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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Maria Halbritter

Besetzt. Entnazifiziert. Umerzogen? Zehn Jahre amerikanische Präsenz in Passau 1945–1955

(Veröffentlichungen des Instituts für Kulturraumforschung Ostbaierns und der Nachbarregionen der Universität Passau 76), Passau 2025, Dietmar Klinger, 240 Seiten, zahlreiche Abbildungen


Rezensiert von Reinhild Kreis
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 12.10.2026

Im Zusammenhang mit dem 80. Jahrestag des Kriegsendes 1945 wächst das Interesse an den unmittelbaren Nachkriegsjahren und der Besatzungszeit, die längere Zeit wenig Aufmerksamkeit in der Forschung erhalten haben. Auch die aktuelle politische Situation in den USA und in der Bundesrepublik mag dazu beitragen, das Beziehungsdreieck Deutschland – USA – Demokratie neu zu perspektivieren. Maria Halbritter will mit einer lokalhistorischen Studie zu dieser Neuvermessung der Jahre zwischen 1945 und 1955 beitragen. Mit Passau nimmt sie eine katholisch geprägte, mittelgroße Stadt in den Blick, die nach Kriegsende im amerikanischen Besatzungsgebiet lag, aber kein Truppenstationierungsort für US-Streitkräfte war, und die durch den beginnenden Kalten Krieg zu einem „Randgebiet“ wurde. Der Titel des Buches zeigt an, dass es für die Autorin bei Besatzung und Entnazifizierung wenig Diskussionsbedarf gibt, wohl aber bei der Umerziehung, die mit einem Fragezeichen versehen ist. Ihre Schwerpunkte liegen daher auf dem Re-Education-Programm der Besatzungsmacht in den Bereichen „Schulwesen, Jugendverbände und Kulturleben“ (S. 2).

Die Rahmenbedingungen dieser Demokratisierungspolitik werden ausführlich erläutert, sowohl die amerikanischen Absichten wie auch die Gegebenheiten vor Ort. Wie andernorts in Deutschland plagten ebenfalls die Passauerinnen und Passauer Wohnungsnot und Versorgungsfragen, Arbeitslosigkeit sowie Personalmangel auf Gebieten wie dem Schulwesen; zugleich herrschte den amerikanischen Besatzern gegenüber eine Mischung aus Interesse, Bewunderung, Misstrauen und Abwehr. Zentrale Fragen der Schulreform, aber auch der Jugendarbeit und der Kulturpolitik waren nicht Passau-spezifisch und gerade der Abwehrkampf der bayerischen Schulpolitiker rund um Alois Hundhammer betraf ganz Bayern. Solche Parallelen sind kein Einwand gegen den lokalhistorischen Blick: Sinnvoll perspektiviert, können Lokalstudien die Vielfalt und die Besonderheiten der lokalen Umstände und Akteure zeigen, die Bedingtheit von Entwicklungen und die unterschiedlich großen Handlungsspielräume je nach Ort, Handlungsfeld und Zeitraum. Im Idealfall haben lokalhistorische Studien also sehr viel mehr zu bieten als die Illustration bereits bekannter Sachverhalte.

Zum Teil kann die vorliegende Studie dieses Potenzial einlösen. Die Passauer Besonderheiten, insbesondere die Politik des katholischen Milieus, werden herausgearbeitet, ebenso die Konflikte zwischen denen, die amerikanischen Demokratisierungs- und Demokratievorstellungen offener gegenüberstanden und denjenigen, die sie als unzulässige Einmischung in lokale Angelegenheiten ansahen und den Amerikanern mangelndes Verständnis für die deutschen bzw. Passauer Verhältnisse vorwarfen. Auch Institutionen wie das Passauer Amerikahaus werden detailliert in ihrem Programm vorgestellt, ebenso etliche Personen der amerikanischen Militäradministration und die für Passau zuständigen „Kreis Resident Officers“. Die Vorteile eines lokalgeschichtlichen Zugriffs zeigen sich z.B. im detaillierten Blick für Unterschiede in den schulpolitischen Zielen, die in der Haltung der Passauer Schulen zu angestrebten Reformen wie der Schulgeld- und Lehrmittelfreiheit, der Einführung neuer Fächer wie dem Sozialkundeunterricht oder einer größeren Schülermitverwaltung sichtbar werden.

