Aktuelle Rezensionen
Wolfgang Mährle (Bearb.)
Maskenball und Kanonendonner. Das Herzogtum Württemberg im Siebenjährigen Krieg
Begleitbuch und Katalog zur Ausstellung des Landesarchivs Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart (Sonderveröffentlichungen des Landesarchivs Baden-Württemberg 94), Ostfildern 2025, Thorbecke, 104 Seiten, zahlreiche Abbildungen
Rezensiert von Georg Eckert
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 12.10.2026
Wie sehr sich staatliche Archive immer mehr als Bildungsorte erachten, die ihre traditionelle Aufgabe der Aufbewahrung und Erforschung mit populärer Vermittlung zu verbinden verstehen, zeigen mittlerweile zahlreiche Periodika und Publikationsreihen an – und kleine, oftmals besonders feine Ausstellungen, mitunter mit einem ansprechenden Rahmenprogramm ausgestaltet. Mit dergleichen erfreut auch das Stuttgarter Hauptstaatsarchiv regelmäßig seine recherchierenden Besucher und etabliert sich als gut zugänglicher Ausstellungsort, der Interessierten mit einer klugen Auswahl aus den reichhaltigen Beständen und sorgfältig arrangierten Leihgaben überaus abwechslungsreiche Themen präsentiert: so anno 2025 den Siebenjährigen Krieg, gesehen aus der Perspektive des Herzogtums Württemberg.
Württemberg erlitt in diesem epochemachenden Krieg bei Leuthen sowie Fulda zwei überaus schmerzliche Niederlagen, die gleichwohl eher Niederlagen württembergischer Söldner und solche des Landesherren waren; zum Kriegsschauplatz wurde das eigene Territorium nicht. Mangels Verheerungen brannte sich diese Kriegszeit nicht ins kollektive Gedächtnis ein, wie Herausgeber und Kurator Wolfgang Mährle in seiner vielschichtigen Darlegung der Ausstellungskonzeption betont. Gleichwohl bewirkte die bislang nur selten systematisch thematisierte Einbindung Württembergs in die massiven jahrelangen Auseinandersetzungen erhebliche „Verwerfungen in vielen Lebensbereichen“ (S. 8). Der Maskenball – als Metapher für das prächtige Hofleben Carl Eugens genommen, der am Ende der Kriegszeit eine seiner zahlreichen Venedig-Reisen unternahm – verdeckte erfolgreich den Kanonendonner (S. 8). Der Titel spielt mit einer Paradoxie, die sich im Laufe der Lektüre als Folgerichtigkeit entpuppt. Beides war für die Statussteigerungsstrategie des Herzogs unverzichtbar, das Theater des Krieges wie dasjenige des Hofes: einer der wesentlichen Befunde des Bandes, der seine Thesen eher illustrativ verdeutlicht als offensiv präsentiert.
Geschildert werden sollen konzeptionsgemäß der Krieg und seine Auswirkungen, um eine „möglichst große Bandbreite“ von Kriegserfahrungen und Kriegsfolgen darzustellen (S. 8): inspiriert von der zeitgenössischen Erfahrung des Ukrainekriegs (S. 9). Den „roten Faden“ bildet dabei die „starke fürstliche Initiative in der Kriegszeit“ (S. 9f), noch genauer, die Person des Landesherrn, Herzog Carl Eugens, der nach territorialer Erweiterung und nach der Kurfürstenwürde trachtete. Dazu brauchte es Maskenball wie Kanonendonner, wie den Herrscher nicht zuletzt sein eingehender Blick auf das Exempel Friedrichs des Großen lehrte. Freilich scheiterte