Herzogs Albrechts IV., Wittelsbacher Alleinherrscher von Bayern-München. Ulrich Fuetrer begann 1478 mit der Abfassung und schloss drei Jahre später seine Arbeit ab. Das Werk trägt den Titel „Cronick von dem herkömen des fürstentumbs der herren von Payren und von irem regiment, oder Hystory, Jesta und das erst herkumen der durchläuchtigen fürsten und herren des löblichen hawss von Bayren mit iren hystorien und getaten.“ Es ist nicht mehr und nicht weniger als eine Chronik des Landes Bayern und des bayerischen Herzogshauses von mythischen Anfängen in der Römerzeit bis zum Jahr 1479. Historiker wie Jean-Marie Moeglin (Les ancêtres du Prince. Propagande politique et naissance d’une histoire nationale en Bavière au Moyen Age, Genf 1985) haben sich diesem Werk unter anderem aus der Perspektive des dynastischen Bewusstseins und der politischen Propaganda genähert, weitere Studien haben sie in den Zusammenhang des (Früh-)Humanismus am Münchener Hof gestellt.

Diese historischen Forschungen spielen in der hier anzuzeigenden Regensburger Dissertation eher eine untergeordnete Rolle, denn Nicole Wagner geht es vor allem um die Formen narrativer Inszenierung in diesem Werk am Beispiel Karls des Großen. Der Karlsteil ist einer der ausführlichsten Abschnitte der spätmittelalterlichen Chronik, allein hinsichtlich der Länge. Weil die Narratologie bei Wagner im Vordergrund steht, treten auch Fragen zur Überlieferung eher in den Hintergrund. Im ausführlichen Einleitungsteil werden neben einigen Bemerkungen dazu (S. 31–39) weitere bayerische Landeschroniken des Spätmittelalters (S. 39-43) und Karlstraditionen in regionalen Kontexten, insbesondere die Weihenstephaner Chronik, das Zürcher Buch vom heiligen Karl oder Traditionen zu Karl und den schottischen Heiligen in Regensburg bzw. Überlieferungen zu Karl in Frankfurt (S. 43–54) kurz vorgestellt. Vor allem beschäftigen sich aber die ersten beiden Abschnitte (Ziele und Forschungsfelder/Forschungsstand) mit theoretischen Fragen germanistischer Forschung, um die Frage zu beantworten, „ob für das Land Bayern im Spätmittelalter ausgehend von Ulrich Fuetrer […] von einer narrativen Karlstradition gesprochen werden kann, wie […] diese […] umgesetzt […] und Wirkung entfalten“ kann (S. 30 f.).

Erst wenn man sich durch die ersten knapp 150 Seiten zu den neuesten Fragen und Methoden germanistischer Mediävistik durchgearbeitet hat, beginnt die Untersuchung in den Abschnitten 3 und 4 zur „Intertextualität und Intergenerik“ sowie zum „Chronikalischen Erzählen von Karl dem Großen“. Fragen, ob sich Karls „Exorbitanz“ an der Heiligkeit oder doch eher an der Erzählung verschiedener Lebensphasen (S. 189) offenbart, oder wie sehr Ulrich Fuetrer in seiner heldenepischen Erzählweise stärker an den französischen „Chansons de geste“ orientiert ist als an denen ihrer deutschen Bearbeitungen (S. 205), werden mit Hilfe der verschiedenen vorgestellten Methoden beantwortet. Natürlich stellen sich bei diesen Interpretationen an einzelnen Stellen Fragen. Manches hängt davon ab, wie beispielsweise Heiligkeit und Sakralisierung anders als vorgeschlagen ebenso definiert werden könnten. Vielleicht böten auch lateinische Karlstraditionen wie die der „Historia Turpini“ noch neue Anknüpfungspunkte. Weitere Ergebnisse, wie zur Frage des Verhältnisses von zeitlicher Ordnung der Chronik und genealogischen Verwicklungen (S. 245) sind ebenso interessant wie Ergebnisse zur fortwährenden Reaktualisierung der Figur Karls (S. 260) oder zum Problem von Räumen und Erzählung.

Als ein Fazit steht zum Schluss, dass die „Bayerische Chronik […] ein bayerisches Karlsbild […] funktionalisiert […], um die Wittelsbacher Geschichte in allen Facetten wahrhaftig zu erklären“ (S. 348). Damit erschließt die Regensburger Chronik eine weitere Facette dieser Chronik, die leider nie ausführlich in ihrer Gesamtheit vorgestellt wird. Die Wirkungsweise aus der Perspektive der Narratologie, die Wagner in den Vordergrund stellt, wird durch die fast gleichzeitig erschienene Berliner Dissertation von Antje Thumser (Die „Bayerische Chronik“ des Ulrich Fuetrer. Überlieferung - Textgenese - Produktions- und Wirkungsstrategie [Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters 154], Wiesbaden 2024), ergänzt, die sich wesentlich stärker der Überlieferung und damit auch der Wirkungsgeschichte von der Überlieferung her widmet. Zeigt Wagner eher die aktuell wirkende Funktionsweise, so erschließt Thumser zugleich die Perspektiven einer längeren Wirkung durch die Überlieferung.

Allerdings bleibt die Figur Karls des Großen, die ja im Spätmittelalter allgegenwärtig war, immer wieder ein lohnendes Forschungsobjekt und fordert auch nach der Arbeit von Nicole Wagner zu weiteren Vergleichen heraus.