Zwei Entscheidungen der Autorin beschneiden das Erkenntnispotenzial der Arbeit an anderer Stelle jedoch. Zum einen beschränkt sich die Studie ganz auf die deutsche Seite. Amerikanische Stimmen kommen – bis auf wenige Ausnahmen – nur gefiltert durch deutsche Akteure und Akteurinnen zur Sprache, als Wiedergabe in deutschen Protokollen oder Zeitungsberichten. Wie die Amerikaner selbst die Situation in Passau (jenseits von weitgehend den Konventionen des Anlasses folgenden Reden bei Abschieden oder Feiern) einschätzten und ob es hier Unterschiede gab, bleibt weitgehend im Dunkeln. Während diese Einschränkung aus forschungspragmatischen Gründen nachvollziehbar sein mag (aber wenigstens erwähnt und stärker reflektiert werden könnte), wiegt der Umgang mit den Zeitungsberichten etwas schwerer. Für eine Studie, die sich über weite Strecken auf die Zeitungsartikel der Passauer Neuen Presse (PNP) stützt, wäre es wichtig gewesen, diese Zeitung näher vorzustellen: Wer schrieb da und aus welcher Perspektive, wie war die politische Linie der PNP einzuordnen? Denn Zeitungen waren und sind nie neutrale Beobachter, die objektive Realitäten wiedergeben – sie wählen Informationen aus, bringen sie in kausale Zusammenhänge und interpretieren sie. In Halbritters Studie erscheinen die Medien wie Akteure, die mit den geschilderten Vorgängen nichts zu tun hatten, sie übernimmt damit die Auswahl und die Deutungen der Zeitung unhinterfragt und unkommentiert. Ein zweiter Kritikpunkt bezieht sich auf die stark ereignisgeschichtliche Darstellungsweise. Es ist schade, dass die Studie das Potenzial der jüngeren Forschung gänzlich ungenutzt lässt, die Besatzungs-, Schul- und Kulturpolitik mit den Ansätzen der Lokal-, Alltags- oder Emotionsgeschichte zu erforschen. Gerade in einer durch Machtgefälle geprägten Situation, in der eine Besatzungsmacht tiefgreifende Veränderungen erreichen wollte und dabei aber auf die Offenheit der besetzten Gesellschaft angewiesen war, wäre hier in einer auch erkenntnistheoretisch stärker profilierten Fallstudie mehr zu holen gewesen.

Die Studie lässt sich gut lesen – mit Ausnahme vielleicht der irritierenden Entscheidung, verschiedene Passagen und Begriffe kursiv zu setzen, ohne dass deutlich wird, wann es sich um Zitate oder um eine Kursivierung aus anderen Gründen handelt. Wer neue Erkenntnisse über die Dynamiken der amerikanischen Präsenz in Deutschland und Bayern unter Einbeziehung neuer Forschungsansätze sucht, wird weniger finden als diejenigen, die an einzelnen Ereignissen der Passauer Lokalgeschichte dieser Jahre interessiert sind. Auf den Abbildungen und in den Schilderungen lokaler Zusammenhänge wird man vieles wiederfinden, vielleicht aber auch Neuentdeckungen machen, beispielsweise über die Wurzeln der Passauer „Europäischen Wochen“, die es bis heute gibt. Der Umerziehungsgedanke, so das Fazit, konnte erst dann richtig Fuß fassen, als er als Demokratieförderung und als Angebot, nicht als Verordnung daherkam. Die Autorin erzählt die Geschichte der amerikanischen Präsenz in Passau als eine Geschichte, in denen beide Seiten voneinander und übereinander lernten und so dem Ziel der Demokratisierung Deutschlands näherkamen. Bisherige Studien mit ähnlichen Fragestellungen und Ergebnissen galten oftmals Orten mit weitaus stärkerer und längerer US-Präsenz als in Passau – Halbritters Band eröffnet nun neue Vergleichsmöglichkeiten.