Carl Eugens großangelegter Versuch, „ein politisch-militärisches Erfolgsmodell zu kopieren“ (S. 14), denn seine Feldzüge resultierten in schmachvollen Niederlagen. Wiewohl keine Kampagne des Siebenjährigen Krieges durch Württemberg führte, lassen sich dennoch erhebliche Auswirkungen auf die Bevölkerung feststellen. Einerseits musste die Wirtschaft so umgebaut werden, dass sie den Rüstungsbedarf zu bedienen vermochte, andererseits griffen gerade die umfänglichen Zwangsrekrutierungen auf die Bevölkerung zu (S. 16). Daraus ergaben sich Desertionen, ihrerseits ein weiterer Faktor dessen, was die Einleitung als „Innenpolitische Polarisierung“ (S. 17) überschreibt: nämlich vermehrte Kritik an einem straffer werdenden persönlichen Regiment und der sich zuspitzende Ständekonflikt, dessen Eskalation sowohl aus dem Unwillen der Landschaft rührte, zu Kriegszwecken höhere Steuern zu bewilligen, als auch aus dem Unwillen des Herzogs, den Unwillen der Landschaft zu respektieren. Der anhaltende Krieg hatte also disruptive Konsequenzen, indes nicht nur destruktive. So war die Etablierung der Ludwigsburger Porzellanmanufaktur weder Zufall noch künstlerische Kompensation des Kriegsleides, sondern eine folgerichtige merkantilistische Reaktion auf den Niedergang der Meißener im kriegsverheerten Sachsen; es ist ein bezeichnendes Detail, dass man in Ludwigsburg sogar einen vormals Meißener Maler in Anstellung nahm (S. 18). Inwiefern Kriegführung und Kultur sich dabei nicht widersprachen, sondern einander nachgerade bedingten, macht der letzte Teil der pointierten Einführung deutlich. Die Blüte des höfischen Lebens unter Carl Eugen war ebenso einer Statuserhöhung verpflichtet wie die Kriegführung. Ebenjener Prunk, den Zeitgenossen und Nachgeborene gerne als Verschwendung denunzierten, entsprang keiner bloßen Laune des Herzogs, sondern bedeutete eine machtpolitische Strategie. Der wichtige Verweis auf diesen oft übersehenen Zusammenhang stellt ein weitaus überzeugenderes Argument dar als das hier ebenfalls skizzierte „sozialpsychologische“, dem zufolge „Schrecken des Krieges“ kulturell verarbeitet werden sollten (S. 19).
Legt die konzise, ihrerseits bereits bebilderte Einleitung schon manche Desiderate der Forschung kundig offen, so lässt der systematisch angelegte Katalogteil zahlreiche Befunde anschaulich werden – und verstärkt auf diese Weise das Plädoyer für eine umsichtige kulturhistorische Herangehensweise. Krieg wird hier keineswegs nur in seinen politischen und militärischen Bezügen abgebildet, ebensowenig lediglich aus der Sicht des Landesherren. Eine Zeittafel ermöglicht die rasche chronologische Orientierung, ehe jeweils wenige Sätze kundig die Ausstellungsstücke erläutern, die fast vollzählig wiedergegeben sind – in wohlbedacht plazierten Abbildungen, die formatbedingt allerdings mitunter etwas zu klein geraten: Mit der Expertise der jeweiligen Autoren entstammen die meisten Exponate doch den reichhaltigen Beständen des Stuttgarter Hauptstaatsarchivs selbst und belegen, wie tiefe Erkenntnis klug ausgewählte Flachware mit Faksimilecharme zu gewähren vermag.
Die Anordnung des Katalogs gibt die fünf Themenschwerpunkte der Ausstellung wieder und beginnt mit der zentralen, zudem mit zwei eigens erstellten Karten exponierten Frage: „Württemberg als Kurfürstentum?“, „Fürstliche Ambition und militärischer Misserfolg“ werden hier exponiert. Ob nun Handschrift oder Druck, Porträt oder preußische Füsiliermütze, Schlachtfeldplan oder Subsidienvertrag, Gazette oder Gefechtsbericht, Medaille oder eine (etwas anachronistische) Offizierspuppe – es entsteht hier wie in den folgenden Abschnitten ein facettenreiches Bild der Geschehnisse, Strukturen und Akteure. Am eindrucksvollsten dürfte der undatierte Stich sein, der Carl Eugen als Kriegsherren rühmen sollte (S. 24): Eine geradezu entrückte Minerva zeigt sich dem Herzog zu Diensten. Der zweite Teil der Schau handelt von der „Zeitenwende 1757?“ und widmet sich militärischen Zusammenhängen: von der Rekruten-„Werbung“ bis zu den daraus hervorgehenden Meutereien, vom Schicksal eines Deserteurs bis zum herzoglichen Liebesbrief, von zeitgenössischer Feldausrüstung bis zum Militär-Carls-Orden; vielleicht gibt die Skizze der Garnisonskirche, die in Ludwigsburg errichtet werden sollte (S. 53), den Ehrgeiz Carl Eugens am treffendsten wieder. „Umsturz der Verfassung?“ ist das dritte Kapitel überschrieben, das in seiner Anmoderation eine „Polarisierung“ (S. 59) konstatiert. Indem sich dieser Begriff auf die (nicht zuletzt medialen) Dynamiken moderner Gesellschaften bezieht, mag er dem Verständnis des unstrittig eskalierenden Konflikts zwischen Herzog und Landschaft vielleicht weniger zuträglich sein. So oder so wird er mit Quellen unterschiedlichster Gattungen nachvollziehbar. Besonders aussagekräftig wirkt die Sorgfalt, die der Landschaftskonsulent Johann Friedrich Stockmayer auf die Aufstellung seiner Reisekosten nach Potsdam im Februar des Jahres 1760 verwandte (S. 65): aus herzoglicher Sicht ein hochverräterischer Umtrieb, aus ständischer eine reguläre Dienstreise mit Ausgabenerstattung. In enger Verbindung damit steht das folgende Kapitel: „Vor dem Staatsbankrott?“. Wirtschaftliche Zusammenhänge des Krieges kann der Leser unter anderem Münzen mit vermindertem Silbergehalt, einer instruktiven Repartitionstabelle französischen Salzes, auf dessen Bezug die Württemberger verpflichtet wurden (S. 74), und Porzellan aus der neugegründeten Ludwigsburger Manufaktur absehen. „Der prächtigste Hof Europas?“ – mit dieser Interrogativpointe eröffnet der fünfte und letzte Abbildungsteil, der die Kurfürstenambitionen Carl Eugens mit Blick auf festliches Hofleben, Künste und Wissenschaften umreißt: ob nun Opernlibretto oder Beschreibung eines herzoglichen Geburtstages, Bauplan, Tischgefäße oder eine Stele (S. 86) zum Gedenken des Hofmalers Nicolas Guibal (wiewohl erst um die Jahrtausendwende errichtet), widersetzliche Schriften oder Masken der Commedia dell’Arte, die in Relation zu Carl Eugens ausgedehnten Besuch des venezianischen Karnevals anno 1762 gesetzt werden.
Mit vielartigen Schaugegenständen und ihrer souveränen Erläuterung leisten die zahlreichen Mitwirkenden eine anschauliche Einführung in die Epoche. Weniger gelehrte Leser werden die gezeigten Preziosen auf elementare Zusammenhänge aufmerksam machen; Kenner werden darin Desiderate weiterer Forschung gespiegelt sehen und von Literaturhinweisen am Ende des schmalen, doch erkenntnisreichen Bandes profitieren. Dem schön gestalteten Buch gelingt es, Eigenarten Württembergs im Siebenjährigen Krieg darzustellen – auch wenn manche gar nicht so eigenartig sein dürfen. Verweise auf ähnliche Praktiken in anderen aufstrebenden Territorien hätten allerdings den Rahmen des sehr instruktiven, überaus erschwinglichen Katalogs gesprengt. Wo er bescheiden mit Fragezeichen in Kapitelüberschriften aufwartet, darf der Leser getrost an Ausrufezeichen denken. Die anregende Auswahl der Ausstellungsgegenstände, die sich im sorgsam arrangierten Ausstellungsband wiederholt, beweist kompendiale Weitsicht. Sie formulierte nachgerade den Appell, nunmehr ein einschlägiges Handbuch zu verfassen. Dass der Gegenstand lohnt, wird hier offenkundig.